Sonntag, 22. Mai 2022

 

126. Maifestspiele Wiesbaden vom 30.04. bis zum 31.05.2022


Cosi fan tutte, komische Oper in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), Wiederaufnahme von 2015 am Staatstheater Wiesbaden, 21.05.2022


v.l.n.r.: (Julia Lezhneva als Fiordiligi), Ioan Hotea als Ferrando, (KS Thomas De Vries als Don Alonso),
Gloria Rehm als Despina, Christopher Bolduc als Guglielmo, Silvia Hauer als Dorabella,
Fotos: Karl und Monika Forster, 2015
(damals und Foto: Wolf Matthias Friedrich als Don Alonso, Heather Engebretson als Fiordiligi)
  

Unmoralisch – unglaubwürdig?

Cosi fan tutte, die verwirrende Treueprobe zweier Liebespaare mit teuflischen Hintergedanken (Librettist war der weltberühmte Lorenzo Da Ponte, 1749-1838), war von Anfang seiner Entstehung an umstritten und durchaus keine Erfolgsoper von Mozart. Die einen empfanden sie unmoralisch und menschlich verwerflich, während die anderen sie eher als dumm und unglaubwürdig abtaten. Denn wie sollte es angehen, dass die Mädchen ihre beiden Verehrer, mit denen sie seit langem täglich zusammentrafen, nicht erkennen sollten. Tatsächlich musste die Oper drei Wochen nach ihrer Premiere, 1790 im Wiener Hofburg Theater, nach mäßigem Erfolg, wegen des Todes Kaiser Josef II. (der übrigens das Libretto vorgeschlagen haben soll) abgesetzt werden und wurde dann später nahezu vergessen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie zur Publikumsoper und ist es bis heute geblieben.

 

Julia Lezhneva als Fiordiligi (Foto: Emil-Matveev)

Die unmoralische Wette

Ja es geht in dieser dunklen Komödie um eine Wette über die Treue der beiden Schwestern Fiordiligi (Julia Lezhneva, Sopran, Neubesetzung für diese Vorstellung) und Dorabella (Silvia Hauer, Mezzosopran) zu ihren Liebhabern. Letztere ist Ferrando (Ioan Hotea, Tenor), während die Erstgenannte Guglielmo (Christopher Bolduc, Bariton) versprochen ist. Beide Männer streiten hitzig über die Treue ihrer Geliebten Frauen, denen sie jegliche Fehltritte absprechen und ewige Liebe zu ihnen beteuern. Sie lassen sich auf ein Wettangebot (100 Zechinen, venezianische Goldmünzen) von Don Alfonso (KS Thomas de Vries, Bassbariton) ein, ihre Treue zu testen, um so die Wahrheit ans Licht zu bringen.

So also beginnt eine Komödie, die alsbald aber tragische Züge bekommen soll. Gemeinsam mit der despektierlichen, schelmisch aufgelegten Kammerzofe Despina (Gloria Rehm, Sopran) weissagt Don Alfonso in philosophischer Sehergabe die Untreue der Schwestern. Die beiden Freier müssten sich lediglich 24 Stunden ihren Vorgaben unterwerfen.

 

Zwischen Buffa und Sera

So werden die beiden Liebhaber angeblich in einen Krieg geschickt und müssen Abschied nehmen, erscheinen aber sehr bald als weitgereiste Geschäftsleute von Don Alfonso wieder auf der Bildfläche. In der Wiesbadener Inszenierung (Uwe Eric Laufenberg) als undurchsichtige Typen im Hip-Hopper- und Heavy-Metal-Look, schwarzen Brillen und Piratenkopftüchern. Beide machen den verlassenen Mädels den Hof und müssen natürlich abblitzen. Die bis dahin amüsante Balz steigert sich bis zum fingierten Selbstmord, der die Schwestern in tiefe Unsicherheit stürzt, vor allem weil Despina, verkleidet als Arzt, von Ihnen verlangt, Hände und Kopf der vermeintlichen Selbstmörder zu halten und ihnen zwecks ihrer Gesundung einen Kuss zu geben. Auch das geht schief. Fiordiligi und Dorabella bleiben standhaft. Noch.

 

v.l.n.r.: Gloria Rehm, Ioan Hotea, (hier Heather Engebretson), Silvia Hauer, Christopher Bolduc,
im Hintergrund: Chor des Staatstheaters Wiesbaden
(Foto: Karl und Monika Forster, 2015)

Die Wende

„Die Schlacht ist noch nicht beendet“, meint Don Alfonso. Die Verführer könnten zwar stolz auf ihre Bräute sein, aber in ihnen rührt sich auch eigener Stolz. Sind sie tatsächlich so schlechte Verführer? Auch die Schwestern fassen langsam Interesse für die beiden Männer und entscheiden sich, wie sollte es anders sein, demjenigen ihre Aufmerksamkeit zu widmen, der in Wahrheit der Geliebte der Schwester ist. Also eine echte Überkreuzgeschichte, die insofern eine tragische Note erhält, als sie, egal wie das Spiel enden wird, immer nur Verlierer zurücklässt. Bleiben die Mädchen standhaft, gewinnen die Freier zwar die Wette, aber verlieren ihre narzisstische Männlichkeit, ihre Verführungskunst ist gescheitert. Verführen sie beide Frauen, dann verlieren sie nicht nur die Wette, sondern vermutlich auch ihre Geliebten. Dieses Spiel stürzt sie also in eine ausweglose Situation. Ein Sieg wäre in jedem Fall gleichzeig auch eine Niederlage.

Tatsächlich gelingt die Verführung, die Hochzeit wird anberaumt, soll notariell beglaubigt werden (Despina und Don Alfonso treiben das teuflische Spiel bis zum bitteren Ende) und alle singen mutig mutlos: „Im Glas ertränken wir die Vergangenheit, keine Erinnerung soll zurückbleiben.“

Kein Happy End also? Don Alonso und Despina haben definitiv die Wette gewonnen. Aber sie begreifen sich nicht als Sieger.

 

Julia Lezhneva (Foto: Emil-Matveev)

Das aufklärerische Moment

Hier wechselt das Sujet Opera Buffa in ein aufklärerisches Moment. Wie schon in der Ouvertüre glänzend angedeutet – das Spiel der Wellen und des Windes in Auf und Ab gehenden Sechzehntel deuten es bereits an –, geht es um das Cosi fan tutte (übersetzt: so machen es alle).  Oder: Es geht um die Natur des Menschen, seine Unvollkommenheit, seine Zerrissenheit zwischen Wunsch und Realität, zwischen Sehnsüchten, Begierden, ja, um die tiefen Abgründe der Liebe und ihrer heftigsten widersprüchlichsten Emotionen. Es geht aber auch um gesellschaftliche Normbrüche und Fragen der Ethik und Moral in Zeiten der Revolution, der Umwertung aller Lebensbereiche. Man erinnere sich an die gerade ein Jahr vor der Opernpremiere ausgebrochene Französische Revolution und ihre Bedeutung für Gesamt-Europa.

 

Das Mephistophelische

Despina, ein Ausbund der emanzipierten Frau ihrer Zeit, singt zu Beginn des zweiten Aktes: „Schon mit 15 sollte eine Frau wissen, wie man einen Mann verliebt macht“ und erlaubt den unsicheren Schwestern, vom verbotenen Apfel zu essen (die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis). Wie schwer es den Schwestern fällt, ihre vermeintlich neuen Liebhaber zu heiraten, zieht sich wie ein roter Faden nahezu durch das gesamte Drama dieser Komödie. Nicht immer komisch, aber oft, wie mitten aus dem Leben gegriffen und noch heute aktuell. Don Alfonso und Despina erinnern in diesem Dilemma ein wenig an den windigen und hintergründigen Mephistopheles aus Goethes Faust, dessen Kraft darin besteht, das Böse zu wünschen, aber das Gute letztendlich doch zu schaffen.

 

Silvia Hauer, Christopher Bolduc
(Foto: Karl und Monika Forster)

Nehmt euch wie ihr seid

Don Alfonso rügt die beiden Freier ob ihrer Enttäuschung. Was nutzt ihnen die Verführung? „Wollt ihr Junggesellen bleiben“, fragt er sie? „Liebt eure gefallenen Engel und nehmt sie, wie sie sind!“ rät er ihnen und ergänzt: „ Euer aller Verhalten ist nur ein natürlicher Reflex.“ Cosi fan tutte halteben. Zwar haben er und Despina die Wette gewonnen, menschlich allzu menschlich, aber auch die Liebe ist Sieger. Denn die Erkenntnis ist so simpel wie wahr: Die Natur des Menschen ist unergründlich. Die Liebe, frei nach Charles Baudelaire, schwankt zwischen Hingabe und Empfangen, zwischen Lust und Stolz, Wollust und Erniedrigung. Oder einfacher ausgedrückt: Wenn die einen weinen, ist es für die anderen zum Lachen. Es bleibt nur, gelassen und erhaben die Dinge des Lebens wie die der Liebe zu meistern. Prosit!

 

Ein grandioses Schauspiel mit strahlender Musik

Sechs wunderbare Sängerinnen und Sänger boten dem leider nur mäßig besuchten Saal des Großen Hauses, ein grandioses Schauspiel mit wunderbaren Liebesszenen, perfekt gesungenen Arien und glanzvollen Bildern wie einfallsreichen Kostümen (Matthias Schaller, Antje Sternberg). Eric Uwe Laufenbergs (Inszenierung) wirkstarke Einfälle, wie das Theater im Theater (Das Publikum auf der Bühne und die Bühne zweigeteilt bis weit in den Saal) oder der Chor (Albert Horne), in das Publikum gemischt, mit Nationalfähnchen schwingend (beabsichtigter Sinn: die Thematik ist zeit- und grenzenlos, das Publikum auf der Bühne machte eifrig mit), sind sowohl kreativ als auch topaktuell.

Konrad Junghänel (Musikalische Leitung) und sein etwa 30 Personen starkes Orchester offerierten überdies höchsten Hörgenuss. Mozarts strahlende Musik: ein ununterbrochenes Schwelgen der Liebesarien, der heiteren Rezitative und der komödienhaften Stimmungen, war unter seinem Dirigat bestens aufgehoben. Dazu die einfühlsame Begleitung der sechs Paraderollen von außerordentlicher Stimmkultur und schauspielerischer Präsenz – Das war zusammengenommen ein Grammy Award wert.  

 

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