126.
Maifestspiele Wiesbaden vom 30.04. bis zum 31.05.2022
Cosi fan tutte, komische Oper in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), Wiederaufnahme von 2015 am Staatstheater Wiesbaden, 21.05.2022
Unmoralisch – unglaubwürdig?
Cosi fan
tutte, die
verwirrende Treueprobe zweier Liebespaare mit teuflischen Hintergedanken
(Librettist war der weltberühmte Lorenzo Da Ponte, 1749-1838), war von Anfang
seiner Entstehung an umstritten und durchaus keine Erfolgsoper von Mozart. Die
einen empfanden sie unmoralisch und menschlich verwerflich, während die anderen
sie eher als dumm und unglaubwürdig abtaten. Denn wie sollte es angehen, dass
die Mädchen ihre beiden Verehrer, mit denen sie seit langem täglich
zusammentrafen, nicht erkennen sollten. Tatsächlich musste die Oper drei Wochen
nach ihrer Premiere, 1790 im Wiener Hofburg Theater, nach mäßigem Erfolg, wegen
des Todes Kaiser Josef II. (der übrigens das Libretto vorgeschlagen haben soll)
abgesetzt werden und wurde dann später nahezu vergessen. Erst nach dem Zweiten
Weltkrieg wurde sie zur Publikumsoper und ist es bis heute geblieben.
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| Julia Lezhneva als Fiordiligi (Foto: Emil-Matveev) |
Die unmoralische Wette
Ja es geht
in dieser dunklen Komödie um eine Wette über die Treue der beiden Schwestern
Fiordiligi (Julia Lezhneva, Sopran, Neubesetzung für diese Vorstellung) und Dorabella (Silvia Hauer,
Mezzosopran) zu ihren Liebhabern. Letztere ist Ferrando (Ioan Hotea,
Tenor), während die Erstgenannte Guglielmo (Christopher Bolduc, Bariton)
versprochen ist. Beide Männer streiten hitzig über die Treue ihrer Geliebten Frauen,
denen sie jegliche Fehltritte absprechen und ewige Liebe zu ihnen beteuern. Sie
lassen sich auf ein Wettangebot (100 Zechinen, venezianische Goldmünzen) von Don
Alfonso (KS Thomas de Vries, Bassbariton) ein, ihre Treue zu testen, um so
die Wahrheit ans Licht zu bringen.
So also
beginnt eine Komödie, die alsbald aber tragische Züge bekommen soll. Gemeinsam
mit der despektierlichen, schelmisch aufgelegten Kammerzofe Despina (Gloria
Rehm, Sopran) weissagt Don Alfonso in philosophischer Sehergabe die Untreue
der Schwestern. Die beiden Freier müssten sich lediglich 24 Stunden ihren Vorgaben
unterwerfen.
Zwischen
Buffa und Sera
So werden
die beiden Liebhaber angeblich in einen Krieg geschickt und müssen Abschied
nehmen, erscheinen aber sehr bald als weitgereiste Geschäftsleute von Don
Alfonso wieder auf der Bildfläche. In
der Wiesbadener Inszenierung (Uwe Eric Laufenberg) als undurchsichtige Typen im Hip-Hopper- und Heavy-Metal-Look, schwarzen Brillen und Piratenkopftüchern. Beide machen den
verlassenen Mädels den Hof und müssen natürlich abblitzen. Die bis dahin
amüsante Balz steigert sich bis zum fingierten Selbstmord, der die Schwestern
in tiefe Unsicherheit stürzt, vor allem weil Despina, verkleidet als Arzt, von
Ihnen verlangt, Hände und Kopf der vermeintlichen Selbstmörder zu halten und
ihnen zwecks ihrer Gesundung einen Kuss zu geben. Auch das geht schief. Fiordiligi
und Dorabella bleiben standhaft. Noch.
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| v.l.n.r.: Gloria Rehm, Ioan Hotea, (hier Heather Engebretson), Silvia Hauer, Christopher Bolduc, im Hintergrund: Chor des Staatstheaters Wiesbaden (Foto: Karl und Monika Forster, 2015) |
Die Wende
„Die
Schlacht ist noch nicht beendet“, meint Don Alfonso. Die Verführer könnten zwar
stolz auf ihre Bräute sein, aber in ihnen rührt sich auch eigener Stolz. Sind
sie tatsächlich so schlechte Verführer? Auch die Schwestern fassen langsam
Interesse für die beiden Männer und entscheiden sich, wie sollte es anders sein,
demjenigen ihre Aufmerksamkeit zu widmen, der in Wahrheit der Geliebte der
Schwester ist. Also eine echte Überkreuzgeschichte, die insofern eine tragische
Note erhält, als sie, egal wie das Spiel enden wird, immer nur
Verlierer zurücklässt. Bleiben die Mädchen standhaft, gewinnen die Freier zwar
die Wette, aber verlieren ihre narzisstische Männlichkeit, ihre Verführungskunst ist
gescheitert. Verführen sie beide Frauen, dann verlieren sie nicht nur die
Wette, sondern vermutlich auch ihre Geliebten. Dieses Spiel stürzt sie also in
eine ausweglose Situation. Ein Sieg wäre in jedem Fall gleichzeig auch eine
Niederlage.
Tatsächlich
gelingt die Verführung, die Hochzeit wird anberaumt, soll notariell beglaubigt
werden (Despina und Don Alfonso treiben das teuflische Spiel bis zum bitteren
Ende) und alle singen mutig mutlos: „Im Glas ertränken wir die Vergangenheit, keine
Erinnerung soll zurückbleiben.“
Kein Happy
End also? Don Alonso und Despina haben definitiv die Wette gewonnen. Aber sie
begreifen sich nicht als Sieger.
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| Julia Lezhneva (Foto: Emil-Matveev) |
Das
aufklärerische Moment
Hier
wechselt das Sujet Opera Buffa in ein aufklärerisches Moment. Wie schon in der
Ouvertüre glänzend angedeutet – das Spiel der Wellen und des Windes in Auf und Ab
gehenden Sechzehntel deuten es bereits an –, geht es um das Cosi fan tutte
(übersetzt: so machen es alle). Oder: Es
geht um die Natur des Menschen, seine Unvollkommenheit, seine Zerrissenheit
zwischen Wunsch und Realität, zwischen Sehnsüchten, Begierden, ja, um die tiefen
Abgründe der Liebe und ihrer heftigsten widersprüchlichsten Emotionen. Es geht
aber auch um gesellschaftliche Normbrüche und Fragen der Ethik und Moral in
Zeiten der Revolution, der Umwertung aller Lebensbereiche. Man erinnere sich an
die gerade ein Jahr vor der Opernpremiere ausgebrochene Französische Revolution
und ihre Bedeutung für Gesamt-Europa.
Das Mephistophelische
Despina, ein
Ausbund der emanzipierten Frau ihrer Zeit, singt zu Beginn des zweiten Aktes: „Schon
mit 15 sollte eine Frau wissen, wie man einen Mann verliebt macht“ und erlaubt
den unsicheren Schwestern, vom verbotenen Apfel zu essen (die verbotene Frucht
vom Baum der Erkenntnis). Wie schwer es den Schwestern fällt, ihre vermeintlich
neuen Liebhaber zu heiraten, zieht sich wie ein roter Faden nahezu durch das
gesamte Drama dieser Komödie. Nicht immer komisch, aber oft, wie mitten aus dem
Leben gegriffen und noch heute aktuell. Don Alfonso und Despina erinnern in diesem Dilemma ein
wenig an den windigen und hintergründigen Mephistopheles aus Goethes Faust,
dessen Kraft darin besteht, das Böse zu wünschen, aber das Gute letztendlich
doch zu schaffen.
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| Silvia Hauer, Christopher Bolduc (Foto: Karl und Monika Forster) |
Nehmt
euch wie ihr seid
Don Alfonso
rügt die beiden Freier ob ihrer Enttäuschung. Was nutzt ihnen die Verführung? „Wollt
ihr Junggesellen bleiben“, fragt er sie? „Liebt eure gefallenen Engel und nehmt
sie, wie sie sind!“ rät er ihnen und ergänzt: „ Euer aller Verhalten ist
nur ein natürlicher Reflex.“ Cosi fan tutte halteben. Zwar haben er und
Despina die Wette gewonnen, menschlich allzu menschlich, aber auch die Liebe
ist Sieger. Denn die Erkenntnis ist so simpel wie wahr: Die Natur des
Menschen ist unergründlich. Die Liebe, frei nach Charles Baudelaire, schwankt
zwischen Hingabe und Empfangen, zwischen Lust und Stolz, Wollust und Erniedrigung.
Oder einfacher ausgedrückt: Wenn die einen weinen, ist es für die anderen zum Lachen.
Es bleibt nur, gelassen und erhaben die Dinge des Lebens wie die der Liebe zu
meistern. Prosit!
Ein
grandioses Schauspiel mit strahlender Musik
Sechs
wunderbare Sängerinnen und Sänger boten dem leider nur mäßig besuchten Saal des
Großen Hauses, ein grandioses Schauspiel mit wunderbaren Liebesszenen, perfekt
gesungenen Arien und glanzvollen Bildern wie einfallsreichen Kostümen (Matthias
Schaller, Antje Sternberg). Eric Uwe Laufenbergs
(Inszenierung) wirkstarke Einfälle, wie das Theater im Theater (Das Publikum
auf der Bühne und die Bühne zweigeteilt bis weit in den Saal) oder der Chor (Albert
Horne), in das Publikum gemischt, mit Nationalfähnchen schwingend (beabsichtigter
Sinn: die Thematik ist zeit- und grenzenlos, das Publikum auf der Bühne machte eifrig mit), sind sowohl kreativ als auch topaktuell.
Konrad
Junghänel
(Musikalische Leitung) und sein etwa 30 Personen starkes Orchester offerierten
überdies höchsten Hörgenuss. Mozarts strahlende Musik: ein ununterbrochenes
Schwelgen der Liebesarien, der heiteren Rezitative und der komödienhaften Stimmungen,
war unter seinem Dirigat bestens aufgehoben. Dazu die einfühlsame Begleitung
der sechs Paraderollen von außerordentlicher Stimmkultur und schauspielerischer
Präsenz – Das war zusammengenommen ein Grammy Award wert.





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