A Midsummer
Night´s Dream (1960), Oper in drei
Akten nach William Shakespeare, bearbeitet von Benjamin Britten und Peter
Pears, Premiere am 11.05. im Bockenheimer Depot Frankfurt, hier: zweite
Aufführung, 13.05.2022
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| vorne v.l.n.r.: Cameron Shahbazi (Oberon), Edelknabe, Kateryna Kasper (Tytania), Hintergrund: Kinderchor der Oper Frankfurt (Foto: Monika Rittershaus) |
Menschliches
Übermenschliches
Ein geniales Meisterwerk
Shakespeares, in der ebenso genialen Textfassung von Peter Pears (1910-1986) und der musikalischen Interpretation von Benjamin Britten (1913-1976) wird dem Publikum mit dem
Sommernachtstraum geboten. Menschliches und Übermenschliches. Dreierlei Welten
stoßen da aufeinander: die der Elfen, der jungen Liebespaare und die der einfachen Handwerker. Nicht zu vergessen auch die Welt des griechischen Fürsten Theseus
und seiner Gemahlin in spe, Hippolyta, im dritten Akt. Aber dazu später.
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| v. l.: Cameron Shahbazi und Frank Albrecht (Puck), Foto: Monika Rittershaus |
Ein
komödiantisches Melodram
Ein Verwirrspiel
der Extraklasse, voller Zauber, Geheimnisse, Streitereien und Macht-Spielchen,
gemischt mit Bosheiten, herrlichen Liebesbeteuerungen und spukvollen
Verwandlungen. Das Stück spielt in einer einzigen Sommernacht, in einem Wald in
der Nähe von Athen (oder sonst wo), und lässt die unterschiedlichsten Emotionen
und Interessen von Menschen und Kobolden aufeinanderprallen. Da sind zunächst
die Elfen (13 an der Zahl) mit ihrem Geisterkönig Oberon (Cameron Shahbazi,
Counter) und seiner Gattin Tytania (Kateryna Kasper, Sopran). Sie
streiten um einen Edelknaben, hier indischer Herkunft. Ein Streit, aus dem
Tytania als Siegerin hervorgeht. Oberon sinnt auf Rache. Er beauftragt Puck (Frank
Albrecht, Sprechstimme), seinen Diener, ein Zauberkraut zu beschaffen,
dessen Saft, in das Auge eines schlafenden Wesens geträufelt, dieses in das
erste Geschöpf - ob Schlange, stacheliger Igel, Molch oder Blindschleiche, oder… - verliebt macht, welchem es nach seinem Erwachen begegnet. Womit das
komödiantische Melodram seinen Lauf nimmt.
Zwischenzeitlich
tauchen vier Menschen aus Athen auf. Helena (Monika Buczkowska, Sopran),
Demetrius (Danylo Matviienko, Bariton), Hermia (Tamar Gura,
Mezzosopran) und Lysander (Michael Porter, Tenor). Sie sind sich ihrer
Liebe zu ihren Partnern nicht sicher und streiten heftig miteinander. Helena
stellt Demetrius nach, der aber ist eher an Hermia interessiert. Hermia
wiederum zieht lieber Lysander vor.
Darauf betreten
sechs brave Handwerker (Bottom, Barnaby Rea; Quince, Magnús Baldvinsson; Flute, Brian Michael Moore; Snug, Gabriel Rollinson; Snout, Theo
Lebow; Starveling, Jonathan Macker) aus der Stadt die Waldbühne. Sie
wollen zur Hochzeitsfeierlichkeit ihres Königs Theseus (Thomas Faulkner,
Bass) mit der Amazonenkönigin Hippolyta (Zanda Švéde, Mezzosopran) ein Theaterstück
Pyramus und Thisbe (eine tragische Liebesgeschichte aus der Feder Ovids) einstudieren, haben aber keine Ahnung von Nichts,
womit dieser Versuch schließlich in einer zwerchfellerschütternden Parodie
enden muss.
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| v.l.n.r.: Tamara Gura (Hermia), Monika Buczkowska (Helena), Michael Porter (Lysander), Danylo Matviienko (Demetrius), Foto: Monika Rittershaus |
Ein fatales Verwechslungsspiel
Puck, ein
Wirrkopf mit Charme und Witz, verwechselt natürlich die Protagonisten seiner
Zauberei und schafft dadurch nicht nur heilloses Durcheinander, sondern auch
emotionsgeladene Szenen voller Liebe, Drama und Wahnsinn. Nicht allein, dass
sich die Paare endgültig zu trennen scheinen, auch den wichtigsten
Rollendarsteller des Pyramus, der Handwerker Bottom, verwandelt er in ein
„Arschgesicht“ (statt eines Esels wie üblich; eine Anspielung auf wen oder was wohl?), in das sich ausgerechnet Tytania abgöttisch verliebt.
Der Wald
verwandelt sich in ein Irrenhaus. Oberon erkennt noch vor Ende der Sommernacht
die ungeheure Gefahr und schafft Abhilfe, indem er alle Paare, vom Albtraum
erwacht, zusammenführt, Blossoms „Arschgesicht“ entfernt und seine Liebe zu Titania erklärt. Sie schickt den Edelknaben daraufhin in die
Menschenwelt zurück.
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| v.l.n.r.: Barnaby Rea (Bottom), Theo Lebow (Snout), Brian Michael Moore (Flute), im Hintergrund: Magnús Baldvinsson (Quince), Foto: Monika Rittershaus |
Der Ausstieg
aus den Traumwirrungen
Alles Gut, möchte
man meinen. Nur beinahe. Denn das Finale ist urkomisch. Theseus, Hippolyta, die
Liebespaare und die Feen erleben das Drama von Pyramus und Thisbe in
bestem Dilettantismus der sechs Handwerker. Jede Rolle der höchst traurigen "Komödie" ein Lacher und in seiner gewollten Ungelenkheit ein perfekter Ausstieg
aus den Traumwirrungen. Es heißt, Britten habe hier Bezug zur romantischen Oper
und speziell zu Donizettis Lucia di Lammermoor genommen. Mag sein.
Jedenfalls wird der italienische Belcanto tüchtig auf die Schippe genommen,
deftig und geistreich. Ein Schluss für Geist und Seele nach dem Motto: Es wird
nichts im Leben so heiß gegessen wie es gekocht wird.
Bitte keine
Übertreibungen
Brigitte
Fassbaender
(Inszenierung), hat den Sommernachtstraum eigenen Aussagen zufolge, bereits vor
20 Jahren schon einmal in Szene gesetzt. Ihre Grundhaltung dazu habe sich bis
heute nicht geändert. Sie spricht dennoch von Seuchen und Krieg, die uns heute
beschäftigen und stellt gleichzeitig die Oper in diese Schiene: Ehekrieg,
Liebeskrieg, Ehrgeiz, Rache, Klimawandel, Machtkampf, Leid, Hilflosigkeit und
Eifersucht. Es fehlte nur noch Corona. Wenn das mal nicht heillos übertrieben
ist und das Werk nicht nur überschätzt, sondern ihm noch eine viel zu ernste
Note verteilt. Das Publikum lachte herzlich, auch in den Nightmare-Szenen, was
der Oper durchaus gerecht wird. Von Trauer, Wehklagen und Weltuntergang keine Rede.
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| Brian Michael Moore (Flute), Barnaby Rea (Bottom) Foto: Monika Rittershaus |
Allein die
Musik ist die Oper
Geoffrey
Paterson (musikalische
Leitung) verstand es, sein 30-köpfiges Ensemble mit Bravour durch das
emotionsgeladene von heftigen Kontrasten begleitete Werk zu steuern. Benjamin
Brittens Stärke ist es, die Moderne in seine Komposition zu integrieren (so
sind durchaus zwölftönige Elemente herauszuhören) und dennoch gefällige und
verständliche Musik zu schreiben. Hier sind es vor allem die Personen und ihre
gesellschaftlichen wie märchenhaften Rollen, die sie spielen. So werden die
sechs groben, ungehobelten Handwerker durch Kakophonie und vor allem Blechen,
Perkussion und deftigen Rhythmen begleitet. Die Liebespaare durch Geigenklänge
und melodische Phrasen. Dagegen die Feenwelt von Oberon und Tytania mit heller
flirrender, zirpender und irrlichternder Untermalung von Celesta, Glocken,
Harfen und Cembalo. Auch der finstere Wald, der undurchdringliche,
geisterhafte, unheimliche, hat seine Leitmotivik. Glissandi auf- und
abwärts durch alle Tonarten. Immer wieder in den Zwischenspielen neu aufgefrischt
und aufgehübscht. Patersons Dirigat handelte dies unaufgeregt und durchstrukturiert, was
dem mitunter heillosen Durcheinander auf der Bühne immer wieder Halt gab. Bei
bestens aufgelegten Musikern und Musikerinnen, wobei niemand hervorgehoben
werden muss, konnte das nur gut gehen. Allein die Musik ist die Oper wert.
Christoph
Fischer (Bühnenbild) und Anna-Sophie
Lienbacher (Kostüme) Jan Hartmann (Licht) zeigten viel Kreativität
und Einfallsreichtum. Die rollenden Waldkästen, in Rot-Weiß gehalten, mit
Baumstämmen und Wurzeln statt blühenden Bäumen, sollten wohl das Dilemma des
Waldsterbens symbolisieren. Man brauchte es aber nicht, da im Traum jede Farbe
und jedes Bild möglich ist. Eine Traumlandschaft also. Ähnlich die Kostüme der
Feen, in Rot-Weiß gestreift. Wunderbar anzusehen. Dagegen die Menschenkinder
und Handwerker in normalem Outfit, einfach, aber zum Thema passend. Die
Schlussszene mit Theater und Bergamasque-Tanz dagegen schrill und an das antik-griechischen
Genre angelehnt.
Die Feenkinder
bestehend aus dem Kinderchor der Oper Frankfurt, alles Mädchen, zeigten bereits
ein erstaunliches schauspielerisches Talent (darunter Lara Stolze als
Cobweb, Selma Ramonat als Peaseblossom, Nina Dofel als
Mustardseed und Emma Ruhe als Moth) und führten mit ihren sehr hellen
Stimmen bestens durch die Traum- wie Albtraumwelt.
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| Ensemble, rechts außen: Zanda Švéde (Hippolyta), in der Mitte mit schwarzem Anzug: Thomas Faulkner (Theseus) Foto: Monika Rittershaus |
Absolut
sehenswert – aber: Warum diese political correctness?
Eine absolute
sehenswerte Inszenierung mit außergewöhnlich guten Sängerinnen und Sängern, die
dazu noch großartig ihre Rollen beherrschten. Warum aber neigt der Kunstbetrieb
zurzeit zur absoluten political correctness, zu dem gedankenlosen Bekenntnis
zum Obrigkeitsstaat? Warum beispielsweise die Ukraine-Fähnchen auf der Brust
eines jeden Akteurs beim abschließenden Vorhang? Cui Bono? Dem Werk Brittens
wird das ebenso wenig gerecht – ja es wird dadurch sogar verfälscht – wie es
auch der Kunst nur einen Bärendienst erweisen kann. Kunst, will sie ihrer
Autonomie gerecht werden, hat die verdammte Pflicht, auch hinter die Kulissen
zu schauen. Stichwort: Audiatur et altera pars. Das Anbändeln an das Mainstream hat ihr noch nie gutgetan.






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