Sonntag, 15. Mai 2022

 

A Midsummer Night´s Dream (1960), Oper in drei Akten nach William Shakespeare, bearbeitet von Benjamin Britten und Peter Pears, Premiere am 11.05. im Bockenheimer Depot Frankfurt, hier: zweite Aufführung, 13.05.2022

 

vorne v.l.n.r.: Cameron Shahbazi (Oberon), Edelknabe, Kateryna Kasper (Tytania), Hintergrund:
Kinderchor der Oper Frankfurt (Foto: Monika Rittershaus)

Menschliches Übermenschliches

Ein geniales Meisterwerk Shakespeares, in der ebenso genialen Textfassung von Peter Pears (1910-1986) und der musikalischen Interpretation von Benjamin Britten (1913-1976) wird dem Publikum mit dem Sommernachtstraum geboten. Menschliches und Übermenschliches. Dreierlei Welten stoßen da aufeinander: die der Elfen, der jungen Liebespaare und die der einfachen Handwerker. Nicht zu vergessen auch die Welt des griechischen Fürsten Theseus und seiner Gemahlin in spe, Hippolyta, im dritten Akt. Aber dazu später.

v. l.: Cameron Shahbazi und Frank Albrecht (Puck), 
Foto: Monika Rittershaus

Ein komödiantisches Melodram

Ein Verwirrspiel der Extraklasse, voller Zauber, Geheimnisse, Streitereien und Macht-Spielchen, gemischt mit Bosheiten, herrlichen Liebesbeteuerungen und spukvollen Verwandlungen. Das Stück spielt in einer einzigen Sommernacht, in einem Wald in der Nähe von Athen (oder sonst wo), und lässt die unterschiedlichsten Emotionen und Interessen von Menschen und Kobolden aufeinanderprallen. Da sind zunächst die Elfen (13 an der Zahl) mit ihrem Geisterkönig Oberon (Cameron Shahbazi, Counter) und seiner Gattin Tytania (Kateryna Kasper, Sopran). Sie streiten um einen Edelknaben, hier indischer Herkunft. Ein Streit, aus dem Tytania als Siegerin hervorgeht. Oberon sinnt auf Rache. Er beauftragt Puck (Frank Albrecht, Sprechstimme), seinen Diener, ein Zauberkraut zu beschaffen, dessen Saft, in das Auge eines schlafenden Wesens geträufelt, dieses in das erste Geschöpf - ob Schlange, stacheliger Igel, Molch oder Blindschleiche, oder… - verliebt macht, welchem es nach seinem Erwachen begegnet. Womit das komödiantische Melodram seinen Lauf nimmt.

Zwischenzeitlich tauchen vier Menschen aus Athen auf. Helena (Monika Buczkowska, Sopran), Demetrius (Danylo Matviienko, Bariton), Hermia (Tamar Gura, Mezzosopran) und Lysander (Michael Porter, Tenor). Sie sind sich ihrer Liebe zu ihren Partnern nicht sicher und streiten heftig miteinander. Helena stellt Demetrius nach, der aber ist eher an Hermia interessiert. Hermia wiederum zieht lieber Lysander vor.

Darauf betreten sechs brave Handwerker (Bottom, Barnaby Rea; Quince, Magnús Baldvinsson; Flute, Brian Michael Moore; Snug, Gabriel Rollinson; Snout, Theo Lebow; Starveling, Jonathan Macker) aus der Stadt die Waldbühne. Sie wollen zur Hochzeitsfeierlichkeit ihres Königs Theseus (Thomas Faulkner, Bass) mit der Amazonenkönigin Hippolyta (Zanda Švéde, Mezzosopran) ein Theaterstück Pyramus und Thisbe (eine tragische Liebesgeschichte aus der Feder Ovids) einstudieren, haben aber keine Ahnung von Nichts, womit dieser Versuch schließlich in einer zwerchfellerschütternden Parodie enden muss.

 

v.l.n.r.: Tamara Gura (Hermia), Monika Buczkowska (Helena), Michael Porter (Lysander), Danylo
Matviienko
(Demetrius), Foto: Monika Rittershaus

Ein fatales Verwechslungsspiel

Puck, ein Wirrkopf mit Charme und Witz, verwechselt natürlich die Protagonisten seiner Zauberei und schafft dadurch nicht nur heilloses Durcheinander, sondern auch emotionsgeladene Szenen voller Liebe, Drama und Wahnsinn. Nicht allein, dass sich die Paare endgültig zu trennen scheinen, auch den wichtigsten Rollendarsteller des Pyramus, der Handwerker Bottom, verwandelt er in ein „Arschgesicht“ (statt eines Esels wie üblich; eine Anspielung auf wen oder was wohl?), in das sich ausgerechnet Tytania abgöttisch verliebt.

Der Wald verwandelt sich in ein Irrenhaus. Oberon erkennt noch vor Ende der Sommernacht die ungeheure Gefahr und schafft Abhilfe, indem er alle Paare, vom Albtraum erwacht, zusammenführt, Blossoms „Arschgesicht“ entfernt und seine Liebe zu Titania erklärt. Sie schickt den Edelknaben daraufhin in die Menschenwelt zurück.

 

v.l.n.r.: Barnaby Rea (Bottom), Theo Lebow (Snout), Brian Michael Moore (Flute),
im Hintergrund: Magnús Baldvinsson (Quince), Foto: Monika Rittershaus


Der Ausstieg aus den Traumwirrungen

Alles Gut, möchte man meinen. Nur beinahe. Denn das Finale ist urkomisch. Theseus, Hippolyta, die Liebespaare und die Feen erleben das Drama von Pyramus und Thisbe in bestem Dilettantismus der sechs Handwerker. Jede Rolle der höchst traurigen "Komödie" ein Lacher und in seiner gewollten Ungelenkheit ein perfekter Ausstieg aus den Traumwirrungen. Es heißt, Britten habe hier Bezug zur romantischen Oper und speziell zu Donizettis Lucia di Lammermoor genommen. Mag sein. Jedenfalls wird der italienische Belcanto tüchtig auf die Schippe genommen, deftig und geistreich. Ein Schluss für Geist und Seele nach dem Motto: Es wird nichts im Leben so heiß gegessen wie es gekocht wird.

 

Bitte keine Übertreibungen

Brigitte Fassbaender (Inszenierung), hat den Sommernachtstraum eigenen Aussagen zufolge, bereits vor 20 Jahren schon einmal in Szene gesetzt. Ihre Grundhaltung dazu habe sich bis heute nicht geändert. Sie spricht dennoch von Seuchen und Krieg, die uns heute beschäftigen und stellt gleichzeitig die Oper in diese Schiene: Ehekrieg, Liebeskrieg, Ehrgeiz, Rache, Klimawandel, Machtkampf, Leid, Hilflosigkeit und Eifersucht. Es fehlte nur noch Corona. Wenn das mal nicht heillos übertrieben ist und das Werk nicht nur überschätzt, sondern ihm noch eine viel zu ernste Note verteilt. Das Publikum lachte herzlich, auch in den Nightmare-Szenen, was der Oper durchaus gerecht wird. Von Trauer, Wehklagen und Weltuntergang keine Rede.

 

Brian Michael Moore (Flute), Barnaby Rea (Bottom) Foto: Monika Rittershaus

Allein die Musik ist die Oper

Geoffrey Paterson (musikalische Leitung) verstand es, sein 30-köpfiges Ensemble mit Bravour durch das emotionsgeladene von heftigen Kontrasten begleitete Werk zu steuern. Benjamin Brittens Stärke ist es, die Moderne in seine Komposition zu integrieren (so sind durchaus zwölftönige Elemente herauszuhören) und dennoch gefällige und verständliche Musik zu schreiben. Hier sind es vor allem die Personen und ihre gesellschaftlichen wie märchenhaften Rollen, die sie spielen. So werden die sechs groben, ungehobelten Handwerker durch Kakophonie und vor allem Blechen, Perkussion und deftigen Rhythmen begleitet. Die Liebespaare durch Geigenklänge und melodische Phrasen. Dagegen die Feenwelt von Oberon und Tytania mit heller flirrender, zirpender und irrlichternder Untermalung von Celesta, Glocken, Harfen und Cembalo. Auch der finstere Wald, der undurchdringliche, geisterhafte, unheimliche, hat seine Leitmotivik. Glissandi auf- und abwärts durch alle Tonarten. Immer wieder in den Zwischenspielen neu aufgefrischt und aufgehübscht. Patersons Dirigat handelte dies unaufgeregt und durchstrukturiert, was dem mitunter heillosen Durcheinander auf der Bühne immer wieder Halt gab. Bei bestens aufgelegten Musikern und Musikerinnen, wobei niemand hervorgehoben werden muss, konnte das nur gut gehen. Allein die Musik ist die Oper wert.

Christoph Fischer (Bühnenbild) und Anna-Sophie Lienbacher (Kostüme) Jan Hartmann (Licht) zeigten viel Kreativität und Einfallsreichtum. Die rollenden Waldkästen, in Rot-Weiß gehalten, mit Baumstämmen und Wurzeln statt blühenden Bäumen, sollten wohl das Dilemma des Waldsterbens symbolisieren. Man brauchte es aber nicht, da im Traum jede Farbe und jedes Bild möglich ist. Eine Traumlandschaft also. Ähnlich die Kostüme der Feen, in Rot-Weiß gestreift. Wunderbar anzusehen. Dagegen die Menschenkinder und Handwerker in normalem Outfit, einfach, aber zum Thema passend. Die Schlussszene mit Theater und Bergamasque-Tanz dagegen schrill und an das antik-griechischen Genre angelehnt.

Die Feenkinder bestehend aus dem Kinderchor der Oper Frankfurt, alles Mädchen, zeigten bereits ein erstaunliches schauspielerisches Talent (darunter Lara Stolze als Cobweb, Selma Ramonat als Peaseblossom, Nina Dofel als Mustardseed und Emma Ruhe als Moth) und führten mit ihren sehr hellen Stimmen bestens durch die Traum- wie Albtraumwelt.

Ensemble, rechts außen: Zanda Švéde (Hippolyta), in der Mitte mit schwarzem Anzug: Thomas Faulkner (Theseus)
Foto: Monika Rittershaus


Absolut sehenswert – aber: Warum diese political correctness?

Eine absolute sehenswerte Inszenierung mit außergewöhnlich guten Sängerinnen und Sängern, die dazu noch großartig ihre Rollen beherrschten. Warum aber neigt der Kunstbetrieb zurzeit zur absoluten political correctness, zu dem gedankenlosen Bekenntnis zum Obrigkeitsstaat? Warum beispielsweise die Ukraine-Fähnchen auf der Brust eines jeden Akteurs beim abschließenden Vorhang? Cui Bono? Dem Werk Brittens wird das ebenso wenig gerecht – ja es wird dadurch sogar verfälscht – wie es auch der Kunst nur einen Bärendienst erweisen kann. Kunst, will sie ihrer Autonomie gerecht werden, hat die verdammte Pflicht, auch hinter die Kulissen zu schauen. Stichwort: Audiatur et altera pars. Das Anbändeln an das Mainstream hat ihr noch nie gutgetan.

 

 

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