126.
Maifestspiele Wiesbaden vom 30.04. bis zum 31.05.2022
Das
Gespensterschloss,
Oper in vier Akten von Stanislaw Moniuszko, Schluss-Aufführung der Wiesbadener
Maifestspiele, 31.05.2022
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| Das Gespensterschloss: zweiter von links: Rafal Korpik (Zbigniew), vierter von links: Piotre Kalina (Stefan), Ensemble und Orchester, 1. Akt (Fotos: Michal Leskiewicz) |
Die
polnischste aller polnischen Opern
Das
Gespensterschloss,
uraufgeführt 1865 in Warschau und das gleich mit durchschlagendem Erfolg, gehört
zu den polnischsten aller polnischen Opern von Stanislaw Moniuszko (1819
-1872) und das hat viele Gründe. Moniuszko, Sohn einer Adelsfamilie, erlebte
hautnah die Teilung Polens unter den damaligen Supermächten Österreich-Ungarn, Preußen
und Russland. Er reiste durch ganz Europa, machte unter anderem Bekanntschaften
mit Franz Liszt, Bedrich Smetana, Gioachino Rossini und dem mächtigen russischen
Häuflein Modest Mussorgski, Nikolai Rimski-Korsakow, Alexander Borodin, Cesar
Cui und Mili Balakirew. Alle diese Komponisten zeichneten sich durch ihre
patriotische Haltung und nationale Gesinnung in revolutionären Zeiten aus. Auch
Moniuszko, der unter anderem 14 Opern schrieb (darunter Halka, 1848,
seine berühmteste), nutzte sein musikalisches Talent im Sinne des polnischen
Nationalkampfes und bewegte die Menschen mit einem Musik Mix aus polnischer
Folklore, romantischem Gefühlsreichtum, mit viel Tanzeinlagen (Polonaise,
Mazurka, Krakowiak) und Volksmelodien. Sein Identifikationswert war riesig, was
nicht allein die Tatsache belegt, dass seine Beerdigung zu einem nationalen
Ereignis geriet und er noch heute auf Briefmarken und Banknoten zu sehen ist.
Auf das
polnische Publikum zugeschnitten
Leider ist
das Gespensterschloss eine außerhalb Polens selten aufgeführte Oper, was
durchaus an der nationalen Orientierung und der entsprechenden Symbolik dieses
Werkes liegen mag. Die in Wiesbaden aufgeführte Version hatte ihre Premiere
bereits im Juli 2021 in Posen und ist nach Aussage der Regisseurin Ilaria
Lanzino abermals auf das polnische Publikum zugeschnitten. Das
heißt, Polenspezifische Themen wie das Abtreibungsverbot (Stichwort: der Black Monday 2016) oder
Genderprobleme wie LGBTQ, im katholisch-konservativen Polen umstritten, werden
aufgegriffen und symbolisch mit der Banane (damals ein laszives Vergehen, wenn
Frauen in sie reinbissen), mit Kleiderbügel (Abtreibungsinstrument), schwarzer
Schirm (Demonstranten trugen sie auf den Demos) und der Regenbogenfahne (heute
das Symbol der Gender-Anhänger, früher das des Friedens) dargestellt.
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| Das Gespensterschloss: Szenenbild aus dem 2. Akt |
Patriotismus
und Liebe – keine Gegensätze
Eigentlich
ist die Thematik der Oper kurz erzählt. Zwei Brüder (Stefan, Piotre Kalina,
Tenor) und Zbigniew, Rafal Korpik, Bassbariton) kehren aus dem Krieg
zurück und schwören, niemals zu heiraten. Sie wollen ab jetzt ausschließlich
ihrem Land, ihrer Heimat dienen. Doch sie treffen auf zwei willensstarke
Schwestern (Hanna, Ruslana Koval, Sopran, und Jadwiga, Magdalena Wilczyńska-Goś, Mezzosopran), die in einem geheimnisvollen
Gespensterschloss leben. Sie können die beiden Brüder von ihrer Liebe
überzeugen. Die Moral von der Geschichte: Patriotismus und Liebe sind keine
Gegensätze. Alle finden zu ihrer wahren Leidenschaft.
Das Libretto
von Jan Checiński (1826-1874) ist natürlich eng an den moralischen und
ethischen Werten seiner Zeit angelehnt, Tradition und nationale
Selbstbestimmung, Katholizismus und polnischer Kulturkampf werden dialektisch zwischen
Vaterlands- und menschlicher Liebe vier Akte hindurch fortgesponnen, kurzweilig,
witzig, humorvoll und immer am Rande der Komödie, wenn auch die Seelen der
Brüder und Schwestern stark in Mitleidenschaft gezogen werden.
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| Das Gespensterschloss: Mitte: Ruslana Koval (Hanna), rechts vorne: Magdalena Wilczyńska-Goś (Jadwiga), Tänzerinnen, Frauenpower, 3. Akt |
Konflikt
zwischen Tradition und Moderne
Hier setzt Ilaria
Lanzino ihre eigene Handschrift. Sie wählt die Auseinandersetzung zwischen
Tradition und Moderne, was sich auch im Bühnenbild (Leif-Erik Heine) und
in den Videoeinspielungen (Leszek Stryla, Victor Kuźma,
Licht) widerspiegelt. Mal archaische Husaren in malerischen Ritterrüstungen und
düsterem Bühnen-Charakter, dann eine Queere-Gesellschaft mit neoplastizistischem Background á la Piet Mondrian und grell bunter Farbenpracht. Allerdings – und
das ist bemerkenswert – Die Welt der Männer ist traditionsbezogen, altbacken
und von gestern, während die Welt der Frauen weltoffen, emanzipiert und LBTGQ orientiert
ist.
So macht sie
aus Damazy (Albert Memeti, Tenor), der eigentlich um die beiden Mädels
buhlt, eine schwule Transe, und aus dem Schloss eine Varieté-Bühne. Die Gespenster
(Damazy und sein Geliebter) sind alles andere als furchterregend und die Tante
Cześnikowa (Anna Lubańska, Mezzosopran), eigentlich eine Intrigantin, die ihre
beiden Töchter an die Verschworenen Brüder verschachern will, wird zu einer Zauberflöten-Königin-der-Nacht
mit sich überschlagener Stimme und derber volkstümlicher Ausstrahlung.
Nicht zuletzt
der Vater der beiden Töchter aus dem Gespensterschloss, Miecznik (Stanislaw Kuflyuk,
Bariton), einer der alten Garde, der für seine Töchter nur den Mutigsten, Siegreichsten,
Stärksten und Nationalbewusstesten wünscht, er singt die Arie aus dem Rollstuhl
mit immer schwächerer Stimme bis zum körperlichen Zusammenbruch. Ein Schelm,
der Böses dabei denkt. Oder Maciej (Jaromir Trafankowski, Bariton), ein
ängstlicher Kampfgenosse der Brüder (sein Joint vernebelt seinen Geist), wie
auch Skoluba (Damian Konieczek, Bass), der in die Ränkespiele eingeweihte
Hausdiener, sind ohne wirkliche Bedeutung für den Fortgang der Ereignisse, aber wichtig für Dekor und Bühnengestaltung.
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| Das Gespensterschloss: links: Damian Konieczek (Skoluba), Mitte: Jaromir Trafankowski (Maciej), Ensemble und Tänzerinnen, 3. Akt |
Frauenpower
ist angesagt
Denn der ist
klar vorgeschrieben und ohne Wenn und Aber. Angeblich wollen die beiden ewig Ledigen
angsterfüllt (vom Gelübde?) den Ort des Grauens verlassen, aber da haben sie
die Frauen unterschätzt. Ihr Kampf um die Liebe, die Ehe die Familie ist genau
so wichtig wie der Kampf um die nationale Freiheit. Frauenpower ist angesagt, die
Fäuste fliegen, und die Männer (eine wunderbar lyrische „Erinnerungsarie“ von
Stefan: „Dieses Lied starb mit dir …“) werden immer kleinlauter.
Die Koloraturarie
der Hanna „welches Mädchen zittert nicht …“ gehört zum Höhepunkt dieser Oper. Ruslana
Koval brillierte hier mit klarer fast schneidender Stimme. Da blieb kein
Auge trocken. Interessant, dass der Schluss ausschließlich von Hanna und Stefan
(Piotre Kalina) gesungen wird. Kein Gesangsquartett. Eine Besonderheit dieser
Oper. Dennoch hätte man sich alle vier Protagonisten gewünscht.
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| Das Gespensterschloss: Ensemble, TänzerInnen und Chor, Schlussszene, 4. Akt |
Das Leben
ist ein Varieté
Das Varieté
endet mit der großen Liebeserklärung, dem Segen Mieczniks für die drei (!) Paare
und einem absolut bewegenden Schlusschor mit Mazurka, Polonaise und Krakowiak.
Überhaupt glänzte der riesige Chor mit mehr als 60 Sängerinnen und Sängern (Mariusz
Otto) durch gute Stimmen und lebendiges Spiel.
Auch die
Tänzerinnen und Tänzer (Choreographie: Victor
Davydiuk) wie das Orchester (Marco Guidarini) des Theaters Wielki in
Posen, überzeugten auf der ganzen Linie. Wie gesagt, man hörte durchaus die Einflüsse
bekannter Komponisten wie Smetana, Mussorgski, Rossini. Auch Verdi und der
italienische Verismo waren durchaus herauszuhören. Aber, und das zeichnet Moniuszkos Musik in besonderer Weise aus: Es ist die erfrischende Liedhaftigkeit des Gesangs, das lyrische wie das
dramatische, das elegische wie das lebensfrohe und volkstümliche Moment. Eine
Nummernoper mit ausgesprochen ariosen Ohrwürmern und einer abschließenden
Soprankoloratur wie aus dem schönsten italienischen Belcanto. Eine Oper, die
nicht alles hält, was sie verspricht, aber durchaus sehenswert und vor allem hörenswert ist.





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