Dienstag, 10. Mai 2022

Happy New Ears 2022: Portrait Tanja León (*1943), Werkstattkonzert mit dem Ensemble Modern in der Oper Frankfurt, 10.05-2022


Tanja León (Foto: tanialeon.com)


Ein Maskenball?

Nach monatelanger erzwungener Abstinenz wegen „Corona“ endlich wieder ein freies Werkstattkonzert im Rahmen von Happy New Ears. Oder war ich in der falschen Veranstaltung gelandet? Im Dienstagsmaskenball als besonderes Programmangebot der Oper Frankfurt? Nein, natürlich nicht. 

Tatsächlich hat man sich in der so genannten musikalischen Avantgarde darauf geeinigt, das Symbol der Unterdrückung, die ansonsten unnütze Maske, auch weiterhin zu tragen. Als Ausdruck der Solidarität? Gnade uns Gott, wenn es so wäre. Gesundheitlich und hygienisch kann es nicht sein, denn diese Dinger sind alles andere als dazu geeignet. Im Gegenteil gefährliche Keim und Bakterienträger und Krankheitsförderer. Das sollten aufgeklärte Avantgardisten eigentlich wissen.

 

Ängste und Wünsche der befreiten Sklaven

Der Abend wurde gestaltet mit Werken von Tanja León (*1943), gebürtige Kubanerin (Havanna), aber seit 1967 in den USA lebend. Im Gespräch mit Konrad Kuhn (Dramaturg an der Oper Frankfurt) erläuterte sie zwei ihrer, vom Ensemble Modern vorgestellten, Werke: Singin Sepia (1996), fünf Lieder nach Texten von Rita Dove sowie Ritmicas für Kammerorchester in fünf Sätzen (2019).

Singin Sepia für Sopran, Violine, Klarinette und Klavier zu vier Händen nach Texten der in den USA mit vielen Preisen ausgezeichneten Dichterin Rita Dove (*1952, eine Freundin der Komponistin) handelt von den Ängsten der befreiten Sklaven im amerikanischen Exil, ihrem Leben und ihren Wünschen. Ein sehr emotionales, von innen nach außen wirkendes Werk, klagend und wütend, von großer atmosphärischer Wirkung auf den Zuhörer. 

Gesungen wurde es von der fragil erscheinenden, aber mit großer Sopranstimme ausgestatteten Israelin, Keren Motseri, die an diesem Abend ihr Debüt in Frankfurt gab. Nebenbei bemerkt sprang sie für eine Kollegin ein, die kurzfristig erkrankte. Ihr blieb lediglich eine Woche Zeit, um Text und Gesang zu verinnerlichen, was ihr hervorragend gelang. Perfekt ihr häufiges „Aufjauchzen“ (von León als besondere Kommunikation der Sklaven erklärt), aber auch ihre klaren, brillant gesungen Höhen. Die Komposition changierte zwischen Atonalität und impressionistischen Partien, Lied und Erzählung wechselten miteinander, insgesamt ein fast symbiotisches Verhältnis zwischen Text und Gesang. Allerdings fehlte dem Werk, was übrigens nach der Besprechung wiederholt wurde, ein wenig die Variabilität und dramaturgische Zuspitzung. Der Beifall war dementsprechend freundlich, aber verhalten.

 

Clave, der rhythmische Schlüssel

Anders dagegen Ritmicas, ein achtzehnminütiger Dauerbrenner mit zwei Perkussionisten, Harfe, Klavier, fünf Bläsern und vier Streichern. Eine auf dem Grundrhythmus: 1+2_1-2-3, dem Rumba und Bossa Nova entlehnter, aber nach León eher einem Clave (Schlüssel)-Muster folgender Rhythmus. Extrem lebendig (nicht von ungefähr forderte sie spontan das Publikum auf, mitzutanzen), aber in manchen Sätzen doch für „Verwirrung“ (Leóns Erklärung von Polyrhythmik) sorgend. Im Wechsel zwischen Tutti und Soli zeichneten sich die einzelnen Sätze durch unterschiedliche Einsätze der Instrumente aus. Mal dominierten Harfe und Klavier (3. Satz), mal Streicher und Holzbläser (2. Satz), dann Horn und Saxophon (3. Satz) und natürlich Perkussionisten (1. und 5. Satz). Überhaupt waren es die beiden exzellenten Schlagwerker, die es verstanden, die Tendenzen zum rhythmischen Chaos immer wieder zu ordnen. Ein klasse Werk, allerdings ohne Tanz. Wie soll das auch mit Maske funktionieren.

 

Tanja León (Foto: berlinerfestspiele.de)

Identität, was ist das?

León äußerte sich noch zur Frage ihrer Identität. Als Nachfahrin von Sklaven in Konfrontation mit arabischen, afrikanischen, französischen wie auch chinesischen Kulturen fehlt ihr, eigener Aussage zufolge, das Gefühl von Heimat. Sie sei eine Weltbürgerin, Teil der Menschheitsfamilie. Wir wissen nicht, meinte sie, woher wir kommen. 

Wir alle lebten von der gleichen Erde. Unser Planet sei groß genug für Tier und Mensch. Sie, für sich, habe die Kunst gewählt, um ihrem irdischen Leben Sinn zu verleihen. Klare Worte und bestimmt keine Sklavenmentalität, die man leider in unserer sogenannten freien Welt in zunehmendem Maße feststellen muss. Friedrich Nietzsche zumindest hätte sich bestätigt gefühlt.

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