Cabaret (1966), Musical von Joe Masteroff
(Buch), Fred Ebb (Text) und John Kander (Musik), Wiesbadener
Neuproduktion, Premiere am 16. Oktober 2021, Aufführung vom 16.06.2022
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| Elissa Huber als Sally Bowles (Fotos: Karl und Monika Förster) |
Cabaret
und Heute
Das ist
schon verrückt. Da wird das Musical Cabaret (1966 in New York
uraufgeführt und 1972 verfilmt) am Wiesbadener Staatstheater von Iris Limbarth
(Inszenierung) und einem Team um Tom Gerber (Regie), Miriam Lifka
(Choreographie) sowie Daniel C. Schindler (Dramaturgie) neu produziert,
und man glaubt sich zumindest in vielen Szenen in die heutige Zeit versetzt.
Denn eigentlich handelt es sich doch eher um eine simple Doppelliebesgeschichte
in turbulenten Zeiten der beginnenden 1930er Jahre aus dem Milieu des Cabarets
und seiner unmittelbaren Umgebung. Was aber macht dieses Musical so aktuell?
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| Elissa Huber (Sally) und Julian Culemann (Clifford Bradshaw) |
Das Scheitern der Liebe
Die Handlung
ist, wie gesagt, überschaubar. Ein Amerikaner, Clifford Bradshaw (Julian
Culemann) verlegt seinen Wohnsitz kurzfristig nach Berlin, um ein Buch zu
schreiben. Mittellos wie er ist, landet er in einer Billigabsteige, die von
Fräulein Schneider (Evelyn M. Faber) betrieben wird. Die Empfehlung geht
von Ernst Ludwig (Stefan Roschy) aus, den er im Zug kennenlernt, der
sich aber als Deutsch-Nationaler outen und das Klima dieser Mikro Welt
entscheidend beeinflussen wird. Clifford wird von Ernst in den Kit-Kat-Club
eingeführt und lernt dort Sally Bowles (Elissa Huber) kennen. Beide
verlieben sich auf Anhieb ineinander. Im „Hause“ des Fräulein Schneider geht
der Obsthändler Herr Schultz (Gottfried Herbe) ein und aus. Er macht
Frau Schneider den Hof und man einigt sich zu heiraten. Eher eine Vernunft- als
eine Liebesehe, denn beide sind schon im fortgeschrittenen Alter.
Beide Paare
scheitern an den äußeren Umständen. Die von Fräulein Schneider und Herrn
Schultz daran, dass er Jude ist, und die von Sally und Cliff daran, dass der Outsider
erkennt, wohin die Weimarer Republik führen wird und nach Amerika zurück möchte.
Und jetzt wird’s interessant: Trotz der drohenden Katastrophe halten alle an
dem fest, was ihnen lieb und teuer geworden ist. Sie sehen weg, wollen die
Realität nicht erkennen und flüchten sich in die Welt des Bekannten und
Bewährten. Schlimmer noch, sie werden gewollt oder ungewollt zu Mitläufern und
damit zu willigen Agenten des kommenden Unheils.
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| Lina Habicht als Conférencier |
Weimarer
Republik und Gegenwart
An dieser
Stelle sind wir in der Gegenwart gelandet. Seit zweieinhalb Jahren befindet
sich die BRD in einem Ausnahmezustand. Grundgesetz, Verfassung und Recht sind
weitgehend ausgehebelt und der andauernde Maßnahmenstaat ist sich nicht zu
schade, die Freiheit der Person, die Unverletzlichkeit der Wohnung, die
Meinungsfreiheit, das Demonstrations- und Versammlungsrecht einschließlich die wissenschaftliche Redlichkeit unter dem Deckmantel der Pandemie eklatant
einzuschränken und sukzessive, durch überzogene Kontrollmaßnahmen und
Überwachungssysteme, die Erosion der gesellschaftlichen Grundlage oder, O-Ton
Kanzler Scholz: das Überschreiten der roten Linie, zur Regel werden zu lassen. Hier stellt sich die Frage, ob die erkannten Verfassungsfehler
der Weimarer Republik heute nicht in fataler Weise wiederholt werden? Wer sind
eigentlich diejenigen heute, die all diese fatalen Maßnahmen zu verantworten
haben? Aus welcher politischen Ecke kommen sie? Wer sind eigentlich die
wirklichen Populisten, wer sind die Faktenverdreher, die Lügner und falschen
Propheten? „So viele Berichte, so viele Fragen“, würde an dieser Stelle Berthold
Brecht einwerfen.
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| Gottfried Herbe als Herr Schultz und Evelyn M. Faber als Fräulein Schneider |
Der Existenzialismus der Moderne
Kommen wir
zurück zum Musical. Wirklich beeindruckend gerieten die Paarszenen. Herauszuheben
der Song von Fräulein Schneider: „Der Tag fängt an, der Tag hört auf“, der
sinnbildlich das existentielle Klima dieser Zeit auf den Punkt bringt.
Großartig natürlich die Sally, alias Elissa Huber, die mit ihrem großen,
gewaltigen Stimmumfang, von Alt bis Sopran, alle ihre Songs mit größter Bravour
und intensivster Empathie vortrug. Der Höhepunkt sicherlich war ihre Blues-Version
von May be this Time, der wirklich durch Mark und Bein ging. Großes
Theater allein von ihr.
Bemerkenswert
Durchaus
bedrohlich angelegt waren die vom Extra-Chor und dem Cabaret-Ensemble gesungenen
Volkslieder wie Vaterland, dein Ruf soll uns Wegweiser sein – martialisch,
marschmäßig mit Pauken und Trompeten –, oder auch Heinrich Heines (Text) bzw. Siegfried
Silchers (Musik) Loreley-Lied: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.
Allerdings mit verändertem Text und ohne romantischen Zauber. An diesen Stellen
spürte man die US-amerikanische Hand der Schöpfer von Cabaret. Nicht unbedingt
passend, aber dafür wirksam.
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| Ensemble (Foto: Karl und Monika Förster) |
Die
Akteure in der Kritik
Der Conférencier,
gespielt und gesungen von Lina Habicht, eigentlich eine Figur, die
hinter die Kulissen schaut und hintergründig, facettenreich agieren soll,
konnte nicht wirklich überzeugen. Man spürte weder das Diabolische, noch das Witzig,
Sarkastische dieser so gedachten Figur, die eigentlich für einen Mann vorgesehen
ist. Leider. Ebenso wenig konnte die Rolle der Chansonsängerin Silvia
Willecke die Handlung bereichern. Ihr Fehlen wäre sicher nicht aufgefallen.
Stefan Roschy, der Nazi-Anhänger mit hessischem Jargon, und Fräulein
Kost (Felicitas Geipel), eine Überlebenskünstlerin und Kostgängerin im
Haus des Fräulein Schneider, waren Sprechrollen. Beide zeigten sich als
ausgewiesene Schauspieler und in der Musical-Handlung brave Mitläufer des
Systems.
Die Cabaret-
Bohème, bestehend aus sechs Frauen und sechs Männern, in ihren frivolen
Kostümen (Heike Korn, Kostüme) aus der Zeit der zwanziger Jahre, spielte
und sang aufgeräumt, wenngleich sie erst im zweiten Teil des Abends befreit,
erfrischend und wirklich authentisch agierte.
Die Bühne
bestand schlicht aus überdimensionierten Türzargen und glitzernden Rahmen, sie
drehte sich permanent und spiegelte die Welt des Privaten und Öffentlichen, des
Intimen und Distanzierten, des Hellen und Dunklen wider (Bettina Neuhaus,
Bühne, Oliver Porst, Licht). Auch hier orientierte man sich an den 20er
Jahren der Weimarer Republik.
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| Mitte: Elissa Huber (Sally) und Ensemble |
Die Musik,
ein großes Erlebnis
Die Musik gehörte
mit zum Besten dieser Vorstellung. Levi Hammer (musikalischer Leiter
einer Zwölfer-Combo) bewies sich nicht allein als ausgezeichneter Dirigent
(absolut fehlerfrei und souverän in diesem Gewirr auf der Bühne), sondern auch
als brillanter Pianist. Chapeau. Kompositorisch sind die Songs, viele davon
Ohrwürmer wie Money, Money …, Cabaret oder auch Welcome,
und die Musik stark an die Tanzszene der Zwanziger Jahre, wie Charleston,
Swing-Dance und Ragtime, angelehnt. Man ist auch an Kurt Weill und vor allem an
Bert Brechts Dreigroschenoper erinnert. Vor allem der Song von Fräulein
Schneider: Wie geht es weiter? (1966 von der genialen Lotte Lenya
gesungen) bildet quasi eine Brücke der Dreigroschenoper auf Cabaret.
Ein bisschen klauen kann durchaus bereichernd sein, wie hier im Musical. Die Combo,
mit Bandleader Frank Bangert, spielte die 1997er Fassung von Chris Walker professionell und – viel entscheidender
– mit großer Freude und Hingabe.
Fazit
Alles in
Allem ein insgesamt bewegender Musical-Abend mit, aus der Sicht des Schreibers
dieser Zeilen, nachdenklichen Elementen (wie sagte einmal Präsident George W. Bush
nach 9/11: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“), was sehr wahrscheinlich von
dem Teil des Publikums, das sich im besten Deutschland alle Zeiten fühlen möge,
nicht so empfunden werden wird – wie immer in der Geschichte. Wir alle aber tanzen
im wahrsten Sinne trotzdem auf einem Vulkan.






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