Freitag, 17. Juni 2022

 

Cabaret (1966), Musical von Joe Masteroff (Buch), Fred Ebb (Text) und John Kander (Musik), Wiesbadener Neuproduktion, Premiere am 16. Oktober 2021, Aufführung vom 16.06.2022

 

Elissa Huber als Sally Bowles (Fotos: Karl und Monika Förster)

Cabaret und Heute

Das ist schon verrückt. Da wird das Musical Cabaret (1966 in New York uraufgeführt und 1972 verfilmt) am Wiesbadener Staatstheater von Iris Limbarth (Inszenierung) und einem Team um Tom Gerber (Regie), Miriam Lifka (Choreographie) sowie Daniel C. Schindler (Dramaturgie) neu produziert, und man glaubt sich zumindest in vielen Szenen in die heutige Zeit versetzt. Denn eigentlich handelt es sich doch eher um eine simple Doppelliebesgeschichte in turbulenten Zeiten der beginnenden 1930er Jahre aus dem Milieu des Cabarets und seiner unmittelbaren Umgebung. Was aber macht dieses Musical so aktuell? 

 

Elissa Huber (Sally) und Julian Culemann (Clifford Bradshaw) 

Das Scheitern der Liebe

Die Handlung ist, wie gesagt, überschaubar. Ein Amerikaner, Clifford Bradshaw (Julian Culemann) verlegt seinen Wohnsitz kurzfristig nach Berlin, um ein Buch zu schreiben. Mittellos wie er ist, landet er in einer Billigabsteige, die von Fräulein Schneider (Evelyn M. Faber) betrieben wird. Die Empfehlung geht von Ernst Ludwig (Stefan Roschy) aus, den er im Zug kennenlernt, der sich aber als Deutsch-Nationaler outen und das Klima dieser Mikro Welt entscheidend beeinflussen wird. Clifford wird von Ernst in den Kit-Kat-Club eingeführt und lernt dort Sally Bowles (Elissa Huber) kennen. Beide verlieben sich auf Anhieb ineinander. Im „Hause“ des Fräulein Schneider geht der Obsthändler Herr Schultz (Gottfried Herbe) ein und aus. Er macht Frau Schneider den Hof und man einigt sich zu heiraten. Eher eine Vernunft- als eine Liebesehe, denn beide sind schon im fortgeschrittenen Alter.

Beide Paare scheitern an den äußeren Umständen. Die von Fräulein Schneider und Herrn Schultz daran, dass er Jude ist, und die von Sally und Cliff daran, dass der Outsider erkennt, wohin die Weimarer Republik führen wird und nach Amerika zurück möchte. Und jetzt wird’s interessant: Trotz der drohenden Katastrophe halten alle an dem fest, was ihnen lieb und teuer geworden ist. Sie sehen weg, wollen die Realität nicht erkennen und flüchten sich in die Welt des Bekannten und Bewährten. Schlimmer noch, sie werden gewollt oder ungewollt zu Mitläufern und damit zu willigen Agenten des kommenden Unheils.

 

Lina Habicht als Conférencier

Weimarer Republik und Gegenwart

An dieser Stelle sind wir in der Gegenwart gelandet. Seit zweieinhalb Jahren befindet sich die BRD in einem Ausnahmezustand. Grundgesetz, Verfassung und Recht sind weitgehend ausgehebelt und der andauernde Maßnahmenstaat ist sich nicht zu schade, die Freiheit der Person, die Unverletzlichkeit der Wohnung, die Meinungsfreiheit, das Demonstrations- und Versammlungsrecht einschließlich die wissenschaftliche Redlichkeit unter dem Deckmantel der Pandemie eklatant einzuschränken und sukzessive, durch überzogene Kontrollmaßnahmen und Überwachungssysteme, die Erosion der gesellschaftlichen Grundlage oder, O-Ton Kanzler Scholz: das Überschreiten der roten Linie, zur Regel werden zu lassen. Hier stellt sich die Frage, ob die erkannten Verfassungsfehler der Weimarer Republik heute nicht in fataler Weise wiederholt werden? Wer sind eigentlich diejenigen heute, die all diese fatalen Maßnahmen zu verantworten haben? Aus welcher politischen Ecke kommen sie? Wer sind eigentlich die wirklichen Populisten, wer sind die Faktenverdreher, die Lügner und falschen Propheten? „So viele Berichte, so viele Fragen“, würde an dieser Stelle Berthold Brecht einwerfen.

 

Gottfried Herbe als Herr Schultz und Evelyn M. Faber als Fräulein Schneider

Der Existenzialismus der Moderne

Kommen wir zurück zum Musical. Wirklich beeindruckend gerieten die Paarszenen. Herauszuheben der Song von Fräulein Schneider: „Der Tag fängt an, der Tag hört auf“, der sinnbildlich das existentielle Klima dieser Zeit auf den Punkt bringt. Großartig natürlich die Sally, alias Elissa Huber, die mit ihrem großen, gewaltigen Stimmumfang, von Alt bis Sopran, alle ihre Songs mit größter Bravour und intensivster Empathie vortrug. Der Höhepunkt sicherlich war ihre Blues-Version von May be this Time, der wirklich durch Mark und Bein ging. Großes Theater allein von ihr.

Bemerkenswert sicherlich auch der Miesnik-Song in Klezmer Manier von Herrn Schultz, der gleiches Recht für alle Menschen, ob schön oder hässlich, alt oder jung einforderte.

Durchaus bedrohlich angelegt waren die vom Extra-Chor und dem Cabaret-Ensemble gesungenen Volkslieder wie Vaterland, dein Ruf soll uns Wegweiser sein – martialisch, marschmäßig mit Pauken und Trompeten –, oder auch Heinrich Heines (Text) bzw. Siegfried Silchers (Musik) Loreley-Lied: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Allerdings mit verändertem Text und ohne romantischen Zauber. An diesen Stellen spürte man die US-amerikanische Hand der Schöpfer von Cabaret. Nicht unbedingt passend, aber dafür wirksam.

 

Ensemble (Foto: Karl und Monika Förster)

Die Akteure in der Kritik

Der Conférencier, gespielt und gesungen von Lina Habicht, eigentlich eine Figur, die hinter die Kulissen schaut und hintergründig, facettenreich agieren soll, konnte nicht wirklich überzeugen. Man spürte weder das Diabolische, noch das Witzig, Sarkastische dieser so gedachten Figur, die eigentlich für einen Mann vorgesehen ist. Leider. Ebenso wenig konnte die Rolle der Chansonsängerin Silvia Willecke die Handlung bereichern. Ihr Fehlen wäre sicher nicht aufgefallen. Stefan Roschy, der Nazi-Anhänger mit hessischem Jargon, und Fräulein Kost (Felicitas Geipel), eine Überlebenskünstlerin und Kostgängerin im Haus des Fräulein Schneider, waren Sprechrollen. Beide zeigten sich als ausgewiesene Schauspieler und in der Musical-Handlung brave Mitläufer des Systems.

Die Cabaret- Bohème, bestehend aus sechs Frauen und sechs Männern, in ihren frivolen Kostümen (Heike Korn, Kostüme) aus der Zeit der zwanziger Jahre, spielte und sang aufgeräumt, wenngleich sie erst im zweiten Teil des Abends befreit, erfrischend und wirklich authentisch agierte.

Die Bühne bestand schlicht aus überdimensionierten Türzargen und glitzernden Rahmen, sie drehte sich permanent und spiegelte die Welt des Privaten und Öffentlichen, des Intimen und Distanzierten, des Hellen und Dunklen wider (Bettina Neuhaus, Bühne, Oliver Porst, Licht). Auch hier orientierte man sich an den 20er Jahren der Weimarer Republik.

Mitte: Elissa Huber (Sally) und Ensemble


Die Musik, ein großes Erlebnis

Die Musik gehörte mit zum Besten dieser Vorstellung. Levi Hammer (musikalischer Leiter einer Zwölfer-Combo) bewies sich nicht allein als ausgezeichneter Dirigent (absolut fehlerfrei und souverän in diesem Gewirr auf der Bühne), sondern auch als brillanter Pianist. Chapeau. Kompositorisch sind die Songs, viele davon Ohrwürmer wie Money, Money …, Cabaret oder auch Welcome, und die Musik stark an die Tanzszene der Zwanziger Jahre, wie Charleston, Swing-Dance und Ragtime, angelehnt. Man ist auch an Kurt Weill und vor allem an Bert Brechts Dreigroschenoper erinnert. Vor allem der Song von Fräulein Schneider: Wie geht es weiter? (1966 von der genialen Lotte Lenya gesungen) bildet quasi eine Brücke der Dreigroschenoper auf Cabaret. Ein bisschen klauen kann durchaus bereichernd sein, wie hier im Musical. Die Combo, mit Bandleader Frank Bangert, spielte die 1997er Fassung von Chris Walker professionell und – viel entscheidender – mit großer Freude und Hingabe.


Fazit

Alles in Allem ein insgesamt bewegender Musical-Abend mit, aus der Sicht des Schreibers dieser Zeilen, nachdenklichen Elementen (wie sagte einmal Präsident George W. Bush nach 9/11: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“), was sehr wahrscheinlich von dem Teil des Publikums, das sich im besten Deutschland alle Zeiten fühlen möge, nicht so empfunden werden wird – wie immer in der Geschichte. Wir alle aber tanzen im wahrsten Sinne trotzdem auf einem Vulkan.

   

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