Das 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022
„Lux perpetua“, das Vokalensemble Et Hepera und der Kammerchor der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK), Leitung Florian Lohmann, im Kloster Eberbach, 29.06.2022
| Kammerchor der HfMDK Frankfurt, mit dem Rücken zum Publikum: Florian Lohmann, musikalischer Leiter (Foto: Ansgar Klostermann) |
Das ewige
Licht leuchte
„Lux perpetua“
(das ewige Licht), das Motto dieses außergewöhnlichen Gesangsabends in der
Basilika des Klosters Eberbach passte stimmig zum architektonischen Ambiente wie
auch zum herrlichen Sommerwetter bei gleißendem Sonnenschein. „Du Licht,
geboren aus dem Licht, Jesus, Erlöser der Welt“ rief zu Beginn des Konzerts der
Kammerchor der HfMDK aus dem Hintergrund der nicht voll besetzten Basilika, und
bewegte sich langsam durch die Reihen des Publikums auf die schlicht gestaltete
Bühne der Apsis. Der Text gehört zu Morten Lauridsens (*1943) O nata lux
aus dem Jahre 1997, und besingt den Sohn Gottes als Lichtbringer und Erlöser.
34 Sängerinnen und Sänger füllten den Raum mit ätherischen Klängen und
schafften gleich die nötige Aufmerksamkeit für ein gut 90-minütiges spirituelles
a-capella Kunstwerk zwischen Renaissance und Moderne.
Zwischen
Diesseits und Jenseits
Gustav
Mahlers Urlicht (1893), aus der Volkslied Sammlung „Des Knaben
Wunderhorn“ von Clemens Brentano und Achim von Arnim, bekannt auch aus seiner
2. Sinfonie (Auferstehungssinfonie), gehörte gleich zum ersten Höhepunkt dieses
Abends. (Hier allerdings als Arrangement von Clytus Gottwald). Der Kammerchor
unter der Leitung von Florian Lohmann zeigte bereits hier seine absolute
Brillanz. Wunderbare Höhen und warme, klangvolle Tiefen versetzten den Raum in
ein himmlisches Klangmeer: „Ich bin von Gott und will wieder zu Gott, der liebe
Gott wird mir ein Lichtlein geben“, begleitet von einem Sonnenstrahl, der durch
eines der Fenster leuchtete, schaffte eine selten erlebte visuelle und auditive
Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits.
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| Vokalensemble Et Hepera (Foto: rheingau-musik-festival.de ) |
Strahlende
Schönheit
Das achtstimmige
Vokalensemble Et Hepera, gegründet 2017 von Studenten der HfMDK, setzte
das Programm mit Werken von Henry Purcell (1659-1695) Hear my Prayer, Oh
Lord (1682, Charles Wood (1866-1929) Hail, Gladdening Light (1919),
Palestrina (1525?-1594) Nunc dimittis, Antonio Lotti (1667-1740) Crucifixus,
sowie Morten Lauridsen (*1943) O nata lux, fort. (O nata lux wiederholt
quasi in kleiner Besetzung, aber deshalb nicht weniger eindrucksvoll). Ein
junges Ensemble von hingebungsvoller Empathie, mit klaren Stimmen, ausgefeilter
Dynamik und tiefer Einsicht in die Werke. Herausragend ihre Antiphon Technik
und perfekten Wechsel von Dissonanzen und Konsonanzen vor allem in Lottis Crucifixus.
Strahlend schön auch hier das abschließende O nata lux.
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| Annemarie Pfahler (Foto: Annemarie Pfahler) |
Eine Hymne an die würdigen Männer
Ohne Pause
folgten Herbert Howells (1892-1983) Requiem (1932) und Frank Martins (1890-1974)
Messe für Doppelchor (1922), lediglich unterbrochen von Hildegard von
Bingens (1098-1179) O spectabiles viri (?), ein Sopransolo gesungen von Annemarie
Pfahler (Studentin der HfMDK seit 2018). Der Text besingt die würdigen
Männer, die die Augen des Geistes und „das durchstrahlende Licht“ geschaut
haben. Ein vierminütiges alle damaligen Konventionen sprengende Hymne mit
extremer Stimmlage, koloraturgespickt und ungewöhnlichen Tonfolgen. All das
meisterte die stimmgewaltige junge Frau mit Bravour. Man möchte sie demnächst
in dramatischen Rollen der Oper sehen. Der enthusiastische Applaus gehörte ihr zu
Recht.
Zwischen
gregorianischem Choral und Atonalität
Requiem und
Messe von insgesamt fast 50 Minuten fielen aus dem Rahmen des Programms, wenngleich
beide von größter Individualität und ausgefallener Tonalität zeugten. Howells
Requiem, das er seinem früh verstorbenen Sohn widmete und das erst 1980 zu Uraufführung
kam, spielte mit Psalmen- und freien Texten. Sein Changieren zwischen
gregorianischem Choral und heftigen dissonanten Reibungen, zwischen solistischen
Partien und doppelchöriger Anlage, alles sehr traditionsbezogen und dennoch der
Moderne verpflichtet, fand im Schlusssatz „I heard a voice from Heaven“ seinen
sinnreichen Höhepunkt: Im atonalen Bereich und Fortissimo werden die Toten von
den Zurückgebliebenen betrauert, denn sie haben bereits das Licht der Ewigkeit
erblickt.
| Vokalensemble Et Hepera in der Basilika des Klosters Eberbach (Foto: Ansgar Klostermann) |
Melancholie,
Verzweiflung, Wut
Die abschließende
Messe von Frank Martin, eine Auseinandersetzung zwischen ihm und Gott, war von
außerordentlicher Melancholie geprägt. Vor allem das einleitende Kyrie mit
diversen Stimmungswechseln charakterisierte die Messe insgesamt. „Herr, erbarme
dich“, von demütiger Bitte, verzweifeltem Ruf bis zum offenen Wutausbruch,
alles wird musikalisch zelebriert. Sehr dramatisch mit vielen Taktwechseln dann
das Credo und das Sanctus mit dem nicht enden wollenden Hosianna bis zum fast
schreienden Fortissimo. Eine höchst anspruchsvolle Musik zwischen Tradition und
Moderne, vom Kammerchor der HfMDK bis zum Ende mit großer Empathie bewältigt,
was nicht zuletzt auch dem umsichtigen und feinen Dirigat von Florian Lohmann
zu verdanken war. Seine sparsame Gestik bei präziser Genauigkeit hebt sich
wohltuend von vielen seiner Chorkollegen ab.
Dennoch
hätte man das Programm etwas abwechslungsreicher gestalten können, ja müssen.
Zwei Mammutwerke von zwei Schwergewichten ins Programm zu nehmen, war selbst
für geübte Hörer anstrengend. Warum nicht nur eines und dafür mehr vom
Vokalensemble? Aber das nur am Rande und wohlmeinend. Denn dieser a-capella-Abend
der Studenten der HfMDK hat eindrücklich bewiesen, dass es um die Next
Generation gut bestellt ist. Die gemeinsame Zugabe, wie könnte es anders sein,
mit O nata lux, ließ noch einmal das Licht der Ewigkeit spüren, auch
wenn bereits draußen die Dämmerung eingebrochen war.


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