Donnerstag, 30. Juni 2022

 

Das 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022


„Lux perpetua“, das Vokalensemble Et Hepera und der Kammerchor der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK), Leitung Florian Lohmann, im Kloster Eberbach, 29.06.2022

Kammerchor der HfMDK Frankfurt, mit dem Rücken zum Publikum: Florian Lohmann,  musikalischer Leiter (Foto: Ansgar Klostermann)


Das ewige Licht leuchte

„Lux perpetua“ (das ewige Licht), das Motto dieses außergewöhnlichen Gesangsabends in der Basilika des Klosters Eberbach passte stimmig zum architektonischen Ambiente wie auch zum herrlichen Sommerwetter bei gleißendem Sonnenschein. „Du Licht, geboren aus dem Licht, Jesus, Erlöser der Welt“ rief zu Beginn des Konzerts der Kammerchor der HfMDK aus dem Hintergrund der nicht voll besetzten Basilika, und bewegte sich langsam durch die Reihen des Publikums auf die schlicht gestaltete Bühne der Apsis. Der Text gehört zu Morten Lauridsens (*1943) O nata lux aus dem Jahre 1997, und besingt den Sohn Gottes als Lichtbringer und Erlöser. 34 Sängerinnen und Sänger füllten den Raum mit ätherischen Klängen und schafften gleich die nötige Aufmerksamkeit für ein gut 90-minütiges spirituelles a-capella Kunstwerk zwischen Renaissance und Moderne.


Zwischen Diesseits und Jenseits

Gustav Mahlers Urlicht (1893), aus der Volkslied Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ von Clemens Brentano und Achim von Arnim, bekannt auch aus seiner 2. Sinfonie (Auferstehungssinfonie), gehörte gleich zum ersten Höhepunkt dieses Abends. (Hier allerdings als Arrangement von Clytus Gottwald). Der Kammerchor unter der Leitung von Florian Lohmann zeigte bereits hier seine absolute Brillanz. Wunderbare Höhen und warme, klangvolle Tiefen versetzten den Raum in ein himmlisches Klangmeer: „Ich bin von Gott und will wieder zu Gott, der liebe Gott wird mir ein Lichtlein geben“, begleitet von einem Sonnenstrahl, der durch eines der Fenster leuchtete, schaffte eine selten erlebte visuelle und auditive Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits.

 

Vokalensemble Et Hepera (Foto: rheingau-musik-festival.de )

Strahlende Schönheit

Das achtstimmige Vokalensemble Et Hepera, gegründet 2017 von Studenten der HfMDK, setzte das Programm mit Werken von Henry Purcell (1659-1695) Hear my Prayer, Oh Lord (1682, Charles Wood (1866-1929) Hail, Gladdening Light (1919), Palestrina (1525?-1594) Nunc dimittis, Antonio Lotti (1667-1740) Crucifixus, sowie Morten Lauridsen (*1943) O nata lux, fort. (O nata lux wiederholt quasi in kleiner Besetzung, aber deshalb nicht weniger eindrucksvoll). Ein junges Ensemble von hingebungsvoller Empathie, mit klaren Stimmen, ausgefeilter Dynamik und tiefer Einsicht in die Werke. Herausragend ihre Antiphon Technik und perfekten Wechsel von Dissonanzen und Konsonanzen vor allem in Lottis Crucifixus. Strahlend schön auch hier das abschließende O nata lux.

 

Annemarie Pfahler (Foto: Annemarie Pfahler)

Eine Hymne an die würdigen Männer

Ohne Pause folgten Herbert Howells (1892-1983) Requiem (1932) und Frank Martins (1890-1974) Messe für Doppelchor (1922), lediglich unterbrochen von Hildegard von Bingens (1098-1179) O spectabiles viri (?), ein Sopransolo gesungen von Annemarie Pfahler (Studentin der HfMDK seit 2018). Der Text besingt die würdigen Männer, die die Augen des Geistes und „das durchstrahlende Licht“ geschaut haben. Ein vierminütiges alle damaligen Konventionen sprengende Hymne mit extremer Stimmlage, koloraturgespickt und ungewöhnlichen Tonfolgen. All das meisterte die stimmgewaltige junge Frau mit Bravour. Man möchte sie demnächst in dramatischen Rollen der Oper sehen. Der enthusiastische Applaus gehörte ihr zu Recht.


Zwischen gregorianischem Choral und Atonalität

Requiem und Messe von insgesamt fast 50 Minuten fielen aus dem Rahmen des Programms, wenngleich beide von größter Individualität und ausgefallener Tonalität zeugten. Howells Requiem, das er seinem früh verstorbenen Sohn widmete und das erst 1980 zu Uraufführung kam, spielte mit Psalmen- und freien Texten. Sein Changieren zwischen gregorianischem Choral und heftigen dissonanten Reibungen, zwischen solistischen Partien und doppelchöriger Anlage, alles sehr traditionsbezogen und dennoch der Moderne verpflichtet, fand im Schlusssatz „I heard a voice from Heaven“ seinen sinnreichen Höhepunkt: Im atonalen Bereich und Fortissimo werden die Toten von den Zurückgebliebenen betrauert, denn sie haben bereits das Licht der Ewigkeit erblickt.

Vokalensemble Et Hepera in der Basilika des Klosters Eberbach (Foto: Ansgar Klostermann)


Melancholie, Verzweiflung, Wut

Die abschließende Messe von Frank Martin, eine Auseinandersetzung zwischen ihm und Gott, war von außerordentlicher Melancholie geprägt. Vor allem das einleitende Kyrie mit diversen Stimmungswechseln charakterisierte die Messe insgesamt. „Herr, erbarme dich“, von demütiger Bitte, verzweifeltem Ruf bis zum offenen Wutausbruch, alles wird musikalisch zelebriert. Sehr dramatisch mit vielen Taktwechseln dann das Credo und das Sanctus mit dem nicht enden wollenden Hosianna bis zum fast schreienden Fortissimo. Eine höchst anspruchsvolle Musik zwischen Tradition und Moderne, vom Kammerchor der HfMDK bis zum Ende mit großer Empathie bewältigt, was nicht zuletzt auch dem umsichtigen und feinen Dirigat von Florian Lohmann zu verdanken war. Seine sparsame Gestik bei präziser Genauigkeit hebt sich wohltuend von vielen seiner Chorkollegen ab.

 

Dennoch hätte man das Programm etwas abwechslungsreicher gestalten können, ja müssen. Zwei Mammutwerke von zwei Schwergewichten ins Programm zu nehmen, war selbst für geübte Hörer anstrengend. Warum nicht nur eines und dafür mehr vom Vokalensemble? Aber das nur am Rande und wohlmeinend. Denn dieser a-capella-Abend der Studenten der HfMDK hat eindrücklich bewiesen, dass es um die Next Generation gut bestellt ist. Die gemeinsame Zugabe, wie könnte es anders sein, mit O nata lux, ließ noch einmal das Licht der Ewigkeit spüren, auch wenn bereits draußen die Dämmerung eingebrochen war.   

 

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