Freitag, 8. Juli 2022

 

Das 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022

 

Sophie Pacini, Klavierrezital im Kubus des Schlosses Johannisberg, 07.07. 2022

 

Sophie Pacini (Foto: Ansgar Klostermann)

Große Freiheit und Schmetterling Feeling

Ein denkwürdiger Abend, ähnlich wie das Wetter draußen, bedeckt und doch voller fröhlichem Vogelgesang und friedvoller Atmosphäre. Sophie Pacini (*1991) sprach perfektes deutsch und erläuterte nach einem kurzen klanglichen und sehr gesanglich vorgetragenen Nocturne in cis-Moll op. posth. von Frederic Chopin (1810-1849), den ersten Teil ihres Programms mit Werken von ihm und Alexander Skrjabin (1872-1915). So wie ihre geschmackvolle Robe in himmlischem Weißblau befinde sich auch ihre Stimmung, wenn sie Werke in cis-Moll spiele. Das Fantaisie-Impromptu in cis-Moll sowie die Etüde cis-Moll op. posth.66 gehörten zu ihren Lieblingsstücken, da sie bei dieser Tonart die große Freiheit verspüre und schmetterlingshaft, leicht und weich, die Welt umarmen könnte.

 

Belcanto und Scheppern

Tatsächlich flogen ihre Finger bei dem Fantaisie-Impromptu perfekt über die Tastatur des Steinway Flügels, auch das Largo, eine Kantilene im Stile des italienischen Belcanto, der Mittelteil dieser Fantasie, interpretierte sie wunderschön, wenn auch durchaus eigenwillig, mit extremen Rubati und rhythmischen Wechseln. Aber, war es die Stimmung des Flügels oder die Akustik des Kubus, der Klang wurde ständig überhallt durch Dissonanzen und nicht selten glaubte man ein Scheppern des Steinways zu hören. Das besserte sich zwar in der langsam vorzutragenden Etüde (Tempobezeichnung: Lento), eine selten gehörte aus der Sammlung von insgesamt 24, die zwischen 1829 und 1836 entstanden, aber auch hier verschwammen die Töne in den virtuosen Passagen. Dennoch, ein wunderbares, liedhaftes, gesanglich vorgetragenes Übungsstück. Sophie Pacini verglich es in ihrer Vorrede mit einer Cello-Etüde auf das Klavier übertragen in atmendem Legato, womit sie absolut recht behielt.

 

Melancholie und Zögerlichkeit

Vier Minuten Alexander Skrjabin mit zwei Préludes, allerdings in e-Moll und D-Dur (1895), die kaum von Chopin zu unterscheiden waren, hätte man nicht gewusst, wer sie geschrieben hat. Tatsächlich war Skrjabin ein großer Anhänger Chopins und verehrte ihn fast schon abgöttisch. Was ihn von Chopin zumindest in diesen beiden Miniaturen unterscheidet: Die tiefe Traurigkeit und Melancholie im ersten Stück, Lento, wie die doch zögerliche Versöhnlichkeit im zweiten Stück, Andante cantabile. Chopin komponiert eher direkter, klarer in der musikalischen Aussage.

 

Sophie Pacini (Foto: Ansgar Klostermann)

Clowneske und große Erzählung

Dann das b-Moll Scherzo op. 31 zum Abschluss des „cis-Moll“ Abschnitts. Pacini spielte es spitzbübisch, zuweilen clownesk, gewöhnungsbedürftig aber durchaus nachzuvollziehen. Das Sostenuto, der Mittelteil, wurde bei ihr zu einer großen Erzählung mit extremen Rubati und wilden Ausbrüchen. Die Reprise geriet nicht mehr so spitz und kindlich verspielt, dafür aber höchst dramatisch mit gewaltigem Final-Fortissimo. Perfekte Technik, grandiose Virtuosität und tiefe Musikalität der Interpretin konnte leider auch hier das klangliche Debakel nicht immer überhören lassen.

 

Zwischen Tröstung und gewaltiger Genietat

Der zweite Teil des Abends war Franz Liszt (1811-1886) gewidmet. Auch hier erläuterte Sophie Pacini zunächst ausführlich ihre Herangehensweise an diese Werke. Einleitend zur „Grande Sonate pour Pianoforte“, der h-Moll Sonate (1853) stellte sie zwei Consolations (1850) von wenigen Minuten in den Raum. Tröstungen, die, so ihre Auffassung, bestens die „gewaltige Genietat“ des damals 41-Jährigen Liszt einleiten sollten. Die h-Moll Sonate verglich sie alsdann mit dem Faustischen Pakt. Mephisto, Faust und Liszt spiegelten sich in diesem Monumentalwerk von gut 30 Minuten wider. Eine Art Autobiographie des Komponisten.

Was aber zeichnet dieses wohl technisch höchst anspruchsvolle Werk im Detail aus? Es ist zwar Einsätzig trotz tatsächlicher Mehrsätzigkeit, enthält die typische Sonatenform mit Exposition, Durchführung und Reprise, aber keines der insgesamt vier „Themen“ (Das Sprungmotiv, das Hammerschlagmotiv, das Grandioso sowie das lyrische Andante) lassen sich eindeutig strukturell voneinander trennen. Sie wechseln ständig auf immer neuem Niveau. Die Dramatik kennt keine Grenzen, die Geschichte strebt mit gewaltiger Stringenz ihrem Kairos, ihrer endgültigen Entscheidung zu. Das vorgeschaltete Fugato mit Sprungmotiv und Hammerschlägen entwickelt sich in den letzten 100 Takten zu einem Prestissimo von extremer Chromatik, die fast das Atonale erreicht. Ein Klanggewirr vergleichbar mit dem Jüngsten Gericht. Dennoch, der Abschluss ist versöhnlich. Die Schlussakkorde enden in der fünften Stufe des H-Dur, ein helles Licht im vorausgegangenen Dunkel.

 

Sophie Pacini (Foto: sophie-pacini.de

Blinder Lärm oder Aufbruch ins 20. Jahrhundert?

Clara Schumann, ihrem Mann Robert Schumann ist übrigens dieses Werk gewidmet, meinte beim erstmaligen Hören der Sonate: „Das ist nur noch blinder Lärm … kein gesunder Gedanke mehr, alles verwirrt eine klare Harmoniefolge ist nicht mehr herauszufinden.“  Aus ihrer Sicht durchaus verständlich, aus heutiger Sicht ungerecht, da Liszt weder die Sonatenform verlässt noch die Tonalität drangsaliert, aber ganz im Sinne Beethovens die Form an ihre Grenze bringt und die Tonalität ins 20. Jahrhundert katapultiert. Wagners Tristan Akkord vorwegnimmt und für Arnold Schönberg und die Zwölftöner richtungsweisend wird.

 

"Das Herz schlug mir bis unter die Zunge"

Sophie Pacini spielte zwischen Nemesis und Themis, zwischen Rache und Gerechtigkeit. Ihre ganze Seele schien sich in dem Werk widerzuspiegeln. (Die akustischen Mängel waren vergessen. Lag es eventuell am Mikrophon, das jetzt nicht mehr neben ihr lag und vielleicht zu einer Frequenzstörung führte?). Völlig erschöpft spielte sie die letzten Akkorde. Blass und ausgepumpt dankte sie dem Publikum für seine Bereitschaft, dieses Werk mit ihr zu teilen. „Das Herz“, meinte sie lapidar, schlug mir bis unter die Zunge.“ Der Applaus war ihr sicher.

Mit einer Zugabe aus Robert Schumanns Kinderszenen „Der Dichter spricht“ (ihrer Auffassung nach der Ideengeber für die h-Moll Sonate) und der Wiederholung des Chopinschen Fantaisie-Impromptu verabschiedete sie sich von Schloss Johannisberg und der RMF. Ein gern gesehener und gehörter Gast auch für die Zukunft.

 

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