Das 35.
Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022
Julia
Fischer Quartett,
Schloss Johannisberg, 09.07.2022
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| Das Julia Fischer Quartett, v. l. Alexander Sitkovetsky, Nils Mönkemeyer, Julia Fischer, Benjamin Nyffenegger (Foto: RMF/Irene Zandel) |
Julia
Fischer ist Programm
Sagen wir
mal so. Das Julia Fischer Quartett könnte gut und gern auch den Namen einer seiner drei Mitstreiter tragen, wie Alexander Sitkovetsky, Violine, Nils
Mönkemeyer, Bratsche, oder Benjamin Nyffenegger, Violoncello, denn
jeder von ihnen ist nicht allein ein Ausnahme Könner, sondern alle treten auch
solistisch auf und sind an ihren Instrumenten weltbekannt und preisgekrönt. Dennoch,
der Name Julia Fischer ist Programm, und das auch zu Recht.
Ein musikalisches
Erlebnis von besonderer Qualität
Jung sind sie, dazu attraktiv, und seit 2010 zusammen, übrigens auf Initiative von Julia
Fischer höchstpersönlich. Sie selbst gehört in dieser Saison zum Fokus des
RMF´s und gibt insgesamt vier Konzerte (die beiden letzten am 20. und am
23.07.). Ob dieses das beste war, sei dahingestellt, aber zumindest bot dieses
Ausnahmequartett ein musikalisches Erlebnis von besonderer Qualität. Der nahezu
vollbesetzte Kubus auf Schloss Johannisberg jedenfalls brodelte, und
Zwischenapplaus innerhalb der drei vorgetragenen Quartette waren erlaubt, denn
sie dienten der nötigen Spannungsentladung des Publikums.
Schmerz,
Schrei und Tröstung
Zunächst
spielten die glorreichen Vier das Streichquartett Nr. 15 d-Moll KV 421 (1783)
von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791). Ein ungewöhnliches Werk in der bei Mozart
relativ seltenen Moll-Tonart geschrieben. Nach Aussagen seiner Frau Constanze
schrieb er es während ihrer Niederkunft (sie gebar am 17. Juni den gemeinsamen
Sohn Leopold), ohne am Klavier zu sitzen und verarbeitete darin den Schmerz, die
Schreie aber auch die Tröstungen während dieser entscheidenden Geburtsphase.
Tatsächlich
ist das viersätzige Werk von ausufernder Expressivität geprägt, durchsetzt zwar
von vielen Lamento- und Seufzer-Passsagen. Aber auch extreme, für Mozart
eigentlich untypische Kontraste beherrschen diese Komposition. Lediglich das in
F-Dur gehaltene Andante des zweiten Satzes, eine Rondo- ähnliche
Liedweise, lässt etwas von der Mozartischen Leichtigkeit, man möchte fast von
Unbekümmertheit sprechen, erahnen. Dann das Menuett, der dritte Satz,
tänzerisch stampfend wie ein Jetzt-erst-recht. Energisch, schwungvoll. Man
behauptet, er habe es in der Phase der Entbindung seiner Frau aufs Papier
gebracht. Eine fünfteilige Variation dann zum Abschluss, ein Allegretto ma non
troppo, kein Jubelgesang, wie man vermuten könnte, sondern ein melodischer Leckerbissen,
mal synkopisch rhythmisiert, mal mit solistischen Einlagen der Bratsche und der
ersten Geige garniert, dann aber ins Dur wechselnd mit höchst dramatischer
Coda. Bereits jetzt konnte das Quartett
absolut überzeugen. Technisch allerdings schien die Elektronik sehr Bass lastig
eingestellt zu sein. Bratsche und Cello, überhaupt dominant in diesem Werk,
ließen die beiden Geigen etwas stiefmütterlich in den Hintergrund treten, was
aber lediglich die perfekte Könnerschaft der beiden Musiker hervorhob und die
Interpretation kaum minderte.
| v. l.: Julia Fischer, Alexander Sitkovetsky, Nils Mönkemeyer und Benjamin Nyffenegger Foto: Ansgar Klostermann |
Wegmarke
und Mahnung
Andrey
Rubtsov (*1982),
nahezu gleichaltrig mit Julia Fischer, musizierte auch schon einige Male
mit ihr, denn er hat sich als Oboist und auch als Dirigent weltweit
einen Namen erworben und ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Extra für Julia
Fischer und ihr Quartett hat er im September 2021 „Tree of Ténére“
fertiggestellt, und das Publikum durfte die Deutsche Erstaufführung im Kubus
des Schlosses erleben.
Ein
einsätziges fast 25-Minuten dauerndes Werk voller Klangfarben mit vielen
einfallsreichen Motiven, die fortgespinnt, zu immer neuen motivischen Einfällen
weiterleiten. Keine Struktur, sondern eher ein meditativer Prozess zeichnet
dieses Werk aus. Es verlässt nie die Tonalität, schafft aber immer wieder neue
tonale Beziehungen, ohne die Gesetze der Harmonik einzuhalten. Ein Werk mit
solistischem Schwerpunkt, das heißt jeder der Musiker kommt zu seinem ganz
speziellen Einsatz.
Worum aber
geht es dem Komponisten mit diesem Werk? Es handelt von einem einsamem Baum, eine Schirmakazie
in der Wüste, eine Wegmarke, die leider von einem betrunkenen LKW-Fahrer umgefahren
wurde und heute als Mahnmal im nigrischen (Niger) Nationalmuseum ausgestellt
ist. Eine wunderbare Metapher, die Wegmarke im unübersichtlichen Sandmeer und
ein Mahnmal im Museum. Rubtsovs Klangfarbenspiel, unglaublich einfühlsam von
den Vieren in den Raum entlassen, bot gerade in der heutigen Zeit der Orientierungslosigkeit
und der falschen Propheten ein wunderbares musikalisches Zeichen. Ein grandioses
Ereignis.
Ein Schlager
für die russische Volksseele
Peter Tschaikowskis
(1840-1893) Streichquartett Nr.1 op.11 in D-Dur (1871) bildete den, hellen,
zuversichtlichen Abschluss der, bis dahin bereits einzigartigen Vorstellung.
Was zeichnet
dieses Werk aus? Es ist das Volkstümliche, das Tänzerische, ja das folkloristisch
Einfache, lebensbejahende und Fröhliche, das Tschaikowski hier aufs Papier brachte,
wo doch jeder die dunklen Seiten dieses Komponisten kennt. Entstanden ist es
aus finanzieller Not. Eigentlich für Orchester gedacht, reduzierte er seine
Komposition auf ein Streichquartett, dem allerdings das Orchestrale durchaus
aus allen Poren quillt.
Nicht von
ungefähr wurde es sofort zum Schlager. Bereits im ersten Satz, dem Moderato e
semplice, einem Sonatenhauptsatz, lässt Tschaikowski virtuell das Orchester und
nicht vier Streicher spielen, mit sehr einfacher Melodik und ungeheurer
Homophonie, um dann im zweiten Satz, einem Andante cantabile, eine in Russland
beliebte Volksweise, Text: „Wanja saß auf dem Sofa und rauchte eine
Tabakpfeife“, die Herzen der Zuhörer zu erobern. Auch das Scherzo des
dritten Satzes erinnert stark an einen Kosakentanz in der Manier von Béla Bartóks
rumänischen Tänzen. Ein Parforceritt auf der russischen Seele.
| v. l.: Julia Fischer, Alexander Sitkovetsky, Nils Mönkemeyer und Benjamin Nyffenegger Foto: Ansgar Klostermann |
Das Finale
Allegro des vierten Satzes forderte noch einmal alles von den vier
Teufelsgeigern. Mal im giusto, also beliebig, mal im vivace, also
lebendig, steigerten sie sich bis zum Prestissimo, dass die Bögen nur so
flogen. Das Publikum explodierte förmlich von ihren Sitzen. Julia Fischers
Streichquartett grenzt an einer Lichtgestalt innerhalb der vielen exzellenten Streichquartette
auf der Welt.
Ihre Zugabe,
eine "Paraphrase" aus Vangelis´ (1943-2022) The Conquest of Paradise, Filmmusik
aus 1492-Die Eroberung des Paradieses und Erkennungsmelodie des
ehemaligen Mittelgewichtlers Henry Maske, mit wunderbar eigenwilligen Akzenten -, konkret: der 1. Satz
aus dem 4 Streichquartett op.43 von Borys Ljatoshynsky (1895-1968) und stellt unmittelbar die berechtigte Frage, wer wohl von wem plagiiert hat- setzte noch einmal die absolute Stimmigkeit dieses Ausnahme Quartetts in den Fokus, einfach paradiesisch schön. Dazu gibt es nichts weiter hinzuzufügen.

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