Ulisse, Oper von Luigi Dallapiccola
(1904-1975), Oper Frankfurt, Vorstellung vom 15.07.2022 (Premiere am 26.06.22)
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| Iain MacNeil als Odysseus (Foto: Barbara Aumüller) |
„Resultat
meines gesamten Lebens“
Luigi
Dallapiccola
(1904-1975), wohl einer der bedeutendsten italienischen Komponisten und Musikerpersönlichkeiten
seiner Zeit, kann mit Fug und Recht als einer der melodischsten, dramatischsten
und gesanglichsten Zwölftöner des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden. Seine
offensichtliche Nähe zu Schoenberg, Webern, Alban Berg, die bekanntesten Protagonisten
dieses Genres, ergänzte er genial durch seine, wie er selbst betonte, Hilfe in
der Dichtkunst und Literatur: „Ich fand in der Literatur vor allem bei Marcel Proust
und James Joyce interessante Parallelen zum Zwölftonsystem … Die klassische
Form der Dichtung entspricht der Sonatenform, die moderne Literatur der
Zwölftontechnik“ (Programm S. 20). Bei Ulisse – 1968 an der Deutschen
Oper Berlin mit wenig Erfolg uraufgeführt und danach nur noch einmal im
Staatstheater Oldenburg – handelt es sich insofern um ein sehr komplexes Werk
mit unterschiedlichen Textbezügen aus Aischylos, Goethe, Thomas Mann,
Hölderlin, James Joyce, Alfred Tennysons, dem Hl. Augustinus und selbstverständlich
Dante Alighieri, woraus Dallapiccola, konzentriert in zwei Akten, ergänzt durch
einen Prolog und Epilog, einen homerischen Odysseus kreiert, der
autobiographische Züge erhält und, wie er selbst feststellt: „Resultat
meines gesamten Lebens“ ist.
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| Iain MacNeil als Odysseus (Foto: Barbara Aumüller) |
Schauen …
Erstaunen … Schauen …
Ein Odysseus
der ganz individuellen Lesart also. Dallapiccola war durch und durch
Existenzialist, Camus und Sartre, aber auch Heidegger prägten sein Weltbild.
Der Mensch, unschuldig in diese Welt geworfen, musste seinen Weg, musste sich
selbst finden. „Schauen und Erstaunen“, die Urformel dieses Werks, begleitet
den Gesang des Odysseus. Die Metamorphose vom Niemand zum Jemand, vom Du zum
Ich findet seinen Höhepunkt im Epilog, wo Odysseus seine endgültige Bestimmung
erfährt: Es ist die Sternensymbolik: „Sterne, wie viele Male, unter so vielen
Himmeln, erschaut´ ich wohl eure klare, funkelnde Schönheit!“, singt Odysseus. Die
Sterne bilden die Brücke zum Himmel, zu Gott. Diese Allusion bildet den
eigentlichen Knotenpunkt der der Persönlichkeitsentwicklung des Protagonisten.
Der Weg der bedingungslosen Erkenntnissuche ist beendet. Stark an Dantes Inferno
erinnernd, wo die Sterne (stelle) den Weg ins ewige Paradies weisen.
Die
Sterne weisen den Weg
Vielleicht ist
das der Grund der Anstößigkeit seiner Kritiker? Immerhin steht Dallapiccola
hier in der idealistischen Tradition von Richard Wagners Fliegendem
Holländer, dem „Ahasverus der Meere“ (Wagner) – wie überhaupt das Meer, das
endlose, ungreifbare, auch im Ulisse Drama eine hervorgehobene Rolle spielt –
und der Kantischen Kritik der reinen Vernunft, damals ein Ding der
Unmöglichkeit in den wilden 68ern. Heute allerdings wieder en vogue in Zeiten
der Klima-, Gesundheits- und Kriegsapokalypse und der Suche nach dem echten "Innen".
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| Iain MacNeil (Odysseus), Sarah Aristidou (Nausikaa) Foto: Barbara Aumüller |
„Suchbewegungen“
Kommen wie
zur Aufführung des Abends. Das Team um Tatjana Gürbaca (Inszenierung)
hat diese Inszenierung unter das Motto der „Suchbewegungen“ gestellt. Odysseus
(glänzend gesungen und gespielt von Iain MacNeil, Bariton) ist in der
permanenten Verwandlung begriffen, wie auch die Bühne und die vielen aktiven
Sängerinnen und Sänger. Odysseus ist nicht mehr der klassische listige
Einzelgänger, der rücksichtslos seine atomistischen Interessen verfolgt (so
verstanden ihn zumindest Adorno und Horkheimer in ihrer Dialektik der
Aufklärung von 1947) sondern vielmehr ein existentieller Niemand (er bezeichnet
sich selbst so) auf der Suche nach sich als Mensch. Immer steht die Kantische Frage
im Raum: Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen?
Eigentlich
eine Thematik mit wenig dramatischen Elementen, schafft dieses Team (Klaus
Grünberg, Bühne, Silke Willrett, Kostüme) es dennoch, den sehr
textlastigen Stoff szenisch interessant umzusetzen. Am Anfang befinden wir uns
zum Beispiel unter Touristen inmitten einer archäologischen Ausgrabungsstätte.
Die Kostüme der Statisten sind zeitgemäß modern, Odysseus in Boxershorts und
blauweißem T-Shirt mitten unter ihnen. Der Prolog endet bei den Phäaken.
Mädchen in englischen Schuluniformen spielen Federball und Nausikaa (Sarah
Aristidou, Sopran) träumt vom perfekten Ehemann, der Odysseus nicht sein
kann.
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| Ian MacNeil und Ensemble (Foto: Barbara Aumüller) |
Viele Schnitte, Effekte und Pop-Elemente
Dann folgen
heftige Schnitte: Im Königspalast des Alkinoos (Andrea Bauer Kanabas,
Bass), Vater der Nausikaa, erzählt Demodokos (Yves Saelens, Tenor), der
Sänger des Königs, die Geschichte der Irrfahrten des Odysseus und stellt fest,
dass niemand mehr diesen Helden kenne, lediglich noch die Dichter. Traum und
Wirklichkeit verschwimmen ineinander. Mal erscheinen die Wesen in orangenen
Overalls mit weißen Motorradhelmen, dann die verführerischen Lotophagen in Engelsgewändern
mit Luftballons für Kinderherzen. Dann erscheint Kirke (wegen Krankheit von
Katharina Magiera in der Doppelrolle mit Annette Schönmüller, Sopran,
und Alona Mokiievets, szenisches Spiel, besetzt) mit dem alles
dominierenden Teppich und mit goldenem Vlies bekleidet, wie eine Königin des Lichts.
Der Teppich als Symbol der unendlichen Verknüpfungen, und Kirke als beklemmende,
glitzernde Schönheit. Odysseus widersteht ihr, er bleibt im Modus: Schauen – Erstaunen
- Schauen … Großartige Szene, wenngleich der Gesang von der Seite der Bühne zu
viel Vibrato enthielt und die Stimme im Altbereich schwach war.
Kurios die
Hades Szenerie. Ein Altersheim mit Stehlampen, ein Krankenhaus? Das Totenreich
jedenfalls stellt man sich im Danteschen Sinne anders vor. Odysseus sucht seine
Mutter Antikleia (Claudia Mahnke, Mezzosopran), findet sie, kann sie
aber nicht greifen. In Clown ähnlichem Gewande wechselt sie mal ihr Geschlecht,
mal ihre Person. Übrig bleibt der Seher Teiresias (Yves Saelens, Tenor),
hier wie ein Bhagwan aus den 1970ern kostümiert, der ein Blutbad bei seiner
Rückkehr in Ithaka voraussagt.
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| Ian MacNeil und Ensemble (Foto: Barbara Aumüller) |
Vom
Niemand zum Jemand
Der zweite
Akt handelt auf Ithaka. Odysseus wird nicht erkannt, auch nicht von seinem Sohn
Telemachos (Dmitry Egorov, Counter) und dem Hirten, seinem Vertrauten
Eumäos (Brian Michael Moore, Tenor). Viel Pop, greller Transgender, überspitzter
Orgien-Zauber, Kunstblut und Symbolik beherrscht diese Szenerie. Die Dirne
Melantho (Annette Schönmüller, Sopran, und Alona Mokiievets,
szenisches Spiel) dominiert diesen Part. Odysseus, der Niemand, wird durch Beleidigung
und Entehrung zum Rachegott. Die Freier, allen voran Antinoos (Danylo Matviienko,
Tenor), reizen Odysseus bis auf Blut, eine Orgie sowie der laszive Tanz der
Dirne mit seinem güldenen Bogen, den nur er spannen kann, lässt ihn zum Jemand transformieren.
Er tötet die Dirne, Symbol seiner verzweifelten Erkenntnissuche, und scheint die
Freiheit und Würde seiner Frau Penelope wieder herzustellen. Penelope (Juanita
Lascarro, Sopran) erscheint. War sie im Prolog noch die Göttin Kalypso, die
Odysseus die ewige Erforschung der Welt vorhersagte, erscheint sie jetzt als
seine geliebte Frau. Sie erreichen sich nicht, wie auch.
Das Meer hat
Odysseus wieder, ein nur wenige Minuten dauernde Monolog lässt ihn Gott
erschauen. Bei Dante verlässt er seine Heimat zu einer neuen Expedition und
findet vor Gibraltar seinen Tod.
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| Iain MacNeil, Alona Mokiievets als Melantho mit weißem Kopfputz, Danylo Matviienko als Antinoos mit rosa Federhaube, Chor der Oper Frankfurt (Foto: Barbara Aumüller) |
Keine
Technik, sondern ein Gemütszustand
Der
Italiener Francesco Lanzillotta hatte die musikalische Leitung der
Aufführung. Ihm ist es zu verdanken, die an sich holzschnittartige Dodekaphonie
in wunderschönen Farben und von ausgewählter Expressivität präsentiert zu
haben. Das ganz eigene Zwölftonsystem des Luigi Dallapiccola ist, so er selbst,
keine Technik, sondern „ein Gemütszustand“. Und genau das machte diesen sehr
schwierigen und abstrakten Stoff zumindest zu einem herausragenden Hörerlebnis.
Die insgesamt 17 Partien wurden von Iain MacNeil als Odysseus, von Yves
Saelens als Demodokos und Teiresias, von Sarah Aristidou als
Nausikaa, von Andrea Bauer Kanabas als König Alkinoos sowie von Brian
Michael Moore herausragend interpretiert und gespielt. Die szenische Rolle
der Kirke wie der Dirne Melantho spielte zudem Alona Mokiievets mit
großer schauspielerischer Noblesse.
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| v. l.: Yves Saelens als Teiresias, Iain MacNeil, Claudia Mahnke als Antikleia (Foto: Barbara Aumüller) |
Der Lack
bröckelt
Dazu der
Chor der Oper Frankfurt (Tilman Michael), der, extrem gefordert, vor
allem in der Orgien Szene teilweise über sich hinauswuchs. Eine insgesamt hoch
interessante Oper mit absolut aktuellem Impetus, wenngleich der Aufführung ein
wenig der Lack abgeblättert ist. Waren es die vielen krankheitsbedingten
Ausfälle, die fortgeschrittene Saison, die Sommerpause steht vor der Tür, oder
vielleicht die höchst anspruchsvolle Inszenierung selber?
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| v. l.: Iain MacNeil, Yves Saelens als Demodokos, Andreas Bauer Kanabas als König Alkinoos, Sarah Aristidou als Nausikaa (Foto: Barbara Aumüller) |
Ein Ausnahmewerk
ohne Anspruch auf Repertoire
Was bleibt
ist: Die Oper ist als solche wegen der narrativen Rückblenden und der sparsamen
Handlung, aber auch wegen der mythologischen und textlichen Rückbezüge nicht
einfach zu verstehen. Zwei Stunden höchste Aufmerksamkeit sind da schon
verlangt, wie auch eine entsprechende Vorbereitung. Ulisse ist
zweifellos ein Ausnahmewerk (inhaltlich, gesanglich wie musikalisch), aber
vielleicht wäre es besser als Oratorium aufgehoben, da so das Verfolgen der wunderbaren
Texte und Gesänge und vor allem der Musik erleichtert würde.

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