Samstag, 16. Juli 2022

 

Ulisse, Oper von Luigi Dallapiccola (1904-1975), Oper Frankfurt, Vorstellung vom 15.07.2022 (Premiere am 26.06.22)

Iain MacNeil als Odysseus (Foto: Barbara Aumüller)


„Resultat meines gesamten Lebens“

Luigi Dallapiccola (1904-1975), wohl einer der bedeutendsten italienischen Komponisten und Musikerpersönlichkeiten seiner Zeit, kann mit Fug und Recht als einer der melodischsten, dramatischsten und gesanglichsten Zwölftöner des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden. Seine offensichtliche Nähe zu Schoenberg, Webern, Alban Berg, die bekanntesten Protagonisten dieses Genres, ergänzte er genial durch seine, wie er selbst betonte, Hilfe in der Dichtkunst und Literatur: „Ich fand in der Literatur vor allem bei Marcel Proust und James Joyce interessante Parallelen zum Zwölftonsystem … Die klassische Form der Dichtung entspricht der Sonatenform, die moderne Literatur der Zwölftontechnik“ (Programm S. 20). Bei Ulisse – 1968 an der Deutschen Oper Berlin mit wenig Erfolg uraufgeführt und danach nur noch einmal im Staatstheater Oldenburg – handelt es sich insofern um ein sehr komplexes Werk mit unterschiedlichen Textbezügen aus Aischylos, Goethe, Thomas Mann, Hölderlin, James Joyce, Alfred Tennysons, dem Hl. Augustinus und selbstverständlich Dante Alighieri, woraus Dallapiccola, konzentriert in zwei Akten, ergänzt durch einen Prolog und Epilog, einen homerischen Odysseus kreiert, der autobiographische Züge erhält und, wie er selbst feststellt: „Resultat meines gesamten Lebens“ ist.

Iain MacNeil als Odysseus (Foto: Barbara Aumüller)


Schauen … Erstaunen … Schauen …

Ein Odysseus der ganz individuellen Lesart also. Dallapiccola war durch und durch Existenzialist, Camus und Sartre, aber auch Heidegger prägten sein Weltbild. Der Mensch, unschuldig in diese Welt geworfen, musste seinen Weg, musste sich selbst finden. „Schauen und Erstaunen“, die Urformel dieses Werks, begleitet den Gesang des Odysseus. Die Metamorphose vom Niemand zum Jemand, vom Du zum Ich findet seinen Höhepunkt im Epilog, wo Odysseus seine endgültige Bestimmung erfährt: Es ist die Sternensymbolik: „Sterne, wie viele Male, unter so vielen Himmeln, erschaut´ ich wohl eure klare, funkelnde Schönheit!“, singt Odysseus. Die Sterne bilden die Brücke zum Himmel, zu Gott. Diese Allusion bildet den eigentlichen Knotenpunkt der der Persönlichkeitsentwicklung des Protagonisten. Der Weg der bedingungslosen Erkenntnissuche ist beendet. Stark an Dantes Inferno erinnernd, wo die Sterne (stelle) den Weg ins ewige Paradies weisen.


Die Sterne weisen den Weg

Vielleicht ist das der Grund der Anstößigkeit seiner Kritiker? Immerhin steht Dallapiccola hier in der idealistischen Tradition von Richard Wagners Fliegendem Holländer, dem „Ahasverus der Meere“ (Wagner) – wie überhaupt das Meer, das endlose, ungreifbare, auch im Ulisse Drama eine hervorgehobene Rolle spielt – und der Kantischen Kritik der reinen Vernunft, damals ein Ding der Unmöglichkeit in den wilden 68ern. Heute allerdings wieder en vogue in Zeiten der Klima-, Gesundheits- und Kriegsapokalypse und der Suche nach dem echten "Innen".

 

Iain MacNeil (Odysseus), Sarah Aristidou (Nausikaa) Foto: Barbara Aumüller

„Suchbewegungen“

Kommen wie zur Aufführung des Abends. Das Team um Tatjana Gürbaca (Inszenierung) hat diese Inszenierung unter das Motto der „Suchbewegungen“ gestellt. Odysseus (glänzend gesungen und gespielt von Iain MacNeil, Bariton) ist in der permanenten Verwandlung begriffen, wie auch die Bühne und die vielen aktiven Sängerinnen und Sänger. Odysseus ist nicht mehr der klassische listige Einzelgänger, der rücksichtslos seine atomistischen Interessen verfolgt (so verstanden ihn zumindest Adorno und Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung von 1947) sondern vielmehr ein existentieller Niemand (er bezeichnet sich selbst so) auf der Suche nach sich als Mensch. Immer steht die Kantische Frage im Raum: Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen?

Eigentlich eine Thematik mit wenig dramatischen Elementen, schafft dieses Team (Klaus Grünberg, Bühne, Silke Willrett, Kostüme) es dennoch, den sehr textlastigen Stoff szenisch interessant umzusetzen. Am Anfang befinden wir uns zum Beispiel unter Touristen inmitten einer archäologischen Ausgrabungsstätte. Die Kostüme der Statisten sind zeitgemäß modern, Odysseus in Boxershorts und blauweißem T-Shirt mitten unter ihnen. Der Prolog endet bei den Phäaken. Mädchen in englischen Schuluniformen spielen Federball und Nausikaa (Sarah Aristidou, Sopran) träumt vom perfekten Ehemann, der Odysseus nicht sein kann.

 

Ian MacNeil und Ensemble (Foto: Barbara Aumüller)

Viele Schnitte, Effekte und Pop-Elemente

Dann folgen heftige Schnitte: Im Königspalast des Alkinoos (Andrea Bauer Kanabas, Bass), Vater der Nausikaa, erzählt Demodokos (Yves Saelens, Tenor), der Sänger des Königs, die Geschichte der Irrfahrten des Odysseus und stellt fest, dass niemand mehr diesen Helden kenne, lediglich noch die Dichter. Traum und Wirklichkeit verschwimmen ineinander. Mal erscheinen die Wesen in orangenen Overalls mit weißen Motorradhelmen, dann die verführerischen Lotophagen in Engelsgewändern mit Luftballons für Kinderherzen. Dann erscheint Kirke (wegen Krankheit von Katharina Magiera in der Doppelrolle mit Annette Schönmüller, Sopran, und Alona Mokiievets, szenisches Spiel, besetzt) mit dem alles dominierenden Teppich und mit goldenem Vlies bekleidet, wie eine Königin des Lichts. Der Teppich als Symbol der unendlichen Verknüpfungen, und Kirke als beklemmende, glitzernde Schönheit. Odysseus widersteht ihr, er bleibt im Modus: Schauen – Erstaunen - Schauen … Großartige Szene, wenngleich der Gesang von der Seite der Bühne zu viel Vibrato enthielt und die Stimme im Altbereich schwach war.

Kurios die Hades Szenerie. Ein Altersheim mit Stehlampen, ein Krankenhaus? Das Totenreich jedenfalls stellt man sich im Danteschen Sinne anders vor. Odysseus sucht seine Mutter Antikleia (Claudia Mahnke, Mezzosopran), findet sie, kann sie aber nicht greifen. In Clown ähnlichem Gewande wechselt sie mal ihr Geschlecht, mal ihre Person. Übrig bleibt der Seher Teiresias (Yves Saelens, Tenor), hier wie ein Bhagwan aus den 1970ern kostümiert, der ein Blutbad bei seiner Rückkehr in Ithaka voraussagt.

 

Ian MacNeil und Ensemble (Foto: Barbara Aumüller)

Vom Niemand zum Jemand

Der zweite Akt handelt auf Ithaka. Odysseus wird nicht erkannt, auch nicht von seinem Sohn Telemachos (Dmitry Egorov, Counter) und dem Hirten, seinem Vertrauten Eumäos (Brian Michael Moore, Tenor). Viel Pop, greller Transgender, überspitzter Orgien-Zauber, Kunstblut und Symbolik beherrscht diese Szenerie. Die Dirne Melantho (Annette Schönmüller, Sopran, und Alona Mokiievets, szenisches Spiel) dominiert diesen Part. Odysseus, der Niemand, wird durch Beleidigung und Entehrung zum Rachegott. Die Freier, allen voran Antinoos (Danylo Matviienko, Tenor), reizen Odysseus bis auf Blut, eine Orgie sowie der laszive Tanz der Dirne mit seinem güldenen Bogen, den nur er spannen kann, lässt ihn zum Jemand transformieren. Er tötet die Dirne, Symbol seiner verzweifelten Erkenntnissuche, und scheint die Freiheit und Würde seiner Frau Penelope wieder herzustellen. Penelope (Juanita Lascarro, Sopran) erscheint. War sie im Prolog noch die Göttin Kalypso, die Odysseus die ewige Erforschung der Welt vorhersagte, erscheint sie jetzt als seine geliebte Frau. Sie erreichen sich nicht, wie auch.

Das Meer hat Odysseus wieder, ein nur wenige Minuten dauernde Monolog lässt ihn Gott erschauen. Bei Dante verlässt er seine Heimat zu einer neuen Expedition und findet vor Gibraltar seinen Tod.

 

Iain MacNeil, Alona Mokiievets als Melantho mit weißem Kopfputz, Danylo Matviienko als Antinoos mit rosa Federhaube, Chor der Oper Frankfurt (Foto: Barbara Aumüller)

Keine Technik, sondern ein Gemütszustand

Der Italiener Francesco Lanzillotta hatte die musikalische Leitung der Aufführung. Ihm ist es zu verdanken, die an sich holzschnittartige Dodekaphonie in wunderschönen Farben und von ausgewählter Expressivität präsentiert zu haben. Das ganz eigene Zwölftonsystem des Luigi Dallapiccola ist, so er selbst, keine Technik, sondern „ein Gemütszustand“. Und genau das machte diesen sehr schwierigen und abstrakten Stoff zumindest zu einem herausragenden Hörerlebnis. Die insgesamt 17 Partien wurden von Iain MacNeil als Odysseus, von Yves Saelens als Demodokos und Teiresias, von Sarah Aristidou als Nausikaa, von Andrea Bauer Kanabas als König Alkinoos sowie von Brian Michael Moore herausragend interpretiert und gespielt. Die szenische Rolle der Kirke wie der Dirne Melantho spielte zudem Alona Mokiievets mit großer schauspielerischer Noblesse.

 

v. l.: Yves Saelens als Teiresias, Iain MacNeil, Claudia Mahnke als
Antikleia (Foto: Barbara Aumüller)

Der Lack bröckelt

Dazu der Chor der Oper Frankfurt (Tilman Michael), der, extrem gefordert, vor allem in der Orgien Szene teilweise über sich hinauswuchs. Eine insgesamt hoch interessante Oper mit absolut aktuellem Impetus, wenngleich der Aufführung ein wenig der Lack abgeblättert ist. Waren es die vielen krankheitsbedingten Ausfälle, die fortgeschrittene Saison, die Sommerpause steht vor der Tür, oder vielleicht die höchst anspruchsvolle Inszenierung selber?

 

v. l.: Iain MacNeil, Yves Saelens als Demodokos, Andreas Bauer Kanabas als König Alkinoos, Sarah Aristidou als Nausikaa (Foto: Barbara Aumüller)

Ein Ausnahmewerk ohne Anspruch auf Repertoire

Was bleibt ist: Die Oper ist als solche wegen der narrativen Rückblenden und der sparsamen Handlung, aber auch wegen der mythologischen und textlichen Rückbezüge nicht einfach zu verstehen. Zwei Stunden höchste Aufmerksamkeit sind da schon verlangt, wie auch eine entsprechende Vorbereitung. Ulisse ist zweifellos ein Ausnahmewerk (inhaltlich, gesanglich wie musikalisch), aber vielleicht wäre es besser als Oratorium aufgehoben, da so das Verfolgen der wunderbaren Texte und Gesänge und vor allem der Musik erleichtert würde.     

 

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