Sonntag, 17. Juli 2022

 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022

The Sound of Hans Zimmer und John Williams, Filmmusik mit dem 21th Century Symphony Orchestra, Leitung Christian Schumann, Kurpark Wiesbaden, 16.07.2022


21st Century Symphony Orchestra im Kurpark Wiesbaden
(Foto: Ansgar Klostermann)
 

13 Soundtracks aus den letzten 50 Jahren

Eine unübersehbare Menschenmenge bevölkerte den großen Platz des Kurparks Wiesbaden bei bestem Wetter und angenehmer Temperatur, um die Musik der wohl zurzeit bekanntesten Filmkomponisten des Globus, Hans Zimmer (*1957) und John Williams (*1932) zu genießen. Insgesamt 13 Soundtracks aus den verschiedensten Filmen der letzten 50 Jahre mit drei Zugaben begeisterten rundum und ließen den Reminiszenzen der Zuhörer mit Aha und Oho Rufen freien Lauf. Ein Spätnachmittag ganz nach dem Geschmack des Publikums. Dazu ein Schweizer Orchesterensemble, das 21th Century Symphony Orchestra aus Luzern, gegründet 1999, das unter dem kompetenten und unaufgeregten Dirigat von Christian Schumann zu Höchstleistungen auflief.

21st Century Symphony Orchestra im Kurpark Wiesbaden
(Foto: Ansgar Klostermann)
 

Einfallsreich, melodisch, emphatisch

Gleich zu Beginn präsentierte das Orchester John Williams Superman March aus dem 1978 erschienen Science-Fiction-Drama Superman mit Christopher Reeves in der Hauptrolle. Ein Supereinsteiger mit heftig pochenden Triolen, starken Trompetenpartien und melodischen Einlagen. Gleich darauf folgte Main Theme aus dem Film The Patriot von 2000, ein Historien- und Kriegsfilm von Roland Emmerich mit Mel Gibson in der Hauptrolle. Auch hier dominierten der militärische Impetus mit Blechen, Snare Drum und Piccolo Flöte sowie die Weite der Prärie des riesigen Amerikas mit langen melodischen Bögen.

Williams Musik, das ist bereits hier festzuhalten, ist unglaublich einfallsreich, melodisch und emphatisch. Seine Technik changiert zwischen leitmotivischen Elementen und Underscoring, das heißt auf die Untermalung und Verstärkung der optischen Eindrücke ausgerichtet, und ist vor allem aber auch von ausgesprochen Stimmungsbildern geprägt.

 

Suiten Technik mit vielen Rhythmuswechseln

Hans Zimmer folgte dann mit Hummel gets the Rockets aus dem Film The Rock, der Fels der Entscheidung aus dem Jahre 1996. Ein Actionthriller von Michael Bay, der auf der Gefängnisinsel Alcatraz spielt. Die Musik hierzu stammt, neben Hans Zimmer, auch von Nick Glenny Smith und Harry Gregson-Williams. Also eine Gemeinschaftsarbeit. Die Musik erinnert zu Anfang an das berühmte musikalische Richard Strauss Zitat zu Also sprach Zarathustra op. 30, allseits bekannt aus Stanley Kubricks 2001-Odyssee im Weltraum, wechselt aber bald in ein geheimnisvolles Moll mit herrlichen Trompetenmotiven. Insgesamt zeichnet es sich durch permanenten Rhythmus- und Stimmungswechsel aus. Mal stampfend vorwärtstreibend, dann wieder elegisch, trauernd. Immer aber in tänzerischem Dreiviertel oder Vierviertel Takt mit synkopischen Elementen.

Hier zeigt sich bereits das Kompositionsprinzip Zimmers deutlich. Zimmer, der übrigens nie eine musikalische oder kompositorische Ausbildung erhielt und Ennio Morricone zu seinem großen Idol erklärt hat, bevorzugt, wie er selbst sagt, die Suiten-Technik. Suiten sind eigentlich Tanzreihen, die vor allem im Barock vorherrschten. 

Bei Zimmer allerdings dienen sie als eigene Kompositionsbasis für diverse Filme, die dann direkt am Filmstreifen modifiziert werden. Dabei helfen ihm des Öfteren auch andere Komponisten, die auf der Basis seiner Suiten die musikalisch vorgedachten Ideen orchestrieren, arrangieren und gar kompositorisch anpassen. Das hat ihm viel Kritik eingebracht, wird aber von seinen Mitkomponisten zurückgewiesen, die eher die gemeinsame freie Arbeit hervorheben, wie Harry Gregson Williams, einer der Mitkomponisten von Hummel gets the Rock wie auch des The Da Vinci Code, wo er allerdings nicht genannt ist.

 

21st Century Symphony Orchestra mit Christian Schumann am Pult 
im Kurpark Wiesbaden
(Foto: Ansgar Klostermann)
 

Wechsel von Minimalismus und klassischer Liedform

John Williams´ Theme aus Spielbergs Schindlers Liste von 1993, eine herzzerreißende Ballade, spielte die Konzertmeisterin, vermutlich Christina Gallati, mit wunderbarer Ausdruckkraft, wenngleich die notwendige Technik dem expressiven Melos notgedrungen die Natürlichkeit des Klangs verwehrte. Dennoch ein Highlight.

Zwei Soundtracks aus Hans Zimmers riesigen Repertoire folgten: Aus Pirates of the Caribbean/ Am Ende der Welt von 2007, eines der teuersten Disney Produktionen aller Zeiten, Drink Up me Hearties Yo Ho, und aus The Da Vinci Code von 2006, ein Wahnsinns Thriller von Dan Brown, Chevaliers de Sangreal. Auch hier dominiert seine Suiten-Technik. Allerdings mit besonderer Instrumentation wie Akkordeon, Celesta oder Orgel, viel Perkussion und langen homophonen Bögen. Zimmer zeigt sich hier als Meister der Reduktion, das heißt einfache Akkordfolgen, zweischichtige Anlage mit minimalistischer ostinater Basis und effektvoller Themenführung.

John Williams Raider´s March aus dem vierten Teil von Indiana Jones (2008), ein genialer Ohrwurm mit liedhafter ABA`-Struktur konnte wieder einmal voll überzeugen und entließ das enthusiastische Publikum in die Pause.

 

21st Century Symphony Orchestra im Kurpark Wiesbaden
(Foto: Ansgar Klostermann)
 

John Williams versus Hans Zimmer

Der zweite Teil des Abends, bei langsam untergehender Sonne, gehörte mehr der Musik von John Williams als der von Hans Zimmer. Zu Recht vielleicht. Denn John Williams´ Filmmusik ist vielseitiger, einfallsreicher und vor allem melodischer als die von Hans Zimmer. Man spielte von Letztgenanntem Dream is collapsing und Time aus dem 2010 erschienen Film Inception, ein Science-Fiction-Heist Film von Christopher Nolan mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle, und Patricide aus dem Film der Gladiator von 2000, ein mit fünf Oscars prämierter Monumentalschinken von Ridley Scott aus der Zeit des römischen Kaisers Marc Aurel. Auch hier werden wieder neben Hans Zimmer, die Komponisten Lisa Gerrad und Klaus Badelt angegeben. Time, bestehend aus einer a-e-G-D Tonreihe, fällt hier aus Zimmer Suiten-Technik etwas heraus. Es ist eher eine aus dem Barock bekannte Chaconne mit Variation. Ob diese Musik die Handlung des Films paraphrasiert oder gar kontrapunktiert, sei dahingestellt. Zimmer jedenfalls unterscheidet sich musikalisch signifikant von John Williams.

Dessen Soundtracks stammten zunächst aus dem Film Hook von 1991, The Flight to Neverland. Eine Peter Pan Fantasy-Story von Steven Spielberg mit J.M. Barries als Peter Pan. Eine eingängige, zum Schunkeln einladende Kaffeemusik für Damenkränzchen (man tat es tatsächlich in diversen Stuhlreihen); dann Flying Theme aus dem berühmten E.T.- der Außerirdische, ein sympathischer Science-Fiction Streifen von 1982, und gleichzeitig einer der erfolgreichsten dieses Jahrhunderts. Witzig, ein bisschen Indiana-Jones-Flair, hell und spritzig. Immer wieder erstaunlich, was diesem Komponisten so alles einfällt.

Dann natürlich der Schluss mit Star Wars-Sounds satt. Zuerst The Adventures of Han aus A Star Wars Story oder kurz: Solo von 2018. Ein US-amerikanischer Space Western im Star Wars Universum von Ron Howard. Der Sound ist sattsam bekannt und wurde fleißig mit gesummt. Dennoch auch dieses Werk ist logisch in der klassischen Liedform durchkomponiert, mit melodischem Mittelteil und Refrain und hat extrem mitreißende Momente vor allem im Finale. 

Es folgte The jedi Steps und das Finale aus Star Wars Episode VII, Das Erwachen der Nacht von 2015 unter der Regie von J. J. Abrams. Williams wechselt hier zwischen gefühlvoller Melodik im Moll-Modus, dominiert von den tiefen Streichern, und aufbrausenden, pochenden synkopisch versetzten triolischen Erregungszuständen durch Bleche und Perkussion. Perfekt orchestriert, integriert er abschließend die Endlosigkeit des Kosmos in seine Musik und endet mit finalem, gewaltigem Donnerschlag der Pauken und Trompeten.

 

21st Century Symphony Orchestra mit Christian Schumann am Pult 
im Kurpark Wiesbaden
(Foto: Ansgar Klostermann)

Filmmusik als Anker für vertraute Klänge und tiefe Gefühle

Drei Zugaben waren quasi Pflicht. Zwei davon gehörten Williams, beide aus der Star Wars Serie, unter anderem der Imperial March aus Das Imperium schlägt zurück von 1980 mit der Leitmotivik von Dars Vader, dazu eine Wiederholung von Hans Zimmers Hummel gets the Rockets.

Überbordende Begeisterung für zwei der wohl bekanntesten und meistgespielten Filmkomponisten unserer Zeit. Natürlich gibt es noch zahllose Filmkomponisten, die durchaus gute Soundtracks, vielleicht sogar bessere, innovativere als diese beiden geschrieben haben. Zu nennen wären da beispielsweise Max Steiner mit seiner genialen Musik zu King Kong, Bernhard Kaun zu Frankenstein, Franz Waxmann zu Frankensteins Braut, Bernard Herrmann zu Hitchcocks Psycho oder Erich Wolfgang Korngold zu Robin Hood. Filme, die die Zeiten überdauert haben und noch heute begeistern. Aber die Fülle der Soundtracks dieser beiden Komponisten übersteigt doch alles bisher Dagewesene an Filmmusik. 

Williams, ohne den Steven Spielberg kaum denkbar wäre, Zimmer, der über sein Unternehmen Remote Control Productions bereits vielen Komponisten zu Weltruhm verholfen hat und bereits mehr als 11 Oscars sein Eigen nennt – Beide, man sollte sie nicht angleichen oder vergleichen wollen, haben auf ihre Weise die Bilder von hunderten von preisgekrönten Filmen musikalisch in den Köpfen der Menschen verankert und somit der Musik die emotionale Bedeutung gegeben, die ihr gebührt. Vor allem die großen Orchester, wie das schweizerische 21th Century Symphony Orchestra, sind die Brückenbauer der sinfonischen Rückkehr der Klassik in die Filmwelt, eine Art Anker, „die dem Zuschauer vertraute Klänge liefert und tiefe Gefühle vermittelt“ (Wikipedia). 

Jedenfalls sah man nur zufriedene und glückliche Gesichter.

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