Freitag, 22. Juli 2022

 

Das 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022

 

Alexandra Dovgan, Klavierrezital im Fürst Metternich Konzert-Kubus auf Schloss Johannisberg, 21.07.2022

Alexandra Dovgan (Foto: Ansgar Klostermann)

Ein noch kindlicher Überflieger geht seinen Weg

Fast genau vor einem Jahr – Alexandra Dovgan, gebürtiger Moskauerin, war damals gerade mal 14 Jahre alt und erstmals auf dem RMF zu Gast – blieb den Besuchern ihres Klavierrezitals am selben Ort im wahrsten Sinne die Spucke weg. So etwas hatte man noch nicht gehört. Vergleiche mit den Supertalenten vergangener Zeiten wie Wolfgang Amadeus Mozart, Felix Mendelssohn Bartholdy oder auch Martha Argerich konnte man durchaus ziehen, denn auch sie galten in ihrer Zeit als kindliche Überflieger an ihren Instrumenten. Heute ist sie 15 Jahre alt, ein zartes, schönes Kind, fast fragil. Sie erscheint auf der Bühne mit weißem, fußlangem Kleid, schlicht, und mit Pferdeschwanz. Der Kubus auf Schloss Johannisberg hätte gefüllter sein können, denn was diese Ausnahmeerscheinung am Klavier präsentierte, überstieg noch einmal ihre Vorstellung vom letzten Jahr um ein Vielfaches.


„Lesen sie Shakespeares Sturm“

Ludwig von Beethovens (1770-1827) so genannte Sturmsonate in d-Moll op. 31 (1802/03), seine vielleicht poetischste und bereits die Sonatenform erstmals sprengende, hatte die Pianistin als Einstieg vorgesehen, und das zu Recht. Beethoven selbst bezeichnete sie als seinen „anderen Weg“ und soll angeblich seinem Biographen Anton Felix Schindler auf die Frage nach dem Schlüssel dieses Werks geantwortet haben: „Lesen sie nur Shakespeares Sturm.“

Bereits der Kopfsatz sprengt alle Grenzen, changiert zwischen Largo und Allegro, kennt kein Seitenthema und ist gespickt mit Rezitativen, also erzählerischen Abschnitten. Auch der zweite Satz, ein Adagio, ist deutlich dialogisierend und wird von einem Allegretto fortgesetzt, welches einem Perpetuum mobile gleicht, kontrastarm in durchlaufenden Sechzehntel, fast mit einem Ostinato vergleichbar, aber alles andere als in einer nachvollziehbaren klaren Sonaten- oder Rondoform. Auch enden die Sätze nicht in einem gewohnten Kadenz-Schluss im Fortissimo, sondern verschwinden jeweils im Nichts, in einem nachdenklichen Pianissimo.

 

Alexandra Dovgan (Foto: Ansgar Klostermann)

Ein Theaterspiel auf der Tastatur

Alexandra Dovgan demonstrierte bereits an diesem Stück ihr tiefes Verständnis dieses philosophischen Charakterwerks eines noch jungen Komponisten, der bereits mit dieser Komposition den Weg in die Romantik vorzeichnete. Ihr Spiel glänzte durch spannungsgeladenen Erzählstil, dramatisch, lyrisch, elegisch bis furios. Jeder Ton ein Erlebnis, jeder Kontrast ein Erdbeben, kurz: ein Theaterspiel auf der Tastatur. Eine so noch nicht gehörte Interpretation dieser doch sehr häufig gespielten Sonate.

 

Der Faschingsschwank, eine Anklage auf die Metternichsche Reaktion

Robert Schumanns (1810-1856) Faschingsschwank aus Wien op. 26 (1839/41), folgte nach kurzer Atempause. Er ist eine bitterböse Anklage auf die reaktionäre Metternich-Ära, die seit dem Wiener Kongress 1815 vor allem auch im Kaiserreich Österreich zur Verfolgung und Unterdrückung von Demokratie, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit führte. Schumann, selbst politisch aktiv, erlebte dies bei einem Besuch Wiens 1838/39 am eigenen Leibe. Man konfiszierte seine mitgebrachten Bücher von Jean Paul und Lord Byron und verbot darüber hinaus seine von ihm gegründete „Neue Zeitschrift für Musik“, die er auch in Österreich etablieren wollte. Seine Antwort sollte im Faschingsschwank (1841 von Pietro Mechetti in Leipzig verlegt) manifestiert werden.

Alles andere als ein „Schwank“, sollte es werden, sondern vielmehr eine Anklage auf politische Bevormundung und Verbotspolitik. Was eignet sich da nicht besser, als eine versteckte Karnevalsparodie auf diese Zustände. Es beginnt mit einer Art Rondo, eine immer wiederkehrende, sehr lebhafte Rahmenthematik, die mal durch tänzerischen, mit Synkopen versehenen Dreivierteltakt, dann mit lyrischer Einlage, gefolgt von schwungvollem Dreivierteltakt und der französischen Revolutionshymne (absolutes No-Go in dieser Zeit) bis hin zum kindlichen Sprungtanz durchbrochen wird. Die Coda des ersten Teils gleicht zunächst einer Besinnung, die aber in einen regelrechten Wutausbruch ausartet.

 

Zwischen Komik, Clownerie und kindlicher Naivität

Die Romanze, Teil Zwei des „Schwanks“, erinnert fatal an „Der Dichter spricht“ aus seinen Kinderszenen. Eine Reminiszenz auf die Beschlagnahmung der Bücher? Das Scherzino, eine punktierte Springprozession, könnte man als Groteske gegen die Willkür der herrschenden Zustände interpretieren. Das Intermezzo, „mit größter Energie zu spielen“, so die Tempoangabe des Komponisten, besteht aus einer düsteren Melodie mit einem arpeggierten Sechzehntel Triolenteppich. Es endet versöhnlich in Es-Dur, so, als sei nichts gewesen, als sei alles in Ordnung. Schließlich das Finale, Nummer Fünf des Ganzen, atemlos schnell mit einem genial schönen Seitenthema und einem Prestissimo zum Abschluss, dass einem den Glauben an menschliche physische Grenzen nimmt.

Auch hier zeigte Alexandra Dovgan ihre überragende Klasse. Das fast 30-minütige Werk geriet unter ihren Händen zu einer gewaltigen Groteske, zu einer fantastisch gestalteten, wie verzerrten Wirklichkeit dieser Zeit in Töne übersetzt, voller Komik, Clownerie und scheinbarer naiver Kindlichkeit, so als ob „mich“ dies alles nichts angehe. Von pianistischer Technik muss man bei ihr nicht sprechen. Nein, sie ist Musik, alle Fasern ihres Körpers, und wahrscheinlich auch ihr Geist, sind Musik. Schumanns unglückliche Reise nach Wien wurde unter ihren Händen zu einer musikalischen Anklage gegen alle Formen der Gewalt und Unterdrückung.

 

 Ein Enfant terrible lässt seiner Fantasie freien Lauf

Frédéric Chopins (1810-1849) Fantasie in f-Moll op.49, Chopin liebte übrigens diese Tonart besonders, sollte den Abschluss des Abends bilden. Ein Werk, das nicht allzu oft auf dem Programm der besten Pianisten steht, vielleicht weil es sehr lang geraten ist (14 Minuten), vielleicht aber auch wegen seiner unglaublichen pianistischen Schwierigkeiten und seiner marschähnlichen Anlage. Chopin schrieb es als 31-Jähriger, in der produktivsten Zeit seines viel zu kurzen Lebens. Damals galt er als Enfant terrible in den Pariser Salons, auch wegen seiner exzentrischen Liaison mit George Sand, eine der ersten Frauen, die die Emanzipation ihres Geschlechts gelebt hat.  

Die Fantasie beginnt mit einem Trauermarsch, bevor sie sich langsam zu einer leidenschaftlichen und sehr virtuosen Fortspinnung aufmacht. Immer aber hat sie marschähnliche und triumphale Elemente, die sich in choralartige düstere Abschnitte aufzulösen scheinen, sich dann aber wieder in positive Stimmungsbilder wenden. Der Schluss, nach einer kurzen Replik auf die Anfangstakte, wechselt in die Paralleltonart As-Dur, die Wärme und Erhabenheit symbolisiert, das allerdings hier von ausgesuchter Virtuosität und mit höchsten pianistischen Anforderungen gespickt ist. Ein absolut inspiratives Werk eines Komponisten in den besten Jahren und von der Welt der Reichen und Einflussreichen überwältigt. Was mag ihn dazu getrieben haben?

Alexandra Dovgan (Foto: Ansgar Klostermann)


Ein Juwel von großer musikalischer Noblesse und Verstandeskraft

Alexandra Dovgan verstand es auf ihre Weise, das für Chopin untypische, ja teilweise befremdliche Werk zu einem zeitgenössischen Stimmungsbild umzuwandeln und die „Freiheit von den Regeln“, wie Chopin seine Fantasie auch beschrieb, zu ihrer eigenen pianistischen Freiheit zu machen.

Ihre Zugabe wäre eine eigene Analyse wert. Sie spielte Chopins 4. Ballade in f-Moll, eines der anspruchsvollsten Stücke des Komponisten und der Tendenz der Auflösung der Tonalität, mit einer selbstverständlichen Noblesse und Verstandeskraft, dass man nicht glauben konnte, ein 15-jähriges Mädel säße am Flügel. Alexandra Dovgan ist eine Ausnahmeerscheinung in der Welt der Musik, sie ist ein Juwel. Man sollte sie auch als ein solches behandeln: behutsam und mit viel Liebe.  

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