Das 35.
Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022
Alexandra Dovgan, Klavierrezital im Fürst Metternich Konzert-Kubus auf Schloss Johannisberg, 21.07.2022
| Alexandra Dovgan (Foto: Ansgar Klostermann) |
Ein noch
kindlicher Überflieger geht seinen Weg
Fast genau
vor einem Jahr – Alexandra Dovgan, gebürtiger Moskauerin, war damals
gerade mal 14 Jahre alt und erstmals auf dem RMF zu Gast – blieb den Besuchern
ihres Klavierrezitals am selben Ort im wahrsten Sinne die Spucke weg. So etwas
hatte man noch nicht gehört. Vergleiche mit den Supertalenten vergangener
Zeiten wie Wolfgang Amadeus Mozart, Felix Mendelssohn Bartholdy oder auch
Martha Argerich konnte man durchaus ziehen, denn auch sie galten in ihrer Zeit
als kindliche Überflieger an ihren Instrumenten. Heute ist sie 15 Jahre alt,
ein zartes, schönes Kind, fast fragil. Sie erscheint auf der Bühne mit weißem,
fußlangem Kleid, schlicht, und mit Pferdeschwanz. Der Kubus auf Schloss
Johannisberg hätte gefüllter sein können, denn was diese Ausnahmeerscheinung am
Klavier präsentierte, überstieg noch einmal ihre Vorstellung vom letzten Jahr
um ein Vielfaches.
„Lesen
sie Shakespeares Sturm“
Ludwig von Beethovens
(1770-1827) so genannte Sturmsonate in d-Moll op. 31 (1802/03), seine
vielleicht poetischste und bereits die Sonatenform erstmals sprengende, hatte
die Pianistin als Einstieg vorgesehen, und das zu Recht. Beethoven selbst
bezeichnete sie als seinen „anderen Weg“ und soll angeblich seinem Biographen
Anton Felix Schindler auf die Frage nach dem Schlüssel dieses Werks geantwortet
haben: „Lesen sie nur Shakespeares Sturm.“
Bereits der
Kopfsatz sprengt alle Grenzen, changiert zwischen Largo und Allegro,
kennt kein Seitenthema und ist gespickt mit Rezitativen, also erzählerischen
Abschnitten. Auch der zweite Satz, ein Adagio, ist deutlich
dialogisierend und wird von einem Allegretto fortgesetzt, welches einem Perpetuum
mobile gleicht, kontrastarm in durchlaufenden Sechzehntel, fast mit einem
Ostinato vergleichbar, aber alles andere als in einer nachvollziehbaren klaren
Sonaten- oder Rondoform. Auch enden die Sätze nicht in einem gewohnten Kadenz-Schluss
im Fortissimo, sondern verschwinden jeweils im Nichts, in einem nachdenklichen Pianissimo.
| Alexandra Dovgan (Foto: Ansgar Klostermann) |
Ein
Theaterspiel auf der Tastatur
Alexandra
Dovgan demonstrierte
bereits an diesem Stück ihr tiefes Verständnis dieses philosophischen Charakterwerks
eines noch jungen Komponisten, der bereits mit dieser Komposition den Weg in
die Romantik vorzeichnete. Ihr Spiel glänzte durch spannungsgeladenen Erzählstil,
dramatisch, lyrisch, elegisch bis furios. Jeder Ton ein Erlebnis, jeder
Kontrast ein Erdbeben, kurz: ein Theaterspiel auf der Tastatur. Eine so noch
nicht gehörte Interpretation dieser doch sehr häufig gespielten Sonate.
Der
Faschingsschwank, eine Anklage auf die Metternichsche Reaktion
Robert
Schumanns (1810-1856) Faschingsschwank aus Wien op. 26 (1839/41), folgte
nach kurzer Atempause. Er ist eine bitterböse Anklage auf die reaktionäre
Metternich-Ära, die seit dem Wiener Kongress 1815 vor allem auch im Kaiserreich
Österreich zur Verfolgung und Unterdrückung von Demokratie, Presse-, Meinungs-
und Versammlungsfreiheit führte. Schumann, selbst politisch aktiv, erlebte dies
bei einem Besuch Wiens 1838/39 am eigenen Leibe. Man konfiszierte seine
mitgebrachten Bücher von Jean Paul und Lord Byron und verbot darüber hinaus
seine von ihm gegründete „Neue Zeitschrift für Musik“, die er auch in
Österreich etablieren wollte. Seine Antwort sollte im Faschingsschwank (1841
von Pietro Mechetti in Leipzig verlegt) manifestiert werden.
Alles andere
als ein „Schwank“, sollte es werden, sondern vielmehr eine Anklage auf
politische Bevormundung und Verbotspolitik. Was eignet sich da nicht besser,
als eine versteckte Karnevalsparodie auf diese Zustände. Es beginnt mit einer Art
Rondo, eine immer wiederkehrende, sehr lebhafte Rahmenthematik, die mal
durch tänzerischen, mit Synkopen versehenen Dreivierteltakt, dann mit lyrischer
Einlage, gefolgt von schwungvollem Dreivierteltakt und der französischen Revolutionshymne
(absolutes No-Go in dieser Zeit) bis hin zum kindlichen Sprungtanz durchbrochen
wird. Die Coda des ersten Teils gleicht zunächst einer Besinnung, die aber in
einen regelrechten Wutausbruch ausartet.
Zwischen Komik,
Clownerie und kindlicher Naivität
Die Romanze,
Teil Zwei des „Schwanks“, erinnert fatal an „Der Dichter spricht“ aus seinen Kinderszenen.
Eine Reminiszenz auf die Beschlagnahmung der Bücher? Das Scherzino, eine
punktierte Springprozession, könnte man als Groteske gegen die Willkür der herrschenden
Zustände interpretieren. Das Intermezzo, „mit größter Energie zu spielen“,
so die Tempoangabe des Komponisten, besteht aus einer düsteren Melodie mit
einem arpeggierten Sechzehntel Triolenteppich. Es endet versöhnlich in Es-Dur,
so, als sei nichts gewesen, als sei alles in Ordnung. Schließlich das Finale,
Nummer Fünf des Ganzen, atemlos schnell mit einem genial schönen Seitenthema
und einem Prestissimo zum Abschluss, dass einem den Glauben an menschliche physische
Grenzen nimmt.
Auch hier
zeigte Alexandra Dovgan ihre überragende Klasse. Das fast 30-minütige
Werk geriet unter ihren Händen zu einer gewaltigen Groteske, zu einer fantastisch
gestalteten, wie verzerrten Wirklichkeit dieser Zeit in Töne übersetzt, voller
Komik, Clownerie und scheinbarer naiver Kindlichkeit, so als ob „mich“ dies alles
nichts angehe. Von pianistischer Technik muss man bei ihr nicht sprechen. Nein,
sie ist Musik, alle Fasern ihres Körpers, und wahrscheinlich auch ihr Geist,
sind Musik. Schumanns unglückliche Reise nach Wien wurde unter ihren Händen zu
einer musikalischen Anklage gegen alle Formen der Gewalt und Unterdrückung.
Frédéric
Chopins (1810-1849) Fantasie in f-Moll op.49, Chopin liebte übrigens
diese Tonart besonders, sollte den Abschluss des Abends bilden. Ein Werk, das
nicht allzu oft auf dem Programm der besten Pianisten steht, vielleicht weil es
sehr lang geraten ist (14 Minuten), vielleicht aber auch wegen seiner
unglaublichen pianistischen Schwierigkeiten und seiner marschähnlichen Anlage. Chopin
schrieb es als 31-Jähriger, in der produktivsten Zeit seines viel zu kurzen Lebens.
Damals galt er als Enfant terrible in den Pariser Salons, auch wegen seiner exzentrischen
Liaison mit George Sand, eine der ersten Frauen, die die Emanzipation ihres Geschlechts
gelebt hat.
Die Fantasie
beginnt mit einem Trauermarsch, bevor sie sich langsam zu einer
leidenschaftlichen und sehr virtuosen Fortspinnung aufmacht. Immer aber hat sie
marschähnliche und triumphale Elemente, die sich in choralartige düstere Abschnitte
aufzulösen scheinen, sich dann aber wieder in positive Stimmungsbilder wenden. Der
Schluss, nach einer kurzen Replik auf die Anfangstakte, wechselt in die
Paralleltonart As-Dur, die Wärme und Erhabenheit symbolisiert, das allerdings hier
von ausgesuchter Virtuosität und mit höchsten pianistischen Anforderungen
gespickt ist. Ein absolut inspiratives Werk eines Komponisten in den besten
Jahren und von der Welt der Reichen und Einflussreichen überwältigt. Was mag
ihn dazu getrieben haben?
| Alexandra Dovgan (Foto: Ansgar Klostermann) |
Ein Juwel
von großer musikalischer Noblesse und Verstandeskraft
Alexandra
Dovgan verstand es
auf ihre Weise, das für Chopin untypische, ja teilweise befremdliche Werk zu
einem zeitgenössischen Stimmungsbild umzuwandeln und die „Freiheit von den
Regeln“, wie Chopin seine Fantasie auch beschrieb, zu ihrer eigenen
pianistischen Freiheit zu machen.
Ihre Zugabe
wäre eine eigene Analyse wert. Sie spielte Chopins 4. Ballade in f-Moll,
eines der anspruchsvollsten Stücke des Komponisten und der Tendenz der Auflösung
der Tonalität, mit einer selbstverständlichen Noblesse und Verstandeskraft, dass
man nicht glauben konnte, ein 15-jähriges Mädel säße am Flügel. Alexandra
Dovgan ist eine Ausnahmeerscheinung in der Welt der Musik, sie ist ein
Juwel. Man sollte sie auch als ein solches behandeln: behutsam und mit viel
Liebe.
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