Das 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022
Grigory
Sokolov,
Klavierrezital im Kurhaus Wiesbaden, 22.07.2022
| Grigory Sokolov (Foto: Ansgar Klostermann) |
Sokolov
enthusiasmiert sein Publikum
Die
Superlative, die Grigory Sokolov (*1950) begleiten, sind im Laufe der Jahre seiner
Auftritte in den Konzerthäusern der Welt nicht mehr zu toppen. Allein die
vollen Hallen sind Beleg genug für seine Popularität und für die Qualität
seines Spiels auf der Tastatur der Flügel. So selbstverständlich auch in
Wiesbaden, wo der prunkvolle Friedrich-von-Thiersch Saal fast bis auf den
letzten Platz besetzt war und das Publikum nahezu enthusiasmiert nach jedem
seiner Interpretationen Beifall zollte.
Bekanntlich
gibt der sehr eigenwillige Pianist seine Konzertprogramme immer erst sehr spät
bekannt, obwohl er sich in die einzelnen Werke oft monatelang vertieft. Sein Repertoire,
zwar hauptsächlich konzentriert auf die Klassik und die Romantik, erscheint aber
endlos vielfältig. Man möchte fast behaupten, er habe die gesamte
Klavierliteratur dieser Zeit buchstäblich im Griff. Seine spontanen
Entscheidungen mögen vor diesem Hintergrund verständlich sein. Den Überraschungseffekt
aber hat er regelmäßig auf seiner Seite.
Anspruchsvolle
musikalische Literatur
Was bot er
im Rahmen des diesjährigen Rheingau Musik Festivals? Vorweg: Es war
anspruchsvolle Literatur. Zu Anfang die sogenannte Eroika Variationen,
eine „ganz neue Manier der Komposition“, von Ludwig van Beethoven (1770-1827),
dann die späten, introvertierten, stimmungsgeladenen Intermezzi op.117
von Johannes Brahms (1833-1897) und schließlich Robert Schumanns (1810-1856) enigmatische
Kreisleriana, ein mögliches Selbstportrait des damals 27-jährigen
Komponisten.
| Grigory Sokolov (Foto: Ansgar Klostermann) |
Die
Geschöpfe des Prometheus tanzen lassen
Das Leitthema
der Eroika-Variationen (ganzer Titel: 15 Variationen mit einer Fuge Es-Dur
über ein eigenes Thema op.35), Beethoven bot es 1802 dem Leipziger Verleger
Breitkopf und Härtel an, stammt eigentlich aus dem Ballett Die Geschöpfe des
Prometheus, welches Beethoven ein Jahr zuvor veröffentlichte und könnte
genauso gut auch diesen Namen tragen. Bekanntlich verkaufte sich der Zyklus
unter dem Namen seiner 3. Eroica-Sinfonie, die ein Jahr später das Licht
der Musikwelt erblickte und dessen Finale das Thema der Variation trägt, besser.
Sei´s drum. Diese Klaviervariation hat es in sich.
Sie besteht zwar aus 15 Variationen zum Thema, aber genau genommen sind die ersten drei Variationen lediglich Erweiterungen oder Umspielungen des Basismaterials. Erst mit der vierten Variation beginnt das eigentliche Bearbeiten und Ausspinnen der Thematik nach herkömmlicher Technik mit den unterschiedlichsten klanglichen und rhythmischen Möglichkeiten der Kompositionskunst.
Hervorzuheben der
beeindruckende Kanon der VII. Variation, der ungewöhnliche Wechsel der
Tonart in Es-Moll in der XIV. und das reich verzierte Largo der XV.
Variation, die dann in die dreistimmige Fuge wechselt, pianistisch sehr
anspruchsvoll. Eine Art gedankenvolle Reminiszenz an den Anfang beendet dieses
opulente Werk. Nachdenklich und zuversichtlich zugleich.
Viel
Hingabe aber kein Aufbruch
Sokolov
spielte diesen Variationen-Zyklus im mittleren Tempo, fast 27 Minuten dauerte
sein Vortrag, legte aber besonderen Wert auf die Ausformung des Klangs und die
Schönheit der einzelnen musikalischen Ideen. Beethoven, gerade mal gut 30 Jahre
alt und gern gesehener Klaviersolist in Wiener Adelskreisen, war noch sehr der
klassischen Tradition in den Stilen von Haydn und Mozart verhaftet, befand sich
aber bereits im persönlichen Übergang ganz eigener Stilmittel, die sich bereits
an dieser Variation manifestierten und dann in seiner 3. Sinfonie (1803), der Eroica,
seinen ersten gewaltigen Durchbruch erfuhr. Sokolov spielte mit viel Seele und
ausgesprochener Hingabe, aber die Aufbruchsstimmung des Komponisten, die Drangphase
eines jungen Mannes, der die Musikwelt im Begriff ist zu erobern, konnte er mit
seiner Interpretation nicht ganz vermitteln. Sein Spiel zeigte altermäßige
Weisheit, aber nicht die Dynamik eines jungen Wilden, der Beethoven damals
durchaus gewesen ist. Der enthusiastische Beifall war ihm dennoch sicher.
| Grigory Sokolov (Foto: Ansgar Klostermann) |
Virtuell eineiige
Zwillinge
Ganz das
Gegenteil vermittelten die Alterswerke von Johannes Brahms. Drei Intermezzi
op. 117 (1892), die Brahms im sommerlichen Bad Ischl zu Papier brachte. Drei
Kinderlieder, die er auch als „Wiegenlieder meiner Schmerzen“ bezeichnete.
Hervorzuheben das letzte, Nr. drei, in cis-Moll, düster, geheimnisvoll,
durchgehend im Pianissimo mit einer kurzen Aufhellung im Mittelteil, um dann
wieder in tiefe Melancholie zu verfallen. Ein Grundzug des gesamten Zyklus.
Sokolov war hier offensichtlich in seinem Element. Er verschmolz förmlich mit
seinem Instrument und zauberte Klänge, die den Orbit der Unendlichkeit zu
öffnen schienen. Auch Altersmelancholie kann erhabene musikalische Momente erzeugen.
Sokolov und Brahms jedenfalls verwandelten sich kurzfristig zumindest virtuell
in eineiige Zwillinge.
Ein Bild
seines Charakters
Nach der
Pause sollte der Höhepunkt des Rezitals erfolgen, die Kreisleriana op.16
(1838) von Robert Schumann, in nur vier Tagen entstanden, wenn man dem Komponisten
glauben möchte. Umstritten ist die Bedeutung dieses Monumentalwerks.
Naheliegend aber ist das Selbstportrait des Komponisten selber, auch wenn die
Gestalt des Kapellmeisters Kreisler aus E.T. A. Hoffmanns (1776-1822) Satire
Lebens-Ansichten des Kater Murr (1819/21) herrührt. Schumann selbst
schreibt dazu: „Sie werden ihnen (dem Leser, d. V.) ein Bild meines Charakters,
meines Strebens geben.“
Ein Werk bestehend
aus reiner Emotion, aufgeteilt in acht Abschnitte mit den jeweiligen Bezeichnungen
„Äußerst bewegt“, „sehr innig“, „sehr aufgeregt“, „sehr lebhaft“, dazu noch „sehr
langsam“, „sehr rasch“ oder „schnell und spielend“. Schumann befand sich zur
Zeit der Komposition in heftigem Streit mit dem Vater seiner Geliebten und
späteren Frau Clara, Friedrich Wieck, selbst bedeutender Musikpädagoge, der
Schumann als Ehemann für seine sehr musikbegabte und pianistisch
hochtalentierte Tochter ablehnte, hauptsächlich, weil er um ihre Karriere
fürchtete.
| Grigory Sokolov (Foto: Ansgar Klostermann) |
Abgeklärte
höchste Erregung
Schumann,
ein zutiefst von der Romantik beseelter Geist und dazu noch politisch aktiv,
nimmt man es durchaus ab, die Kreisleriana in höchster Erregung geschrieben zu
haben. Ein scheinbar formloses Manifest, was dennoch durch tonartliche
Verwandtschaft, dreiteilige Liedformen und rhythmische Stabilität, die an
barocke Tanzmusik erinnert, zusammengehalten wird. Dennoch, es erweckt den
Eindruck von Zerrissenheit und Verzweiflung, ist aber zugleich Ausdruck einer
unbändigen Energie, die einem jungen, bis über beide Ohren verliebten jungen Mann
grundsätzlich zu eigen sein sollte.
Sokolov spielte
dieses gut halbstündige Werk mit absoluter Meisterschaft, dennoch fehlte von Anfang
an die jugendliche Emotionalität, die Aufgeregtheiten interpretierte er
gelassen, wie jemand, den nichts mehr auf dieser Welt erschüttern kann. Das Scherzo
aus Nummer fünf, sehr lebhaft die Bezeichnung, geriet ihm eher abgeklärt,
aber das Finale, schnell und spielend, vermochte er denn doch mit
geheimnisvollen Zügen zu bedecken: Nachtmähre schienen die Halle zu betreten
und die Warnung zu verbreiten, dass man die Geister, die man rief, unter
Umständen nicht mehr los wird. Glücklicherweise verschwanden sie wieder im
Nichts, ein in sich gekehrter Ausklang, erschöpft und mutlos beendete das „psychologische
Drama“, und gaben die Sicht auf die Realität wieder frei.
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| Grigory Sokolov und Alexandra Dovgan (Foto: Jeanine Roze Production) |
Grigory Sokolov
versus Alexandra Dovgan
Das Publikum
war begeistert und die bekannte Zugaben Serie nahm ihren Lauf. Sokolov begann
sehr zeitig mit Sergei Rachmaninows Préludes Nr. 2 aus den 10 Préludes
op.23, gefolgt von Nr.4, Nr.9 und Nr. 10 aus dem Zyklus. An
dieser Stelle passte ich und trat meinen Heimweg an. Der Saal allerdings war
immer noch gefüllt vom begeisterten Publikum, das natürlich mindestens sechs
Zugaben verlangte.
Schlussbemerkung: Bekanntlich unterstützt und fördert
Grigory Sokolov seine jetzt 15-jährige Landsmännin Alexandra Dovgan, die
als Next-Generation-Gast auf dem RMF bereits auf Schloss Johannisberg mit
ihrem Klavierrezital begeisterte. Tatsächlich sind beide technisch wie
musikalisch sehr ähnlich gelagert und Sokolov prophezeite ihr bereits 2019 eine
einzigartige Karriere: „Die äußerst seltene Harmonie, die dem Talent von
Alexandra Dovgan zugrunde liegt, ist einzig. Seine (bezogen auf Talent) Musik
strahlt Ehrlichkeit und Fokus aus, weshalb ich ihm schon jetzt eine glänzende
Zukunft prophezeie.“
Recht hat
er. Aus der Sicht des Kritikers könnte man lediglich ergänzen: Alexandra Dovgan
ist so etwas wie die Reinkarnation von Grigory Sokolov mit dem natürlichen
Unterschied, dass Erstgenannte die Zukunft, die pure Lebenslust in sich trägt,
dagegen ihr Förderer die Weisheit des gelebten Lebens, was bei beiden in ihren musikalischen
Interpretationen voll zum Tragen kommt. In wenigen Jahren wird Sokolov von der
Bühne abtreten müssen, ein herber Verlust ohne Frage, dagegen wird Alexandra
Dovgan ihr Publikum noch viele Jahrzehnte mit ebensolcher wunderbarer Musik
beglücken können.

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