Samstag, 23. Juli 2022

 Das 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022

 

Grigory Sokolov, Klavierrezital im Kurhaus Wiesbaden, 22.07.2022

 

Grigory Sokolov (Foto: Ansgar Klostermann)

Sokolov enthusiasmiert sein Publikum

Die Superlative, die Grigory Sokolov (*1950) begleiten, sind im Laufe der Jahre seiner Auftritte in den Konzerthäusern der Welt nicht mehr zu toppen. Allein die vollen Hallen sind Beleg genug für seine Popularität und für die Qualität seines Spiels auf der Tastatur der Flügel. So selbstverständlich auch in Wiesbaden, wo der prunkvolle Friedrich-von-Thiersch Saal fast bis auf den letzten Platz besetzt war und das Publikum nahezu enthusiasmiert nach jedem seiner Interpretationen Beifall zollte.

Bekanntlich gibt der sehr eigenwillige Pianist seine Konzertprogramme immer erst sehr spät bekannt, obwohl er sich in die einzelnen Werke oft monatelang vertieft. Sein Repertoire, zwar hauptsächlich konzentriert auf die Klassik und die Romantik, erscheint aber endlos vielfältig. Man möchte fast behaupten, er habe die gesamte Klavierliteratur dieser Zeit buchstäblich im Griff. Seine spontanen Entscheidungen mögen vor diesem Hintergrund verständlich sein. Den Überraschungseffekt aber hat er regelmäßig auf seiner Seite.


Anspruchsvolle musikalische Literatur

Was bot er im Rahmen des diesjährigen Rheingau Musik Festivals? Vorweg: Es war anspruchsvolle Literatur. Zu Anfang die sogenannte Eroika Variationen, eine „ganz neue Manier der Komposition“, von Ludwig van Beethoven (1770-1827), dann die späten, introvertierten, stimmungsgeladenen Intermezzi op.117 von Johannes Brahms (1833-1897) und schließlich Robert Schumanns (1810-1856) enigmatische Kreisleriana, ein mögliches Selbstportrait des damals 27-jährigen Komponisten.

 

Grigory Sokolov (Foto: Ansgar Klostermann)

Die Geschöpfe des Prometheus tanzen lassen

Das Leitthema der Eroika-Variationen (ganzer Titel: 15 Variationen mit einer Fuge Es-Dur über ein eigenes Thema op.35), Beethoven bot es 1802 dem Leipziger Verleger Breitkopf und Härtel an, stammt eigentlich aus dem Ballett Die Geschöpfe des Prometheus, welches Beethoven ein Jahr zuvor veröffentlichte und könnte genauso gut auch diesen Namen tragen. Bekanntlich verkaufte sich der Zyklus unter dem Namen seiner 3. Eroica-Sinfonie, die ein Jahr später das Licht der Musikwelt erblickte und dessen Finale das Thema der Variation trägt, besser. Sei´s drum. Diese Klaviervariation hat es in sich.

Sie besteht zwar aus 15 Variationen zum Thema, aber genau genommen sind die ersten drei Variationen lediglich Erweiterungen oder Umspielungen des Basismaterials. Erst mit der vierten Variation beginnt das eigentliche Bearbeiten und Ausspinnen der Thematik nach herkömmlicher Technik mit den unterschiedlichsten klanglichen und rhythmischen Möglichkeiten der Kompositionskunst. 

Hervorzuheben der beeindruckende Kanon der VII. Variation, der ungewöhnliche Wechsel der Tonart in Es-Moll in der XIV. und das reich verzierte Largo der XV. Variation, die dann in die dreistimmige Fuge wechselt, pianistisch sehr anspruchsvoll. Eine Art gedankenvolle Reminiszenz an den Anfang beendet dieses opulente Werk. Nachdenklich und zuversichtlich zugleich.

 

Viel Hingabe aber kein Aufbruch

Sokolov spielte diesen Variationen-Zyklus im mittleren Tempo, fast 27 Minuten dauerte sein Vortrag, legte aber besonderen Wert auf die Ausformung des Klangs und die Schönheit der einzelnen musikalischen Ideen. Beethoven, gerade mal gut 30 Jahre alt und gern gesehener Klaviersolist in Wiener Adelskreisen, war noch sehr der klassischen Tradition in den Stilen von Haydn und Mozart verhaftet, befand sich aber bereits im persönlichen Übergang ganz eigener Stilmittel, die sich bereits an dieser Variation manifestierten und dann in seiner 3. Sinfonie (1803), der Eroica, seinen ersten gewaltigen Durchbruch erfuhr. Sokolov spielte mit viel Seele und ausgesprochener Hingabe, aber die Aufbruchsstimmung des Komponisten, die Drangphase eines jungen Mannes, der die Musikwelt im Begriff ist zu erobern, konnte er mit seiner Interpretation nicht ganz vermitteln. Sein Spiel zeigte altermäßige Weisheit, aber nicht die Dynamik eines jungen Wilden, der Beethoven damals durchaus gewesen ist. Der enthusiastische Beifall war ihm dennoch sicher.

 

Grigory Sokolov (Foto: Ansgar Klostermann)

Virtuell eineiige Zwillinge

Ganz das Gegenteil vermittelten die Alterswerke von Johannes Brahms. Drei Intermezzi op. 117 (1892), die Brahms im sommerlichen Bad Ischl zu Papier brachte. Drei Kinderlieder, die er auch als „Wiegenlieder meiner Schmerzen“ bezeichnete. Hervorzuheben das letzte, Nr. drei, in cis-Moll, düster, geheimnisvoll, durchgehend im Pianissimo mit einer kurzen Aufhellung im Mittelteil, um dann wieder in tiefe Melancholie zu verfallen. Ein Grundzug des gesamten Zyklus. Sokolov war hier offensichtlich in seinem Element. Er verschmolz förmlich mit seinem Instrument und zauberte Klänge, die den Orbit der Unendlichkeit zu öffnen schienen. Auch Altersmelancholie kann erhabene musikalische Momente erzeugen. Sokolov und Brahms jedenfalls verwandelten sich kurzfristig zumindest virtuell in eineiige Zwillinge.

 

Ein Bild seines Charakters

Nach der Pause sollte der Höhepunkt des Rezitals erfolgen, die Kreisleriana op.16 (1838) von Robert Schumann, in nur vier Tagen entstanden, wenn man dem Komponisten glauben möchte. Umstritten ist die Bedeutung dieses Monumentalwerks. Naheliegend aber ist das Selbstportrait des Komponisten selber, auch wenn die Gestalt des Kapellmeisters Kreisler aus E.T. A. Hoffmanns (1776-1822) Satire Lebens-Ansichten des Kater Murr (1819/21) herrührt. Schumann selbst schreibt dazu: „Sie werden ihnen (dem Leser, d. V.) ein Bild meines Charakters, meines Strebens geben.“

Ein Werk bestehend aus reiner Emotion, aufgeteilt in acht Abschnitte mit den jeweiligen Bezeichnungen „Äußerst bewegt“, „sehr innig“, „sehr aufgeregt“, „sehr lebhaft“, dazu noch „sehr langsam“, „sehr rasch“ oder „schnell und spielend“. Schumann befand sich zur Zeit der Komposition in heftigem Streit mit dem Vater seiner Geliebten und späteren Frau Clara, Friedrich Wieck, selbst bedeutender Musikpädagoge, der Schumann als Ehemann für seine sehr musikbegabte und pianistisch hochtalentierte Tochter ablehnte, hauptsächlich, weil er um ihre Karriere fürchtete.

 

Grigory Sokolov (Foto: Ansgar Klostermann)

Abgeklärte höchste Erregung

Schumann, ein zutiefst von der Romantik beseelter Geist und dazu noch politisch aktiv, nimmt man es durchaus ab, die Kreisleriana in höchster Erregung geschrieben zu haben. Ein scheinbar formloses Manifest, was dennoch durch tonartliche Verwandtschaft, dreiteilige Liedformen und rhythmische Stabilität, die an barocke Tanzmusik erinnert, zusammengehalten wird. Dennoch, es erweckt den Eindruck von Zerrissenheit und Verzweiflung, ist aber zugleich Ausdruck einer unbändigen Energie, die einem jungen, bis über beide Ohren verliebten jungen Mann grundsätzlich zu eigen sein sollte.

Sokolov spielte dieses gut halbstündige Werk mit absoluter Meisterschaft, dennoch fehlte von Anfang an die jugendliche Emotionalität, die Aufgeregtheiten interpretierte er gelassen, wie jemand, den nichts mehr auf dieser Welt erschüttern kann. Das Scherzo aus Nummer fünf, sehr lebhaft die Bezeichnung, geriet ihm eher abgeklärt, aber das Finale, schnell und spielend, vermochte er denn doch mit geheimnisvollen Zügen zu bedecken: Nachtmähre schienen die Halle zu betreten und die Warnung zu verbreiten, dass man die Geister, die man rief, unter Umständen nicht mehr los wird. Glücklicherweise verschwanden sie wieder im Nichts, ein in sich gekehrter Ausklang, erschöpft und mutlos beendete das „psychologische Drama“, und gaben die Sicht auf die Realität wieder frei.

 

Grigory Sokolov und Alexandra Dovgan (Foto: Jeanine Roze Production)

Grigory Sokolov versus Alexandra Dovgan

Das Publikum war begeistert und die bekannte Zugaben Serie nahm ihren Lauf. Sokolov begann sehr zeitig mit Sergei Rachmaninows Préludes Nr. 2 aus den 10 Préludes op.23, gefolgt von Nr.4, Nr.9 und Nr. 10 aus dem Zyklus. An dieser Stelle passte ich und trat meinen Heimweg an. Der Saal allerdings war immer noch gefüllt vom begeisterten Publikum, das natürlich mindestens sechs Zugaben verlangte.

Schlussbemerkung: Bekanntlich unterstützt und fördert Grigory Sokolov seine jetzt 15-jährige Landsmännin Alexandra Dovgan, die als Next-Generation-Gast auf dem RMF bereits auf Schloss Johannisberg mit ihrem Klavierrezital begeisterte. Tatsächlich sind beide technisch wie musikalisch sehr ähnlich gelagert und Sokolov prophezeite ihr bereits 2019 eine einzigartige Karriere: „Die äußerst seltene Harmonie, die dem Talent von Alexandra Dovgan zugrunde liegt, ist einzig. Seine (bezogen auf Talent) Musik strahlt Ehrlichkeit und Fokus aus, weshalb ich ihm schon jetzt eine glänzende Zukunft prophezeie.“

Recht hat er. Aus der Sicht des Kritikers könnte man lediglich ergänzen: Alexandra Dovgan ist so etwas wie die Reinkarnation von Grigory Sokolov mit dem natürlichen Unterschied, dass Erstgenannte die Zukunft, die pure Lebenslust in sich trägt, dagegen ihr Förderer die Weisheit des gelebten Lebens, was bei beiden in ihren musikalischen Interpretationen voll zum Tragen kommt. In wenigen Jahren wird Sokolov von der Bühne abtreten müssen, ein herber Verlust ohne Frage, dagegen wird Alexandra Dovgan ihr Publikum noch viele Jahrzehnte mit ebensolcher wunderbarer Musik beglücken können.

           

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