Das 35.
Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022
Jan Lisiecki und das Chamber Orchestra of Europe im Kurhaus Wiesbaden, 29.07.2022
| Jan Lisiecki und das Chamber Orchestra of Europe, links neben dem Pianisten: José Maria Blumenschein, Konzertmeister (Foto: Ansgar Klostermann) |
Die Gattung sprengen
Es ist der zweite Konzertabend des kanadischen Pianisten Jan Lisiecki (*1995) und dem Chamber Orchestra of Europe (COE) mit Ludwig van Beethovens (1770-1827) sämtlichen fünf, in knapp 27 Jahren entstandenen Klavierkonzerten, die alle die Gattungsregeln sprengten. Insbesondere das 4. Klavierkonzert G-Dur op. 58 (1805/06) sowie das 5. Klavierkonzert Es-Dur op. 73 (1809/1811/12), die beide an diesem Abend auf dem Programm standen.
Eine gelungene Symbiose
Jan Lisiecki, bereits mit 15 Jahren erstmals zu Gast
auf dem RMF und seitdem regelmäßig gefeierter Solist des jährlich
stattfindenden Festivals, steht in diesem Jahr im Focus des Veranstalters mit fünf Auftritten (20.07. Schloss Johannisberg, 28. und 29.07. Kurhaus Wiesbaden, 17.08. Schloss Johannisberg, 30.08. Kurhaus Wiesbaden). Die fünf Beethovenschen Klavierkonzerte meisterte er
mit dem selten ausgewogenen und ausgereiften und mit Grammys ausgezeichnetem
Privat-Orchester COE, das 1981 von jungen Musikern gegründet, und bis heute unter
so genialen Dirigenten wie Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Bernard Haitink,
András Schiff oder auch Yannick Nézet-Séguin geformt, zu einem Edelstein
erster Güteklasse geschliffen wurde. Lisiecki durfte dieses Orchester vom Flügel
aus leiten, dennoch war es der geniale Konzertmeister, José Maria
Blumenschein, der die schützende Hand zwischen dem ca. 30-köpfiger Orchester
und dem höchst motivierten und engagierten Pianisten hielt. Alles in allem, das
sei vorausgeschickt, eine gelungene Symbiose.
| Jan Lisiecki und Mitglieder des Chamber Orchestra of Europe (Foto: Ansgar Klostermann) |
„Das experimentellste aller Konzerte“
Lisiecki urteilt selbst über das 4. Klavierkonzert: „Es ist
das experimentellste aller Konzerte.“ Tatsächlich etablierte Beethoven in
diesem Werk neue Ideen und künstlerische Freiheiten, die bis dahin unbekannt
waren. Dazu gehören die thematischen Kontraste zwischen lyrischer Schönheit und
ausufernder Wildheit, aber auch die zunehmende Gleichberechtigung zwischen dem Solisten
und dem Orchester. So findet beispielsweise das Zwiegespräch im zweiten Satz
auf hohem, nahezu dialektischem Level statt. Gleich die Solophrase des Andante
con moto wirkte wie der Gang des Orpheus in den Hades: ein liebevolles,
rührendes Soloklavier wird vom Orchester in düsterem Marschton kommentiert (tatsächlich
wird nicht selten das kurze Zwischenspiel mit der Orpheussaga verglichen). Ein Streitgespräch
zwischen Finsternis und Licht, das die Mächte der Finsternis zu besiegen
scheint. Die Liebe dominiert schlussendlich. Im unmittelbar folgenden Rondo vivace wird dieser musikalische Gedanke mit Keckheit und triumphaler Gestik fortgeführt. Hier wechselt der Kontrast
in Heiterkeit und Dramatik und endet in einer furiosen Stretta.
„Die größte Herausforderung“
Lisiecki entwickelt in seiner Interpretation eine nahezu Beethovensche
Eigenwilligkeit. Ganz im Sinne des Komponisten, der keine musikalischen Grenzen
zu kennen scheint und die Freiheit des Kundschaftens zu seiner obersten Maxime
erklärt hat, liest auch Lisiecki die Partitur. Nein, er spielt sie nicht wie
vorgeschrieben, sondern verleiht diesem Werk noch einmal eine ganz besondere innovative
Note. Wenn er sich beispielsweise auf den sehr ungewöhnlichen Beginn des ersten
Satzes, Allegro moderato, bezieht und die Eingangs Akkorde des Klaviers „als
größte Herausforderung“ bezeichnet und dieses thematische Motto des Satzes mit
größter „Präzision und Intensität mit dem Orchester“ verbunden wissen möchte,
dann zeugt das von seiner inneren Überzeugung, dieses Werk ganz in seinem Sinne
darzubieten. Er lehnt das Effektvolle ab, braucht „keine rasanten Läufe mit Knalleffekten“,
sondern geht den Weg, seine „eigenen Ideen umzusetzen“ und dabei „auch Risiken
einzugehen“. (sinngemäß aus einem Interview mit Phillipp Leibbrandt) Keine
Frage, Lisiecki ist technisch ausgereift und musikalisch einzigartig. Er spielt
mit großer Empathie und jugendlichem Überschwang. Seine langen Beine bearbeiten
die Pedale wie auch den Boden der Bühne wie ein temperamentvolles Rennpferd und manchmal
bricht er in seinem Überschwang aus, wenn, ja wenn nicht der Konzertmeister
wäre, der als gekonnter Jockey die Zügel zu halten vermag.
| Jan Lisiecki und das Chamber Orchestra of Europe, links neben dem Pianisten: José Maria Blumenschein, Konzertmeister (Foto: Ansgar Klostermann) |
Zwischen patriotischer Enttäuschung und persönlicher
Krise
Das Fünfte Klavierkonzert - nach einer langen Konzertpause - sollte noch einmal einen nächsten Höhepunkt setzen. Es ist nicht nur das meistgespielte und vielleicht auch das beliebteste der fünf, sondern auch das wirkungsvollste. Es-Dur, die Tonart des Triumpfs, hatte unter den Händen Beethovens eine ganz besondere Bedeutung. Als politischer Mensch und Patriot, als Napoleon Verehrer solange er für die Freiheitsrechte der europäischen Bürger eintrat, und als sein Widersacher, als er sich die Kaiserkrone aufsetzte und imperiale Ziele mit Waffengewalt durchzusetzen begann, sollte diese Komposition, die Beethoven übrigens seinem Freund und Gönner Erzherzog Rudolf widmete, den Sieg der Freiheit des Bürgertums gegenüber der Adelsherrschaft symbolisieren (Vergleiche mit seiner Eroica, der dritten Sinfonie, der Waldstein Sonate op. 53 wie der Appassionata op. 57 sind hier durchaus erlaubt). Allerdings litt Wien, die Hauptstadt des Habsburger Kaiserreichs, zurzeit der Entstehung dieses Werks unter der Besetzung der französischen Truppen, und seine adeligen Freunde mussten nach Ungarn fliehen. Beethoven selbst quälte zunehmend seine fortschreitende Taubheit und er war nicht mehr in der Lage, die Uraufführung seines letzten Klavierkonzerts selbst zu spielen.
So lag das Werk
einige Jahre ungenutzt beim Verleger Breitkopf & Härtel, ehe es im Januar 1811 von Joseph Lobkowitz privat, später im November desselben Jahres von Friedrich Schneider im Leipziger
Gewandhaus halbprivat und schließlich 1812 von Beethovens Schüler Carl Czerny
im Wiener Theater am Kärtnertor erstmals öffentlich (ur)aufgeführt wurde.
Die kommende Romantik vorweggenommen
Die Besonderheiten dieses Werks sind vielfältig. Allein der Kopfsatz, ein Allegro in der Sonatenhauptsatzform, umfasst ca. 600 Takte, ein
Monstrum in allerlei Tonarten, Medianten, enharmonischen Wechseln und
Rückungen, gibt bereits einen Hinweis auf die kommende Romantik. Von Solo-Kadenz ist
keine Rede mehr, auch wenn der pianistische Einstieg in den ersten Satz eher
einer Solo-Kadenz gleichkommt. Auch dominieren die Bleche und Hörner und bilden
in der Schlussstretta ein fulminantes Dreifach-Forte (fff), was so zum ersten Mal
geschrieben wurde.
Das Adagio un poco mosso wiederum, in ergreifendes H-Dur
gesetzt, durchaus bereits mit Hinweisen auf Chopin oder auch Liszt, liedhaft in
ABA-Form gefasst, könnte als Reminiszenz an die Besetzung der Stadt aufgefasst
werden. Ob Beethoven diesen Teil erst nach der Eroberung der Stadt geschrieben
hat, ist Spekulation, aber eine ernstzunehmende.
Triumphal dann wieder das Rondo Allegro. Rhythmisch synkopisch vertrackt, mit donnerndem Fortissimo des Orchesters, weiß man
allerdings nicht so recht, ob der Triumpf Freude macht, oder nur zu einem sardonischen
Grinsen reicht. Lisiecki gehen hier im wahrsten Sinne die Temperamente durch.
Mit den Füßen stampfend jagt er über die Tasten in schnellstem Galopp und
verliert mitunter den Kontakt zu Ross und Reiter. Wie bereits gesagt, der
Konzertmeister beherrschte sein Metier perfekt und verstand es, die Einheit in
der musikalischen Komplexität zu halten.
| Jan Lisiecki und Mitglieder des Chamber Orchestra of Europe (Foto: Ansgar Klostermann) |
„Es ist, als habe er sich selbst gefunden“
Eine unglaublich wirkungsvolle Interpretation, die sowohl der
Pianist als auch das Orchester darbot. Nie davor gehört. Und gewagt auch hier
die abschließende Coda, ein intensiver Dialog zwischen Klavier und Pauke, ein
langsam verschwindendes Ostinato gemixt mit Tremoli der Streicher, dann ein
plötzliches Aufbäumen des Klaviers gefolgt von einem wirklichen triumphalen
Schlusspunkt des Orchesters. Das fünfte Klavierkonzert: Ein Geniestreich des Komponisten. Lassen wir noch
einmal Lisiecki sprechen: „Es ist, als habe Beethoven sich selbst gefunden.“ Könnte das nicht auch auf ihn selbst
zutreffen?
Das Publikum wollte ihn ohne Zugabe nicht gehen lassen. Er
entschied sich Frédéric Chopins Nocturne Nr. 2 op.9, lieblich verträumt,
himmlisch im Ton, ein Genuss. Am 17.08. kann man ihn als Fokus-Gast mit Chopins
Nocturnes und Études im Schloss Johannisberg erleben. Ein Abend nicht
allein für Liebhaber, sondern auch für Träumer und Ästheten.
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