Sonntag, 7. August 2022

 

Das 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022

 

Martynas & Friends, Martynas Levickis (Akkordeon) und das Mikroorchéstra im Kubus des Schlosses Johannisberg, 06.08.2022

Martynas Levickis (Akkordeon), Mikroorchéstra, v. l.: Ieva Daugirdaité (1. Violine), Milda Kraujutaityté (2. Violine),Vita Paulauskiené (Viola), Vadimas Vytsavkinas (Cembalo), Augustas Gocentas (Violoncello),  Foto: Ansgar Klostermann


Vom klassischen Genre bis zum Jingle

Ein Programm, das vielfältiger und bunter kaum sein kann, führte das Publikum im Kubus auf Schloss Johannisberg durch die musikalischen Welten des Barocks bis zur Gegenwart, vom klassischen Genre bis zur Folklore, von der Filmmusik bis zum Jingle der Werbebranche. Martynas Levickis (*1990) agierte wie ein Zauberer auf der Bühne und kredenzte immer wieder neue Wundermittelchen aus seiner „magischen Trickkiste“, wie er selbst sein Instrument, das Akkordeon nennt. Aber ohne Helfershelfer funktioniert das nur halbherzig und nicht vollständig überzeugend. Sein Mikroorchéstra, ein Streichquartett mit Ieva Daugirdaité (1. Violine), Milda Kraujutaityté (2. Violine), Vita Paulauskiené (Bratsche), Augustas Gocentas (Violoncello) sowie Vadimas Vytsavkinas (Cembalo) griffen ihm nicht allein beherzt unter die Arme, sondern unterstützten und ergänzten den Magier auch auf den Tasten durch ein energetisches Kraftpool und kreative Jugendlichkeit. Ein Sextett von hinreißender Stimmigkeit und Faszination.

 

Ein Entertainer aus tiefster Seele

Zwölf Nummern fasste die Vorstellung. Zunächst das hors d´œufre mit dem Werbejingle Palladio (1996) von Karl Jenkins (*1944), der erste Satz aus dessen dreiteiligem Zyklus in der Manier des barocken Concerto grosso. Simpel in der Machart, aber mit beeindruckender Leichtigkeit und spannungsgeladener Interpretation serviert. Das Bankett war eröffnet, das Publikum hellauf begeistert.

Martynas, kontrastiert von seinen schwarzgekleideten Mitstreitern durch einen pinkfarbenen, engen Anzug und schwarzweißen Glanzschuhen, verstand es von Anfang an, durch charmanten Blickkontakt und sichtbar verinnerlichtem Spiel – er war immer ganz Musik – das Publikum auf seine Seite zu bringen. Er ist Entertainer aus der tiefsten Seele und ohne Allüren. Bereits im Concerto grosso op. 6 (1714) von Arcangelo Corelli (1653-1713), postum veröffentlicht, aber eines seiner bekanntesten Werke, zeigten die Akteure ihre technische Brillanz. Ein vierteiliges Werk von größter Frische und Lebenslust. Kontrastierend dann das Adagio in g-Moll (nur in Fragmenten erhalten und vom italienischen Komponisten und Musikwissenschaftler, Remo Giazotto - 1910-1998 -, im Jahre 1958 aufbereitet), ein Super-Hit des Barock. Oder auch nicht? Denn es hat wenig gemein mit Corellis Stilistik, ist aber dennoch eines der bekanntesten und beliebtesten Stücke der „klassischen“ Musik weltweit unter seinem Namen. Langsam und tragend die Vortragsbezeichnung: Das Publikum war wie elektrisiert, absolute Stille, und dann tosende Entladung.

 

Eine überzeugende kompositorische Begabung

Die litauischen Volksweisen, ein Arrangement des Akkordeonisten und eine Reminiszenz an seine Kindheit, die der 32-jährige in seiner Heimatstadt Šiaulilei verbrachte, gehörte zum ersten Höhepunkt dieses Abends. Die fünfteilige Rhapsodie aus Kindheit-und-Erwachsen-Werden beginnt mit einfacher Melodie, die ein kleiner Junge erstmals in den langen Wintern seiner Heimat hört und die ihn über die Jahre beschäftigt. Martynas macht daraus ein Kaleidoskop seelischer Gefühle und realer Erlebnisse, mal zwitschern die Vögel, mal ist es der Abschied, dann der Sonnenaufgang, die Morgendämmerung oder die Freude an den Reben und Pflanzen. Musikalisch verarbeitet er die einfache Melodie vom Wiegenlied zum lyrischen Poem, vom Marschgesang zur kanonischen Mehrstimmigkeit, von der rhythmischen Verschiebung bis zur jazzigen Synkope, wobei die Umkehrung der Melodie wie ihre improvisatorische Verfremdung Bestandteil dieser Komposition ist.

Neben der wunderbaren Musik ist dieser Liederzyklus auch ein überzeugender Beweis für seine kompositorische Begabung.

 

Martynas Levickis (Akkordeon), hinten links verdeckt: Milda Kraujutaityté (2. Violine),
 hinten rechts: Vita Paulauskiené (Viola) Foto: Ansgar Klostermann


Viel Arrangement und Improvisation

Nach der Pause standen noch acht Nummern auf dem Programm. Drei davon aus Antonio Vivaldis (1678-1741) Vier Jahreszeiten (Der Herbst, Der Winter, Der Sommer op.08, erschienen 1725), die Martynas und sein Team stark verkürzten, nur einzelne Teile spielten und dazu noch viele Übergänge arrangierten oder improvisierten. Sehr publikumswirksam. Aber leider wirken die Jahreszeiten durch die tausendfach, mal besseren, mal schlechteren Interpretation doch schon sehr abgearbeitet (wer spielt sie nicht, oder versucht sich an ihnen?), auch wenn Martynas sein Instrument den Donner und Blitz aus dem Sommer, den derben Bauerntanz, die Meute der Jagdhunde und Knallen der Flinten im Herbst oder gar das Zähneklappern der Menschen auf dem Eis im Winter wunderbar zu Gehör bringen konnte.

 

Tango als Abschied vom Leben

Beeindruckend, und ein nächster Höhepunkt des Abends, die Interpretation von Astor Piazzollas (1921-1992) Five Tango Sensations (1989). Piazzolla, bereits schwer erkrankt, schrieb diese fünf Kompositionen, gleichzeitig seine letzte Studioaufnahme, für das Kronos Quartett und Bandoneon (das er selbst spielte) und nannte sie „ein musikalischer Abschied vom Leben“. Nicht von ungefähr übertitelte er die einzelnen Stücke, „Schlafend“, „Liebend“, „Angst“, „Verzweiflung“ und „Furcht“. Martynas und das Mikroorchéstra entschieden sich für Loving, Anxiety und Fear. Große Wehmut über die Vergänglichkeit der Liebe charakterisierte Loving, ein sehr eindringlich Cello-Solo dominerte Anxiety und ein berückender Kanon mit gewaltigen homophonen Einlagen des Akkordeons bildete den Abschluss dieser Trilogie des Vergänglichen. Das war kein Tango im herkömmlichen Sinne, sondern einer von tragischer Schönheit. Martynas und das Streichquartett verstanden es, die tiefe Leidenschaft und melancholische Stimmung dieser Musik in rhythmische und klangliche Nuancen von einzigartiger Anmut zu fassen.

 

Martynas Levickis (Akkordeon) Foto: Sebastian Madej

Viel Populäres aus Film und Tanz

Die übrigen abschließenden Musiken waren Extrakte aus den berühmten Filmen wie Der Pate (1972) von Francis Coppola und der Titelmusik von Nino Rota (1911-1979): The Godfather, sowie ein Medley aus dem Film: Die fabelhafte Welt der Amelie (2001) von Jean-Pierre Jeunet mit der Musik von Yann Tiersen (*1970).

Auch Johannes Brahms (1833-1897) durfte nicht fehlen. Man spielte aus seinen 21 ungarischen Tänzen die Nr. 5 g-Moll und von Johann Strauß´ Sohn (1825-1899) die jährlich auf der Wiener Sylvester Gala zum Pflichtprogramm gehörende Schnellpolka „Unter Donner und Blitz“ op. 324 (1868). Alles spritzig, witzig und gekonnt, aber leider ein wenig zu viel des Populären, um nicht zu sagen des Populistischen. Klar, dem Gejohle und Geschrei des Publikums war man sich sicher, aber die Frage sollte erlaubt sein, ob dadurch das durchaus musikalisch Bemerkenswerte, wie die litauischen Lieder aus eigener Hand oder das Spätwerk Astor Piazzollas, nicht entwertet wurde.

Die Zugabe, ein Mix aus Georges Bizets Carmen-Oper, die Habanera, und Gerardo Matos Rodriguez´ La Cumparsita, ein Tango infernale, stellte noch einmal die Vielseitigkeit dieses Sextetts (hier allerdings ohne Cembalo versteht sich) zur Schau, aber auch nicht mehr. Dennoch, ein ungewöhnlich begabter Akkordeonist, Komponist und Entertainer und ein Mikroorchéstra der Sonderklasse, eine Klangwelt mit ganz neuen Farben und Dynamiken.

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