Samstag, 13. August 2022

 

Das 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022

 

Wolfgang Haffner All-Star-Band, Kurhaus Wiesbaden, 12.08.2022

Wolfgang Haffner All Star Band, v. l.: Simon Oslender, Thomas Quasthoff, Wolfgang Haffner, Viktoria Tolstoy,
Nils Landgren, Thomas Stieger
(Foto: Ansgar Klostermann) 


„Herzensleute“

Nein, es war nicht das erwartete Sixpack seiner „Herzensleute“, die der Entertainer und Schlagwerker, Wolfgang Haffner, auf der Bühne des Wiesbadener Kurhauses zusammenführte (es fehlten der Trompeter Randy Brecker, Christopher Dell am Vibraphon, sowie Bill Evans als Sänger). Dafür aber präsentierte er neben Thomas Quasthoff (Gesang) noch die Jazz-Gesangsikone Viktoria Tolstoy, ergänzt durch den Posaunisten Nils Landgren, sowie seine ständigen Begleiter Thomas Stieger am E-Bass und Simon Oslender an den Tasten. Also immer noch ein Sixpack mit Freunden, eine Dream All-Star-Band, die sich blind versteht und seit vielen Jahren gemeinsam wie auch getrennt die Bühnen der Welt bespielt.

 

Wolfgang Haffner (Foto: Ansgar Klostermann)

Bekannt, erfolgreich, umtriebig

Wolfgang Haffner, einer der bekanntesten, erfolgreichsten und vermutlich umtriebigsten Schlagwerker der Republik, gehört bestimmt nicht zu den vielseitigsten seines Fachs, er kommt eindeutig aus der Rockszene und erinnert ein wenig an Rock-Koryphäen wie Keith Moon von The Who oder Mike Shrieve von Santana in designter Version, als an versierte Jazzgrößen oder brillanten Schlagwerker wie Tony Williams (Miles Davies) oder Martin Grubinger. Was er aber hat, das ist enormes Entertainer Geschick, ein unglaubliches Organisationstalent und dazu ein äußerst charmantes Wesen, das seinen Zugang zum Publikum bestimmt. Immer lobt er seine Zuhörer, den Ort, die Stadt das Ambiente. Alles ist bestens, die Leute, die Musik die Welt überhaupt, und das kommt sehr gut an. Man ist dabei, man gehört dazu und die Musik ist gefällig, angepasst an die Stimmung und immer höchst professionell.

 

So auch im vollbesetzten Saal des malerischen Friedrich-von-Thiersch Saals. Ein Kurzes aber knackiges Schlagzeug-Solo Drums ahead, untermalt von elektronsicher Hintergrundmusik, erregte Aufmerksamkeit und einzeln erschienen die Akteure, um ausgiebig vorgestellt zu werden. Alles Freunde, langjährige Begleiter, nur das Küken der Truppe, Simon Oslender, ein 24-jähriger Tastenkünstler aus Aachen, ist erst seit 2019 dabei, aber bereits liebevoll in die Meisterklasse integriert.

 

Wolfgang Haffner All Star Band, v. l.: Wolfgang Haffner, Thomas Quasthoff, Thomas Stieger, Nils Landgren
(Foto: Ansgar Klostermann) 



Von Summertime bis Samba

Man begann mit Summertime (George Gershwin), das Thomas Quasthoff, früher eher als klassischer Bariton auf den Bühnen, in tiefstem Bass vortrug, um dann Viktoria Tolstoy zur Geltung kommen zu lassen. Bekannt ist sie in Deutschland seit mindestens 2011, wo sie erstmals in der Alten Oper Frankfurt – gemeinsam mit Nils Landgren übrigens – auftrat und eine Begeisterungswelle ungeahnten Ausmaßes auslöste. Sie gehört seitdem zur Crème de la Crème der Jazzsängerinnnen, von denen es nicht allzu viele gibt. Ihre Stimme, unausgebildet, dafür aber unverdorben, ist variabel mit großem Umfang, in den Höhen allerdings sehr dünn. Sie liebt die Mittetöne und beherrscht die rhythmische Komplexität des Jazz mit großer Grandezza. Ihr Künstlername (tatsächlich heißt sie mit Nachnamen Kjellberg) ist tatsächlich von Leo Tolstoy, dem Verfasser von Krieg und Frieden, abgeleitet. Er soll ihr Ur-Uropa sein. Im Wechsel sang Quasthoff mal You heart for take away (John Lennon) und You are so Beautiful (Joe Cocker) und Tolstoy Look in the Mirror (Jennifer McGill und Jeff Bohannon) und I can´t stand the rain (Tina Turner). Alles in bester Manier, ergänzt noch von einer typischen Nils Landgren Posaunen-Einlage. Nicht umsonst nennt man ihn „Mr. Red Horn“, da seine Posaune nicht nur ein rotes Outfit hat, sondern sein Spiel zwischen Funk, modern Jazz und balladesken Zwischentönen changiert. Sein Stück wurde mit „Chosen“ angekündigt, von erfrischendem Samba-Rhythmus beseelt, und ließ allen Instrumentalisten freien Raum der Improvisation. Hervorragend erstmals das Keyboard-Solo von Simon Oslender. Auch Nils Landgren brillierte mit ausgezeichneten Patterns.

 

Wolfgang Haffner All Star Band, v. l.: Thomas Quasthoff, Wolfgang Haffner, Viktoria Tolstoy, Nils Landgren, 
Thomas Stieger (Foto: Ansgar Klostermann) 


Ein herausragendes Trio, geboren im Lockdown

Der Höhepunkt des Abends gehörte dem Trio, bestehend aus Haffner, Oslender und Stieger. Haffner erklärte im Vorspann, dass diese Formation Ergebnis der Lockdowns 2020 und 2021 sei. Von „Langeweile geplagt“ und fern jeglicher Zusammenkünfte und Auftritte, habe er das Trio (alle drei waren offensichtlich erreichbar) gegründet und einige seiner Labels neu eingespielt. Dazu zählt er das 2017 veröffentlichte Album Kind-of-Spain, aus dem mehrere Stücke vorgestellt wurden. Darunter El Faro, Pasadoble, El Vito, Tàpies, Capriccio arabe. Eigentlich sind es Eigenkompositionen, denn Haffner versteht sich auch darin bestens. Viel Seele, und minimalistische melodische Linien, an Filmmusiken erinnernd, spanische und südamerikanische Rhythmen, elektronische Verzerrungen. Hier zeigten die Drei ihr Können. Herausragend das E-Bass Solo von Thomas Stieger, vermutlich eine kreative Bearbeitung von Capriccio arabe.

 

Landgren und Tolstoy, ein perfektes Paar

Nachdem Thomas Quasthoff sein Solo, eine Gesangsauswahl wie er es nannte, tatsächlich aber ein Spiel mit der Stimme und eine Hommage an das Rheingau Musik Festival, mit frenetischem Beifall beendet hatte (eine ähnliche Nummer gehörte schon 2018 zu seinem Repertoire in der Alten Oper, mit dem Wolfgang-Haffner-Quartett) ließen Landgren und Tolstoy gemeinsam ihren stimmlichen und musikalischen Qualitäten noch einmal freien Lauf. Ein wirklich perfektes Paar, sowohl stimmlich als auch musikalisch. Der helle etwas zurückgenommene, fast lyrische Tenor Landgrens wurde ergänzt durch das mädchenhafte, etwas freche Timbre der Sängerin Viktoria Tolstoy. Mit unter anderem Get here (Brenda Russel) und Tell you how I´m feeling (Kevin Garrett) setzten sie das Balladiöse wie das Melancholische in Szene. Dazu wunderbares Timing und herrliche Begleitung des Trios. Vielleicht ein wenig zu viel Barmusik, dafür aber exzellent gemischt und kredenzt.

 

Wolfgang Haffner All Star Band, v. l.: Wolfgang Haffner, Viktoria Tolstoy, Thomas Stieger, Nils Landgren (Foto: Ansgar Klostermann) 


Ein 100-Minuten Show ohne Makel

Sing a Song oder The Same old Story (Randy Crawford) am Schluss der 100 Minuten Show ließ noch einmal allen Emotionen freien Lauf. Viel Tamtam und Lautstärke, monophoner Gesang einer einfachen Melodie und abschließend ein klassisches Rock-Solo auf dem Schlagzeug. Alles stimmig, genau durchdacht und ohne Makel. Das Publikum tobte, aber die Frage darf doch gestellt werden, ob bei aller Perfektion das Spontane, das Zufällige nicht ein wenig auf der Strecke geblieben ist. Großes Lob an dieser Stelle an den jungen Tastenkünstler, Simon Oslender, der wirklich großes improvisatorisches Talent zeigte, wie auch an den Entertainer Wolfgang Haffner, der sich niemals in den Mittelpunkt stellte, sondern geschickt im Hintergrund agierte wie ein Primus inter Pares, dafür aber das Publikum mitzureißen verstand.

 

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