Das 35.
Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022
Wolfgang Haffner All-Star-Band, Kurhaus Wiesbaden, 12.08.2022
| Wolfgang Haffner All Star Band, v. l.: Simon Oslender, Thomas Quasthoff, Wolfgang Haffner, Viktoria Tolstoy, Nils Landgren, Thomas Stieger (Foto: Ansgar Klostermann) |
„Herzensleute“
Nein, es
war nicht das erwartete Sixpack seiner „Herzensleute“, die der Entertainer
und Schlagwerker, Wolfgang Haffner, auf der Bühne des Wiesbadener Kurhauses
zusammenführte (es fehlten der Trompeter Randy Brecker, Christopher Dell am
Vibraphon, sowie Bill Evans als Sänger). Dafür aber präsentierte er neben Thomas
Quasthoff (Gesang) noch die Jazz-Gesangsikone Viktoria Tolstoy, ergänzt durch
den Posaunisten Nils Landgren, sowie seine ständigen Begleiter Thomas Stieger
am E-Bass und Simon Oslender an den Tasten. Also immer noch ein Sixpack mit Freunden,
eine Dream All-Star-Band, die sich blind versteht und seit vielen Jahren
gemeinsam wie auch getrennt die Bühnen der Welt bespielt.
| Wolfgang Haffner (Foto: Ansgar Klostermann) |
Bekannt,
erfolgreich, umtriebig
Wolfgang
Haffner, einer der
bekanntesten, erfolgreichsten und vermutlich umtriebigsten Schlagwerker der Republik,
gehört bestimmt nicht zu den vielseitigsten seines Fachs, er kommt eindeutig
aus der Rockszene und erinnert ein wenig an Rock-Koryphäen wie Keith Moon von The
Who oder Mike Shrieve von Santana in designter Version, als an versierte
Jazzgrößen oder brillanten Schlagwerker wie Tony Williams (Miles Davies) oder Martin
Grubinger. Was er aber hat, das ist enormes Entertainer Geschick, ein unglaubliches
Organisationstalent und dazu ein äußerst charmantes Wesen, das seinen Zugang
zum Publikum bestimmt. Immer lobt er seine Zuhörer, den Ort, die Stadt das
Ambiente. Alles ist bestens, die Leute, die Musik die Welt überhaupt, und das
kommt sehr gut an. Man ist dabei, man gehört dazu und die Musik ist gefällig,
angepasst an die Stimmung und immer höchst professionell.
So auch im vollbesetzten
Saal des malerischen Friedrich-von-Thiersch Saals. Ein Kurzes aber knackiges
Schlagzeug-Solo Drums ahead, untermalt von elektronsicher Hintergrundmusik, erregte
Aufmerksamkeit und einzeln erschienen die Akteure, um ausgiebig vorgestellt zu
werden. Alles Freunde, langjährige Begleiter, nur das Küken der Truppe, Simon
Oslender, ein 24-jähriger Tastenkünstler aus Aachen, ist erst seit 2019 dabei,
aber bereits liebevoll in die Meisterklasse integriert.
| Wolfgang Haffner All Star Band, v. l.: Wolfgang Haffner, Thomas Quasthoff, Thomas Stieger, Nils Landgren (Foto: Ansgar Klostermann) |
Von Summertime
bis Samba
Man begann
mit Summertime (George Gershwin), das Thomas Quasthoff, früher eher als
klassischer Bariton auf den Bühnen, in tiefstem Bass vortrug, um dann Viktoria
Tolstoy zur Geltung kommen zu lassen. Bekannt ist sie in Deutschland seit
mindestens 2011, wo sie erstmals in der Alten Oper Frankfurt – gemeinsam mit
Nils Landgren übrigens – auftrat und eine Begeisterungswelle ungeahnten
Ausmaßes auslöste. Sie gehört seitdem zur Crème de la Crème der
Jazzsängerinnnen, von denen es nicht allzu viele gibt. Ihre Stimme,
unausgebildet, dafür aber unverdorben, ist variabel mit großem Umfang, in den Höhen
allerdings sehr dünn. Sie liebt die Mittetöne und beherrscht die rhythmische
Komplexität des Jazz mit großer Grandezza. Ihr Künstlername (tatsächlich heißt
sie mit Nachnamen Kjellberg) ist tatsächlich von Leo Tolstoy, dem Verfasser von
Krieg und Frieden, abgeleitet. Er soll ihr Ur-Uropa sein. Im Wechsel
sang Quasthoff mal You heart for take away (John Lennon) und You are
so Beautiful (Joe Cocker) und Tolstoy Look in the Mirror (Jennifer
McGill und Jeff Bohannon) und I can´t stand the rain (Tina Turner). Alles in bester Manier, ergänzt noch von einer typischen
Nils Landgren Posaunen-Einlage. Nicht umsonst nennt man ihn „Mr. Red Horn“,
da seine Posaune nicht nur ein rotes Outfit hat, sondern sein Spiel zwischen
Funk, modern Jazz und balladesken Zwischentönen changiert. Sein Stück wurde mit
„Chosen“ angekündigt, von erfrischendem Samba-Rhythmus beseelt, und ließ allen
Instrumentalisten freien Raum der Improvisation. Hervorragend erstmals das Keyboard-Solo
von Simon Oslender. Auch Nils Landgren brillierte mit ausgezeichneten
Patterns.
| Wolfgang Haffner All Star Band, v. l.: Thomas Quasthoff, Wolfgang Haffner, Viktoria Tolstoy, Nils Landgren, Thomas Stieger (Foto: Ansgar Klostermann) |
Ein herausragendes
Trio, geboren im Lockdown
Der Höhepunkt
des Abends gehörte dem Trio, bestehend aus Haffner, Oslender und Stieger.
Haffner erklärte im Vorspann, dass diese Formation Ergebnis der Lockdowns 2020
und 2021 sei. Von „Langeweile geplagt“ und fern jeglicher Zusammenkünfte und
Auftritte, habe er das Trio (alle drei waren offensichtlich erreichbar)
gegründet und einige seiner Labels neu eingespielt. Dazu zählt er das 2017
veröffentlichte Album Kind-of-Spain, aus dem mehrere Stücke
vorgestellt wurden. Darunter El Faro, Pasadoble, El Vito, Tàpies, Capriccio
arabe. Eigentlich sind es Eigenkompositionen, denn Haffner versteht sich
auch darin bestens. Viel Seele, und minimalistische melodische Linien, an Filmmusiken
erinnernd, spanische und südamerikanische Rhythmen, elektronische Verzerrungen.
Hier zeigten die Drei ihr Können. Herausragend das E-Bass Solo von Thomas
Stieger, vermutlich eine kreative Bearbeitung von Capriccio arabe.
Landgren
und Tolstoy, ein perfektes Paar
Nachdem
Thomas Quasthoff sein Solo, eine Gesangsauswahl wie er es nannte, tatsächlich
aber ein Spiel mit der Stimme und eine Hommage an das Rheingau Musik Festival,
mit frenetischem Beifall beendet hatte (eine ähnliche Nummer gehörte schon 2018
zu seinem Repertoire in der Alten Oper, mit dem Wolfgang-Haffner-Quartett) ließen
Landgren und Tolstoy gemeinsam ihren stimmlichen und musikalischen Qualitäten
noch einmal freien Lauf. Ein wirklich perfektes Paar, sowohl stimmlich als auch
musikalisch. Der helle etwas zurückgenommene, fast lyrische Tenor Landgrens wurde
ergänzt durch das mädchenhafte, etwas freche Timbre der Sängerin Viktoria
Tolstoy. Mit unter anderem Get here (Brenda Russel) und Tell you how
I´m feeling (Kevin Garrett) setzten sie das Balladiöse wie das
Melancholische in Szene. Dazu wunderbares Timing und herrliche Begleitung des
Trios. Vielleicht ein wenig zu viel Barmusik, dafür aber exzellent gemischt und
kredenzt.
| Wolfgang Haffner All Star Band, v. l.: Wolfgang Haffner, Viktoria Tolstoy, Thomas Stieger, Nils Landgren (Foto: Ansgar Klostermann) |
Ein 100-Minuten
Show ohne Makel
Sing a
Song oder The Same old Story (Randy Crawford) am Schluss der
100 Minuten Show ließ noch einmal allen Emotionen freien Lauf. Viel Tamtam und
Lautstärke, monophoner Gesang einer einfachen Melodie und abschließend ein
klassisches Rock-Solo auf dem Schlagzeug. Alles stimmig, genau durchdacht und
ohne Makel. Das Publikum tobte, aber die Frage darf doch gestellt werden, ob
bei aller Perfektion das Spontane, das Zufällige nicht ein wenig auf der
Strecke geblieben ist. Großes Lob an dieser Stelle an den jungen Tastenkünstler,
Simon Oslender, der wirklich großes improvisatorisches Talent zeigte,
wie auch an den Entertainer Wolfgang Haffner, der sich niemals in den Mittelpunkt
stellte, sondern geschickt im Hintergrund agierte wie ein Primus inter Pares,
dafür aber das Publikum mitzureißen verstand.
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