Samstag, 20. August 2022

 

Das 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022

 

Tenebrae Choir mit „England´s Finest“, Leitung: Nigel Short, Lutherkirche Wiesbaden, 19.08.2022

Tenebrae Choir, Dirigent: Nigel Short (Foto: Ansgar Klostermann)


Grenzenlose Begeisterung

Die Lobensworte über den Tenebrae Choir scheinen bereits ausgereizt. Sie reichen von „phänomenal“, „zauberhaft“ und „einmalig schön“ bis … endlos weiter. Seit 2019 ist dieser Chor bereits Gast auf dem Rheingau Musik Festival, und jährlich wächst sein Publikum und seine begeisterten Liebhaber. Die Lutherkirche, ein herrlicher Jugendstilbau mitten in Wiesbaden, platzte aus allen Nähten und es versteht sich von selbst, dass die Begeisterung keine Grenzen kannte.

 

„Requiem aeternam dona eis“

Dennoch, das Programm mit „England´s Finest“ bestand ausschließlich aus sakralen Gesängen, aus Requiems und Todeschorälen, aus kirchlichen Motetten und vor allem aus dem Dialog zwischen der erbärmlichen Kreatur Mensch und Gott dem allmächtigen Schöpfer, ein Dialog zwischen der Sterblichkeit und der Ewigkeit: „Requiem aeternam dona eis et lux perpetua luceat eis“ könnte tatsächlich das geistliche Motto dieses Konzertabends lauten.

Fünf der wichtigsten und bekanntesten Komponisten Englands aus dem 19. bis frühen 20. Jahrhundert, mit Ausnahme von Judith Bingham (*1952), hatte der Tenebrae Choir, 18 Sängerinnen und Sänger, unter der umsichtigen und souveränen Leitung von Nigel Short (ein sympathischer Brite bis zu den Haarspitzen), auf ihr Programm gesetzt: Gustav Holst (1874-1934) mit The Evening Watch (um 1920), Herbert Howells (1892 -1983) mit Requiem (1935/1980), Ralph Vaughan Williams (1872-1958) mit Valiant for Truth (1940), Hubert Parry (1848-1918) mit Songs of Farewell (1913-1915) und natürlich auch Judith Bingham mit A Walk with Ivor Gurney (2007). 

Tenebrae Choir, Dirigent: Nigel Short (Foto: Ansgar Klostermann)

Eine Männerriege zwischen Tradition und Moderne

Die Besonderheit: die erstgenannten Männer kannten sich von der Uni her, waren miteinander befreundet (Holst und Williams), oder auch Kompositionslehrer ihrer Schützlinge (Parry von Howells). Lediglich Judith Bingham fällt ein wenig heraus, dafür nimmt aber ihre Komposition Bezug auf einen in diese Phalanx gehörenden Komponisten, Ivor Gurney (1890-1937), dessen tragisches Schicksal – er litt an den Folgen des 1. Weltkriegs und verbrachte von 1922 an sein Leben in einer Psychiatrie – sie in einer beeindruckenden Hommage für Chor vertont hat.

 

Eine großartige impressionistische Erzählung

Holst The Evening Watch, eine neunstimmige Motette basierend auf einen Text des Dichters Henry Vaughan (1621/22-1695), besteht aus einem Dialog zwischen Seele (Soul) und Körper (Body), eingehüllt in eine dunkle Atmosphäre mit stark variierenden Akzenten. Der Chor singt unsichtbar im Chorbereich hinter dem Altar, der von einer Kreuztreppe verdeckt wird. Stimmen wie aus dem Off erfüllen den ornamental überladenen Raum der Kirche. Leider lässt die etwas trockene Akustik, untypisch für die hohen Hallen der Kirchen im Allgemeinen, die Stimmen unmittelbar schnell verschwinden. Kein Hall wie es zum Beispiel in der Basilika des Klosters Eberbach üblich ist. Die Klasse der einzelnen Stimmen lässt diesen Mangel (allerdings ideal für instrumentale Konzerte) aber sofort vergessen.

 Der weibliche Teil (acht Frauen) des Chors erscheint vor dem Altar mit einem Countertenor und lässt den Spaziergang durch die Landschaft von Gloucestershires mit Ivor Gurney, alias The Walk with Ivor Gurney lebendig werden. Ein Mezzosopran-Solo wird von hellsten, sphärischen Stimmen in chromatischen und Ganzton-Skalen skandiert und später von den männlichen Tenören und Bässen aus dem unsichtbaren Chor ergänzt. Eine großartige impressionistische Erzählung mit eingebauten gesungenen Grabinschriften aus der römischen Geschichte Englands. Judith Bingham, selbst Alt-Sängerin beim BBC über viele Jahre, ist durchaus eine würdige Nachfolgerin ihrer männlichen Kollegen des England´s Finest.

Tenebrae Choir, Dirigent: Nigel Short (Foto: Ansgar Klostermann)


„I heard a voice from Heaven“

Herbert Howells Requiem hat eine ganz eigene Geschichte. Bereits 1932 begonnen ließ es der Komponist nach dem tragischen Tod seines neunjährigen Sohnes 1935 lange liegen. Bearbeitete es zu einem Oratorium, das 1950 zur Uraufführung kam, und übergab das Ursprungswerk erst 1980 der Öffentlichkeit. Es zählt unbedingt zu seinem bedeutendsten Werk. Warum? Die in sechs Abschnitte unterteilte Trauermotette, bestehend aus zwei Psalm-Texten, zwei Requiem-Texten und zwei freien Rahmentexten ist Ausdruck einer tief durchdachten Tonsprache, einem Changieren zwischen Dissonanz und Konsonanz, zwischen kontrastierende Dynamik sowie einer existenziellen Auseinandersetzung zwischen Tod und Erlösung. Mitreißend und erschütternd die Schluss-Offenbarung (14v.13), „I heard a voice from Heaven“. Ein emotionaler Aufschrei, ein hoffnungsgeladener Bittgesang wie der unerschütterliche Glaube an die Ewigkeit und die Erlösung von allen Übeln. Immer wieder mit solistischen Einlagen von Bariton, Sopran, Alt und Tenor vor allem in den Psalmengesängen und mit erschütternd gewaltigen Chor-Tuttis in den beiden Requien. Das Finale in klarem Dur versöhnt für alles erlittene Leid. Eine beeindruckende Interpretation.

 

Die Wahrheitsstreiter

Valiant for Truth, übersetzt etwa Wahrheitsstreiter, ist ebenfalls eine Trauerkompositionen des eher umtriebigen Produzenten von Opern- Kammermusik-, Klavier- und Orchesterwerken bekannten Ralph Vaughan Williams. Dennoch besteht sein Oeuvre auch aus zahlreichen Liederzyklen und Chorwerken, wovon tatsächlich das an diesem Abend gesungene Werk zu seinen weniger bekannten gehört: Eine Hommage an den Tod der Ehefrau seines besten Freundes nach einem Text des Dichters John Bunyan (1628-1688).

Es handelt von der Pilgerreise des Wahrheitsstreiters mit dem Ziel die göttliche Ewigkeit zu erreichen. Seine Tage auf dieser Erde sind beendet. Mit dem Ruf: „Tod, wo ist dein Stachel“ und „Hölle, wo ist dein Sieg!“, schreitet er unter dem Fanfarengesang des Chores (Trompeten) in das Reich der Unterwelt voller Zuversicht und Vertrauen. Ein sehr kontrastreiches, kurz gefasstes Werk mit variablen Rhythmen und einem herrlichen Mezzosopran im Mittelteil.

 

Ein Konservativer mit eigener musikalischer Handschrift

Der zweite Teil des Abends gestaltete das sechsteilige Werk Songs of Farewell von Hubert Parry. Zunächst My Soul, There is a Country. Ein der Spätromantik angeglichenes, sehr melodiös gefasstes Werk, das sowohl von Franz Schubert oder auch Robert Schumann hätte sein können. Bekanntlich gehört Hubert Parry zu den wichtigsten Protagonisten der englischen Musik am Ende des 19. Jahrhunderts. Seine Nähe zum Königshaus ist sprichwörtlich und sein Bekanntheitsgrad misst sich außerdem an seiner Mit-Gründung des Grove-Dictionary, das bis heute als wichtigstes Musiklexikon weltweit gilt und für Studenten der Musikwissenschaft ein unbedingtes Muss für wissenschaftliches Arbeiten ist.

Kompositorisch gilt Parry eher als konservativer, der reinen Tonalität anhängender Musikschöpfer, der aber durchaus eine eigene Handschrift entwickelt hat. Hervorragend in diesem Sinne sind seine beiden letzten Abschiedslieder aus diesem Zyklus: At the round earth´s imagined corner, eine Auferstehungshymne mit gesungenen Trompetenfanfaren: eine Gefühlswallung zwischen Feuer, Flut, Krieg, Hunger, Fieber, Tyrannei und Verzweiflung, ein himmlisches Frauenquartett, Rezitative und Lobpreisungen in dichter Folge. Musikalisch unglaublich vielfältig, rhythmisch anspruchsvoll und selbstverständlich meisterhaft gesungen. Sowie der Abschluss Psalm 39: Lord, let me know mine (Herr lehre doch mich), der noch einmal einen I-Punkt in diesem Zyklus setzt.

 

Tenebrae Choir (Foto: Sim Carnetti-Clarke)

Der Mensch ist nichts – Tenebrae ist ein göttliches Geschenk

Unterteilt in fünf Abschnitte singt der Chor: „Ach wie gar nichts sind alle Menschen“, das gleich zweimal, dazwischen ein rezitativisches Lebewohl und ein Finale von ungeheurer Eindringlichkeit: Höre mein Gebet, Herr … Lass ab von mir, dass ich mich erquicke, ehe ich dahinfahre und nicht mehr bin“, ein Gebet mit dreimaliger Wiederholung und ein jedes Mal intensiver und eindringlicher. Da bleibt nur der Wahnsinn, sowohl inhaltlich als auch gesanglich.

Die Zugabe, ein leises Gebet (das Ave Maria Stella von Edvard Grieg), entließ das seelisch wie physisch aufgewühlte Publikum in den bereits dunklen Abendhimmel. Tenebrae ist ein göttliches Geschenk an die Menschheitsfamilie.     

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