Das 35.
Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022
Tenebrae Choir mit „England´s Finest“, Leitung: Nigel Short, Lutherkirche Wiesbaden, 19.08.2022
| Tenebrae Choir, Dirigent: Nigel Short (Foto: Ansgar Klostermann) |
Grenzenlose
Begeisterung
Die Lobensworte über den Tenebrae Choir
scheinen bereits ausgereizt. Sie reichen von „phänomenal“, „zauberhaft“ und „einmalig
schön“ bis … endlos weiter. Seit 2019 ist dieser Chor bereits Gast auf dem
Rheingau Musik Festival, und jährlich wächst sein Publikum und seine
begeisterten Liebhaber. Die Lutherkirche, ein herrlicher Jugendstilbau mitten
in Wiesbaden, platzte aus allen Nähten und es versteht sich von selbst, dass
die Begeisterung keine Grenzen kannte.
„Requiem aeternam
dona eis“
Dennoch, das
Programm mit „England´s Finest“ bestand ausschließlich aus sakralen
Gesängen, aus Requiems und Todeschorälen, aus kirchlichen Motetten und vor allem
aus dem Dialog zwischen der erbärmlichen Kreatur Mensch und Gott dem allmächtigen
Schöpfer, ein Dialog zwischen der Sterblichkeit und der Ewigkeit: „Requiem
aeternam dona eis et lux perpetua luceat eis“ könnte tatsächlich das geistliche
Motto dieses Konzertabends lauten.
Fünf der
wichtigsten und bekanntesten Komponisten Englands aus dem 19. bis frühen 20.
Jahrhundert, mit Ausnahme von Judith Bingham (*1952), hatte der Tenebrae
Choir, 18 Sängerinnen und Sänger, unter der umsichtigen und souveränen
Leitung von Nigel Short (ein sympathischer Brite bis zu den Haarspitzen),
auf ihr Programm gesetzt: Gustav Holst (1874-1934) mit The Evening Watch
(um 1920), Herbert Howells (1892 -1983) mit Requiem (1935/1980), Ralph
Vaughan Williams (1872-1958) mit Valiant for Truth (1940), Hubert Parry
(1848-1918) mit Songs of Farewell (1913-1915) und natürlich auch Judith
Bingham mit A Walk with Ivor Gurney (2007).
| Tenebrae Choir, Dirigent: Nigel Short (Foto: Ansgar Klostermann) |
Eine
Männerriege zwischen Tradition und Moderne
Die
Besonderheit: die erstgenannten Männer kannten sich von der Uni her, waren miteinander
befreundet (Holst und Williams), oder auch Kompositionslehrer ihrer Schützlinge
(Parry von Howells). Lediglich Judith Bingham fällt ein wenig heraus, dafür
nimmt aber ihre Komposition Bezug auf einen in diese Phalanx gehörenden Komponisten,
Ivor Gurney (1890-1937), dessen tragisches Schicksal – er litt an den Folgen
des 1. Weltkriegs und verbrachte von 1922 an sein Leben in einer Psychiatrie –
sie in einer beeindruckenden Hommage für Chor vertont hat.
Eine
großartige impressionistische Erzählung
Holst The
Evening Watch, eine neunstimmige Motette basierend auf einen Text des
Dichters Henry Vaughan (1621/22-1695), besteht aus einem Dialog zwischen Seele
(Soul) und Körper (Body), eingehüllt in eine dunkle Atmosphäre mit stark
variierenden Akzenten. Der Chor singt unsichtbar im Chorbereich hinter dem
Altar, der von einer Kreuztreppe verdeckt wird. Stimmen wie aus dem Off
erfüllen den ornamental überladenen Raum der Kirche. Leider lässt die etwas
trockene Akustik, untypisch für die hohen Hallen der Kirchen im Allgemeinen,
die Stimmen unmittelbar schnell verschwinden. Kein Hall wie es zum Beispiel in
der Basilika des Klosters Eberbach üblich ist. Die Klasse der einzelnen Stimmen
lässt diesen Mangel (allerdings ideal für instrumentale Konzerte) aber sofort
vergessen.
| Tenebrae Choir, Dirigent: Nigel Short (Foto: Ansgar Klostermann) |
„I heard
a voice from Heaven“
Herbert
Howells Requiem hat eine ganz eigene Geschichte. Bereits 1932
begonnen ließ es der Komponist nach dem tragischen Tod seines neunjährigen
Sohnes 1935 lange liegen. Bearbeitete es zu einem Oratorium, das 1950 zur
Uraufführung kam, und übergab das Ursprungswerk erst 1980 der Öffentlichkeit.
Es zählt unbedingt zu seinem bedeutendsten Werk. Warum? Die in sechs Abschnitte
unterteilte Trauermotette, bestehend aus zwei Psalm-Texten, zwei Requiem-Texten
und zwei freien Rahmentexten ist Ausdruck einer tief durchdachten Tonsprache,
einem Changieren zwischen Dissonanz und Konsonanz, zwischen kontrastierende
Dynamik sowie einer existenziellen Auseinandersetzung zwischen Tod und
Erlösung. Mitreißend und erschütternd die Schluss-Offenbarung (14v.13), „I
heard a voice from Heaven“. Ein emotionaler Aufschrei, ein hoffnungsgeladener Bittgesang
wie der unerschütterliche Glaube an die Ewigkeit und die Erlösung von allen
Übeln. Immer wieder mit solistischen Einlagen von Bariton, Sopran, Alt und
Tenor vor allem in den Psalmengesängen und mit erschütternd gewaltigen Chor-Tuttis
in den beiden Requien. Das Finale in klarem Dur versöhnt für alles erlittene Leid.
Eine beeindruckende Interpretation.
Die Wahrheitsstreiter
Valiant for
Truth, übersetzt
etwa Wahrheitsstreiter, ist ebenfalls eine Trauerkompositionen des eher umtriebigen
Produzenten von Opern- Kammermusik-, Klavier- und Orchesterwerken bekannten Ralph
Vaughan Williams. Dennoch besteht sein Oeuvre auch aus zahlreichen Liederzyklen
und Chorwerken, wovon tatsächlich das an diesem Abend gesungene Werk zu seinen
weniger bekannten gehört: Eine Hommage an den Tod der Ehefrau seines besten
Freundes nach einem Text des Dichters John Bunyan (1628-1688).
Es handelt
von der Pilgerreise des Wahrheitsstreiters mit dem Ziel die göttliche Ewigkeit
zu erreichen. Seine Tage auf dieser Erde sind beendet. Mit dem Ruf: „Tod, wo
ist dein Stachel“ und „Hölle, wo ist dein Sieg!“, schreitet er unter dem Fanfarengesang
des Chores (Trompeten) in das Reich der Unterwelt voller Zuversicht und
Vertrauen. Ein sehr kontrastreiches, kurz gefasstes Werk mit variablen Rhythmen
und einem herrlichen Mezzosopran im Mittelteil.
Ein Konservativer
mit eigener musikalischer Handschrift
Der zweite
Teil des Abends gestaltete das sechsteilige Werk Songs of Farewell von
Hubert Parry. Zunächst My Soul, There is a Country. Ein der Spätromantik
angeglichenes, sehr melodiös gefasstes Werk, das sowohl von Franz Schubert oder
auch Robert Schumann hätte sein können. Bekanntlich gehört Hubert Parry zu den
wichtigsten Protagonisten der englischen Musik am Ende des 19. Jahrhunderts.
Seine Nähe zum Königshaus ist sprichwörtlich und sein Bekanntheitsgrad misst
sich außerdem an seiner Mit-Gründung des Grove-Dictionary, das bis heute als wichtigstes
Musiklexikon weltweit gilt und für Studenten der Musikwissenschaft ein unbedingtes
Muss für wissenschaftliches Arbeiten ist.
Kompositorisch
gilt Parry eher als konservativer, der reinen Tonalität anhängender Musikschöpfer,
der aber durchaus eine eigene Handschrift entwickelt hat. Hervorragend in
diesem Sinne sind seine beiden letzten Abschiedslieder aus diesem Zyklus: At
the round earth´s imagined corner, eine Auferstehungshymne mit gesungenen Trompetenfanfaren:
eine Gefühlswallung zwischen Feuer, Flut, Krieg, Hunger, Fieber, Tyrannei und
Verzweiflung, ein himmlisches Frauenquartett, Rezitative und Lobpreisungen in
dichter Folge. Musikalisch unglaublich vielfältig, rhythmisch anspruchsvoll und
selbstverständlich meisterhaft gesungen. Sowie der Abschluss Psalm 39: Lord,
let me know mine (Herr lehre doch mich), der noch einmal einen I-Punkt in
diesem Zyklus setzt.
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| Tenebrae Choir (Foto: Sim Carnetti-Clarke) |
Der
Mensch ist nichts – Tenebrae ist ein göttliches Geschenk
Unterteilt
in fünf Abschnitte singt der Chor: „Ach wie gar nichts sind alle Menschen“, das
gleich zweimal, dazwischen ein rezitativisches Lebewohl und ein Finale von ungeheurer
Eindringlichkeit: Höre mein Gebet, Herr … Lass ab von mir, dass ich mich
erquicke, ehe ich dahinfahre und nicht mehr bin“, ein Gebet mit dreimaliger Wiederholung
und ein jedes Mal intensiver und eindringlicher. Da bleibt nur der Wahnsinn,
sowohl inhaltlich als auch gesanglich.
Die Zugabe, ein
leises Gebet (das Ave Maria Stella von Edvard Grieg), entließ das seelisch wie physisch aufgewühlte Publikum in den
bereits dunklen Abendhimmel. Tenebrae ist ein göttliches Geschenk an die
Menschheitsfamilie.

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