Das 35.
Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022
Bruce Liu, Klavierrezital im Fürst-von-Metternich-Konzert-Kubus, 24.08.2022
| Bruce Liu (Foto: Ansgar Klostermann) |
Ein glänzendes Debüt
auf den Tasten
Der kometenhafte
Aufstieg eines 24-jährigen Pianisten seit seinem Gewinn des 18. Internationalen
Chopin Musikwettbewerbs in Warschau, am 18. Oktober 2021, hat diesen jungen
Mann, Bruce Liu (*1997) - nicht zu verwechseln mit dem legendären Kampfkünstler
Bruce Lee und dennoch mit einigen Gemeinsamkeiten -, durch eine glückliche Hand
der Organisatoren des Rheingau Musik Festivals (RMF) auf den „grünen“ Hügel von
Schloss Johannisberg gebracht, wo der bisher weitgehend Unbekannte seine
Fingerkunstfertigkeit einem höchst erwartungsvollen Publikum erstmals in
Deutschland präsentieren konnte. Tatsächlich tingelt der bis vor knapp einem Jahr
noch unbekannte sinofrancokanadische Pianist weltweit umher und wird von den
Managern der Musikindustrie auf Händen getragen, was umso mehr sein
Debütkonzert auf dem Rheingau-Hügel aufwertet.
Prickelnde,
spannungsgeladene Atmosphäre
Ein voll
besetzter Kubus, ein gnadenlos schwieriges Programm und ein ungemein
durchtrainierter junger Mann mit stahlharter wie samtweicher Hand, schwarz
gekleidet mit chinoisem schwarzen Hemd und schwarzer Smoking Hose sorgten gut 90-Minuten lang für eine prickelnde spannungsgeladene Atmosphäre, die jederzeit zu
zerreißen drohte, aber immer wieder durch faszinierende musikalische Wendungen des
Pianisten in ihr Gleichgewicht zurückfanden.
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| Bruce Liu auf dem Internationalen-Warschauer-Chopin-Wettbewerb (Foto: Viva.pl) |
Barocke Charakterstücke
der Extraklasse
Was spielte
er? Zunächst aus dem reichhaltigen Suitenschatz des wohl berühmtesten
französischen Komponisten und Liebling des Generalsteuereinnehmers unter König Ludwig
XV, Jean Philippe Rameau (1683-1764), sechs ausgewählte Stücke aus seinen drei Büchern
für Cembalo aus den Jahren 1706, 1724 und 1726/27. Großartige Charakterstücke
mit den Bezeichnungen wie: „Die liebevollen Klagen“, „Der einäugige Riese“, „Die
Wilden“ oder „Die Henne“, alles Tanzsätze im Drei- oder Viervierteltakt, mal
Gavotte, mal Menuett, Allemande oder Courante. Witzige Anspielungen, Allusionen
auf Personen, Zustände oder auch Stimmungen. Liu spielte diese six Pièces
de clavecin leichthändig, deutlich pointiert in der Melodieführung, perlend
und unglaublich präzise im Detail. Nicht zu vergessen seine Trillerpassagen im
spannungsgeladenen La Poule (die Henne), man glaubte die Henne gackern
zu hören und picken zu sehen, sowie seine absolute Meisterschaft in der Repetition,
die vor allem in der abschließenden Gavotte et six doubles gefragt ist,
eine Variationenfolge mit lichter Zweistimmigkeit und ungeheurer technischer
Anforderung.
Ein Mega-Schlagerhit
der Romantik
Frederic
Chopins Variationen „La ci darem la mano“, op. 2 aus Don
Giovanni (1787), eine Art Improvisation auf den „Schlager“: „Reich mir die Hand
mein Leben …“, ein beliebter Song in den französischen Adelskreisen,
bekanntlich ein Verführungssong Don Juans an das gescheite Bauernmädchen
Zerlina aus der 1787 uraufgeführten Mozart Oper Don Giovanni, die sich davon blenden
lässt und zunächst auf ihn hereinfällt. Die Salons waren amüsiert. Chopin höchstselbst
reüssierte als 17-jähriger mit diesem virtuosen Bravourstück in den Pariser
Adelskreisen und gehörte ab da zu den beliebtesten und begehrtesten Pianisten
in Paris. Ein Genie an den Tasten war geboren.
Bruce Liu
ließ dieses, heute doch relativ selten gespielte Werk, wieder zum prickelnden Leben
erwachen. Ein jugendlicher Knaller mit allem, was die Kunst des Klavierspielens
zu bieten hat. Unglaublich schnelle Triolen in der zweiten Variation (Veloce,
ma accuratamente), extrem ausgreifende Akkordskalen in der vierten Variation
(Con bravura) und ein abschließendes Alla Polacca von
unglaublicher Brillanz und rhythmischer Perfektion. Was soll man sagen. Sollte
sich Bruce Liu mit diesem Stück der Gesellschaft bekannt machen, ähnlich wie
damals Chopin es musste, er wäre ebenfalls auf der Stelle zum Liebling und
Objekt der Begierde geworden.
| Bruce Liu (Foto: Ansgar Klostermann) |
Ein Spiegelbild
der inneren Betrachtung mit absolutem Klanggenuss
Höhepunkt
des Abends (eine Pause wäre durchaus angebracht gewesen) sollte Miroirs
(1904/05) von Maurice Ravel (1875-1937) sein. Warum dies, wo doch Bruce Liu als
ein ausgesprochener Chopin-Spezialist gilt? Zwei Gründe: Zunächst gehört Miroirs
zu den Schlüsselwerken des Impressionismus. Es zeichnet sich aus durch eine
grenzenlos raffinierte Farbvielfalt, durch höchste technische Anforderungen
sowie durch die perfekte Ausreizung harmonischer und klanglicher Spektren auf
der Klaviatur.
Der zweite
Grund ist: Wer dieses Stück spielt, muss den komplexen Stil Ravels beherrschen,
ansonsten droht ein Desaster. Bruce Liu verstand es, interpretatorisch seinen Blick auf die Welt sowie den Spiegel ins Innere seiner Person über sein Tastenspiel auf das Publikum zu
übertragen. In fünf Perspektiven erzählt dieses Werk vom chaotischen Flirren eines Nachtfalters zwischen Licht und Dunkel (Noctuelles), vom melancholischen Wehklagen der Vögel, die vielleicht ihrer Nester beraubt
wurden (Oiseaux Tristes) - wer
denkt da nicht an den Catalogue D’oiseaux für Klavier von Olivier Messiaen -, vom uferlosen Schwanken einer Barke auf dem aufgewühlten Meer (Une Barque sur
L’océan), vom Morgenlied eines Narren (Alborada
del Gracioso), abwechselnd zwischen Düster- und Heiterkeit, Gnomentanz und Verzweiflung, und schließlich vom Tal der Glocken (Vallée des Cloches), eine Atmosphäre des
Glücks. Die Glocken, herrlich pianistisch herausgehoben, laden vom Tal
in die Höhe ein, per aspera ad astra. Ein außergewöhnliches Werk von einem außergewöhnlichen
Pianisten in die musikalische Welt nach draußen transportiert. Ein Klanggenuss erster Güte.
Ein eigenwilliges
Spiegelbild seiner selbst
Franz Liszts
(1811 – 1886) Réminiscences de Don Juan. Grande Fantasie pour le Piano (1841),
ist ein Opernfantasie für Klavier über Themen aus Mozarts Oper Don Giovanni,
insofern nicht unbedingt vergleichbar mit den Chopinschen Variationen über: „Reich
mir die Hand mein Leben …“. Liszt verwendet zwar ebenfalls diese Arie aus dem
ersten Akt, zusätzlich aber noch die Friedhofsarie des Komturs
(bekanntlich ist er von Don Juan ermordet worden), die Höllenarie sowie
die Champagnerarie aus dem zweiten Akt.
Liszt geht es hier nicht allein um technisch höchste Anforderungen, wofür er ja bekannt ist, sondern vielmehr um eine ganz spezifische Zusammenstellung der Arien beziehungsweise ihrer Protagonisten, die sie in einen neuen Bezug setzen sollen. Liszts Giovanni-Paraphrase hat somit vor allem symbolische Bedeutung. Ist sie ein Spiegelbild seiner selbst? Eine eigenwillige ganz persönliche Interpretation ist sie allemal. Bekanntlich war Liszt kein Kostverächter in Sachen Frauen und Lebensstil und entdeckte in den 1860er Jahren auch seine spirituelle Seite. Übrigens schrieb er diese Fantasie 1877 für zwei Klaviere um, hat aber inhaltlich so gut wie nichts verändert. Auch zählte dieses außergewöhnliche und vermutlich auch persönliche Werk zu seinem regelmäßigen Konzertrepertoire.
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| Bruce Liu auf dem Internationalen-Warschauer-Chopin-Wettbewerb (Foto: Maciek Jazwiecki) |
„Das
Schwerste überhaupt“
Die Opernfantasie gehört
unbestritten zu den schwierigsten Klavierwerken überhaupt. So soll es bis tief
ins 20. Jahrhundert nach dem weltbekannten russischen Pianisten, Heinrich
Neuhaus, „nie fehlerfrei gespielt“ worden sein. Alexander Skrjabin soll sich
sogar seine Hand daran verletzt haben. Selbst Vladimir Horowitz, einer der
größten Pianisten aller Zeiten, hatte größten Respekt vor diesem Werk und hielt
es für das Schwerste überhaupt. Bruce Liu, das lässt sich mit Fug und
Recht feststellen, spielte es vollkommen, makellos und gleichzeitig von
sprudelnder Lebendigkeit und faszinierender Strahlkraft.
Unterschiede
in der Gemeinsamkeit
Bruce Liu
wirkte alles andere als erschöpft nach diesem physisch höchst
anspruchsvollen Rezital. Der Vergleich mit Bruce Lee (1940-1973) liegt immer auf
der Hand, denn Letztgenannter galt viele Jahrzehnte als der unbestritten beste
Kampfkünstler, mit Betonung auf Künstler, auf diesem Globus. Seine Anhängerschaft
verehrt ihn noch heute millionenfach. Bruce Liu kann man insofern mit ihm
vergleichen, als beide sich in Herkunft und äußerer Erscheinung sehr ähnlich
sind und die höchsten Anforderungen ihres Metiers in absoluter Hingabe, Präzision,
Kraft und Disziplin erfüllen. „Was wir alle gemeinsam haben, ist unsere
Unterschiedlichkeit“, sagt Bruce Liu gerne in Interviews, wenn Parallelen angestellt werden. Eine bemerkenswerte Lebensweisheit, besteht sie doch auf dem
Individuellen im Kollektiven.
Die drei
Zugaben, ein Chopinsches Nocturne sowie dessen Etüde auf den schwarzen Tasten
mit abschließender eigener Mini-Komposition (?) waren Ausdruck seiner Freude, auf
dem RMF angekommen zu sein. Das Publikum hat Bruce Liu bereits in sein Herz geschlossen. Ob er im kommenden Jahr wieder auftreten wird, hängt von
seinen Managern und seinem Terminplan ab. Die Liste seiner Engagements ist lang,
ellenlang.


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