Das 35.
Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022
Jan
Lisiecki, Klavier
und Leitung des Norwegian Chamber Orchestra, Kurhaus Wiesbaden,
30.08.2022
| Jan Lisiecki, Klavier und Leitung des Norwegian Chamber Orchestra (Foto: Ansgar Klostermann) |
Fokus Finale und Benefiz
Es ist der
letzte Konzertabend des im diesjährigen Fokus stehendem Starpianisten, Jan
Lisiecki (*1995), und gleichzeitig ein Benefizkonzert zugunsten junger Künstler
und Musiker, die unter den Bedingungen der Corona-Krise besonders zu leiden
hatten und haben. Zukunft Klassik e. V. nennt sich die neue
Gesellschaft, initiiert von der Firma LG Signature, die sich zur Aufgabe
gestellt hat, Gelder zu sammeln, und sie der jungen Künstlergeneration bereitzustellen.
Zwei
Klavierkonzerte aus unruhigen Zeiten
Auf dem
Programm standen Frédéric Chopins (1811-1849) Frühwerke und einzigen Klavierkonzerte
Nr. 1 e-Moll op.11 und Nr. 2 f-Moll op.21, beide uraufgeführt im
Jahre 1830 und wohl bereits 1829 entstanden – da war Chopin gerade einmal 18
Jahre alt. Nebenbei sei erwähnt, dass das zweite Klavierkonzert bereits im März
1830, das erste aber erst im Oktober desselben Jahres das Licht der
Öffentlichkeit erblickte, was denn auch von Jan Lisiecki und dem Norwegian
Chamber Orchester (gegr. 1977) berücksichtigt wurde. Denn zuerst spielten
sie das Zweite und nach der Pause das Erste Klavierkonzert.
Zu Frédéric Chopin
sei vorangestellt: Er verließ im selben Jahr seine Heimat, auch wegen des
Aufstandes der Polen gegen die russische Besatzung, und erreichte 1831 Paris, wo
das immer kränkelnde Wunderkind zum gesundheitlich labilen, empfindsamen Mann heranreifte,
ein umjubelter Star der Salonszene wurde – heute würde man sie als Schickimicki-Szene
umschreiben –, aber doch eher die Zurückgezogenheit und die Bescheidenheit bevorzugte.
Er komponierte ab da nur noch für Klavier, hatte seltene Auftritte auf der
großen Bühne, die er tunlichst mied, galt aber als beliebter und umgarnter
Mittelpunkt der Salons, wo er seine neuesten Kompositionen vorstellte und durch
seinen improvisatorischen und höchst virtuosen Stil begeisterte.
Das
Klavier als zweites Ich
Einer der berühmtesten
Pianisten seiner Zeit, Alfred Cortot, soll einmal gesagt haben, Chopin sei
berühmt geworden unter Ausschluss der Öffentlichkeit, und Chopin betonte
zeitlebens, dass das Klavier sein zweites Ich sei. Im Klartext, das Orchester, sich
damals in exorbitanter Entwicklung befindend, interessierte ihn wenig bis gar
nicht, obwohl er natürlich die Technik des Tonsatzes beherrschte.
Das drückt
sich auch in beiden Klavierkonzerten aus. Das Orchester ist hier lediglich als
klangliche Ausschmückung, als Überleitungsmaterial und Vorspiel gedacht, nie
aber als gleichberechtigtes Element mit dem Soloinstrument oder gar als
dialektisches Zwiegespräch auf gleicher Diskursebene, wie es zum Beispiel Beethoven,
Mendelssohn Bartholdy wie auch die meisten Konzertkomponisten seiner Zeit
bevorzugten. Wir befinden uns bekanntlich in der Hochphase der Aufklärung.
| Jan Lisiecki, Klavier und Leitung des Norwegian Chamber Orchestra (Foto: Ansgar Klostermann) |
Die
Quadratur des Kreises
Was aber
versucht Lisiecki mit seinem Norwegian Chamber Orchestra? Er (ver)suchte
die Quadratur des Kreises. Allein der Bühnenaufbau sollte die Voraussetzung der
Aufwertung des Orchesters bieten. Der Flügel stand ohne Deckel mitten im etwa
35 Instrumentalisten großen Orchester, das eng gedrängt beieinandersaß und der Pianist
mit dem Rücken zum Publikum, um das Dirigat optimal führen zu können. Der Zweck
war unmittelbar zu hören. Klavier- und Orchesterklang vermischten sich und
verschwammen förmlich im Äther. Auch Lautstärke und Dynamik wurden zur klanglichen
Gleichberechtigung aufgewertet, das heißt Pianosoli und Orchesterpartien waren
grundsätzlich gleichlaut, Klavier und Orchester konnten selten aus den in der
Luft schwirrenden Klang- und Tonclustern herausdestilliert werden. Dazu noch das
sehr sportliche Dirigat des Pianisten, der seine Doppelrolle zwar sehr ernst
nahm, aber dabei das eigene Spiel und das des Orchesters in wichtigen Übergangspartien
vernachlässigte, ja vernachlässigen musste. Leider war auch das Orchester nicht
immer im Bilde, Einsätze wurden vermasselt und die Blech- und Hornbläser ließen
Einiges zu wünschen übrig. Die Frage stellte sich immer wieder, ob es nicht
besser gewesen wäre, dem Konzertmeister das Ganze zu überlassen, um dadurch
Ruhe und Kompaktheit in das musikalische Geschehen zu bringen?
Ein
Experiment ohne Erfolg
Selbstverständlich
ist das Spiel von Jan Lisiecki überragend. Aber vergleicht man seinen Zyklus
mit den fünf Klavierkonzerten Ludwig van Beethovens, den er an zwei Abend im
Rahmen des Fokus auf dem RMF bravourös meisterte, dann ist dieses
möglicherweise gutgemeinte experimentelle Projekt als nicht gut gelungen zu
bewerten, wenn auch der Beifall des Publikums wieder frenetisch ausfiel.
Sein Spiel,
vor allem in den langsamen Sätzen, im Larghetto des Zweiten und in der Romance
des Ersten Klavierkonzerts, beide von lyrischer und poetischer Schönheit, hatte
wenig von der Chopinschen Feinheit und Empfindsamkeit, sondern glich mehr einer
Beethovenschen Kontrast Malerei mit scheppernd lauten Ausfällen. Auch die ungeheuer
virtuosen Figuraturen und rasenden Skalenläufe schienen oft wichtiger als die
melodische Linie, die bei Chopin metaphorisch formuliert die Butter auf dem
Brot seiner Kompositionen ist.
| Jan Lisiecki, Klavier und Leitung des Norwegian Chamber Orchestra (Foto: Ansgar Klostermann) |
Eine
interpretatorische Frage
Sicher ist
alles eine interpretatorische Frage. Aber der Versuch, Solo und Tutti auf
gleiche Stufe zu setzen, passt bei Chopin nicht, war vom Komponisten auch nie
beabsichtigt. Nicht umsonst werden die beiden Klavierkonzerte oft sogar
lediglich mit Quartett und Kammerorchester begleitet. Selten mit großem, da die
Solopartien des Klaviers auch ohne Orchester ihre volle Kraft entwickeln.
Bestimmt hat Chopin in den Salons auch seine Klavierkonzerte ohne Begleitung gespielt
und ist dafür bewundert worden.
Abschließend
lässt sich sagen, dass Jan Lisiecki vielleicht noch ein wenig warten sollte,
als Dirigent in Erscheinung zu treten. Viel Bewegung macht noch keinen
Orchesterleiter. Seine Beethoven Klavierkonzerte waren ein absolutes Highlight
auf dem diesjährigen RMF, sein Chopin Experiment gehört leider nicht dazu.
Seine
Zugabe, wie gehabt das Nocturne Nr. 2 op. 9, glänzte wieder einmal durch
wunderbare Melodiösität, wenngleich auch hier der fehlende Deckel des Flügels
die Töne im Äther zerfließen ließ.
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