Mittwoch, 31. August 2022

 

Das 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022

 

Jan Lisiecki, Klavier und Leitung des Norwegian Chamber Orchestra, Kurhaus Wiesbaden, 30.08.2022

Jan Lisiecki, Klavier und Leitung des Norwegian Chamber Orchestra (Foto: Ansgar Klostermann)


Fokus Finale und Benefiz

Es ist der letzte Konzertabend des im diesjährigen Fokus stehendem Starpianisten, Jan Lisiecki (*1995), und gleichzeitig ein Benefizkonzert zugunsten junger Künstler und Musiker, die unter den Bedingungen der Corona-Krise besonders zu leiden hatten und haben. Zukunft Klassik e. V. nennt sich die neue Gesellschaft, initiiert von der Firma LG Signature, die sich zur Aufgabe gestellt hat, Gelder zu sammeln, und sie der jungen Künstlergeneration bereitzustellen.


Zwei Klavierkonzerte aus unruhigen Zeiten

Auf dem Programm standen Frédéric Chopins (1811-1849) Frühwerke und einzigen Klavierkonzerte Nr. 1 e-Moll op.11 und Nr. 2 f-Moll op.21, beide uraufgeführt im Jahre 1830 und wohl bereits 1829 entstanden – da war Chopin gerade einmal 18 Jahre alt. Nebenbei sei erwähnt, dass das zweite Klavierkonzert bereits im März 1830, das erste aber erst im Oktober desselben Jahres das Licht der Öffentlichkeit erblickte, was denn auch von Jan Lisiecki und dem Norwegian Chamber Orchester (gegr. 1977) berücksichtigt wurde. Denn zuerst spielten sie das Zweite und nach der Pause das Erste Klavierkonzert.

 

Zu Frédéric Chopin sei vorangestellt: Er verließ im selben Jahr seine Heimat, auch wegen des Aufstandes der Polen gegen die russische Besatzung, und erreichte 1831 Paris, wo das immer kränkelnde Wunderkind zum gesundheitlich labilen, empfindsamen Mann heranreifte, ein umjubelter Star der Salonszene wurde – heute würde man sie als Schickimicki-Szene umschreiben –, aber doch eher die Zurückgezogenheit und die Bescheidenheit bevorzugte. Er komponierte ab da nur noch für Klavier, hatte seltene Auftritte auf der großen Bühne, die er tunlichst mied, galt aber als beliebter und umgarnter Mittelpunkt der Salons, wo er seine neuesten Kompositionen vorstellte und durch seinen improvisatorischen und höchst virtuosen Stil begeisterte.


Das Klavier als zweites Ich

Einer der berühmtesten Pianisten seiner Zeit, Alfred Cortot, soll einmal gesagt haben, Chopin sei berühmt geworden unter Ausschluss der Öffentlichkeit, und Chopin betonte zeitlebens, dass das Klavier sein zweites Ich sei. Im Klartext, das Orchester, sich damals in exorbitanter Entwicklung befindend, interessierte ihn wenig bis gar nicht, obwohl er natürlich die Technik des Tonsatzes beherrschte.

 

Das drückt sich auch in beiden Klavierkonzerten aus. Das Orchester ist hier lediglich als klangliche Ausschmückung, als Überleitungsmaterial und Vorspiel gedacht, nie aber als gleichberechtigtes Element mit dem Soloinstrument oder gar als dialektisches Zwiegespräch auf gleicher Diskursebene, wie es zum Beispiel Beethoven, Mendelssohn Bartholdy wie auch die meisten Konzertkomponisten seiner Zeit bevorzugten. Wir befinden uns bekanntlich in der Hochphase der Aufklärung.

 

Jan Lisiecki, Klavier und Leitung des Norwegian Chamber Orchestra (Foto: Ansgar Klostermann)

Die Quadratur des Kreises

Was aber versucht Lisiecki mit seinem Norwegian Chamber Orchestra? Er (ver)suchte die Quadratur des Kreises. Allein der Bühnenaufbau sollte die Voraussetzung der Aufwertung des Orchesters bieten. Der Flügel stand ohne Deckel mitten im etwa 35 Instrumentalisten großen Orchester, das eng gedrängt beieinandersaß und der Pianist mit dem Rücken zum Publikum, um das Dirigat optimal führen zu können. Der Zweck war unmittelbar zu hören. Klavier- und Orchesterklang vermischten sich und verschwammen förmlich im Äther. Auch Lautstärke und Dynamik wurden zur klanglichen Gleichberechtigung aufgewertet, das heißt Pianosoli und Orchesterpartien waren grundsätzlich gleichlaut, Klavier und Orchester konnten selten aus den in der Luft schwirrenden Klang- und Tonclustern herausdestilliert werden. Dazu noch das sehr sportliche Dirigat des Pianisten, der seine Doppelrolle zwar sehr ernst nahm, aber dabei das eigene Spiel und das des Orchesters in wichtigen Übergangspartien vernachlässigte, ja vernachlässigen musste. Leider war auch das Orchester nicht immer im Bilde, Einsätze wurden vermasselt und die Blech- und Hornbläser ließen Einiges zu wünschen übrig. Die Frage stellte sich immer wieder, ob es nicht besser gewesen wäre, dem Konzertmeister das Ganze zu überlassen, um dadurch Ruhe und Kompaktheit in das musikalische Geschehen zu bringen?


Ein Experiment ohne Erfolg

Selbstverständlich ist das Spiel von Jan Lisiecki überragend. Aber vergleicht man seinen Zyklus mit den fünf Klavierkonzerten Ludwig van Beethovens, den er an zwei Abend im Rahmen des Fokus auf dem RMF bravourös meisterte, dann ist dieses möglicherweise gutgemeinte experimentelle Projekt als nicht gut gelungen zu bewerten, wenn auch der Beifall des Publikums wieder frenetisch ausfiel.

Sein Spiel, vor allem in den langsamen Sätzen, im Larghetto des Zweiten und in der Romance des Ersten Klavierkonzerts, beide von lyrischer und poetischer Schönheit, hatte wenig von der Chopinschen Feinheit und Empfindsamkeit, sondern glich mehr einer Beethovenschen Kontrast Malerei mit scheppernd lauten Ausfällen. Auch die ungeheuer virtuosen Figuraturen und rasenden Skalenläufe schienen oft wichtiger als die melodische Linie, die bei Chopin metaphorisch formuliert die Butter auf dem Brot seiner Kompositionen ist.

 

Jan Lisiecki, Klavier und Leitung des Norwegian Chamber Orchestra (Foto: Ansgar Klostermann)

Eine interpretatorische Frage

Sicher ist alles eine interpretatorische Frage. Aber der Versuch, Solo und Tutti auf gleiche Stufe zu setzen, passt bei Chopin nicht, war vom Komponisten auch nie beabsichtigt. Nicht umsonst werden die beiden Klavierkonzerte oft sogar lediglich mit Quartett und Kammerorchester begleitet. Selten mit großem, da die Solopartien des Klaviers auch ohne Orchester ihre volle Kraft entwickeln. Bestimmt hat Chopin in den Salons auch seine Klavierkonzerte ohne Begleitung gespielt und ist dafür bewundert worden.

Abschließend lässt sich sagen, dass Jan Lisiecki vielleicht noch ein wenig warten sollte, als Dirigent in Erscheinung zu treten. Viel Bewegung macht noch keinen Orchesterleiter. Seine Beethoven Klavierkonzerte waren ein absolutes Highlight auf dem diesjährigen RMF, sein Chopin Experiment gehört leider nicht dazu.

Seine Zugabe, wie gehabt das Nocturne Nr. 2 op. 9, glänzte wieder einmal durch wunderbare Melodiösität, wenngleich auch hier der fehlende Deckel des Flügels die Töne im Äther zerfließen ließ.       

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen