Freitag, 2. September 2022

 

Das 35. Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022

 

Frank Peter Zimmermann, Violine, Martin Helmchen, Klavier, im-Fürst-von-Metternich Konzert-Kubus, 01.09.2022

Frank Peter Zimmermann, Martin Helmchen, Notenwenderin (Foto: Ansgar Klostermann)

Ketten der Musikalität sprengen

Zwei alte Hasen im positivsten Sinne auf dem Rheingau Musik Festival, Frank Peter Zimmermann (*1965), seit Gründung des Festivals vor 35 Jahren, und Martin Helmchen (*1982), seit 23 Jahren zu Gast auf diesem Kult-Ereignis, leiteten die Finaltage des bis dahin sehr erfolgreichen, bestens besuchten und mit herrlichem Wetter gesegneten „Sommers voller Musik“ ein. Seit vier Jahren arbeiten beide zusammen und glänzten bereits durch die fulminante Einspielung sämtlicher Beethoven Sonaten für Klavier und Violine. Beide sind ohne Zweifel Meister ihres Metiers. Was sie aber im Kubus auf Schloss Johannisberg boten, sprengte im metaphorischen Sinne alle Ketten der Musikalität.

Drei Sonaten für Klavier und Violine von Johannes Brahms (1833-1897), op.100 (1886), op. 120 (1891/94) und op. 108 (1888/89), sowie von Béla Bartók (1881-1945) die Sonate für Klavier und Violine Sz. 76 (1921/22), hatten sie für diesen Abend im Gepäck und sorgten damit gut 90 Minuten für Spannung, Genuss und musikalisches Spitzenerlebnis.

 

Ein melodischer Leckerbissen

Gleich zu Beginn Brahms´ op. 100 in A-Dur. Ein melodischer Leckerbissen in der Verarbeitung zweier seiner Lieder (Komm bald, op.97, und Wie Melodien zieht es, op. 105, Nr. 1), ein Allegro amabile als Spielangabe und von beiden Instrumentalisten in perfekter Harmonie, in blindem gegenseitigem Verstehen, warmem Timbre und klanglicher Reinheit vorgetragen. Brahms schrieb dieses Werk übrigens während seines Sommeraufenthaltes am Thuner See und „in der Erwartung einer lieben Freundin“, der Altistin Hermine Spies (1857-1893), der er diese Sonate widmete. Glückgefühle und freudige Erwartung charakterisieren diese Komposition und Brahms selbst hat die zwei Lieder extra für die Sängerin bereitgestellt, um sie später in die Sonatenform für Klavier und Violine zu transformieren.

Auch der zweite Satz, Andante tranquillo, gleicht einem Wiegenlied mit einem angehängten kindlich verspielten Vivace, Ausdruck spontaner Freude und ausgelassener Stimmung. Das abschließende Allegretto grazioso, ein diffizil perlendes Rondo gerät dann zum emotionalen Ausbruch. Ein leidenschaftliches Finale, das aber am Ende doch zur Altersweisheit zurückfindet. Witzig und verschmitzt, voller Selbsterkenntnis. Einfach nur großartig, was die beiden Künstler aus dieser Komposition herausdestillierten.

 

Frank Peter ZimmermannMartin Helmchen, Notenwenderin (Foto: Ansgar Klostermann)

Zwischen Dodekaphonie und Neoklassik

Béla Bartóks Zweite Sonate für Klavier und Violine, 1922 für die Geigerin Jelly d´Arány (1893-1966) geschrieben, die wiederum bei einem Freund Bartóks, Jenö Hubay (1858-1937), studierte, verkörperte ein Kontrastprogramm der besonderen Art. Ein selten gespieltes Werk, das sich der Dodekaphonie annähert, insgesamt jedoch freitonal und noch an der neoklassischen Strukturanlage orientiert ist. Dennoch gehört es zum Ausdruckstärksten, was Bartók für diese beiden Instrumente geschrieben hat. Kontrastierend zwischen Dissonanzen und Konsonanzen, zwischen Atonalität und Harmonie, zwischen Sinnlichkeit und Grobheit, zwischen Form und Chaos und last but not least zwischen Rhythmus und Regellosigkeit – all das konzentriert dieser Meister des expressiven Klangs und der slawischen Volkstänze in 20 Minuten Musik, und das in einem Dauerspannungsmoment von ungeheurer Intensität. Ein absolutes Highlight des Abends, und selbst das doch eher konservativ orientierte Publikum geriet nach dieser Vorstellung der beiden Künstler in Ektase, und das zu Recht.

 

Statt Klarinette Violine

Eine Besonderheit barg das op. 120 von 1894, das ursprünglich für Brahms´ Freund und Klarinettisten, Richard Mühlfeld (1856-1907), bereits im Jahre 1891 geschrieben wurde. Erst drei jahre später transkribierte er es für Bratsche bzw. Violine und widmete diese Version Joseph Joachim (1831-1907), mit dem er auch höchstpersönlich die Uraufführung im Jahre 1894 bestritt.

Tatsächlich ist dieses dreisätzige Werk Ausdruck seiner Altersweisheit – eigentlich hatte sich Brahms zu dieser Zeit bereits krankheitsbedingt kompositorisch zurückziehen wollen –, gar nicht schwermütig und resigniert, wie man vermuten könnte, sondern eher majestätisch und voller gesanglicher Elemente in variabler Vielfalt. Dennoch kann festgehalten werden, dass, bis auf den Schlusssatz, das Klavier doch eine dominante Rolle spielt und die Geige eher den Part der melodischen Linie übernimmt. Dennoch, die sich entwickelnde Variation im dritten Allegro-Satz, ein temperamentvolles, an die tonalen Grenzen stoßendes Finale, zeigte noch einmal das übersprudelnde Gemüt des Tonmeisters in seiner ganzen wissenden Umfänglichkeit.

 

Ein dramatisch konzertantes Kabinettstück an der Grenze des Tonalen

Die dritte und zuletzt gespielte viersätzige Sonate, das op.108, etwa zeitgleich mit dem op.100 entstanden, hätte man auch durchaus mit dem glücklichen und heiteren Sommer am Thuner See in Verbindung bringen können. Im etwas düsteren d-Moll geschrieben, wechselten dennoch die Tonarten permanent zwischen Dur und Moll. Der erste Satz vor allem, ein Allegro, hätte auf dem besagten See stattfinden können. Wellengänge, Wind und Sonne, ein Wetter zieht auf und dramatische Szenen spielen sich auf der Barke ab. Dann wieder Beruhigung. Ein Kabinettstück, das beide Instrumentalisten mit höchster Intensität wie ein auf schwimmender Bühne stattfindendes Theaterstück vorstellten. Dann das Adagio, wie ein Choral kommt es daher, dem Wettergott huldigend, der die Schiffer wieder auf sicheren Boden zurückgebracht hat. Ein kurzes perlendes Presto mit Gefühl klingt verspielt und übermütig und wechselt abrupt in das Presto agitato, eine Reminiszenz auf das Allegro des ersten Satzes, aber mit gewaltiger orchestraler Kraft und Intensität. Nicht von ungefähr nannte der wichtigste Kritiker des 19. Jahrhunderts, Eduard Hanslick (1825-1904), diese Sonate „konzertmäßig“ komponiert, womit er goldrichtig liegt.

Brahms zeigt hier noch einmal die ganze Palette seines Könnens. Er streift die Grenze des Tonalen und gilt nicht umsonst als der Wegbereiter der atonalen Musik, die später in die Zwölftonmusik mündet.

 

Frank Peter ZimmermannMartin Helmchen, Notenwenderin (Foto: Ansgar Klostermann)

Ein tieferes Verständnis der Musik

Frank Peter Zimmermann und Martin Helmchen sind tatsächlich über jede Kritik erhaben. Ihr Spiel und musikalisches Verständnis der Werke sind phänomenal und ermöglichen selbst Laien und konservativen Hörern einen Zugang zu der nicht immer einfachen Materie, die Beide präsentierten, was vor allem am langanhaltenden und frenetischen Beifall, vor allem bei Bartóks schwieriger Sonate, durchaus zum Ausdruck kam.

Die Zugabe, ein Adagio molto espressivo aus Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 5 op.24, entließ ein beglücktes Publikum, zwar nicht an die Ufer des Thuner Sees, dafür aber auf die Höhen der Rheinberge auf Schloss Johannisberg, durchaus eine angemessene Alternative.    

 

 

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