A House
of Call (2020), "My imaginary Notebook" von
Heiner Goebbels, Alte Oper Frankfurt, im Rahmen von Fratopia, 14.09.2022 (Frankfurter Erstaufführung)
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| Das Ensemble Modern Orchestra, re.: Vimbayi Kaziboni (musikalische Leitung) Foto: Alte Oper/Wonge Bergmann |
Eine ganz
persönliche Geschichte
Wie sagte
Heiner Goebbels (*1952) doch selbst zu diesem 105-minütigen sehr persönlichen
Hörstück (in Anspielung auf James Joyce: A House of Call): „Ein imaginäres
Notizbuch gibt es eigentlich nicht.“ Dieser abendfüllende Zyklus sei eher eine „Materialausgabe“
eigener Erfahrungen und das lediglich in kleinen Ausschnitten. Immerhin feiert
er in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag und hat schon Einiges in seinem Leben
ausprobiert und erfolgreich beendet. Festlegen lässt er sich musikalisch dabei nicht,
aber eines kann man ihm durchaus unterstellen: Ihm ist kein Musikstil fremd. Er
liebt das Asymmetrische, das scheinbar nicht musikalisch und künstlerisch Vereinbare
und stellt es dennoch ins Verhältnis zueinander. Dieses Hörstück, man könnte es
auch als „Liederbuch für Orchester“ (Goebbels) nennen, ist so etwas
wie die Quintessenz seines musikalischen Schaffens, schöpft aus seinem unendlichen
Lebens- und Schaffenspool und bietet dem Publikum ein Kaleidoskop einer ganz
persönlichen Geschichte.
Ein
Anfang ohne Anfang
Aufgeteilt
ist das Hörstück in vier Kapitel, die wiederum in insgesamt 15 Abschnitte
unterteilt sind. So heißt das erste: Stein – Schere – Papier, das zweite:
Grain de la Voix (frei übersetzt, das Korn ist der Körper in der
Stimme), das dritte Wax and Violence und das vierte: When words gone.
Gehen wir
ein wenig ins Detail, soweit das möglich ist. Zunächst ist die Bühne leer. Es
kommen die ersten Akteure stimmen ihre Instrumente und beginnen mit Übungen.
Man tuschelt, weiß nicht so recht, ob die Vorstellung beginnt und schaut
erwartungsvoll dem Treiben auf der Bühne zu. Auffallend ist bei der langsam
anwachsenden Zahl der Musiker und Musikerinnen, sie schauen nicht zum Publikum,
sondern zur linken Seite der Bühne. Dort ist auch das Dirigentenpult
aufgestellt. Im Hintergrund hört man einen soulähnlichen Rhythmus, der Pianist
spielt ein kurzes jazziges Motiv. Und dann geht es los.
Im House
of Call
Ist es die
serielle Zeit der 50er Jahre? Zumindest erinnert der Introitus, der
erste Abschnitt von Stein Schere Papier, an Pierre Boulez Réspons aus
den frühen 1980ern und die Hintergrundmusik an Goebbels Art Rock Band
Cassiber, in der er von 1982-1992 aktiv spielte. Ein ziemliches
Durcheinander, das sich langsam aber sicher zu einer Einheit formte.
Wir befinden
uns mitten im House of Call. Goebbels schreibt dazu: „House of Call ist
ein Zyklus mit Rufen, Ausrufen, Anrufungen, Beschwörungen, Gebeten, Sprechakten,
Gedichten und Liedern für großes Orchester. Aber nicht das Orchester ruft,
sondern es ist mit Stimmen konfrontiert; es präsentiert, unterstützt, begleitet
sie, antwortet oder widerspricht ihnen.“
Ob dieser hehre Anspruch musikalisch überhaupt erfüllt werden kann, sei einmal dahingestellt. Allein aber der Versuch, die „Polyphonie der Theatermittel“ in einem Gesamtwerk zusammenzufügen, ist aller Bonheur und hinterlässt nach gut einhundert Minuten zumindest eine produktive Nachdenklichkeit.
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| Das Ensemble Modern Orchestra, re.: Vimbayi Kaziboni (musikalische Leitung) Foto: Alte Oper/Wonge Bergmann |
Der Sisyphus
des Komponisten
Bemerkenswert
die Sisyphus-Erzählung: Immer den gleichen Stein, ein gesprochener Text von Heiner
Müller, einem Freund und Weggefährten Heiner Goebbels, wo das gesamte
Orchester, 70 Musiker und Musikerinnen, Donner und Blitze versprühten und die
ewige Wiederkehr des immer Gleichen sowie das „Patt des Gipfels“, sowohl Enttäuschung
als auch Hoffnung des Lebens zelebrierten. Auch Under Construction gehörte
nahtlos in diese Lebenserfahrung. Heftige Geräusche wie Autoverkehr, Hupen,
Baustellenlärm und ständiges Geklopfe weisen auf die Zeit des Komponisten hin,
wo ihn genau dies bei seiner Arbeit störte. Musikalisch aber ein
außerordentliches Kraftmoment mit extrem verstärkter Klangfülle. So, als ob Ein-Jetzt-Erst-Recht.
Die körnige
Essenz der Stimme
In den Nahen
Osten scheint es bei Grain de la Voix zu gehen. Ein wildes Violinsolo
(Jagdish Mistry) wird von dem Gesang eines Muezzins (?) oder eines Betenden
aus der arabisch muslimischen Welt begleitet. Akkordeon und Cymbalon schaffen
kontrapunktische Kontraste zur menschlichen Stimme, die allerdings vom Rauschen
und Knacken der Vinyl Schallplatte fast zur Unhörbarkeit verzerrt ist. 1346, Titel
des dritten Abschnittes, gehört zu einer persischen Gedichtform. Ein
ekstatischer Sufi Gesang, der von scharfen Bässen und lauten Orchesterklängen
wie dröhnenden Blechen kommentiert wird. Der diesen Teil abschließende Gesang
Krunk (übersetzt: Kranich) gehört zu einer armenischen Volksweise, könnte
aber durchaus auch aus dem spanisch-maurischen Teil dieser Welt stammen. Ganz
im Sinne Roland Barthes´, der nach dem suchte, was die körnige Essenz einer Stimme ausmacht. Ein wunderschöner
Übergang zu Wax and Violence.
Unterdrückung
und Gewalt
Könnte Gran
de la Voix eine kritische Hommage an die umfassende Reistätigkeit des
Komponisten sein, so ist Wax and Violence eher den politischen Zuständen
dieser Welt gewidmet, die von Unterdrückung und Gewalt geprägt ist. Das
Kratzen, Knacken und Rauschen der Vinyl Schallplatte, wird unterbrochen von
einem Regisseur, der ununterbrochen neue Aufnahmen ankündigt. Achtung
Aufnahme, der zweite Abschnitt dieses dritten Kapitels, könnte auf die Zeit
Goebbels als Theater und Filmmusiker hinweisen. Allerdings lässt die
Aufnahmequalität extrem zu wünschen übrig, was das Orchester mit lauten
Borduntönen und flächigen Klängen quittiert. Dann ein Schnitt. Ein Kinderlied.
Namibische Kinder singen Nun danket alle Gott (dritter Abschnitt). Es
sind Nachfahren der Herero und Nama, die 1904 nach einem Aufstand von deutschen
Kolonialisten brutal niedergemetzelt wurden. Ein Kontrast, der kaum zu ertragen
ist, von den Geigen mit Flageolett, klagend begleitet und kommentiert wird.
Der folgende
Song eines Jungen aus dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, ein Soldatenjunge,
der über den Mord eines Damara-Jungen, einem gegnerischen Stamm im Nordwesten
Namibias, nachdenkt, wird mit stampfenden, martialischen Rhythmen versetzt und
baut sich zu einem gewaltigen swingenden und groovenden diabolischen Tanz auf.
Die Schallplatte verliert zunehmend ihre Bedeutung. Sie vergeht im Rauschen und
Knacken.
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| v.l.n.r.: Vimbayi Kaziboni, Heiner Goebbels (Foto: Alte Oper/Wonge Bergmann) |
Was ist
das Wort?
When words
gone beginnt mit
einem Dialog, Bakaki genannt. Bläser und Streicher kämpfen einen heftigen
dissonanten Zwist aus. Eine 100-Jährige Frau aus dem Amazonasgebiet rezitiert im Sprechgesang
einen Eichendorff Vers: „Schläft ein Lied in allen Dingen“, und ein griechisches
Tanzlied Kalimérisma, eine fröhliche Verabschiedung der Fischer und Reisenden,
scheint das collagierte Hörstück auch für das Publikum zu beenden.
Mitnichten.
Es folgt ein
langer Sprechgesang des gesamten Orchesters, nur dünn musikalisch untermalt von
Klavier, Geige, Harfe oder Kontrabass. What
when words gone ist aus dem letzten Gedicht Samuel Becketts, das er kurz
vor seinem Tode geschrieben hat. „What is the Word“, so lautet sein Titel, und behandelt den Kampf mit den Worten. Beckett lebte bereits nach einem Sturz in
einem Pflegeheim und sein Freund und enger Mitarbeiter, Joe Chaikin (dem er das
Gedicht widmete), erlitt einen schweren Schlaganfall, der sein Sprachzentrum weitgehend
zerstörte. Dieses Gedicht setzt sich mit der Unfähigkeit auseinander, Worte zu finden,
ein Problem, das Beckett Zeit seines Lebens begleitete und vermutlich auch
Heiner Goebbels bei seinen musikalischen Ausflügen, Experimenten und „imaginären
Notizen“.
Ein
Enigma entschlüsseln
Ein
herrliches und höchst konzentriertes Orchester, ein überzeugender und überzeugter
Dirigent, Vimbayi Kaziboni, und ein bewegtes Publikum, das herzlichen
Beifall zollte für den anwesenden Komponisten, dem Werk und den Akteuren. Für den Schreiber dieser Zeilen ein mitunter verstörendes und
zum produktiven Nachdenken zwingendes Werk. Goebbels selbst betont immer wieder,
dass er seine Kompositionen nicht erklären möchte, das sei nicht seine Sache, sondern die
seiner Hörer und Kritiker. Recht hat er. Was aber den Rezipienten seiner Musik
nicht entbindet, der Materialvielfalt, der experimentellen Suche, dem Gedankenreichtum und der Teilbesessenheit dieses Komponisten nachzugehen, um das Enigma seines Oeuvres zu entschlüsseln, was bei einem einmaligen Hören nahezu unmöglich ist.

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