Modern Times (1936), amerikanischer Spielfilm von und mit Charlie Chaplin, in der im Jahre 2000 rekonstruierten Fassung von Timothy Brock, mit dem WDR-Funkhausorchester unter der Leitung von Frank Strobel, Alte Oper Frankfurt, 17.09.2022 (im Rahmen von Fratopia)
Ein
Allround-Genie
Wer kennt
ihn nicht, den wohl bekanntesten Film von Charlie Chaplin (1898-1977), Moderne
Zeiten (1936), wo das geniale Allround-Genie letztmals als Tramp, mit Bärtchen,
Stock und Hut auftrat und in einer erschütternd tragikomischen Rolle die
amerikanische Depression mit all ihren materiellen, politischen und
psychosozialen Folgen karikiert, parodiert und mit ironischer Schärfe pointiert
auf die Leinwand überträgt. Selbst Autor, Produzent, Regisseur, Hauptdarsteller
und – man lese und staune – Komponist diese Filmhits, äußerte er sich zu dieser
Filmidee folgendermaßen: „… Dann erinnerte ich mich an ein Gespräch, das ich mit
einem jungen Reporter geführt hatte. Er erzählte mir vom Fließbandsystem, das
in Detroit in den Fabriken angewendet wurde. Es war eine erschütternde Geschichte,
wie die Großindustrie gesunde junge Männer aus der Landwirtschaft abwarb, die
nach 4 oder 5 Jahren am Fließband geistig und körperlich zusammenbrechen. Dieses
Gespräch gab mir die Idee für Modern Times.“
Eine beißende
Satire gegen den Tonfilm
Gleichzeitig
gilt dieser Film aber auch als eine beißende Satire gegen den Tonfilm,
zumindest bis zur Fertigstellung von Modern Times. Denn, so seine Befürchtung,
der gesprochene Film könne die Fähigkeit zur Pantomime zerstören, ja sogar die
geistige und körperliche Gesundheit gefährden. Tatsächlicher aber ist dieser
Stummfilm ein Hybrid, denn Chaplin lässt mitunter sprechen und sogar singen.
Das aber grundsätzlich als Geräusche von Maschinen oder Verdauungsorganen,
Anweisungen von Befehlen oder, beim Gesang, als sprachliches Kauderwelsch. Der
hörbare gesprochene Text des Direktors der Stahlfabrik hat die Verfügungsgewalt
über die Apparate, der ohnmächtige Arbeiter hingegen nicht. Er bleibt deshalb
stumm. Körperfunktionen sind unkontrollierbar. Und der Gesang? Chaplin singt das
Kellner-Lied Je cherche après Titine, 1917 von Leo Daniderff
komponiert, als Zugeständnis an das Filmstudio, dafür aber in einer Nonsens-Sprache.
Ein Film-Unikat
Thema, Wortkritik
und Musik machen diesen Film zu einem Unikat und lassen bis heute die
Diskussionen um die politische und künstlerische Haltung Chaplins nicht abbrechen.
Man verfolgte ihn nicht von ungefähr als Kommunisten in der McCarthy Ära der
1950er Jahre. Chaplin verließ, obwohl einer der bekanntesten Persönlichkeiten,
die USA, lebte zunächst in seinem Geburtsort London und wechselte alsbald in
die Schweiz (Vevey am Genfer See).
Sicher
bleibt seine Affinität zum Stummfilm und seine Kritik am Tonfilm umstritten,
aber auch hier lässt sich seine Haltung durch eigene Aussagen durchaus
nachvollziehen. So schreibt er in seiner Autobiographie: „Mit dem Erscheinen des
Tonfilms waren der Charme und die Sorglosigkeit Hollywoods verschwunden. Über
Nacht war aus der Filmproduktion eine kalte, rechnende und ernsthafte Industrie
geworden. Die Tontechniker bauten Ateliers um und installierte komplizierte
Aufnahmeapparaturen. Kameras von der Größe eines ganzen Zimmers bewegten sich
wie urweltliche Monstren … Männer mit Kopfhörern, die wie Marsmenschen aussehen,
schwebten während der Aufnahmen über den Darstellern wie an Angelschnüren. …
Wie konnte man noch schöpferisch arbeiten, wenn all diese technischen Dinge
sich um einen häufen?“ (aus: Charlie Chaplin: Geschichte meines Lebens, 1964,
S.385 f.)

Original Poster von 1936 (Foto: cinegeek.de)
Ein
Soundtrack mit unzähligen Melodien
Kommen wir
zu der Musik, zum Soundtrack dieses Filmereignisses. Chaplin kannte
weder Noten, noch konnte er sie schreiben. Dafür hatte er unzählige Melodien im
Kopf und ein unglaublich gutes Einfühlungsvermögen in die handelnden Personen
und in den Charakter der bzw. seiner Filmszenen.
Bei Modern
Times unterstütze ihn hauptsächlich der junge David Raskin (1912-2004)
– nebenbei ein Schoenberg Schüler und mit George Gershwin bekannt –, dem
Chaplin seine musikalischen Ideen vorsang und sie dann besprach. Zudem stand ihm
ein sinfonisches Orchester zur Verfügung, geleitet von den Hollywood Arrangeuren
und Komponisten Alfred Newman (1900-1970) und Edward B. Powell
(1909-1984), das professionell arbeitete und perfekt die vorgelegten,
handgeschriebenen Partituren zu lesen und in Szene zu setzen verstand. Chaplin
war begeistert und meinte nach der Aufnahme der Musik in die Handlungsteil des
Films, Ende 1935: „Nichts ist aufregender als eine selbst komponierte Melodie
zum ersten Mal von einem 50-Mann Orchester gespielt zu hören.“ (aus dem Programm)
Die Rekonstruktion
Es ist Timothy
Brock (*1963) zu verdanken, dass die aus hunderten handgeschriebener Notenseiten
bestehende Partitur zum Film (von denen man nur einen Teil tatsächlich verwendete)
neu gesichtet, ausgewählt und an die Filmszenen angepasst wurde, eine mühevolle
Kleinstarbeit, deren Version in der Alten Oper life vom WDR-Funkhaus-Orchester
zu hören war.
Ein
gelungenes Unterfangen, das größten Respekt verdient. Ein gut 70-köpfiges
Orchester glänzte voller Spielfreude und unterhielt den leider nur halbvoll besetzten
Großen Saal der Alten Oper Frankfurt mit großartiger Musik aller Couleur. An
dieser Stelle sei Frank Strobel hervorzuheben, der mit ausgezeichneter
Noblesse durch die wilden modernen Zeiten führte.
Ein
genial austarierter Mix
Ob
Anlehnungen an Tschaikowsky oder Puccini zu hören waren, das sei mal dahingestellt.
Es ist vor allem die schier grenzenlose Vielfalt der Melodien, der farbenreiche
Orchesterklang, die Kontraste zwischen beschwingter Leichtigkeit und
dramatischem Donner, was sofort ins Ohr fällt. Perfekt der genial austarierte Mix
der Tanzstile der Zwanziger Jahre, vom Foxtrott, Charleston, Tango bis zum
Boston, einem amerikanischen Walzer. Erfrischend der Bebop und die jazzige Rhapsodie
eines George Gershwin wie auch der Walzer oder die Polka eines Johann Strauss Junior.
Einfallsreich das romantische Flair eines Richard Wagner aus dem Tannhäuser
wie auch das perkussive „Mickey-Mousing“ (das Disney-Synonym für punktgenaues Unterstreichen
von speziellen Slapsticks). Fantastisch die Leitmotivik (hier die
klanggewaltige Einleitungsfanfare, die alle Filmabschnitte unterteilt) wie die
Leitmelodie –ein wunderbares von Chaplin erdachtes Liebeslied –, die immer dann
einsetzt, wenn Chaplin und die Landstreicherin (Paulette Goddard, 1910-1990,
seine spätere Ehefrau) zusammentreffen. Ein Song übrigens, der von so bekannten
Größen wie Nat King Cole, Michel Jackson und Lady Gaga ins Repertoire aufgenommen
wurde.

Modern Times Schlussszene (Foto: babylonberlin.eu)
Das
künstlerische Highlight des Films
Musikalischer
Höhepunkt ist zweifelsohne das Kellner-Lied am Ende des Filmstreifens.
Es ist die Sprachszene, in der Chaplin singt und vom Band musikalisch begleitet
wird. Wie gesagt ein Kompromiss ans Hollywood Studio aber dafür eines der
besten künstlerischen Highlights überhaupt. Je cherche après Titine hat
natürlich Text und wird auch von vielen anderen Künstlern (Yves Montand, Andrex,
Léonce) gesungen und kopiert. Chaplin aber verfremdet den Text bis zur Unkenntlichkeit, macht
ihn aber durch Gestik und Tanz verständlich. Kurz: Es ist eine tragische Ode an
die verlorenen Liebe Titine. Chaplins Meisterschaft krönt damit Modern Times,
denn das folgende Finis ist voller Zuversicht und Hoffnung. So sehr die
modernen Zeiten den Menschen in tiefe Depression zu stürzen drohen (seine
geliebte Landstreicherin möchte nicht mehr und hat jegliche Hoffnung
aufgegeben), so sehr setzt der Tramp auf die Zukunft. Es lebe das Leben! „Wir
geben nicht auf“, tröstet er seine Begleiterin, hebt ihre Mundwinkel an und
folgt an ihrer Seite der Straße in die Unendlichkeit.
Ein Gedankenspiel
Chaplins letzter
Stummfilm ist neben gesellschaftskritischer Satire auch eine Parodie auf den
Tonfilm, der bereits seinen Siegeszug angetreten hatte. Die Frage stellt sich vor
diesem Hintergrund auch heute noch: Ist der Stummfilm nicht kreativer als der
Tonfilm? Und ist der Tonfilm eine Gefahr für die geistig-körperliche
Gesundheit? Ein Gedankenspiel, weiß Gott, aber im 21. Jahrhundert mindestens so
erlaubt, wie zurzeit der 1930er Jahre und später.


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