Sonntag, 18. September 2022

 

Modern Times (1936), amerikanischer Spielfilm von und mit Charlie Chaplin, in der im Jahre 2000 rekonstruierten Fassung von Timothy Brock, mit dem WDR-Funkhausorchester unter der Leitung von Frank Strobel, Alte Oper Frankfurt, 17.09.2022 (im Rahmen von Fratopia)

Foto: ndr.de

Ein Allround-Genie

Wer kennt ihn nicht, den wohl bekanntesten Film von Charlie Chaplin (1898-1977), Moderne Zeiten (1936), wo das geniale Allround-Genie letztmals als Tramp, mit Bärtchen, Stock und Hut auftrat und in einer erschütternd tragikomischen Rolle die amerikanische Depression mit all ihren materiellen, politischen und psychosozialen Folgen karikiert, parodiert und mit ironischer Schärfe pointiert auf die Leinwand überträgt. Selbst Autor, Produzent, Regisseur, Hauptdarsteller und – man lese und staune – Komponist diese Filmhits, äußerte er sich zu dieser Filmidee folgendermaßen: „… Dann erinnerte ich mich an ein Gespräch, das ich mit einem jungen Reporter geführt hatte. Er erzählte mir vom Fließbandsystem, das in Detroit in den Fabriken angewendet wurde. Es war eine erschütternde Geschichte, wie die Großindustrie gesunde junge Männer aus der Landwirtschaft abwarb, die nach 4 oder 5 Jahren am Fließband geistig und körperlich zusammenbrechen. Dieses Gespräch gab mir die Idee für Modern Times.“ (aus: Charlie Chaplin: Geschichte meines Lebens, 1964, S.385 f.)

 

Foto: filmstelle.ch

Eine beißende Satire gegen den Tonfilm

Gleichzeitig gilt dieser Film aber auch als eine beißende Satire gegen den Tonfilm, zumindest bis zur Fertigstellung von Modern Times. Denn, so seine Befürchtung, der gesprochene Film könne die Fähigkeit zur Pantomime zerstören, ja sogar die geistige und körperliche Gesundheit gefährden. Tatsächlicher aber ist dieser Stummfilm ein Hybrid, denn Chaplin lässt mitunter sprechen und sogar singen. Das aber grundsätzlich als Geräusche von Maschinen oder Verdauungsorganen, Anweisungen von Befehlen oder, beim Gesang, als sprachliches Kauderwelsch. Der hörbare gesprochene Text des Direktors der Stahlfabrik hat die Verfügungsgewalt über die Apparate, der ohnmächtige Arbeiter hingegen nicht. Er bleibt deshalb stumm. Körperfunktionen sind unkontrollierbar. Und der Gesang? Chaplin singt das Kellner-Lied Je cherche après Titine, 1917 von Leo Daniderff komponiert, als Zugeständnis an das Filmstudio, dafür aber in einer Nonsens-Sprache.


Ein Film-Unikat

Thema, Wortkritik und Musik machen diesen Film zu einem Unikat und lassen bis heute die Diskussionen um die politische und künstlerische Haltung Chaplins nicht abbrechen. Man verfolgte ihn nicht von ungefähr als Kommunisten in der McCarthy Ära der 1950er Jahre. Chaplin verließ, obwohl einer der bekanntesten Persönlichkeiten, die USA, lebte zunächst in seinem Geburtsort London und wechselte alsbald in die Schweiz (Vevey am Genfer See).

Sicher bleibt seine Affinität zum Stummfilm und seine Kritik am Tonfilm umstritten, aber auch hier lässt sich seine Haltung durch eigene Aussagen durchaus nachvollziehen. So schreibt er in seiner Autobiographie: „Mit dem Erscheinen des Tonfilms waren der Charme und die Sorglosigkeit Hollywoods verschwunden. Über Nacht war aus der Filmproduktion eine kalte, rechnende und ernsthafte Industrie geworden. Die Tontechniker bauten Ateliers um und installierte komplizierte Aufnahmeapparaturen. Kameras von der Größe eines ganzen Zimmers bewegten sich wie urweltliche Monstren … Männer mit Kopfhörern, die wie Marsmenschen aussehen, schwebten während der Aufnahmen über den Darstellern wie an Angelschnüren. … Wie konnte man noch schöpferisch arbeiten, wenn all diese technischen Dinge sich um einen häufen?“ (aus: Charlie Chaplin: Geschichte meines Lebens, 1964, S.385 f.)

 

Original Poster von 1936 (Foto: cinegeek.de)

Ein Soundtrack mit unzähligen Melodien

Kommen wir zu der Musik, zum Soundtrack dieses Filmereignisses. Chaplin kannte weder Noten, noch konnte er sie schreiben. Dafür hatte er unzählige Melodien im Kopf und ein unglaublich gutes Einfühlungsvermögen in die handelnden Personen und in den Charakter der bzw. seiner Filmszenen.

Bei Modern Times unterstütze ihn hauptsächlich der junge David Raskin (1912-2004) – nebenbei ein Schoenberg Schüler und mit George Gershwin bekannt –, dem Chaplin seine musikalischen Ideen vorsang und sie dann besprach. Zudem stand ihm ein sinfonisches Orchester zur Verfügung, geleitet von den Hollywood Arrangeuren und Komponisten Alfred Newman (1900-1970) und Edward B. Powell (1909-1984), das professionell arbeitete und perfekt die vorgelegten, handgeschriebenen Partituren zu lesen und in Szene zu setzen verstand. Chaplin war begeistert und meinte nach der Aufnahme der Musik in die Handlungsteil des Films, Ende 1935: „Nichts ist aufregender als eine selbst komponierte Melodie zum ersten Mal von einem 50-Mann Orchester gespielt zu hören.“ (aus dem Programm)

 

Die Rekonstruktion

Es ist Timothy Brock (*1963) zu verdanken, dass die aus hunderten handgeschriebener Notenseiten bestehende Partitur zum Film (von denen man nur einen Teil tatsächlich verwendete) neu gesichtet, ausgewählt und an die Filmszenen angepasst wurde, eine mühevolle Kleinstarbeit, deren Version in der Alten Oper life vom WDR-Funkhaus-Orchester zu hören war.

Ein gelungenes Unterfangen, das größten Respekt verdient. Ein gut 70-köpfiges Orchester glänzte voller Spielfreude und unterhielt den leider nur halbvoll besetzten Großen Saal der Alten Oper Frankfurt mit großartiger Musik aller Couleur. An dieser Stelle sei Frank Strobel hervorzuheben, der mit ausgezeichneter Noblesse durch die wilden modernen Zeiten führte.

 

Ein genial austarierter Mix

Ob Anlehnungen an Tschaikowsky oder Puccini zu hören waren, das sei mal dahingestellt. Es ist vor allem die schier grenzenlose Vielfalt der Melodien, der farbenreiche Orchesterklang, die Kontraste zwischen beschwingter Leichtigkeit und dramatischem Donner, was sofort ins Ohr fällt. Perfekt der genial austarierte Mix der Tanzstile der Zwanziger Jahre, vom Foxtrott, Charleston, Tango bis zum Boston, einem amerikanischen Walzer. Erfrischend der Bebop und die jazzige Rhapsodie eines George Gershwin wie auch der Walzer oder die Polka eines Johann Strauss Junior. Einfallsreich das romantische Flair eines Richard Wagner aus dem Tannhäuser wie auch das perkussive „Mickey-Mousing“ (das Disney-Synonym für punktgenaues Unterstreichen von speziellen Slapsticks). Fantastisch die Leitmotivik (hier die klanggewaltige Einleitungsfanfare, die alle Filmabschnitte unterteilt) wie die Leitmelodie –ein wunderbares von Chaplin erdachtes Liebeslied –, die immer dann einsetzt, wenn Chaplin und die Landstreicherin (Paulette Goddard, 1910-1990, seine spätere Ehefrau) zusammentreffen. Ein Song übrigens, der von so bekannten Größen wie Nat King Cole, Michel Jackson und Lady Gaga ins Repertoire aufgenommen wurde.

 

Modern Times Schlussszene (Foto: babylonberlin.eu)

Das künstlerische Highlight des Films

Musikalischer Höhepunkt ist zweifelsohne das Kellner-Lied am Ende des Filmstreifens. Es ist die Sprachszene, in der Chaplin singt und vom Band musikalisch begleitet wird. Wie gesagt ein Kompromiss ans Hollywood Studio aber dafür eines der besten künstlerischen Highlights überhaupt. Je cherche après Titine hat natürlich Text und wird auch von vielen anderen Künstlern (Yves Montand, Andrex, Léonce) gesungen und kopiert. Chaplin aber verfremdet den Text bis zur Unkenntlichkeit, macht ihn aber durch Gestik und Tanz verständlich. Kurz: Es ist eine tragische Ode an die verlorenen Liebe Titine. Chaplins Meisterschaft krönt damit Modern Times, denn das folgende Finis ist voller Zuversicht und Hoffnung. So sehr die modernen Zeiten den Menschen in tiefe Depression zu stürzen drohen (seine geliebte Landstreicherin möchte nicht mehr und hat jegliche Hoffnung aufgegeben), so sehr setzt der Tramp auf die Zukunft. Es lebe das Leben! „Wir geben nicht auf“, tröstet er seine Begleiterin, hebt ihre Mundwinkel an und folgt an ihrer Seite der Straße in die Unendlichkeit.

 

Ein Gedankenspiel

Chaplins letzter Stummfilm ist neben gesellschaftskritischer Satire auch eine Parodie auf den Tonfilm, der bereits seinen Siegeszug angetreten hatte. Die Frage stellt sich vor diesem Hintergrund auch heute noch: Ist der Stummfilm nicht kreativer als der Tonfilm? Und ist der Tonfilm eine Gefahr für die geistig-körperliche Gesundheit? Ein Gedankenspiel, weiß Gott, aber im 21. Jahrhundert mindestens so erlaubt, wie zurzeit der 1930er Jahre und später.

 

 

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