IEMA auf Naxos IV, drittes Konzert im Rahmen der Naxos Hallenkonzerte und gleichzeitig das erste von vier Abschlusskonzerten des IEMA-Ensemble 2021/22, Naxoshalle 08.09.2022
| IEMA auf Naxos, Samuel Becketts Quad-Performance, im Vordergrund Alexander Binder Foto: IEMA |
Inner and
outer Circles
Das Motto Inner
and outer circles hat die Internationale Ensemble Modern Akademie (IEMA)
diesem Konzert gegeben und es darüber hinaus dem Komponisten Heiner Goebbels zu
seinem 70. Geburtstag gewidmet. So steht unter anderem im Programm: „Die
Dramaturgie des Abends, an dem die Werke ohne Unterbrechung aufgeführt werden,
nutzt dabei auf ideale Weise sowohl die Atmosphäre als auch die räumlichen
Möglichkeiten der Naxoshalle. In konzentrischen Kreisen verhalten sich die
instrumentalen und theatralen Set-ups zum Publikum.“
Erweiterte
ästhetische Horizonte und Schärfung der beruflichen Horizonte
In der
Konzerteinführung, souverän von der Geschäftsführerin des IEMA, Christiane
Engelbrecht, mit drei Teilnehmern geführt, der Flötistin Rebecca Blau,
dem Violinisten Federico Ceppetelli und dem Dirigenten Alexander
Binder, zeigte sich spontan die
fast überbordende Begeisterung der Akteure für dieses Projekt, das seit seines
Bestehens mehr als 280 Absolventen entließ, und das mit exzellenten beruflichen
Aussichten und unschätzbar wichtigen Erfahrungen, wie große
Repertoirekenntnisse, Stressresistenzen, Auslandsevents und Netzwerkbildung für sich spricht.
Das Programm
des Abends sollte eine szenische Performance mit fünf Werken ganz
unterschiedlicher Provenienz sein, die allerdings in gut 70 Minuten ineinander
verzahnt ein breites Spektrum serieller, minimalistischer wie theatraler
Ereignisse vorstellte. Dazu zählten Catherine Lambs (*1982) nodes, various
(2010), Samuel Becketts (1906-1989) Quad (1981), Johns Cages (1912-1992)
Radio Music (1956), Reiner Goebbels´ (*1952) Toccata for Teapot and Piccolo
(1995/96) sowie von Louis Andriessen (1939-2021) Workers Union (1975).
Mischung
aus Klang, Experiment und Performance
Eine
Mischung aus Klangfindung, Klang- und Tonexperimenten, rhythmischer Variabilität
und theatraler Performance. Gleich zu Anfang nodes, various. Acht
Performer an Laptops, großzügig in der riesigen Naxos-Halle verteilt, übten
sich in Klangkonstruktionen. Catherine Lamb ist bekannt für ihre Erforschung
von tonalen Interaktionen sowie deren Konturierung und Gestaltung im Raum. Nodes,
various (frei übersetzt mit: variable Knoten) bestand im Wesentlichen aus
der Entwicklung digitaler Klangfrequenzen von weichen, harmonischen bis zu
harten, dissonanten Schichtungen. Ein langer Vortrag ohne spürbare musikalische Entwicklung. dafür ein Changieren zwischen Trance, Meditation und (klanglichem)
Erschrecken.
Ohne
Übergang folgte Becketts Quadrat (Quad). Ein minimalistisch-serielles Spiel mit Bewegung. Vier Performer begehen ein Quadrat mit zwei
Diagonalen. Nach Beckett soll hier ein unerbittliches Closed-circuit-Drama
vollzogen werden: Einmal in das Quadrat eingetreten, sind die vier, mit weißen Vollkörper-Schutzanzügen
ihrer Individualität beraubt, dazu verdammt, die jeweils sechs Schritte der
Längs- und zehn Schritte der Diagonallinien monoton und synchron abzulaufen. Um
in der Mitte nicht zusammenzustoßen, wird die Mittelpunkt immer links umgangen.
Man kann diese Performance rhythmisch (Metronom), musikalisch (Schlagzeug oder
Instrument) oder auch farblich (unterschiedliche Kleidung, schwarz, weiß)
variieren. Der Sinn aber ähnelt dem Warten auf Godot, hier als
sinnentleerter Gleichschritt, der allerdings das genaue Timing wie die
mathematische Präzision abverlangt.
John Cages Radio Music lockerte dieses doch düstere Theaterspiel auf mit acht
Radiorekordern, die ein wildes Durcheinander an Wort und Musik in den weiten
Raum entließ. Eigentlich eine klassische Zufallsmusik, die unterschiedlichste
Radiofrequenzen (Kurz-, Lang-, Mittelwelle) zahlenmäßig (55-156 kHz) notiert und
ein circa sechs-minütiges Werk daraus zaubert. Für den Hörer ein chaotischer
Spaß, für die Handelnden ein ständiges Ringen um die Frequenzen.
| IEMA auf Naxos, Reiner Goebbels Toccata for Teapot and Piccolo, Rebecca Blau (Foto: IEMA) |
Japanisches
Teezeremoniell neben dem Marsch der Arbeiter
Eine Erholung
dann die Toccata for Teapot und Piccolo Flöte. Tatsächlich gab der
kochende Teekessel, einem japanischen Teezeremoniell nachempfunden, einen
klaren Dreiklang von sich, die tonale Grundierung einer vogelähnlichen Improvisation
von Rebecca Blau. Sie zwitscherte und pfiff in den höchsten Tönen und die
Tropen schienen in die Naxos-Halle einzuziehen. Olivier Messiaen hätte seine
Freude an dieser Performance gehabt.
Jäh
unterbrochen wurde diese Idylle durch deftige Akkorde der unterschiedlichsten
Instrumente. Anfangs ohne Takt und Rhythmus, dann klarer und konturierter.
Louis Andriessens Workers Union setzte mit stampfenden Rhythmen ein.
Marschierende Arbeiter auf diversen Demonstrationen belebte die Vorstellungskraft. Ein
martialischer Tonfall beherrschte die Szenerie. Bekanntlich hat Andriessen sein
kompositorisches Oeuvre immer in einen gesellschaftspolitischen Kontext gestellt.
Einflüsse von Strawinskys Le sacre du Printemps mit seinen höchst
variablen Rhythmen oder der Minimal Music, so besteht zum Beispiel diese
Partitur aus lediglich einer Linie mit variablen Tonhöhen, sind typische
Kennzeichen seines Stils. Die Besonderheit von Workers Union ist
allerdings der Kontrast zwischen individueller Freiheit (die Tonhöhen sind
individuell ausgesucht) und strenger kollektiver Disziplin (die vielfältigen Rhythmen
sind für alle 15 Musiker detailgenau festgelegt), was dieses fast 20-minütige
Werk zu einer absoluten Herausforderung macht.
| IEMA auf Naxos, Sze Fong Yeong beim Spiel von Louis Andriessens Workers Union (Foto: IEMA) |
Konformität
oder Nonkonformität
Leider sind
die engagierten Player hier doch weitgehend überfordert gewesen. So haperten die
Einsätze, auch die Rhythmen differierten, zerflossen oder fielen ins
sprichwörtliche Chaos. Hier hätte möglicherweise die ordnende Hand eines Dirigenten
Abhilfe schaffen können. Der aber saß am Klavier und war mit seiner Partnerin
intensiv damit beschäftig, die Cluster und Repetitionen einigermaßen auf die
Reihe zu bekommen. Schade für die Gruppe, aber auch schade für das an sich spannende
Stück.
Alles in
Allem ein Konzert mit „klassischer“ Avantgarde Musik und Performance von
ausgesucht krasser Nonkonformität und abgehobener Theatralik. Nur das fehlte an
diesem Abend doch weitgehend bei den Interpretationen. Man hätte sich etwas mehr von diesem „klassischen“
Geist gewünscht.
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