Freitag, 9. September 2022

 

IEMA auf Naxos IV, drittes Konzert im Rahmen der Naxos Hallenkonzerte und gleichzeitig das erste von vier Abschlusskonzerten des IEMA-Ensemble 2021/22, Naxoshalle 08.09.2022

IEMA auf Naxos, Samuel Becketts Quad-Performance, im Vordergrund Alexander Binder
Foto: IEMA

Inner and outer Circles

Das Motto Inner and outer circles hat die Internationale Ensemble Modern Akademie (IEMA) diesem Konzert gegeben und es darüber hinaus dem Komponisten Heiner Goebbels zu seinem 70. Geburtstag gewidmet. So steht unter anderem im Programm: „Die Dramaturgie des Abends, an dem die Werke ohne Unterbrechung aufgeführt werden, nutzt dabei auf ideale Weise sowohl die Atmosphäre als auch die räumlichen Möglichkeiten der Naxoshalle. In konzentrischen Kreisen verhalten sich die instrumentalen und theatralen Set-ups zum Publikum.“


Erweiterte ästhetische Horizonte und Schärfung der beruflichen Horizonte

In der Konzerteinführung, souverän von der Geschäftsführerin des IEMA, Christiane Engelbrecht, mit drei Teilnehmern geführt, der Flötistin Rebecca Blau, dem Violinisten Federico Ceppetelli und dem Dirigenten Alexander Binder, zeigte sich spontan die fast überbordende Begeisterung der Akteure für dieses Projekt, das seit seines Bestehens mehr als 280 Absolventen entließ, und das mit exzellenten beruflichen Aussichten und unschätzbar wichtigen Erfahrungen, wie große Repertoirekenntnisse, Stressresistenzen, Auslandsevents und Netzwerkbildung für sich spricht.

Das Programm des Abends sollte eine szenische Performance mit fünf Werken ganz unterschiedlicher Provenienz sein, die allerdings in gut 70 Minuten ineinander verzahnt ein breites Spektrum serieller, minimalistischer wie theatraler Ereignisse vorstellte. Dazu zählten Catherine Lambs (*1982) nodes, various (2010), Samuel Becketts (1906-1989) Quad (1981), Johns Cages (1912-1992) Radio Music (1956), Reiner Goebbels´ (*1952) Toccata for Teapot and Piccolo (1995/96) sowie von Louis Andriessen (1939-2021) Workers Union (1975).

 

Mischung aus Klang, Experiment und Performance

Eine Mischung aus Klangfindung, Klang- und Tonexperimenten, rhythmischer Variabilität und theatraler Performance. Gleich zu Anfang nodes, various. Acht Performer an Laptops, großzügig in der riesigen Naxos-Halle verteilt, übten sich in Klangkonstruktionen. Catherine Lamb ist bekannt für ihre Erforschung von tonalen Interaktionen sowie deren Konturierung und Gestaltung im Raum. Nodes, various (frei übersetzt mit: variable Knoten) bestand im Wesentlichen aus der Entwicklung digitaler Klangfrequenzen von weichen, harmonischen bis zu harten, dissonanten Schichtungen. Ein langer Vortrag ohne spürbare musikalische Entwicklung. dafür ein Changieren zwischen Trance, Meditation und (klanglichem) Erschrecken.

Ohne Übergang folgte Becketts Quadrat (Quad). Ein minimalistisch-serielles Spiel mit Bewegung. Vier Performer begehen ein Quadrat mit zwei Diagonalen. Nach Beckett soll hier ein unerbittliches Closed-circuit-Drama vollzogen werden: Einmal in das Quadrat eingetreten, sind die vier, mit weißen Vollkörper-Schutzanzügen ihrer Individualität beraubt, dazu verdammt, die jeweils sechs Schritte der Längs- und zehn Schritte der Diagonallinien monoton und synchron abzulaufen. Um in der Mitte nicht zusammenzustoßen, wird die Mittelpunkt immer links umgangen. Man kann diese Performance rhythmisch (Metronom), musikalisch (Schlagzeug oder Instrument) oder auch farblich (unterschiedliche Kleidung, schwarz, weiß) variieren. Der Sinn aber ähnelt dem Warten auf Godot, hier als sinnentleerter Gleichschritt, der allerdings das genaue Timing wie die mathematische Präzision abverlangt.

John Cages Radio Music lockerte dieses doch düstere Theaterspiel auf mit acht Radiorekordern, die ein wildes Durcheinander an Wort und Musik in den weiten Raum entließ. Eigentlich eine klassische Zufallsmusik, die unterschiedlichste Radiofrequenzen (Kurz-, Lang-, Mittelwelle) zahlenmäßig (55-156 kHz) notiert und ein circa sechs-minütiges Werk daraus zaubert. Für den Hörer ein chaotischer Spaß, für die Handelnden ein ständiges Ringen um die Frequenzen.

IEMA auf Naxos, Reiner Goebbels Toccata for Teapot and Piccolo,
Rebecca Blau (Foto: IEMA)


Japanisches Teezeremoniell neben dem Marsch der Arbeiter

Eine Erholung dann die Toccata for Teapot und Piccolo Flöte. Tatsächlich gab der kochende Teekessel, einem japanischen Teezeremoniell nachempfunden, einen klaren Dreiklang von sich, die tonale Grundierung einer vogelähnlichen Improvisation von Rebecca Blau. Sie zwitscherte und pfiff in den höchsten Tönen und die Tropen schienen in die Naxos-Halle einzuziehen. Olivier Messiaen hätte seine Freude an dieser Performance gehabt.

Jäh unterbrochen wurde diese Idylle durch deftige Akkorde der unterschiedlichsten Instrumente. Anfangs ohne Takt und Rhythmus, dann klarer und konturierter. Louis Andriessens Workers Union setzte mit stampfenden Rhythmen ein. Marschierende Arbeiter auf diversen Demonstrationen belebte die Vorstellungskraft. Ein martialischer Tonfall beherrschte die Szenerie. Bekanntlich hat Andriessen sein kompositorisches Oeuvre immer in einen gesellschaftspolitischen Kontext gestellt. Einflüsse von Strawinskys Le sacre du Printemps mit seinen höchst variablen Rhythmen oder der Minimal Music, so besteht zum Beispiel diese Partitur aus lediglich einer Linie mit variablen Tonhöhen, sind typische Kennzeichen seines Stils. Die Besonderheit von Workers Union ist allerdings der Kontrast zwischen individueller Freiheit (die Tonhöhen sind individuell ausgesucht) und strenger kollektiver Disziplin (die vielfältigen Rhythmen sind für alle 15 Musiker detailgenau festgelegt), was dieses fast 20-minütige Werk zu einer absoluten Herausforderung macht.

IEMA auf Naxos, Sze Fong Yeong beim Spiel von Louis Andriessens Workers Union
(Foto: IEMA)


Konformität oder Nonkonformität

Leider sind die engagierten Player hier doch weitgehend überfordert gewesen. So haperten die Einsätze, auch die Rhythmen differierten, zerflossen oder fielen ins sprichwörtliche Chaos. Hier hätte möglicherweise die ordnende Hand eines Dirigenten Abhilfe schaffen können. Der aber saß am Klavier und war mit seiner Partnerin intensiv damit beschäftig, die Cluster und Repetitionen einigermaßen auf die Reihe zu bekommen. Schade für die Gruppe, aber auch schade für das an sich spannende Stück.

Alles in Allem ein Konzert mit „klassischer“ Avantgarde Musik und Performance von ausgesucht krasser Nonkonformität und abgehobener Theatralik. Nur das fehlte an diesem Abend doch weitgehend bei den Interpretationen. Man hätte sich etwas mehr von diesem „klassischen“ Geist gewünscht.  

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