Das 35.
Rheingau Musik Festival vom 25.06. bis zum 03.09.2022
Junge Deutsche Philharmonie mit „Goldrausch“, ein dreiteiliges Freispiel mit Bezug auf die ´Roaring Twenties`, Fürst von Metternich Konzert-Kubus auf Schloss Johannisberg, 02.09.2022
| Junge Deutsche Philharmonie, Leitung: Frank Strobel (Foto: Ansgar Klostermann) |
Goldrausch in den Roaring Twenties
Ja, ja, die Roaring
Twenties, oder wie man die Zwischenkriegszeit der Weimarer Republik
sonst noch bezeichnet. Es war ein bewegtes Jahrzehnt voller Ungerechtigkeiten,
Gewalttätigkeiten, Ausbeutung und Totalitarismen, aber auch eine kulturelle
Neuzeit brach an, die alle Tradition infrage stellte. Musikalisch und
theatralisch, cineastisch und literarisch eine Fundgrube noch heute. Die Moderne
setzte sich durch und veränderte das Denken der Menschen wie nie zuvor, im Positiven
wie im Negativen. Deutschland kann noch heute ein Lied davon singen.
Aber kommen
wir zum höchst abwechslungsreichen Abend, der aufgeteilt in drei Abschnitte, zu
Anfang bekannte Songs der wohl besten „Boulevard“- Komponisten der Zeit, Kurt
Weill, Paul Dessau und Hanns Eisler bot. Bekannte Opern-, Musical- und
Operettensongs aus der Dreigroschenoper (1928), Musik von Kurt Weill,
Text von Bertold Brecht, aus Brechts Theaterstück: Der gute Mensch von
Sezuan (1938/40) mit Liedern von Paul Dessau, oder Kampflieder aus Brechts Drama Die
Maßnahme (1930) von Hanns Eisler. Ein wunderbarer Mix aus Gesellschaftskritik,
Ironie, Humor und einem gehörigen Maß an revolutionärer Aufbruchstimmung. Das
alles gehörte zur Kultur der Goldenen Zwanziger, dessen Gold der Glanz
fehlte. Zumindest zeitweise.
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| Junge Deutsche Philharmonie, Leitung: Frank Strobel, bei den Proben in der Frankfurter Schwedler Straße (Foto: JDP.de) |
Ein „Zukunftsorchester“ voller Energie und Tatendrang
Frank Strobel und die Junge Deutsche Philharmonie – ein „Zukunftsorchester“ voller Energie und Tatendrang, ein innovatives Brückengebäude zwischen Studium und Beruf (1974 von Jonathan Nott, langjähriger Dirigent und Berater, mitgegründet), alles junge Instrumentalisten, mit hervorragender musikalischer Einstellung – wurden tatkräftig und kreativ ergänzt durch Manfred Callsen als Conférencier, bekannt unter anderem durch diverse Krimiserien und seiner unverwechselbaren Hörbuchstimme, von Lucy Flournoy, eine Theater Artistin mit einer perfekter Entertainment-DNA, die durch Tanz, Pantomime, Wortgewalt und erfrischendem Charme das Publikum mitzureißen verstand, sowie der Sängerin Dimi Rompos, bekannt durch ihre Teilnahme an The voice of Germany und als Backgroundsängerin des in Hip-Hopper Kreisen geschätzten Rappers und Musikproduzenten, Samy Deluxe. Ergänzend sei noch bemerkt: Die Regie lag in der Hand von Andrea Schwalbach und die Songs und Moritate wurden von Leonard Kuhn für Orchester arrangiert.
Zwischen Politsong
und Barmusik
Wie gesagt,
der erste Teil des langen Abends bestand aus diversen Songs, wie die Moritaten
von Mackie Messer, des Seeräuber-Jenny-Songs, dem Lied von der
Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens, alle aus der Dreigroschenoper,
sowie dem Lied Vom achten Elefanten aus dem Der gute Menschen von Sezuan
und dem Politsong von Hanns Eisler aus Brechts Epischem Theaterwerk Die
Maßnahme. Alle von Dimi Rompos interpretiert, die, mit sehr leichtem
Sopran und geringer Akzentuierung (man verstand kaum ein Wort) leider dem Geist
dieser Songs und der Moritate nicht gerecht werden konnte. Sie kommt zwar aus der Hip-Hop
Szene, bevorzugt aber den soften, liedhaften Ton, wie sich später, im Revueteil
des Abends herausstellte, als sie aus ihrer neuen CD „Landschwimmer“ sang – zwar
ganz in weißem Michael-Jackson-Look, aber alles andere als rockig oder Rap-stylisch.
Barmusik würde besser dazu passen.
Liebe, Drama,
Wahnsinn - eine zeitlose Konstante
Frank
Strobel erwies sich,
wie immer, als genialer Film-Dirigent und auch wunderbarer Animateur der Musiker. Hier vor allem derjenigen der jungen deutschen Philharmonie. Er ist ein versierter Entertainer, der mitspielt, ulkt und allerlei Blödsinn mitmacht. Ohne Worte führte er durch die drei Stunden, war immer Teil des
Spiels und verstand es prächtig, die Spannung aufrecht zu erhalten und in
keiner Phase Langeweile aufkommen zu lassen. Als Meister der Aufführungspraxis
von Filmmusiken führte er mit Bravour durch die musikalische Synchronisation des im Jahre
1923 produzierten Stummfilmepos: Der Schatz von Georg Wilhelm
Papst (1885-1967) und der Musik von Max Deutsch (1890-1982).
Dieser zweite Hauptteil dauerte volle 80 Minuten und lebte von seiner Kurzweiligkeit. In fünf Abschnitten wird ein Familiendrama Irgendwo im Nirgendwo, nach dem Überfall der Osmanen auf Wien 1683, erzählt. Der Wiederaufbau ist im Gange, aber man munkelt, die kaiserlichen Soldaten hätten einen Schatz in der Nähe des Hauses vergraben. Die Kombination von Liebe, Drama, Wahnsinn lässt den Gesellen der Glockengießerfamilie, Svetelenz, und den jungen Goldschmied, Arno - er ist für die Fertigstellung der Glocke verantwortlich - den Goldschatz in der tragenden Säule des burgähnlichen Gebäudes finden. Es folgen Hass, Gier und Missgunst, die dazu führen, dass der enttäuschte Svetelenz – er verkauft an das Glockengießerpaar sein Gold gegen die von ihm begehrte Tochter Beate – die tragende Säule zerschlägt und damit sich und das Glockengießerpaar in den Tod reißt. Übrig bleiben Arno und Beate, die beide zugunsten der Liebe auf den trügerischen Reichtum verzichten.
Eine Metapher auf die kapitalistische Profitgier, die die
Weimarer Republik letztendlich in den Abgrund stürzte? Man denke an die
Hyperinflation von 1923 mit ihren entsetzlichen sozialen Folgen, an den
verheerenden schwarzen Freitag von 1929, der Millionen von Menschen in den wirtschaftlichen Ruin
stürzte und an die politisch-fatalen Folgen, die all das bewirkte.
Die Musik
erzählt die Geschichte des Filmdramas
Ein
wunderbarer Stummfilm, mit langen ungeschnittenen Passagen, Erinnerungsmomenten
in Rotfärbung und einer Soundtrack Version, die vollständig begeistern musste. Mit
Wagnerscher Leitmotivik, Entlehnungen aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie und
spannungsgeladener, an dem Handlungsnarrativ orientierter Musik. Kurze Motive, versierte
Dynamik und stringente punktgenaue Synchronisation ließen tatsächlich die Musik
die Geschichte dieses Goldrausch-Dramas erzählen, wie es der Conférencier, Manfred
Callsen, in der ausführlichen Anmoderation versprach.
| Junge Deutsche Philharmonie, Leitung: Frank Strobel (Foto: Ansgar Klostermann) |
"Für den Fortbestand des goldenen Zeitalters"
Nach 140
Minuten und einer zweiten Pause mit Bewegungsübungen und diversen Erholungsaktivitäten
folgte Nr. 3 des Abends, eine Revue nach ganz eigenen Gesetzen. Was ist eigentlich
eine Revue? In der Weimarer Republik ersetzte dieses neu erfundene, oder besser
aus Frankreich eingeführte Genre (hier war das Moulin Rouge oder die Folies
Bergère Vorreiter) die geschlossene Operette wie auch das Kabarett und
schuf ein zwangloses Nebeneinander von einzelnen Nummern, ohne unbedingt einem
roten Faden oder einem Motto zu folgen. Die Junge Deutsche Philharmonie
aber hatte sich ein Motto gegeben: „Für den Fortbestand des goldenen Zeitalters!“
riefen sie mehrmals vollmundig in den etwas gelichteten Kubus-Saal, was nicht
heißen sollte, dass sie dieses Motto auch konsequent verfolgten. Mitnichten.
Eine
Videoserie mit einzelnen Instrumentalisten des Orchesters behandelte die Frage
des Verzichts, des Konsums, des Essens, Einkaufens etc. Tenor war: Verzicht,
Verzicht, Verzicht! Aber wie? Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. Etwas
fürs Gewissen sollte es sein, musikalisch durch homophone Klangflächen
untermalt.
Dann der Auftritt
der wunderbaren Lucy Flournoy. Sie klaute einfach die überzähligen
Kleidungsstücke der Musiker und erntete Aufruhr. Dazwischen noch ein Reklameclip
aus den 1920er Jahren von Nivea. Ein Scherenschnitt mit der Goldenen Marie, eine
verwöhnte Prinzessin auf der Erbse, die durch die Nivea-Creme aus ihrer
Reinheitsdepression „gerettet“ wird. Aus heutiger Sicht witzig und fast schon
naiv. Allerdings ist man fassungslos, wie damals schon die Werbung
manipulierte, und das mit Erfolg, bis heute.
Aus Landschwimmer
sang dann Dimi Rompos ihren eigenen Rap-Song, ehe der Schlussteil der
Revue eingeleitet wurde. Ein Klaviersolo mit einem Soundtrack von Hans Zimmer
aus: Die Truman Show (1998), alle schienen einzuschlafen, wenngleich die
minimalistische, sanfte Musik, glänzend gespielt von einer jungen Pianistin aus
dem Kreis des Orchesters, das Publikum begeisterte.
Gleichzeitig
lief ein Videoclip aus der Frankfurter Schwedler Straße, dem Domizil des Orchesters, mit
den beiden Moderatoren sowie der Sängerin ab. Originell und kurzweilig. Ein Ragtime
in Scott Joplin Manier ließ alle wieder erwachen und in den Tanzmodus wechseln.
Ein bisschen Peer Gynt von Edvard Grieg aber auch ein Schwergewicht, die
amerikanische Rockband, Highly Suspect, mit Viper Strike waren
herauszuhören. Schnitt.
Es folgten
zwei sehr selten gesehene Videos mit Charly Chaplin als Zugochse vor einem
Karren und ein Disney Clip mit drei kleinen Schweinchen (?), großartig vom
Orchester in Szene gesetzt, mit viel Percussions-Ideen und jaulenden Bläsern. Nicht
zu vergessen das Video mit den Zauberhänden, die Geld schaffen und vernichten
bis hin zum menschlichen Geldschisser (in Anlehnung an Grimms Märchen Tischlein
deck dich), dem die Münzen nur so aus dem Mund quollen, um dann wieder im
selben zu verschwinden. Alles mit musikalischer Begleitung, hier mit Papierknistern
und klimpernden Klangfeldern.
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| Junge Deutsche Philharmonie in der Frankfurter Schwedler Straße (Foto: RMF.de) |
Zwischen
Brecht, den Doors, David Bowie oder Dalida
Großartig
das Finale. Das Orchester wandelte sich zum Chor und sang aus voller Seele mit
wirklich guten Stimmen den Alabama Song von Kurt Weill, 1930 komponiert. Oder war er von den Doors, von David Bowie oder Dalida? Auf jeden Fall stimmte
der Text: „Show me the way to the next Whiskey bar, oh don´t ask why … I tell
you we must die … Oh Moon of Alabama, we now must say good bye, We´ve lost our
good old Mama and must have Whiskey, Oh, you know why …“
Dieser Song gibt
ein Lebensgefühl wieder, dass sowohl in den 30er Jahren als auch heute an
Aktualität nichts eingebüßt hat. Wie sagte doch Bert Brecht: „Die einen sind im
Dunkeln, die anderen sind im Licht. Und man siehet die im Lichte, die anderen
sieht man nicht“, die Schlussworte übrigens des souveränen Moderators Manfred
Callsen, um dann im Laufschritt die Bühne zu verlassen.
Ein langer
Abend hatte einen wirklich bewegenden Abschluss gefunden. The next Generation
macht Mut für die Zukunft. Das 35. RMF ist damit beendet, auch wenn offiziell
der Schlussstrich erst am Samstag, den 03. 09., mit den Bamberger Symphonikern, unter der Leitung von Christoph Eschenbach, mit Bruckners Achter im Kloster
Eberbach gezogen wird. Dafür ein doppeltes, wirkungsvolles, zuversichtliches
und optimistisches Finale einer sehr erfolgreichen Saison 2022.


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