La Fura dels Baus, „Free Bach 212“, ein Formexperiment zu Johann Sebastian Bachs Bauernkantate (1742), Alte Oper Frankfurt, 21.09.2022 (im Rahmen von Fratopia)
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| La Fura dels Baus: Szene aus Free Bach 212 (Foto: Alte Oper/Wonge Bergmann) |
Witzig und
hintersinnig
Fast 300
Jahre alt und immer noch hochaktuell: Johann Sebastians Bachs (1685-1750) Bauernkantate
((1742). Sie schrieb der Komponist zu den Geburtstagsfeierlichkeiten des Leipziger „Overkeet“
(übersetzt: Obrigkeit) Carl Henrich von Dieskau (1706-1782). Der Erb-, Lehn- und Gerichtsherr in einer Person wurde 36 Jahre alt
und feierte dieses Fest gleichzeitig zur Erweiterung seines Herrschaftsbereichs
und ließ sich zu diesem Zweck vom Volke huldigen. Dafür bekam es Freibier und freie
Kost. So weit so gut und eigentlich historisch bedeutungslos. Wenn nicht eines
der witzigsten, derbsten und hintersinnigsten musikalischen Schöpfungen der
Nachwelt erhalten geblieben wäre. Denn gemeinsam mit dem berühmten Kantatendichter
Christian Friedrich Henrici (1700-1764), besser bekannt als Picander, der den
bissigen Text lieferte, schuf der barocke Meister ein Singspiel zwischen Ernst
und Spaß. Ein Geburtstagsschwank der Segenswünsche, eingebettet in die Sorgen und
Nöte der kleinen Leute, ein Spektakel zwischen Freibier und derber,
mundartlicher, aber humorvoller Anklage.
Optimistisches
Spektakel
Fura dels
Baus, eine schillernde katalanische Theatergruppe und im Frankfurter Opernbetrieb nicht unbekannt, hat sich dieser
Kantate angenommen, weil sie alles bietet für eine Neuinterpretation und eine
szenische Adaption auf die Gegenwart. Miki Espumas, einer der Mitbegründer
dieser seit 1979 bestehenden Kompanie, drückt das so aus: „Wir brauchen gerade jetzt Spektakel, die
optimistisch sind. Bei Free Bach haben die Zuschauer Spaß und lachen
praktisch die ganze Zeit über.“ (Nebenbei bemerkt die Nummer 212 hinter Free
Bach bezieht sich lediglich auf das BWV)
Die ursprüngliche
Kantate besteht aus insgesamt 20 Arien mit angehängten Rezitativen, ist für
Sopran (Bäuerin) und Bassstimme (Bauer) gedacht und soll von einem
dreistimmigen Streicherensemble mit Basso continuo, Traversflöte, Horn und einer
zweiten Violine begleitet werden. Sie dauert etwa 30 Minuten. Die einzelnen Partien,
Tänze und Arien sind also sehr kurz und gehen nahtlos ineinander über. Bach
hatte keine Probleme bereits bestehende Stücke zu zitieren und volkstümliche
Melodien zu verwenden.
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| La Fura dels Baus: Szene aus Free Bach 212 (Foto: Alte Oper/Wonge Bergmann) |
Experiment
mit barocken Formen
La Fura
dels Baus hält sich
in ihrem „Formexperiment“ lediglich im Kern an die Bachsche und Picandersche Vorgabe,
versteht es aber sehr überzeugend, die gut 70-minütige Abendvorstellung
multimedial und künsteübergreifend auszugestalten. So ist die Bühne bis tief in
den Publikums-Bereich ausgedehnt und mit fünf humanoiden Schaufensterpuppen und
einer Kuh bestückt. Eine riesige Leinwand begrenzt den Bühnenhintergrund. Davor
stehen aus Publikumssicht auf der Linken die Musikanten und rechts sind Synthesizer,
Keyboard und Elektronik postiert. Licht und Toneffekte begleiten die einzelnen
Nummern durchweg. Die Ouvertüre beginnt mit dem Vorspiel aus Bachs Goldberg
Variationen (sehr schön interpretiert von Andrés Alberto Gómez) und wechselt
zu einer Bachsuite, eingeleitet von einem Cello (Thor Jorgen) und
weitergeführt von der Bratsche (Leticia Moros) und der Violine (Pavel
Amilcar). Eine schöne Idee, weit weg allerdings von der Kantatenstruktur,
die mit einem Potpourri von Bauerntänzen beginnt. Ein reges Schattenspiel, das sehr
bald in psychodelisch, stroboskopisches Flimmern übergeht und von Bässen des
Synthesizers verstärkt werden, ergänzt das Bühnengeschehen. Alles sehr laut, geräuschvoll
und irritierend.
Flamenco
und Ausdruckstanz
Wechsel des
Videos zu einer farblich verfremdeten Wiese mit Kühen und der Auftritt des
Ausdruckstänzers Miguel Angel Serrano, ganz in Weiß mit Baskenmütze, und
der Flamenco Sängerin und Tänzerin (zunächst in Schwarz, später in Blutrot), Mariola
Membrives. Beide ein Genuss an diesem Abend. Sie mit einer sinnlichen bis
ins Herz reichenden tiefen und kraftvollen Stimme, er ein leichtfüßiger,
sprunggewaltiger und höchst dynamischer Ballettkünstler. Das Loblied auf den
Gastgeber: „Mer hahn en neue Overkeet“ führte zwei Sänger der besonderen
Qualität ein. Sie, Eulalia Fantova, eine Mezzosopranistin, und er, Joan
Garcia Gomá, ein Bariton, waren mit kräftigen und klaren Stimmen
ausgestattet, die vor allem das bäuerlich Derbe der Handlung in bester
Manier präsentierten. Leider war die Technik (Roger Serra) nicht gerade
zimperlich mit der Lautstärke, die des Öfteren zu Übersteuerungen führte und
dem Gesang nicht gerade dienlich waren, zumal die beiden Sänger mit bester Stimmgewalt
ausgestattet waren und eigentlich im lediglich halbvollen Großen Saal der Alten
Oper ohne Verstärkung hätten besten auskommen können – was auch für die
Flamenco Sängerin zutrifft. Das nur am Rande.
Ideen-
und Datailreichtum
Bemerkenswert
allemal die Fünfzig Taler Arie, wo der Tänzer als Geldsack sein Unwesen
treibt und der Gesang der Flamenco Sängerin von einer handgedrehten
Mischmaschine gestört und gleichzeitig auf der Leinwand Emil Nolde ähnliche
schreiende Fratzen das Bühnengeschehen ergänzen. Ein herrliches Menuett hübschte
die Stimmung wieder auf – ein großes Lob an das Quartett – und wechselte in ein
Bratschen-Solo, eingebettet ein Blau-reflektierendes Farbenspiel und blauer
Ornamentik auf der Leinwand. Leider auch hier Ton-Übersteuerung, was diese
klangfarblich exzellente Szene störte.
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| La Fura dels Baus: Szene aus Free Bach 212 (Foto: Alte Oper/Wonge Bergmann) |
„Was wäre
das Leben ohne Bier?“
Viele
Details wären noch nennen (z. B. die Videoeinspielung Charlie Chaplins als großer Diktator bei der Schösser Arie, eine beißende Kritik an den
Steuereintreiber), denn der Einfallsreichtum dieser Kompanie ist schier
grenzenlos. Unbedingt aber hervorzuheben ist die abschließende Da capo Arie des
Bariton Dein Wachstum sei fest und lache vor Lust, wo Gomá in betrunkenem
Zustand, begleitet von Streichern und elektronischen Einspielungen, sein
gesangliches und schauspielerisches Können noch einmal voll zur Geltung bringt.
Dann das Finale. Nicht etwa das ursprüngliche Duett Wir gehen nun wo der Tudelsack,
sondern der Auftritt von Mariola Membrives sollte es sein. Sie sang im klassischen
Flamenco Stil einen Text des mexikanischen zeitgenössischen Dichters Ivan Leroy
(Geburtsdatum unbekannt) Was wäre das Leben ohne Bier (der gesamte Text war
auf der Leinwand nachzulesen). Gleichzeitig füllte der Tänzer aus dem Euter der
Bühnenkuh Biergläser für das Bühnenteam und tanzte zwischendurch einen
erfrischenden Bierfasstanz, nicht nur kraftraubend, sondern auch
publikumsanimierend. Die Absicht dieser wohl unikaten Kompanie, auch das
Publikum in ihre Performances mit einzubeziehen, konnte in der Alten Oper nicht
unbedingt gelingen. Zu viele Maskenträger, zu viel Angst vor der Zukunft, zu
viel Abstand? Der Beifall war freundlich, nicht mehr.
Spontane
Power
Die Zugabe ist
allein deshalb einer Erwähnung wert, weil hier noch einmal die spontane Power
voll zur Geltung kam. Miki Espuma, auch Ukulele Spieler, meinte, man
wolle noch etwas typisch Spanisches zum Bestens geben. Und dann folgte ein
Feuerwerk der Lebenslust. Gimme the Power lautete das Motto und ließ die
Akteure noch einmal auf der Bühne ausflippen, allen voran der exzellente Bariton,
der alle seine stimmlichen Register zog und sogar das Rappen beherrschte. Hier
hätte man sich am liebsten eigereiht. Immerhin klatschte man im spanischen
Rhythmus mit. Einfach toll diese Künstlertruppe, zehn Frauen und Männer und
jeder ein Künstler für sich.

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