Montag, 19. September 2022

Nosferatu – Eine Sinfonie des Grauens, deutscher Spielfilm von 1922 von Friedrich Wilhelm Murnau in fünf Akten, musikalische Untermalung mit dem Michael Wollny Trio und Mitgliedern des Norwegian Wind Ensembles, Alte Oper Frankfurt, 18.09.2022 (im Rahmen von Fratopia)

Foto: ndr,de

Der Vampir

Nosferatu ist das Synonym für Vampir, Totenvogel, Blutsauger aller Art, Pestbringer und nicht zuletzt auch für den Teufel schlechthin. Im Film heißt er schlicht Graf Orlok und steht für das Dämonische, das Unheil- und Krankheitsbringende. Natürlich lebt er abgeschieden auf einer transsilvanischen Burg und lechzt danach, der Menschheit Schaden zuzufügen. So weit so gut.

 

Schlechtes Omen

Die Erstaufführung des Films im März 1922 stand von Anfang an unter einem schlechten Omen. Es fehlten die Filmrechte. Die Urheberrechtsklage des irischen Schriftsteller Bram Stoker, nach dessen Buch Dracula der Streifen gedreht wurde, hatte Erfolg. Ein finanzielles, und materielles Desaster waren die Folge. Neben exorbitanten Prozesskosten sollten alle Kopien vernichtet werden. Die Filmgesellschaft Prana ging pleite, aber viele Kopien und Filmmaterialien blieben dennoch erhalten und wurden auf Initiative des Deutschen Filmmuseums München gesammelt, rekonstruiert und im Jahre 1988 in neuer Fassung im Zweiten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt – mit der Musik von Hans Posegga (1917-2002). Später wurde der Streifen mit der Ursprungsmusik von Hans Erdmann (1882-1942) unterlegt.

Diese Fassung sah man auch in der Alten Oper. Und, statt Life-Musik von Hans Posegga oder Hans Erdmann, bot sich das Michael Wollny Trio (leider ohne den erkrankten Perkussionisten Eric Schaefer) und ein Bläserseptett des Norwegian Wind Ensembles an, diese gut 90-minütige „Sinfonie des Grauens“ musikalisch zu untermalen und mit eigenen Ideen zu garnieren.

 

Foto: akg-images

Kein Konzept – nur Improvisation

Vorweg sei gesagt, dass jeder der fünf Akte ein Stimmungsbild verkörperte: erst die Kleinbürgeridylle Wisborgs (eigentlich Wismar, wo viele Szenen gedreht wurden), dann die Reise durch die Karpaten bis zur Ankunft auf der Burg, der Aufenthalt in der Burg des Grafen Orlok, die Rückreise und schließlich die Pest und ihr glückliches Ende. Michael Wollny (*1978) betonte dazu in einem Gespräch nit Hans-Jürgen Linke, dass man zwar Leitthemen erarbeitet habe, um Charaktere, Ereignisse und dramaturgische Höhepunkte genau getimed zu erfassen. Ergänzt aber: „Es gibt kein Konzept und nichts Komponiertes, wir improvisieren.“ Und weiter: „Wir haben damit experimentiert, dass nur diejenigen den Film sehen, die gerade nicht spielen. So entstand die interessante Erfahrung, dass sogar, wenn man spielt und den Film nicht sieht, für den Zuschauer die Möglichkeiten entstehen, Zusammenhänge selbst herzustellen.“ (aus dem Programm)

Auf der Bühne erläuterte er noch einmal das musikalische Konzept des Abends und erklärte, 99,5 Prozent der Musik sei improvisiert. Möglicherweise könne eine siebentönige Skala (0,5 Prozent) für die Figur Nosferatu eingebaut werden, aber das sei dem Zufall überlassen.

Foto: Mechaniczna Kulturaga


Moodtechnik bevorzugt

Man merkte sehr schnell, wie gut die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne harmonierten. Dramaturgische Absprachen musste es gegeben haben, auch wenn die Musik kaum Leitmotivik erkennen ließ, sondern eher auf Underscoring und Moodtechnik aufgebaut war. Aber auch hier müssen Einschränkungen gemacht werden, denn das Underscoring, auch Mickey-Mousing genannt, verlangt eigentlich eine genaue Synchronizität mit der Handlung oder der Emotionslage. Das gelang lediglich in Akt vier und fünf, der dramatischen Zuspitzung (die Anlandung Nosferatus in Wisborg, die Rückkehr Hutters, (der Ehemann von Ellen), und die Kontaktaufnahme Ellens mit Nosferatu bis zum Hahnschrei-Ende. Hier gelang diese Technik, das Ensemble hatte sich gefunden und konnte dem Handlungsgeschehen auch einen eigenen musikalischen Charakter geben. Überwiegend jedoch stützte sich das Bühnenteam auf die Moodtechnik und gab den Szenerien eigene Stimmungsbilder wie eigene musikalische Färbungen, die vorwiegend aus jazzigen bis hin zu free-jazzigen Elementen bestanden. Aber auch melodische Motivsplitter, barocke Kontrapunktik, akkordische Terzreihen und expressionistische wie impressionistische Duo-, Trio- und Quartett Improvisationen gehörten zum Repertoire. Hier brillierten vor allem die beiden Flötistinnen (Inger Johanne Berg und Rose Elin Austad Nes) und die beiden Kontrabassisten (Roger Moorland sowie Christian Weber), ohne die Qualität der anderen vergessen zu wollen.

 

Foto: tambourmanagement.com


Zwischen Kitsch und Harmonik

Michael Wollny, der eigentliche Überbau des Ganzen, changiert zwischen Kitsch und ernsthafter Harmonik. Er ist ein großer Techniker auf den Tasten und spielt gerne zwischen Tonalität, Atonalität und synkopischer Rhythmik. Er liebt den musikalischen Fluss und kann auch sehr gut in die Romantik einsteigen. So sind seine Parts vor allem bei der weltfremden und geistig mit Graf Orlok verbundenen Hellen immer lieblich, mit Debussy- und Schumann- bzw. Schubert-liken Patterns versehen. Auch der dramatische Schluss, der Biss des liebesgierigen Vampirs in den Hals Hellens, der Hahnschrei und das Verschwinden des Untoten und mit ihm der Pest, bewegt sich vollkommen im romantischen Gestus und wird von ihm auf der Tastatur an der Grenze des Kitschigen intoniert.

 

„Es geht um Musik“

Eine sehr hörenswerte musikalische Untermalung des relativ selten gesehenen Nosferatu Streifens. Filmisch wie musikalisch alles andere als eine Symphonie des Grauens, improvisatorisch und interpretatorisch eine eigenwillige, sehr moderne Nacherzählung einer archaisch fiktiven Horrorgeschichte mit durchaus aktuellen Bezügen. Lassen wir noch einmal Michael Wollny sprechen. Der Frage nach der Aktualität des Films weicht er aus und konzentriert sich auf den Begriff Symphonie im Untertitel. Er sei eine interessante Gattungsbezeichnung. Und weiter: „Es geht um Musik, also um Narrative, die in einer musikalischen Form enthalten sind. Für mich enthält der Untertitel auch eine Art Einladung, mich freier zu bewegen.“  Und das wurde absolut an diesem Abend erreicht.   

 

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