Nosferatu – Eine Sinfonie des Grauens, deutscher Spielfilm von 1922 von Friedrich Wilhelm Murnau in fünf Akten, musikalische Untermalung mit dem Michael Wollny Trio und Mitgliedern des Norwegian Wind Ensembles, Alte Oper Frankfurt, 18.09.2022 (im Rahmen von Fratopia)
![]() |
| Foto: ndr,de |
Der
Vampir
Nosferatu
ist das Synonym für Vampir, Totenvogel, Blutsauger aller Art, Pestbringer und
nicht zuletzt auch für den Teufel schlechthin. Im Film heißt er schlicht Graf Orlok
und steht für das Dämonische, das Unheil- und Krankheitsbringende. Natürlich
lebt er abgeschieden auf einer transsilvanischen Burg und lechzt danach, der
Menschheit Schaden zuzufügen. So weit so gut.
Schlechtes
Omen
Die Erstaufführung
des Films im März 1922 stand von Anfang an unter einem schlechten Omen. Es
fehlten die Filmrechte. Die Urheberrechtsklage des irischen Schriftsteller Bram
Stoker, nach dessen Buch Dracula der Streifen gedreht wurde, hatte Erfolg.
Ein finanzielles, und materielles Desaster waren die Folge. Neben exorbitanten Prozesskosten
sollten alle Kopien vernichtet werden. Die Filmgesellschaft Prana ging pleite,
aber viele Kopien und Filmmaterialien blieben dennoch erhalten und wurden auf
Initiative des Deutschen Filmmuseums München gesammelt, rekonstruiert und im
Jahre 1988 in neuer Fassung im Zweiten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt – mit
der Musik von Hans Posegga (1917-2002). Später wurde der Streifen mit der Ursprungsmusik
von Hans Erdmann (1882-1942) unterlegt.
Diese Fassung sah man auch in der Alten Oper. Und, statt Life-Musik von Hans
Posegga oder Hans Erdmann, bot sich das Michael Wollny Trio
(leider ohne den erkrankten Perkussionisten Eric Schaefer) und ein Bläserseptett
des Norwegian Wind Ensembles an, diese gut 90-minütige „Sinfonie des
Grauens“ musikalisch zu untermalen und mit eigenen Ideen zu garnieren.
![]() |
| Foto: akg-images |
Kein
Konzept – nur Improvisation
Vorweg sei
gesagt, dass jeder der fünf Akte ein Stimmungsbild verkörperte: erst die Kleinbürgeridylle
Wisborgs (eigentlich Wismar, wo viele Szenen gedreht wurden), dann die Reise durch
die Karpaten bis zur Ankunft auf der Burg, der Aufenthalt in der Burg des
Grafen Orlok, die Rückreise und schließlich die Pest und ihr glückliches Ende. Michael
Wollny (*1978) betonte dazu in einem Gespräch nit Hans-Jürgen Linke, dass man zwar Leitthemen erarbeitet
habe, um Charaktere, Ereignisse und dramaturgische Höhepunkte genau getimed zu
erfassen. Ergänzt aber: „Es gibt kein Konzept und nichts Komponiertes, wir
improvisieren.“ Und weiter: „Wir haben
damit experimentiert, dass nur diejenigen den Film sehen, die gerade nicht
spielen. So entstand die interessante Erfahrung, dass sogar, wenn man spielt
und den Film nicht sieht, für den Zuschauer die Möglichkeiten entstehen,
Zusammenhänge selbst herzustellen.“ (aus dem Programm)
Auf der
Bühne erläuterte er noch einmal das musikalische Konzept des Abends und erklärte,
99,5 Prozent der Musik sei improvisiert. Möglicherweise könne eine siebentönige
Skala (0,5 Prozent) für die Figur Nosferatu eingebaut werden, aber das sei dem Zufall
überlassen.
![]() |
| Foto: Mechaniczna Kulturaga |
Moodtechnik
bevorzugt
Man merkte
sehr schnell, wie gut die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne harmonierten.
Dramaturgische Absprachen musste es gegeben haben, auch wenn die Musik kaum
Leitmotivik erkennen ließ, sondern eher auf Underscoring und Moodtechnik
aufgebaut war. Aber auch hier müssen Einschränkungen gemacht werden, denn das Underscoring,
auch Mickey-Mousing genannt, verlangt eigentlich eine genaue Synchronizität mit
der Handlung oder der Emotionslage. Das gelang lediglich in Akt vier und
fünf, der dramatischen Zuspitzung (die Anlandung Nosferatus in Wisborg, die
Rückkehr Hutters, (der Ehemann von Ellen), und die Kontaktaufnahme Ellens mit
Nosferatu bis zum Hahnschrei-Ende. Hier gelang diese Technik, das Ensemble
hatte sich gefunden und konnte dem Handlungsgeschehen auch einen eigenen musikalischen
Charakter geben. Überwiegend jedoch stützte sich das Bühnenteam auf die
Moodtechnik und gab den Szenerien eigene Stimmungsbilder wie eigene
musikalische Färbungen, die vorwiegend aus jazzigen bis hin zu free-jazzigen
Elementen bestanden. Aber auch melodische Motivsplitter, barocke Kontrapunktik, akkordische Terzreihen und expressionistische wie impressionistische Duo-, Trio- und
Quartett Improvisationen gehörten zum Repertoire. Hier brillierten vor allem
die beiden Flötistinnen (Inger Johanne Berg und Rose Elin Austad Nes) und die
beiden Kontrabassisten (Roger Moorland sowie Christian Weber), ohne die Qualität der anderen
vergessen zu wollen.
![]() |
| Foto: tambourmanagement.com |
Zwischen
Kitsch und Harmonik
Michael
Wollny, der
eigentliche Überbau des Ganzen, changiert zwischen Kitsch und ernsthafter
Harmonik. Er ist ein großer Techniker auf den Tasten und spielt gerne zwischen
Tonalität, Atonalität und synkopischer Rhythmik. Er liebt den musikalischen
Fluss und kann auch sehr gut in die Romantik einsteigen. So sind seine Parts vor
allem bei der weltfremden und geistig mit Graf Orlok verbundenen Hellen immer
lieblich, mit Debussy- und Schumann- bzw. Schubert-liken Patterns versehen.
Auch der dramatische Schluss, der Biss des liebesgierigen Vampirs in den Hals
Hellens, der Hahnschrei und das Verschwinden des Untoten und mit ihm der Pest, bewegt sich vollkommen im romantischen Gestus und wird von ihm auf der Tastatur an
der Grenze des Kitschigen intoniert.
„Es geht
um Musik“
Eine sehr
hörenswerte musikalische Untermalung des relativ selten gesehenen Nosferatu
Streifens. Filmisch wie musikalisch alles andere als eine Symphonie des
Grauens, improvisatorisch und interpretatorisch eine eigenwillige, sehr
moderne Nacherzählung einer archaisch fiktiven Horrorgeschichte mit durchaus aktuellen
Bezügen. Lassen wir noch einmal Michael Wollny sprechen. Der Frage nach der
Aktualität des Films weicht er aus und konzentriert sich auf den Begriff Symphonie
im Untertitel. Er sei eine interessante Gattungsbezeichnung. Und weiter: „Es
geht um Musik, also um Narrative, die in einer musikalischen Form enthalten
sind. Für mich enthält der Untertitel auch eine Art Einladung, mich freier zu
bewegen.“ Und das wurde absolut an
diesem Abend erreicht.




Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen