Quatuor Agate, Streichquartett, 1.Kammerkonzert 2022/2023 der Frankfurter Museumsgesellschaft e. V., Alte Oper Frankfurt, 13.10.2022
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| Quatuor Agate, v.l.n.r.: Simon lachemet, Raphaël Pagnon, Thomas Descamps, Adrien Jurkovic (Foto: quatuor-agate-pressekits) |
Ein
aufstrebendes Streichquartett
Das erst
2016 gegründete französische Streichquartett könnte auf den ersten Blick mit
dem bereits weltbekannten Streichquartett Quatuor Ébène verwechselt
werden, was gar nicht so falsch ist, da dieses aufstrebende junge Team beim Letztgenannten studiert hat und sich auch weiterhin von ihm beraten lässt, was durchaus im musikalischen Gestus zu erkennen ist.
Vier junge
Männer, noch keine dreißig, haben sich an der Berliner Hanns-Eisler-Hochschule
zusammengefunden, um die Musikwelt zu erobern. Es sind Adrien Jurkovic, 1.
Violine (eine Guarneri), Thomas Descamps, 2. Violine (eine Stradivari), Raphaël
Pagnon, Viola (eine Ferdinando Alberti) und Simon lachemet,
Violoncello, (eine Giacinto Santagiuliani).
Ihr
Abendprogramm war so vielseitig wie anspruchsvoll. Zunächst, quasi als
Einleitung, das C-Dur Streichquartett op. 20 Nr. 2 (1772) von Joseph
Haydn (1732-1809). Es folgte von Béla Bartók (1881-1945) das sechste und
letzte Streichquartett Sz 114 (1939/1941). Abgeschlossen wurde der
ereignisreiche Abend mit Johannes Brahms´ (1833-1897) Streichquartett B-Dur
op.67 (1875/1876).
Vom
Divertimento zum musikalischen Dialog
Zunächst Haydns
op.20/2. Aufgeregt waren die vier doch. Der Kopfsatz, Moderato,
eigentlich ganz im Stil der frühklassischen Divertimenti, litt eine wenig unter
der übertriebenen Gestik und der übermotivierten Dynamik der Vier. Der galante
Dialog fand dennoch sehr bald seinen Weg und konnte im zweiten Satz, dem
Adagio, seinen ersten Ausdruck finden. Die Komposition wechselt hier in ein
Capriccio in c-Moll und lebt vom Opera-seria-Pathos mit Rezitativen und
Arien. Herrlich hier das Arioso der ersten Geige sowie die dramatischen
Passagen, die an Haydns Stabat Mater wie seiner Caecilien Messe
erinnerten. Spätestens im dritten Satz, dem Menuett mit Trio hatten sich
die Vier vollständig gefunden, ein Hirtenlied mit starker Hell-Dunkel-Kontrastierung
und langen Borduntönen des Violoncellos wurden zu gesanglicher Poesie. Der Clou
dieser Komposition liegt im Finale. Eine Quadrupel-Fuge mit vier verschiedenen
Themen, raffiniert angelegt, kapriziös, atemberaubend und ausgesprochen witzig.
Sie endet nach lang verharrendem Piano in einer jubelnden Fortissimo Stretta,
die alle vier Themen wieder zusammenführt. Hier konnten die Vier ihre technischen
und musikalischen Qualitäten erstmals voll unter Beweis stellen.
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| Quatuor Agate, v.l.n.r.: Adrien Jurkovic, Raphaël Pagnon, Thomas Descamps, Simon lachemet (Foto: quatuor-agate-pressekits) |
Ein Mesto
– Das Ende einer Epoche
Bartóks
Streichquartett stand unter einem unglücklichen Stern. Der 2. Weltkrieg stand
vor der Tür, Österreich war bereits von den Nazis besetzt, seine Musik stand
auf dem Index der neuen Machthaber, seine Mutter starb im Dezember 1939: Für
ihn stand die Entscheidung der Emigration zur Debatte. Seine Ausreise in die
USA sollte zunächst lediglich seiner Neuorientierung dienen, aber
krankheitsbedingt blieb er dort. Sein sechstes Streichquartett beendete er zwar
bereits im November 1939 in Budapest, uraufgeführt aber wurde es im Januar 1941
in New York vom Kolisch-Quartett.
Mesto ist
das thematische Motto dieser viersätzigen Komposition. Traurig und wehmütig
lautet die Übersetzung und diese Stimmung überschattet das gesamte Werk. Jeder
der vier Sätze beginnt mit einem Mesto. Das erste, ein Vivace, wird von
der Bratsche vorgestellt und von einem Dreitonmotiv fortgesponnen. Ein
ständiges Schwanken zwischen Verzweiflung und Zuversicht begleitet diesen Satz,
der unerwartet versöhnlich ausklingt. Der zweite Satz, Marcia, wird vom Violoncello
eingeleitet und ist von düsterer Stimmung begleitet. Der Marsch ist
akzentuiert, mit scharfen Dissonanzen versehen und von wilden Glissandi
begleitet. Das Ganze ist schräg, ein sarkastischer Blick auf den militärischen
Gleichschritt dieser Zeit?
Der dritte
Satz, mit Burletta übertitelt, soll ein komisches Intermezzo darstellen.
Tatsächlich ist es ein Gnomentanz mit verschobenen, ungeraden Rhythmen und
wilden Akkordsalven. Im Mittelteil ein wenig folkloristisch versöhnlich, aber
mit tiefer Erschütterung, um dann in wilden Pizzikati und heftigen Tremoli wie
ein Jetzt-erst-Recht auszuklingen.
Der
Schlusssatz, molto tranquillo, ist ein Ausbund an tieftrauriger
Stimmung. Bartók lässt hier seinem Gemütszustand freie Bahn. Ein Abgesang, der
das Weltenende förmlich voraussieht. Eine emotionale Intensität, die tief unter
die Haut geht und von dem Quartett in großartiger Manier musikalisch
verwirklicht wurde.
Leicht
und humorvoll – gar nicht grüblerisch und schwermütig
Brahms B-Dur
Streichquartett zum Abschluss. So gar nicht grüblerisch und schwermütig, wie
ihm oft nachgesagt wird, sondern leicht, humorvoll und voller Gesang, ganz in
der klassischen Tradition von Haydn und Mozart. Keine „Zangengeburt“, wie
Brahms seine zumeist im Papierkorb landenden Versuche seiner Streichquartettkompositionen
nannte, sondern lediglich ein „Dabeistehn“ – wie auch immer. Aufgeführt wurde
dieses Quartett 1876 in Berlin vom Joachim-Quartett, und das mit großem Erfolg.
Bereits der
Kopfsatz, ein Vivace in bester Laune, changiert zwischen Sechsachtel-
und Zweiviertel-Takt und lässt einen friedlichen Wettkampf zwischen beiden
Rhythmen in einer turbulenten Coda enden. Viel badischer Lokalkolorit, wie auch
die Sommerfrische rund um Heidelberg sowie Brahms beste Stimmung (er steht vor
dem Abschluss seiner ersten c-Moll Sinfonie, ist in Wien ein angesehener und
erfolgreicher Komponist und Interpret und hat viele einflussreiche Freunde, wie
z. B. den Wiener Chirurgen Theodor Billroth, oder auch den Utrechter Arzt,
Ulrich Engelmann, dem er dieses Streichquartett widmet) kennzeichnen diese
Einleitung. Das Andante des zweiten Satzes ist purer Gesang,
sehnsuchtsvoll und verträumt. Unverkennbar hier der Tonfall Mendelssohns, aber
auch Bezüge zu seiner Ersten Sinfonie, vor allem im d-Moll Mittelteil, sind
herauszuhören. Der dritte Satz ist einmalig, ein Unikum. Nicht allein ersetzt hier
das Agitato das erwartete Scherzo, sondern die Bratsche übernimmt hier
das Zepter. Fröhlich und äußerst expressiv führt sie durch diesen Sonatensatz,
begleitet von den gedämpften Tönen der übrigen Instrumente. Brahms meinte dazu,
dieser Satz sei „das Verliebteste, Zärtlichste“, was er je geschrieben habe.
Und seinem Gönner und Widmungsträger Engelmann rät er, doch sein geliebtes
Cello zu lassen und sich der Bratsche zuzuwenden. Nun denn. Raphael Pagnon
streichelte sein Instrument wie eine Geliebte und ließ das Publikum in ganz individuellen
Träumen schwelgen.
Ganz im
Kontrast dazu das Finale. Ein Allegretto von burschikoser Art mit sich
entwickelnden Variationen, ausgehend von der Bratsche, fortgesetzt von der ersten
Geige, dem Cello, der Bratsche und dem Cello gemeinsam, sowie dem Tutti, um
dann zum Motiv des Kopfsatzes zurückzugreifen, quasi als Reminiszenz, um dem
Ganzen einen Schlussanstrich zu geben. Hier brillierte das Quartett in ausnehmender
Gesanglichkeit und tänzerischer Leichtigkeit.
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| Quatuor Agate, v.l.n.r.: Thomas Descamps, Simon lachemet, Adrien Jurkovic, Raphaël Pagnon (Foto: quatuor-agate-pressekits) |
Viel Gesanglichkeit
und tänzerische Leichtigkeit
Die Zugabe, nach
sehr freundlichem Beifall des gut besuchten Mozartsaals, sollte denn auch ihr
gesangliches Vermögen noch einmal unterstreichen. Ein Arrangement aus Robert
Schumanns Gesänge der Frühe op.133 für Klavier (1853). Schumann schrieb
diesen fünfteiligen Zyklus ein halbes Jahr vor seinem Selbstmordversuch sowie
als Reaktion auf Johannes Brahms, den er in der Zeitschrift für neue Musik
überschwänglich lobte. Das Quartett beschränkte sich auf die ersten 39 Takte,
die es mit großem getragenem Pathos vortrug, einem Choral ähnlich. Herrliche
Akkordfolgen von großer Melancholie beseelt.
Quatuor
Agate hat durchaus
das Zeug, in dem Dschungel der heranwachsenden hochprofessionellen
Streichquartette zu bestehen. Man wünscht ihnen auf ihrem Weg auf jeden Fall alles
Beste.



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