Freitag, 14. Oktober 2022

Quatuor Agate, Streichquartett, 1.Kammerkonzert 2022/2023 der Frankfurter Museumsgesellschaft e. V., Alte Oper Frankfurt, 13.10.2022

Quatuor Agate, v.l.n.r.: Simon lachemet, Raphaël Pagnon, Thomas Descamps, Adrien Jurkovic
(Foto: quatuor-agate-pressekits)

Ein aufstrebendes Streichquartett

Das erst 2016 gegründete französische Streichquartett könnte auf den ersten Blick mit dem bereits weltbekannten Streichquartett Quatuor Ébène verwechselt werden, was gar nicht so falsch ist, da dieses aufstrebende junge Team beim Letztgenannten studiert hat und sich auch weiterhin von ihm beraten lässt, was durchaus im musikalischen Gestus zu erkennen ist.

Vier junge Männer, noch keine dreißig, haben sich an der Berliner Hanns-Eisler-Hochschule zusammengefunden, um die Musikwelt zu erobern. Es sind Adrien Jurkovic, 1. Violine (eine Guarneri), Thomas Descamps, 2. Violine (eine Stradivari), Raphaël Pagnon, Viola (eine Ferdinando Alberti) und Simon lachemet, Violoncello, (eine Giacinto Santagiuliani).

Ihr Abendprogramm war so vielseitig wie anspruchsvoll. Zunächst, quasi als Einleitung, das C-Dur Streichquartett op. 20 Nr. 2 (1772) von Joseph Haydn (1732-1809). Es folgte von Béla Bartók (1881-1945) das sechste und letzte Streichquartett Sz 114 (1939/1941). Abgeschlossen wurde der ereignisreiche Abend mit Johannes Brahms´ (1833-1897) Streichquartett B-Dur op.67 (1875/1876).

 

Vom Divertimento zum musikalischen Dialog

Zunächst Haydns op.20/2. Aufgeregt waren die vier doch. Der Kopfsatz, Moderato, eigentlich ganz im Stil der frühklassischen Divertimenti, litt eine wenig unter der übertriebenen Gestik und der übermotivierten Dynamik der Vier. Der galante Dialog fand dennoch sehr bald seinen Weg und konnte im zweiten Satz, dem Adagio, seinen ersten Ausdruck finden. Die Komposition wechselt hier in ein Capriccio in c-Moll und lebt vom Opera-seria-Pathos mit Rezitativen und Arien. Herrlich hier das Arioso der ersten Geige sowie die dramatischen Passagen, die an Haydns Stabat Mater wie seiner Caecilien Messe erinnerten. Spätestens im dritten Satz, dem Menuett mit Trio hatten sich die Vier vollständig gefunden, ein Hirtenlied mit starker Hell-Dunkel-Kontrastierung und langen Borduntönen des Violoncellos wurden zu gesanglicher Poesie. Der Clou dieser Komposition liegt im Finale. Eine Quadrupel-Fuge mit vier verschiedenen Themen, raffiniert angelegt, kapriziös, atemberaubend und ausgesprochen witzig. Sie endet nach lang verharrendem Piano in einer jubelnden Fortissimo Stretta, die alle vier Themen wieder zusammenführt. Hier konnten die Vier ihre technischen und musikalischen Qualitäten erstmals voll unter Beweis stellen.

 

Quatuor Agate, v.l.n.r.: Adrien Jurkovic, Raphaël Pagnon, Thomas Descamps, Simon lachemet 
(Foto: quatuor-agate-pressekits)

Ein Mesto – Das Ende einer Epoche

Bartóks Streichquartett stand unter einem unglücklichen Stern. Der 2. Weltkrieg stand vor der Tür, Österreich war bereits von den Nazis besetzt, seine Musik stand auf dem Index der neuen Machthaber, seine Mutter starb im Dezember 1939: Für ihn stand die Entscheidung der Emigration zur Debatte. Seine Ausreise in die USA sollte zunächst lediglich seiner Neuorientierung dienen, aber krankheitsbedingt blieb er dort. Sein sechstes Streichquartett beendete er zwar bereits im November 1939 in Budapest, uraufgeführt aber wurde es im Januar 1941 in New York vom Kolisch-Quartett.

Mesto ist das thematische Motto dieser viersätzigen Komposition. Traurig und wehmütig lautet die Übersetzung und diese Stimmung überschattet das gesamte Werk. Jeder der vier Sätze beginnt mit einem Mesto. Das erste, ein Vivace, wird von der Bratsche vorgestellt und von einem Dreitonmotiv fortgesponnen. Ein ständiges Schwanken zwischen Verzweiflung und Zuversicht begleitet diesen Satz, der unerwartet versöhnlich ausklingt. Der zweite Satz, Marcia, wird vom Violoncello eingeleitet und ist von düsterer Stimmung begleitet. Der Marsch ist akzentuiert, mit scharfen Dissonanzen versehen und von wilden Glissandi begleitet. Das Ganze ist schräg, ein sarkastischer Blick auf den militärischen Gleichschritt dieser Zeit?

Der dritte Satz, mit Burletta übertitelt, soll ein komisches Intermezzo darstellen. Tatsächlich ist es ein Gnomentanz mit verschobenen, ungeraden Rhythmen und wilden Akkordsalven. Im Mittelteil ein wenig folkloristisch versöhnlich, aber mit tiefer Erschütterung, um dann in wilden Pizzikati und heftigen Tremoli wie ein Jetzt-erst-Recht auszuklingen.

Der Schlusssatz, molto tranquillo, ist ein Ausbund an tieftrauriger Stimmung. Bartók lässt hier seinem Gemütszustand freie Bahn. Ein Abgesang, der das Weltenende förmlich voraussieht. Eine emotionale Intensität, die tief unter die Haut geht und von dem Quartett in großartiger Manier musikalisch verwirklicht wurde.

 

Leicht und humorvoll – gar nicht grüblerisch und schwermütig

Brahms B-Dur Streichquartett zum Abschluss. So gar nicht grüblerisch und schwermütig, wie ihm oft nachgesagt wird, sondern leicht, humorvoll und voller Gesang, ganz in der klassischen Tradition von Haydn und Mozart. Keine „Zangengeburt“, wie Brahms seine zumeist im Papierkorb landenden Versuche seiner Streichquartettkompositionen nannte, sondern lediglich ein „Dabeistehn“ – wie auch immer. Aufgeführt wurde dieses Quartett 1876 in Berlin vom Joachim-Quartett, und das mit großem Erfolg.

Bereits der Kopfsatz, ein Vivace in bester Laune, changiert zwischen Sechsachtel- und Zweiviertel-Takt und lässt einen friedlichen Wettkampf zwischen beiden Rhythmen in einer turbulenten Coda enden. Viel badischer Lokalkolorit, wie auch die Sommerfrische rund um Heidelberg sowie Brahms beste Stimmung (er steht vor dem Abschluss seiner ersten c-Moll Sinfonie, ist in Wien ein angesehener und erfolgreicher Komponist und Interpret und hat viele einflussreiche Freunde, wie z. B. den Wiener Chirurgen Theodor Billroth, oder auch den Utrechter Arzt, Ulrich Engelmann, dem er dieses Streichquartett widmet) kennzeichnen diese Einleitung. Das Andante des zweiten Satzes ist purer Gesang, sehnsuchtsvoll und verträumt. Unverkennbar hier der Tonfall Mendelssohns, aber auch Bezüge zu seiner Ersten Sinfonie, vor allem im d-Moll Mittelteil, sind herauszuhören. Der dritte Satz ist einmalig, ein Unikum. Nicht allein ersetzt hier das Agitato das erwartete Scherzo, sondern die Bratsche übernimmt hier das Zepter. Fröhlich und äußerst expressiv führt sie durch diesen Sonatensatz, begleitet von den gedämpften Tönen der übrigen Instrumente. Brahms meinte dazu, dieser Satz sei „das Verliebteste, Zärtlichste“, was er je geschrieben habe. Und seinem Gönner und Widmungsträger Engelmann rät er, doch sein geliebtes Cello zu lassen und sich der Bratsche zuzuwenden. Nun denn. Raphael Pagnon streichelte sein Instrument wie eine Geliebte und ließ das Publikum in ganz individuellen Träumen schwelgen.

Ganz im Kontrast dazu das Finale. Ein Allegretto von burschikoser Art mit sich entwickelnden Variationen, ausgehend von der Bratsche, fortgesetzt von der ersten Geige, dem Cello, der Bratsche und dem Cello gemeinsam, sowie dem Tutti, um dann zum Motiv des Kopfsatzes zurückzugreifen, quasi als Reminiszenz, um dem Ganzen einen Schlussanstrich zu geben. Hier brillierte das Quartett in ausnehmender Gesanglichkeit und tänzerischer Leichtigkeit.

 

Quatuor Agate, v.l.n.r.: Thomas Descamps, Simon lachemet, Adrien Jurkovic, Raphaël Pagnon  
(Foto: quatuor-agate-pressekits)



Viel Gesanglichkeit und tänzerische Leichtigkeit

Die Zugabe, nach sehr freundlichem Beifall des gut besuchten Mozartsaals, sollte denn auch ihr gesangliches Vermögen noch einmal unterstreichen. Ein Arrangement aus Robert Schumanns Gesänge der Frühe op.133 für Klavier (1853). Schumann schrieb diesen fünfteiligen Zyklus ein halbes Jahr vor seinem Selbstmordversuch sowie als Reaktion auf Johannes Brahms, den er in der Zeitschrift für neue Musik überschwänglich lobte. Das Quartett beschränkte sich auf die ersten 39 Takte, die es mit großem getragenem Pathos vortrug, einem Choral ähnlich. Herrliche Akkordfolgen von großer Melancholie beseelt.

Quatuor Agate hat durchaus das Zeug, in dem Dschungel der heranwachsenden hochprofessionellen Streichquartette zu bestehen. Man wünscht ihnen auf ihrem Weg auf jeden Fall alles Beste.   


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen