Alexandre Kantorow (Klavier) und die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Thomas Hengelbrock, Alte Oper Frankfurt, 30.10.2022
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| Alexandre Kantorow in der Alten Oper Frankfurt (Foto: Wonge Bergmann) |
Ein
Auftakt nach Maß
Warum
Alexandre Kantorow, der Pianist des Abends, zuerst genannt ist? Die Antwort ist
einfach: Trotz hochkarätiger Besetzung
und angesagt als Konzertabend der Münchner Philharmoniker, war es der
junge Kantorow mit der Interpretation des Klavierkonzerts Nr. 1 fis-Moll
op.1 (1890, rev. 1917) von Sergej Rachmaninow (1873-1943), der einen tiefen
Eindruck hinterließ.
Aber eines
nach dem anderen. Auf dem Programm stand zunächst die Wagnersche Ouvertüre zu „Der
fliegende Holländer“ (1843/1860). Ein Auftakt nach Maß. Die gut einhundert Musikerinnen
und Musiker auf der Bühne setzten das Publikum stante pede in stürmische
Zustände.
Ein Orkan zieht über den Saal und reißt förmlich den Letzten aus seiner möglichen Lethargie. Diese einzigartige Ouvertüre enthält quasi die gesamte Motivik der Oper, das Holländer Motiv mit dem Quart-Quint Aufstieg, das Geistermotiv mit der verminderten Quinte, das herrlich gesangliche Erlösungsmotiv und nicht zuletzt das Liebesmotiv Sentas. Ein Einstieg eines bestens aufgelegten Orchesters mit einem überragenden Dirigenten, Thomas Hengelbrock, der in jeder Beziehung seine Größe bereits in den ersten Takten des Abends vollends unter Beweis stellte.
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| Alexandre Kantorow (Foto: amcmusic.com) |
Ein
Meister aller Nuancen
Dann der Auftritt
des erst 25-jährigen französischen Pianisten. Hemdsärmelig, schwarzes Outfit, wilde
Haare und ohne jegliche Allüren setzt er sich an den Flügel und geht gleich in
die Vollen. Rachmaninows Erstlingswerk, er war gerade einmal 17 Jahre als er
dieses Konzert komponierte und im Mai 1892, selbst am Klavier, im Rahmen eines
Studentenkonzerts uraufführte. Allerdings nur den ersten Satz. Bekanntlich hat
er es dann später noch einmal überarbeitet und 1917 in die endgültige Fassung
gebracht. Man ahnt hier schon die ungemeine pianistische Qualität des
Komponisten, der in allen Passagen die gesamten Register der Virtuosität zieht.
So auch Alexandre Kantorow.
Souverän mit ausgesprochener Leichtigkeit und sparsamer Pedalierung meistert er
die komplizierten Akkordketten mit Bravour und Eleganz. Die abschließende
Kadenz, erst 1917 zugefügt, gerät unter seinen Händen zu einem Gedicht in
stürmischen Zeiten. Extreme Kontraste zwischen drängenden Passagen und
elegischen romantischen Elementen wechseln sich ab und lassen mitunter an
Chopinsche Romanzen oder Lisztsche Etüden denken. Vor allem im Andante
des zweiten Satzes, in hellem D-Dur geschrieben, pendeln die Stimmungen
zwischen Schubert-Liedern und spannungsgeladener moderner Chromatik. Ruhe und
Aufbruch wechseln sich ab. Kantorow vermittelt hier große Ruhe und
Gelassenheit. Sein Anschlag ist vielfältig, seine Dynamik gestaltungsreich und
seine Klarheit im Ton bestechend.
Größtes
Einfühlungsvermögen und beherztes Austarieren
Das Allegro
vivace des dritten Satzes strotzt wiederum von höchster Virtuosität und
dramatischer Ausdruckskraft. Die Komposition wechselt von fis-Moll zu Fis-Dur
und lässt die Lebensfreude spüren, die doch vom melancholisch veranlagten Rachmaninow
selten zu hören ist. Kantorow jedenfalls vermittelt den Sturm und Drang eines
Aufmüpfigen in der Welt des fin de siècle, der Revolution, des Krieges
und der wirtschaftlichen Depression. Die Coda, ganz in der Manier von
Beethovens 4. Klavierkonzert, endet in heftigen Tremoli und gewaltiger
hymnischer Kraft, ein Ruf der Zuversicht. Kantorow ist ein weiterer Vertreter
einer neuen Pianisten Generation, die alles aber auch alles mitbringen:
unglaubliche Technik, überragende Dynamik, außergewöhnliche Musikalität und
nicht zuletzt die Fähigkeit und das Einfühlungsvermögen, mit einem Klangkörper
zu harmonieren. Alles das beherrscht Kantorow ausgezeichnet, wobei auch Thomas
Hengelbrock einen nicht unwesentlichen Beitrag geleistet hat. Er verstand
es, sein riesiges Orchester im Zaum zu halten und das Wechselspiel zwischen
Solo und Tutti beherzt auszutarieren.
Die Zugabe, das Finale aus: Der Feuervogel von Igor Strawinsky (in der Klavierbearbeitung von Guido Agosti), führte noch einmal zur Schnappatmung. Wie kann ein so junger Mensch Überirdisches auf die 88 Tasten des Flügels zaubern? Kantorow gehört zweifellos zur Entourage für die Anwartschaft auf den Parnass der göttlichen Musen.
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| Thomas Hengelbrock und Mitglieder der Münchner Philharmonie (Foto: Wonge Bergmann) |
Eine
schwere Geburt wird zum Fortschrittlichsten seiner Zeit
Nach dieser
Vorstellung war es ausgesprochen schwer, einen neuen Höhepunkt zu setzen. Es
sollte ausgerechnet die Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68 (1876/77) von
Johannes Brahms (1833-1897) sein. Eine schwere Geburt. Bereits 1862
beschäftigte sich Brahms mit ihr, verzweifelte vor allem an der Beethovenschen
Vorlage der Sinfonie Nr. 9, nach der es kaum noch gestattet schien, eine
weitere Sinfonie zu schreiben. Erst 1876 war er bereit, seine sinfonische Idee
zu verwirklichen, in einer Zeit, in der es Brahms gut ging. Sein Wiener Leben
gefiel ihm sehr und seine Erfolge wuchsen stetig an. Warum nicht das Wagnis einer
Sinfonie eingehen? Die Uraufführung fand zwar in Karlsruhe statt (Karlsruhe war
sozusagen seine zweite Heimat) und konnte zunächst nicht den erhofften Erfolg
verbuchen, wurde aber im Laufe der Zeit, trotz vieler Anteile an Beethovens Sinfoniekultur,
zum Fortschrittlichsten erkoren, was nach Beethoven komponiert wurde. Arnold
Schoenberg und Anton Webern lobten Brahms´ Werk als vorwärtsweisende
Komposition, weil er statt der gängigen Materialverarbeitung die Entwicklung
und Variierung des Materials bevorzugt habe. Sei´s drum.
Viele
eigene Ideen und Ausdrucksformen
Tatsächlich
enthält die gut 45-minütige, viersätzige Sinfonie eine Menge musikalische Hinweise
und Zitate, wie Instrumentierungs- und Formähnlichkeiten zu Beethoven, aber
nichtsdestotrotz strotzt das Werk vor eigenen Ideen und spezifischen Ausdrucksformen.
Allein der erste Satz, un poco Sostenuto, beginnt mit einem dramatischen
Forte und ständiger Begleitung pochender Paukenschläge. Dissonanzen und
chromatische Linien dominieren die ersten Takte und führen in ein Allegro
über, dessen Hauptthema verschachtelt und kaum bestimmbar ist. Erst die Reprise
schafft Klarheit und öffnet das thematische Motto von Halbtönen und Achteln. Die
angehängte Coda erinnert an das Eingangs-sostenuto und schließt
den Satz in hellem C-Dur ab.
Das folgende
Andante sostenuto ist in dreiteiliger Liedform (ABA´) gehalten und von
strahlendem E-Dur beseelt. Hier besticht Hengelbrock durch höchst
differenziertes und motivierendes Dirigat (Er hat zwar die Partitur vor sich
liegen, führt aber das Orchester ohne sie zu beachten). Der Mittelteil wird überwiegend
von der 1. Geige (die Konzertmeisterin mit wunderbar ausfeiltem Strich)
bestritten, die gemeinsam mit den Oboen gute Laune verbreitet. Ein sehr
gesanglich gestalteter Part, der größte Aufmerksamkeit und rhythmische
Genauigkeit verlangt.
Purer
Optimismus mit Pauken und Trompeten
Das Allegretto
e grazioso des dritten Satzes, ebenso in Liedform gestaltet, glänzte durch
wunderbare Melodien und Tonartenwechsel von As-Dur nach H-Dur, um dann in den
vierten Satz ins ursprüngliche c-Moll überzugehen. Die Form dieses Schlusssatzes
ist einzig. Sie beginnt im Adagio, setzt sich fort zum Piú Andante,
kommt zum Allegro non troppo in C-Dur mit herrlichem hymnusartigen
Hauptthema, an Schuberts 1. Sinfonie wie auch an Beethovens Neunte erinnernd, und
spitzt sich zu ins Piú Allegro, einer tief romantischen Coda, die
noch einmal alle motivischen Sprengel zu sammeln versucht. Hier wieder werden höchste
Anforderungen an die Kontrabässe, wie in Beethovens Fünfter, gestellt.
Dann ein Hornruf. Ein Choral setzt ein, der sich zu einem Hymnus aufschwingt, de aspera ad astra, vielfach als Bilder der Natur interpretiert. Hier aber wird es bei Hengelbrock sportlich. Er lässt die Musik los, lieber Chaos als Entropie. Statt philosophischer Endzeit oder religiöser Eschatologie purer Optimismus mit Pauken und Trompeten. Ein herrliches Ende mit einem bestens aufgelegten Orchester und einem sehr verbindlichen und aufgeräumten Dirigenten.
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| Alexandre Kantorow (Foto: mphil.de) |
Warum
Alexandre Kantorow an erster Stelle?
Man könnte
sagen, ohne Orchester ist alles nichts. Bezogen auf Alexandre Kantorow
mag das im ersten Moment zutreffen. Aber nehmen wir einmal an, das Orchester
hätte bei der Aufführung des Klavierkonzerts gefehlt. Es wäre zumindest
musikalisch kaum aufgefallen. Kantorows Spiel dominierte an diesem Abend einfach
alles. Allein deshalb habe ich ihn an den Anfang der Aufzählung gestellt, ohne
auch nur im Geringsten an der Qualität der Philharmoniker oder ihres Dirigenten zu zweifeln.
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