Montag, 31. Oktober 2022

Alexandre Kantorow (Klavier) und die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Thomas Hengelbrock, Alte Oper Frankfurt, 30.10.2022

Alexandre Kantorow in der Alten Oper Frankfurt (Foto: Wonge Bergmann)

Ein Auftakt nach Maß

Warum Alexandre Kantorow, der Pianist des Abends, zuerst genannt ist? Die Antwort ist einfach:  Trotz hochkarätiger Besetzung und angesagt als Konzertabend der Münchner Philharmoniker, war es der junge Kantorow mit der Interpretation des Klavierkonzerts Nr. 1 fis-Moll op.1 (1890, rev. 1917) von Sergej Rachmaninow (1873-1943), der einen tiefen Eindruck hinterließ.

Aber eines nach dem anderen. Auf dem Programm stand zunächst die Wagnersche Ouvertüre zu „Der fliegende Holländer“ (1843/1860). Ein Auftakt nach Maß. Die gut einhundert Musikerinnen und Musiker auf der Bühne setzten das Publikum stante pede in stürmische Zustände.

Ein Orkan zieht über den Saal und reißt förmlich den Letzten aus seiner möglichen Lethargie. Diese einzigartige Ouvertüre enthält quasi die gesamte Motivik der Oper, das Holländer Motiv mit dem Quart-Quint Aufstieg, das Geistermotiv mit der verminderten Quinte, das herrlich gesangliche Erlösungsmotiv und nicht zuletzt das Liebesmotiv Sentas. Ein Einstieg eines bestens aufgelegten Orchesters mit einem überragenden Dirigenten, Thomas Hengelbrock, der in jeder Beziehung seine Größe bereits in den ersten Takten des Abends vollends unter Beweis stellte.

Alexandre Kantorow (Foto: amcmusic.com)

Ein Meister aller Nuancen

Dann der Auftritt des erst 25-jährigen französischen Pianisten. Hemdsärmelig, schwarzes Outfit, wilde Haare und ohne jegliche Allüren setzt er sich an den Flügel und geht gleich in die Vollen. Rachmaninows Erstlingswerk, er war gerade einmal 17 Jahre als er dieses Konzert komponierte und im Mai 1892, selbst am Klavier, im Rahmen eines Studentenkonzerts uraufführte. Allerdings nur den ersten Satz. Bekanntlich hat er es dann später noch einmal überarbeitet und 1917 in die endgültige Fassung gebracht. Man ahnt hier schon die ungemeine pianistische Qualität des Komponisten, der in allen Passagen die gesamten Register der Virtuosität zieht.

So auch Alexandre Kantorow. Souverän mit ausgesprochener Leichtigkeit und sparsamer Pedalierung meistert er die komplizierten Akkordketten mit Bravour und Eleganz. Die abschließende Kadenz, erst 1917 zugefügt, gerät unter seinen Händen zu einem Gedicht in stürmischen Zeiten. Extreme Kontraste zwischen drängenden Passagen und elegischen romantischen Elementen wechseln sich ab und lassen mitunter an Chopinsche Romanzen oder Lisztsche Etüden denken. Vor allem im Andante des zweiten Satzes, in hellem D-Dur geschrieben, pendeln die Stimmungen zwischen Schubert-Liedern und spannungsgeladener moderner Chromatik. Ruhe und Aufbruch wechseln sich ab. Kantorow vermittelt hier große Ruhe und Gelassenheit. Sein Anschlag ist vielfältig, seine Dynamik gestaltungsreich und seine Klarheit im Ton bestechend.


Größtes Einfühlungsvermögen und beherztes Austarieren

Das Allegro vivace des dritten Satzes strotzt wiederum von höchster Virtuosität und dramatischer Ausdruckskraft. Die Komposition wechselt von fis-Moll zu Fis-Dur und lässt die Lebensfreude spüren, die doch vom melancholisch veranlagten Rachmaninow selten zu hören ist. Kantorow jedenfalls vermittelt den Sturm und Drang eines Aufmüpfigen in der Welt des fin de siècle, der Revolution, des Krieges und der wirtschaftlichen Depression. Die Coda, ganz in der Manier von Beethovens 4. Klavierkonzert, endet in heftigen Tremoli und gewaltiger hymnischer Kraft, ein Ruf der Zuversicht. Kantorow ist ein weiterer Vertreter einer neuen Pianisten Generation, die alles aber auch alles mitbringen: unglaubliche Technik, überragende Dynamik, außergewöhnliche Musikalität und nicht zuletzt die Fähigkeit und das Einfühlungsvermögen, mit einem Klangkörper zu harmonieren. Alles das beherrscht Kantorow ausgezeichnet, wobei auch Thomas Hengelbrock einen nicht unwesentlichen Beitrag geleistet hat. Er verstand es, sein riesiges Orchester im Zaum zu halten und das Wechselspiel zwischen Solo und Tutti beherzt auszutarieren.

Die Zugabe, das Finale aus: Der Feuervogel von Igor Strawinsky (in der Klavierbearbeitung von Guido Agosti), führte noch einmal zur Schnappatmung. Wie kann ein so junger Mensch Überirdisches auf die 88 Tasten des Flügels zaubern? Kantorow gehört zweifellos zur Entourage für die Anwartschaft auf den Parnass der göttlichen Musen.

Thomas Hengelbrock und Mitglieder der Münchner Philharmonie (Foto: Wonge Bergmann)

Eine schwere Geburt wird zum Fortschrittlichsten seiner Zeit

Nach dieser Vorstellung war es ausgesprochen schwer, einen neuen Höhepunkt zu setzen. Es sollte ausgerechnet die Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68 (1876/77) von Johannes Brahms (1833-1897) sein. Eine schwere Geburt. Bereits 1862 beschäftigte sich Brahms mit ihr, verzweifelte vor allem an der Beethovenschen Vorlage der Sinfonie Nr. 9, nach der es kaum noch gestattet schien, eine weitere Sinfonie zu schreiben. Erst 1876 war er bereit, seine sinfonische Idee zu verwirklichen, in einer Zeit, in der es Brahms gut ging. Sein Wiener Leben gefiel ihm sehr und seine Erfolge wuchsen stetig an. Warum nicht das Wagnis einer Sinfonie eingehen? Die Uraufführung fand zwar in Karlsruhe statt (Karlsruhe war sozusagen seine zweite Heimat) und konnte zunächst nicht den erhofften Erfolg verbuchen, wurde aber im Laufe der Zeit, trotz vieler Anteile an Beethovens Sinfoniekultur, zum Fortschrittlichsten erkoren, was nach Beethoven komponiert wurde. Arnold Schoenberg und Anton Webern lobten Brahms´ Werk als vorwärtsweisende Komposition, weil er statt der gängigen Materialverarbeitung die Entwicklung und Variierung des Materials bevorzugt habe. Sei´s drum.

 

Viele eigene Ideen und Ausdrucksformen

Tatsächlich enthält die gut 45-minütige, viersätzige Sinfonie eine Menge musikalische Hinweise und Zitate, wie Instrumentierungs- und Formähnlichkeiten zu Beethoven, aber nichtsdestotrotz strotzt das Werk vor eigenen Ideen und spezifischen Ausdrucksformen. Allein der erste Satz, un poco Sostenuto, beginnt mit einem dramatischen Forte und ständiger Begleitung pochender Paukenschläge. Dissonanzen und chromatische Linien dominieren die ersten Takte und führen in ein Allegro über, dessen Hauptthema verschachtelt und kaum bestimmbar ist. Erst die Reprise schafft Klarheit und öffnet das thematische Motto von Halbtönen und Achteln. Die angehängte Coda erinnert an das Eingangs-sostenuto und schließt den Satz in hellem C-Dur ab.

Das folgende Andante sostenuto ist in dreiteiliger Liedform (ABA´) gehalten und von strahlendem E-Dur beseelt. Hier besticht Hengelbrock durch höchst differenziertes und motivierendes Dirigat (Er hat zwar die Partitur vor sich liegen, führt aber das Orchester ohne sie zu beachten). Der Mittelteil wird überwiegend von der 1. Geige (die Konzertmeisterin mit wunderbar ausfeiltem Strich) bestritten, die gemeinsam mit den Oboen gute Laune verbreitet. Ein sehr gesanglich gestalteter Part, der größte Aufmerksamkeit und rhythmische Genauigkeit verlangt.

 

Purer Optimismus mit Pauken und Trompeten

Das Allegretto e grazioso des dritten Satzes, ebenso in Liedform gestaltet, glänzte durch wunderbare Melodien und Tonartenwechsel von As-Dur nach H-Dur, um dann in den vierten Satz ins ursprüngliche c-Moll überzugehen. Die Form dieses Schlusssatzes ist einzig. Sie beginnt im Adagio, setzt sich fort zum Piú Andante, kommt zum Allegro non troppo in C-Dur mit herrlichem hymnusartigen Hauptthema, an Schuberts 1. Sinfonie wie auch an Beethovens Neunte erinnernd, und spitzt sich zu ins Piú Allegro, einer tief romantischen Coda, die noch einmal alle motivischen Sprengel zu sammeln versucht. Hier wieder werden höchste Anforderungen an die Kontrabässe, wie in Beethovens Fünfter, gestellt.

Dann ein Hornruf. Ein Choral setzt ein, der sich zu einem Hymnus aufschwingt, de aspera ad astra, vielfach als Bilder der Natur interpretiert. Hier aber wird es bei Hengelbrock sportlich. Er lässt die Musik los, lieber Chaos als Entropie. Statt philosophischer Endzeit oder religiöser Eschatologie purer Optimismus mit Pauken und Trompeten. Ein herrliches Ende mit einem bestens aufgelegten Orchester und einem sehr verbindlichen und aufgeräumten Dirigenten.

Alexandre Kantorow (Foto: mphil.de)

Warum Alexandre Kantorow an erster Stelle?

Man könnte sagen, ohne Orchester ist alles nichts. Bezogen auf Alexandre Kantorow mag das im ersten Moment zutreffen. Aber nehmen wir einmal an, das Orchester hätte bei der Aufführung des Klavierkonzerts gefehlt. Es wäre zumindest musikalisch kaum aufgefallen. Kantorows Spiel dominierte an diesem Abend einfach alles. Allein deshalb habe ich ihn an den Anfang der Aufzählung gestellt, ohne auch nur im Geringsten an der Qualität der Philharmoniker oder ihres Dirigenten zu zweifeln.

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