Montag, 7. November 2022

Schwarz auf Weiß (1995/96) von Heiner Goebbels, Musiktheater für 18 Musiker mit Texten von Edgar Allan Poe, Maurice Blanchot und T. S. Elliot, Bockenheimer Depot Frankfurt, 06.11.2022

Schwarz auf Weiß mit dem Ensemble Modern (Foto: Wonge Bergmann)

Nichts von seiner Faszination eingebüßt

Es war exakt die 80. Auflage von Schwarz auf Weiß von Heiner Goebbels (*1952) und ausgerechnet an dem Ort, wo im März 1996 die Uraufführung dieses Musiktheaters mit großem Erfolg über die Bühne ging. Und fast dreißig Jahre danach hat dieses Werk rein gar nichts von seiner Faszination eingebüßt. Warum das? Heiner Goebbels kommt bekanntlich aus der Sponti Szene, die Frankfurt in den 1970 Jahren geprägt hat, und wurde bekannt durch seine aktive Teilnahme an den diversen Musikformationen aus dieser Zeit, wie dem Linksradikalen Blasorchester (1976-1981), dem Duo Goebbels/Harth (1976-1988) oder der Rock Band Cassiber (1982-1992). Er selbst spielt Saxophon und Keyboard und seine zahlreichen Kompositionen lassen diese Lockerheit, den Groove, den Rhythmus der Zeit, die Widerspenstigkeit gegen alles Herkömmliche, die improvisatorische Freiheit erkennen, was ihn vor allem in der zeitgenössischen, avantgardistischen Musik-Szene nicht immer beliebt machte, aber dafür umso beliebter und anerkannter außerhalb.

 

Der Antitypus unter den Komponisten

Heiner Goebbels ist quasi der Antitypus unter den Komponisten. Seine Werke, „zwischen Oper und Schauspiel angesiedelt“ (Goebbels O-Ton), enthalten alle Bereiche menschlicher Ausdruckskraft, machen keine Unterschiede zwischen Text und Körper, Licht, Bühne, Geräusche, Musik, Raum und Bewegung und lassen alle diese Dimensionen quasi gleichberechtigt nebeneinander existieren.

Das Musiktheater Schwarz auf Weiß ist ein solches Experimentierfeld. Es ist Ausdruck der Summe seiner musikalischen und persönlichen Erfahrung, besteht aus 24 Teilen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, die vom Laienniveau bis zum Spezialistenkönnen reichen. So müssen die 18 vorgesehenen Musiker auf bis zu sechs unterschiedlichen Instrumenten spielen, auch solche, die sie nicht beherrschen. Ebenfalls ist der Gesang, schauspielerisches Vermögen wie das Sprechen von Texten unbedingt gefordert.

Schwarz auf Weiß mit dem Ensemble Modern (Foto: Wonge Bergmann)

Tryouts – kreativer Reichtum

Welches Ensemble wäre da nicht besser geeignet als das Frankfurter Ensemble Modern, dass bereits seit vielen Jahren mit Goebbels zusammenarbeitet und eben Schwarz auf Weiß in enger Zusammenarbeit mit dem Komponisten realisiert hat. In mehreren Tryouts versuchten sich die Musiker in der Vorbereitung der Performance an diversen Instrumenten, ergänzten dabei das Instrumentarium mit einem Clavichord, einem Cymbalon, einem Didgeridoo, einer Koto sowie einer Koto-Maschine. Auch diverse Geräuschmaschinen und elektronische Sampler-Einspielungen durften nicht fehlen. Insgesamt eine Phase größten kreativen Reichtums, wie sich viele Ensemble Modern´ler erinnern.

Die ergänzenden Texte von T. S. Elliot aus: Wasteland (gelesen von William Forman, Trompeter) Edgar Allan Poe aus: Der Schatten (gelesen von Heiner Müller) und Maurice Blanchot aus: Der letzte Mensch (vorgetragen von Franck Ollu, Horn) sind düster und verweisen auf die Endlichkeit des Lebens. Der Tod des Dramatikers Heiner Müller am 30.12.1995 hat Goebbels, wie er selbst sagt, sehr getroffen und dazu veranlasst, posthum von Ihm die Schattenparabel über Tape vortragen zu lassen. Übrigens ein Highlight des Abends. (Nebenbei bemerkt ist ihm auch der Titel Schwarz auf Weiß erst nach dessen Tod eingefallen).

Schwarz auf Weiß mit dem Ensemble Modern (Foto: Wonge Bergmann)

Unspektakulär, ausgewogen, integrativ

Die Bühne im Bockenheimer Depot bestand aus 3 mal 11 Bänken, hintereinander aufgestellt, fünf nebeneinander aufgehängten Leinwänden im Hintergrund, mehreren torähnlichen Attrappen und rechts wie links gerahmt von den Perkussionsapparaturen und der Technik. Insgesamt unspektakulär, aber von Jean Kalman und seinem Team sehr geschickt in die Performance integriert. So waren die einzelnen Nummern immer klar gegliedert und ausgewogen mit Schatten-, Foto- und Lichteffekten verstärkt. Die Kostüme der Akteure (Jasmin Andreae) fielen schlicht aus und erinnerten ein wenig an das Vaudeville des französischen Straßentheaters.

Musikalisch wurden die Nummern durch den Rhythmus von Rock und Pop, lateinamerikanischem Jive oder auch Orléans-Blues zusammengehalten. Hier gehörten Rainer Römer am Schlagzeug, Matthias Stich am Saxophon, William Forman an der Trompete wie auch Paul Cannon an der E-Gitarre zu den wichtigsten Protagonisten der musikalischen Verklammerung. Großartig auch die Szenen, wo sämtliche 18 Musiker sich auf Blasinstrumenten versuchen, ein bisschen Beerdigungs-Jazz á la New Orleans und Bläserfestival in Lyon.

Schwarz auf Weiß Teezeremonie mit Dietmar Wiesner und Ensemble Modern
 (Foto: Wonge Bergmann)

Die Absicht liegt in der heiteren Vielfalt

In 80 Minuten passiert dermaßen viel, dass es kaum vollständig erfassbar ist. Aber das scheint Absicht und lässt viel Erinnerung zurück. Denken wir wenigstens an die „Teezeremonie“ mit Dietmar Wiesner an der Piccolo Flöte, an die Koto Maschine, akribisch von Rumi Ogawa (Schlagzeug, Cymbalon, Koto) aufgebaut, eine Bastelei mit der Kurbel einer Sirene und einem herunterhängenden Metallstab, die mystische Saitenarpeggios auf der Koto erzeugt, oder an die finale Textinterpretation von Heiner Müller (1929-1995), offensichtlich aus einer Sprechprobe von 22.09.1991 entnommen zusammen mit der Streicher Begleitung aller Instrumentalisten.

Ein Abschied aus dem Jenseits. Der Schatten spricht zu den von der Pest gebeutelten „im Tonfall vieler Tausender dahingegangener Freunde“, gruselig eigentlich, aber musikalisch charmant, mit hellem Flageolett, witzigen Pizzikati und heiterem Knacken durch die Geigenbögen untermalt. Eine gelungene Metapher zu den aktuell beschworenen apokalyptischen Reitern. Hier befindet sich Heiner Goebbels ganz noch im Milieu der Sponti-Bewegung: Selbst der tödliche Abschied wird mit Humor und Leichtigkeit getragen. Wie sagten doch die Spontis damals vor der Klimaapokalypse: „Freiheit für Grönland. Weg mit dem Packeis!“ Vielleicht eine gute Lebensauffassung in Zeiten wie diesen.    

 

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