Schwarz auf Weiß (1995/96) von Heiner Goebbels, Musiktheater für 18 Musiker mit Texten von Edgar Allan Poe, Maurice Blanchot und T. S. Elliot, Bockenheimer Depot Frankfurt, 06.11.2022
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| Schwarz auf Weiß mit dem Ensemble Modern (Foto: Wonge Bergmann) |
Nichts
von seiner Faszination eingebüßt
Es war exakt
die 80. Auflage von Schwarz auf Weiß von Heiner Goebbels (*1952) und
ausgerechnet an dem Ort, wo im März 1996 die Uraufführung dieses Musiktheaters
mit großem Erfolg über die Bühne ging. Und fast dreißig Jahre danach hat dieses
Werk rein gar nichts von seiner Faszination eingebüßt. Warum das? Heiner
Goebbels kommt bekanntlich aus der Sponti Szene, die Frankfurt in den 1970
Jahren geprägt hat, und wurde bekannt durch seine aktive Teilnahme an den
diversen Musikformationen aus dieser Zeit, wie dem Linksradikalen
Blasorchester (1976-1981), dem Duo Goebbels/Harth (1976-1988) oder
der Rock Band Cassiber (1982-1992). Er selbst spielt Saxophon und Keyboard
und seine zahlreichen Kompositionen lassen diese Lockerheit, den Groove, den
Rhythmus der Zeit, die Widerspenstigkeit gegen alles Herkömmliche, die
improvisatorische Freiheit erkennen, was ihn vor allem in der zeitgenössischen,
avantgardistischen Musik-Szene nicht immer beliebt machte, aber dafür umso
beliebter und anerkannter außerhalb.
Der
Antitypus unter den Komponisten
Heiner
Goebbels ist quasi der Antitypus unter den Komponisten. Seine Werke, „zwischen
Oper und Schauspiel angesiedelt“ (Goebbels O-Ton), enthalten alle Bereiche menschlicher
Ausdruckskraft, machen keine Unterschiede zwischen Text und Körper, Licht,
Bühne, Geräusche, Musik, Raum und Bewegung und lassen alle diese Dimensionen
quasi gleichberechtigt nebeneinander existieren.
Das Musiktheater Schwarz auf Weiß ist ein solches Experimentierfeld. Es ist Ausdruck der Summe seiner musikalischen und persönlichen Erfahrung, besteht aus 24 Teilen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, die vom Laienniveau bis zum Spezialistenkönnen reichen. So müssen die 18 vorgesehenen Musiker auf bis zu sechs unterschiedlichen Instrumenten spielen, auch solche, die sie nicht beherrschen. Ebenfalls ist der Gesang, schauspielerisches Vermögen wie das Sprechen von Texten unbedingt gefordert.
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| Schwarz auf Weiß mit dem Ensemble Modern (Foto: Wonge Bergmann) |
Tryouts –
kreativer Reichtum
Welches
Ensemble wäre da nicht besser geeignet als das Frankfurter Ensemble Modern,
dass bereits seit vielen Jahren mit Goebbels zusammenarbeitet und eben Schwarz
auf Weiß in enger Zusammenarbeit mit dem Komponisten realisiert hat. In
mehreren Tryouts versuchten sich die Musiker in der Vorbereitung der
Performance an diversen Instrumenten, ergänzten dabei das Instrumentarium mit
einem Clavichord, einem Cymbalon, einem Didgeridoo, einer Koto sowie einer
Koto-Maschine. Auch diverse Geräuschmaschinen und elektronische Sampler-Einspielungen
durften nicht fehlen. Insgesamt eine Phase größten kreativen Reichtums, wie
sich viele Ensemble Modern´ler erinnern.
Die ergänzenden Texte von T. S. Elliot aus: Wasteland (gelesen von William Forman, Trompeter) Edgar Allan Poe aus: Der Schatten (gelesen von Heiner Müller) und Maurice Blanchot aus: Der letzte Mensch (vorgetragen von Franck Ollu, Horn) sind düster und verweisen auf die Endlichkeit des Lebens. Der Tod des Dramatikers Heiner Müller am 30.12.1995 hat Goebbels, wie er selbst sagt, sehr getroffen und dazu veranlasst, posthum von Ihm die Schattenparabel über Tape vortragen zu lassen. Übrigens ein Highlight des Abends. (Nebenbei bemerkt ist ihm auch der Titel Schwarz auf Weiß erst nach dessen Tod eingefallen).
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| Schwarz auf Weiß mit dem Ensemble Modern (Foto: Wonge Bergmann) |
Unspektakulär,
ausgewogen, integrativ
Die Bühne im
Bockenheimer Depot bestand aus 3 mal 11 Bänken, hintereinander aufgestellt, fünf
nebeneinander aufgehängten Leinwänden im Hintergrund, mehreren torähnlichen
Attrappen und rechts wie links gerahmt von den Perkussionsapparaturen und der Technik.
Insgesamt unspektakulär, aber von Jean Kalman und seinem Team sehr
geschickt in die Performance integriert. So waren die einzelnen Nummern immer
klar gegliedert und ausgewogen mit Schatten-, Foto- und Lichteffekten verstärkt.
Die Kostüme der Akteure (Jasmin Andreae) fielen schlicht aus und
erinnerten ein wenig an das Vaudeville des französischen Straßentheaters.
Musikalisch wurden die Nummern durch den Rhythmus von Rock und Pop, lateinamerikanischem Jive oder auch Orléans-Blues zusammengehalten. Hier gehörten Rainer Römer am Schlagzeug, Matthias Stich am Saxophon, William Forman an der Trompete wie auch Paul Cannon an der E-Gitarre zu den wichtigsten Protagonisten der musikalischen Verklammerung. Großartig auch die Szenen, wo sämtliche 18 Musiker sich auf Blasinstrumenten versuchen, ein bisschen Beerdigungs-Jazz á la New Orleans und Bläserfestival in Lyon.
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| Schwarz auf Weiß Teezeremonie mit Dietmar Wiesner und Ensemble Modern (Foto: Wonge Bergmann) |
Die
Absicht liegt in der heiteren Vielfalt
In 80
Minuten passiert dermaßen viel, dass es kaum vollständig erfassbar ist. Aber
das scheint Absicht und lässt viel Erinnerung zurück. Denken wir wenigstens an die „Teezeremonie“
mit Dietmar Wiesner an der Piccolo Flöte, an die Koto Maschine, akribisch
von Rumi Ogawa (Schlagzeug, Cymbalon, Koto) aufgebaut, eine Bastelei mit
der Kurbel einer Sirene und einem herunterhängenden Metallstab, die mystische Saitenarpeggios
auf der Koto erzeugt, oder an die finale Textinterpretation von Heiner Müller (1929-1995),
offensichtlich aus einer Sprechprobe von 22.09.1991 entnommen zusammen mit der Streicher
Begleitung aller Instrumentalisten.
Ein Abschied
aus dem Jenseits. Der Schatten spricht zu den von der Pest gebeutelten „im
Tonfall vieler Tausender dahingegangener Freunde“, gruselig eigentlich, aber musikalisch
charmant, mit hellem Flageolett, witzigen Pizzikati und heiterem Knacken durch
die Geigenbögen untermalt. Eine gelungene Metapher zu den aktuell beschworenen apokalyptischen
Reitern. Hier befindet sich Heiner Goebbels ganz noch im Milieu der Sponti-Bewegung:
Selbst der tödliche Abschied wird mit Humor und Leichtigkeit getragen. Wie
sagten doch die Spontis damals vor der Klimaapokalypse: „Freiheit für Grönland.
Weg mit dem Packeis!“ Vielleicht eine gute Lebensauffassung in Zeiten wie
diesen.




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