V/ertigo, Choreographien von Damien Jalet und Imre & Marne von Opstal, Premiere am Staatstheater Wiesbaden und Eröffnungsvorstellung des Tanzfestivals Rhein Main 2022, 28.10.2022

Skid-Ensemble (Foto: Andreas J. Etter)
Ein Sisyphos-Mythos?
Ein
Doppelabend mit „Extremsituationen eines ungewissen Lebens“, ein Sisyphos-Mythos
des endlosen Aufstiegs und Falls, ein „Warteraum“ zwischen Geburt und Tod; kurz: Ein Tanzevent ganz in der Zeit von Pandemie-, Kriegs, und Klimaapokalypse. Ein tänzerischer
Leckerbissen vor dunklem Hintergrund. Aber einer, mit großer Wirkkraft und
beeindruckendem Tiefgang.
Gleich zu
Beginn Skid, eine choreographische Perfomance von Damien Jalet
(kein Unbekannter im Rhein-Main Kulturbetrieb), der die Gesetze der Schwerkraft,
die Gefahr des Absturzes in unbekanntes Terrain, allgemein die kosmischen Gravitationsgesetze
auf die Probe stellt, und seine 12 Tänzerinnen und Tänzer eine 34 Grad geneigte
weiße Tanzfläche bespielen lässt (Bühne: Jim Hodges und Carlos Marques
da Cruz. Sie hatten diese geniale Idee, die bestens realisiert wurde).
Ein
gefährliches Unterfangen
Ein gefährliches
Unterfangen, das jederzeit in den unkontrollierten Absturz führen kann. Was
zunächst vor dunklen, elektronisch gesampelten clicks and cuts-Klängen
in meditativen Gleitbewegungen eingeleitet wird, entwickelt sich alsbald zu schnellen,
sturzähnlichen Situationen mit Kettenbildungen, Clustern, Propellerstürzen und
synchronen Bewegungsmustern. Dazu herrliche Schattenbilder, die die Bewegungen zu
flüchtigen Schattenbildern, Sekunden dauernden Kalligrafien verwandelten
(großes Lob an dieser Stelle an Joakim Brink, der fürs Licht
verantwortlich zeichnete).
Halt an der steilen Wand gibt es kaum, wird dennoch versucht, bleibt aber fragil, kann kaum länger gehalten werden. Jalet selbst meint zu seiner Idee, sie stamme aus dem japanischen Onbashira (deutsch: heilige Holzsäulen), einem religiösen Ritual, wonach sich alle sechs Jahre Männer auf tonnenschweren Holzstämmen einen Hügel hinabstürzen zum Zwecke der Erneuerung des Shinto Schreins. Eine tausendjährige Tradition mit Eventcharakter heißt es, aber auch höchst gefährlich. Bekanntlich liebt Jalet das Außergewöhnliche, hat er doch 2019 im Staatstheater Darmstadt zum Auftakt des Tanzfestivals Rhein-Main 2019 die mexikanische Tanzformation CEPRODAC in einer Satellitenschüssel tanzen lassen, ein Genesis-Spektakel der Sonderklasse.

Skid-Ensemble (Foto: Andreas J. Etter)
Ein Kampf
gegen die Schwerkraft - ein Kampf gegen die Imagination
Jetzt also
die bedrohliche Schräge, die keine Fehler zulässt und unweigerlich Bezüge zu Aufstieg
und Fall der Stadt Mahagonny von Brecht /Weill zulässt. Es ist der Kampf
gegen die Schwerkraft, wie einer gegen Sodom und Gomorra. Vor allem im zweiten
Teil der Performance wird es martialisch. Alle vierzehn Tänzerinnen und Tänzer
erscheinen ähnlich einer römischen Phalanx, in uniformiertem Dress, kämpfen
gegen einen imaginären Feind. Es ist die Schwerkraft. Die Musik wechselt ihren
Charakter, sie wird pochend, marschmäßig, laut. Es sind Mahler-Remixed
1, 2, 3, 4 (2016) Elemente von Christian Fennesz (*1962) sowie
Drones, flächige Toncluster, von Marihiko Hara (*1983), die vor allem im
Schlussteil der Performance hervortreten. Jalet spricht zu Recht von einer musikalischen
Hintergrundschleife, die Fennesz´ und Haras Kompositionen zusammenführt.
Es ist ein
mitreißender Existenzkampf, der sich auf der Schräge abspielt. Ein Drücken,
Ziehen und Halten, ein Formieren in Kleingruppen, in Angriffs- und Abwehrpositionen,
Akrobatik gepaart mit Ästhetik und purer Körperlichkeit.
Die Transformation
zum Menschen
Plötzlich
verschwinden alle und übrig bleibt ein Kokon. Er hängt mitten auf der Schräge. Stille.
Dann eine etwa unheimliche, schauerliche Geräuschkulisse, typisch für Haras Musik,
und das gleichzeitige Herausschälen einer nackten Person aus dem Kokon. Eine Metamorphose
oder besser eine Transformation zum Menschsein. Die Tänzerin tastet sich
unsicher, abtastend nach oben, erreicht die Wandhöhe und stellt sich mit dem
Rücken zum Publikum in aufrechter Größe auf die schmale Kante. Der Weg zum
aufrechten Gang? Zum wirklichen Menschsein? Er ist ein langer und beschwerlicher, und immer wieder
wird der Homo sapiens daran erinnert - erinnert werden müssen.
Jalet möchte
die Zerbrechlichkeit des Menschen aufzeigen. Skid steht für die Metapher eines
Berges, dessen Besteigung gelingen aber auch misslingen kann. Sisyphos muss bekanntlich
als Strafe der Götter ewig einen Stein auf den Berg rollen, der ihm immer
wieder entgleitet und zu Tal stürzt. Per aspera ad astra ist mit vielen
Gefahren verknüpft. Gehen wir sorgsam mit uns und der Natur um. Großer Beifallssturm
für eine sehr gelungene Performance.

»I’m afraid to forget your smile«, Daniel Myers, Rita Winder
Foto: Andreas J. Etter
Vergiss
das Lachen nicht
Konnte der
zweite Teil des Abends den ersten überhaupt noch toppen? Die Antwort lautet, ja.
I´m afraid to forget your smile steht für das Erinnern, für das
vergangene gemeinsame Glück. Aber auch die Angst vor Vergessen steckt darin. Imre
& Marne van Opstal sind ein junges holländisches Geschwisterpaar, ehemals Tänzer
und seit 2020 ausschließlich auf die Choreographie fokussiert. Ihre
Tanzperformance besteht aus 16 Sängerinnen und Sängern (hier eine Auswahl
verschiedener Chöre aus Wiesbaden) und sechs Tänzerinnen und Tänzern. Das
Geschwisterpaar hat diese Choreographie eigenen Aussagen zufolge im
Zusammenwirken von Pandemie und erlebten Sterbeprozessen in der Familie
entwickelt und thematisch Miniaturen eines erinnerten Lebens zusammengestellt. Dazu
entstand die Idee, einen Chor einzubauen und den verwundbaren Zustand des
Menschen, den Schmerz und das Weinen in tänzerische Bewegungen zu transformieren.
Kontrast
zwischen Spiritualität und Unruhe
Musikalisch
entschieden sie sich für zeitgenössische Komponisten wie Ola Gjeilo
(*1978) mit The Spheres (2014), Jóhann Jóhannsson (*1969) mit Odi
et Amo (2011), David Lang (*1957) mit I Lie (2012), Arvo
Pärt (*1935) mit Pacem Domine (2004) und einigen anderen Komponisten.
Ein Mix aus Choral, Psalmodie, Passionsmusik und Gregorianik. Ein „Oldschool-Feeling“, aber dafür ein erheblicher emotionaler Kontrast
zur Choreographie. Während die Musik große Spiritualität und Ruhe ausstrahlt,
bewegen sich die Akteure quasi im Gegenrhythmus, in heftigen Reibungen zu ihr.
Ihre Bewegungen sind hektisch, sie klopfen mit allen Gliedmaßen gegen den Boden,
sie strahlen Unruhe aus. Das gleißende Licht eines großen Rechtsecks im
Hintergrund der Bühne, lässt sie wie seelenlose Roboter erscheinen, während der
Chor in schwarzem Outfit im Dunkeln bleibt. (Bühne und Licht: Thomas Visser)
Dann Schnitt
und eine lange Pause. Die Tänzer treten solistisch in Erscheinung. Ihre Nummern
stehen weiterhin im Kontrast zum sphärischen Gesang. Allerdings demonstrieren
sie ihren verwundbaren Zustand in beeindruckender Weise. Mal in Yoga ähnlichen
Verdrehungen, mal in akrobatischen gymnastischen Übungen, aber auch mit
existentieller Hingabe. Große Leistung eines jeden Einzelnen. Dann abermals ein Cut.

»I’m afraid to forget your smile«, Ramon John, Francesc Nello Deakin, Sayaka Kado, Rita Winder, Daniel Myers, Masayoshi Katori, im Hintergrund: Chormitglieder
(Foto: Andreas J. Etter)
Das „Familienportrait“
Es folgt ein
so genanntes „Familienportrait“. Die Tanzformationen wandeln sich zu Bildern,
zu Renaissance-Skulpturen. Die Zeit wird angehalten, Gesang und Tanz werden zu
einer Einheit, der Raum wandelt sich zum „Wartesaal des Fegefeuers“. Das Licht
lässt den Chor sichtbar werden, die menschlichen Installationen gleißen in
hellem Weiß, wie die Marmorskulpturen eines Michelangelo. Dazu das Pacem
Domine von Arvo Pärt. Ein Erlebnis der besonderen Art. Das Finale geht
zurück zum Anfang. Die Passion kommt zum Höhepunkt. Gott wird angerufen und das
Kyrie Eleison, Gott erbarme dich unser, lässt alle sechs Tänzerinnen und
Tänzer nach anfänglicher Aufgeregtheit zur Ruhe kommen. Im Schlussbild schauen
sie ins gleißende Rechteck, der Chor verschwindet im Dunkel des Nichts.
Eine
Tanzpassion par excellence
Großartige
Tanzpassion, sowohl musikalisch (der Chor sang prächtig mit klaren Sopranen und
durchsichtigen Stimmlagen) als auch tänzerisch. Kommen wir zur Absicht des
Geschwisterpaares zurück. Im Bewusstsein des Leids und der Trauer ist ihnen der
Aspekt des Lächelns sehr wichtig. Denn nur darin liegt, ihrer Auffassung nach, die
Zuversicht, die Liebe und die Hoffnung. Ein tiefes christliches Bedürfnis.
Ein großer
Tanzabend, eine wunderbare Premiere für das diesjährige Tanzfestival Rhein
Main. Vertigo, übersetzt mit Schwindel oder Gleichgewichtsstörung,
beschreibt perfekt den gegenwärtigen Zustand der westlichen Gesellschaften.
Lassen wir uns von den Tänzerinnen und Tänzern inspirieren, die trotz aller Widrigkeiten
immer wieder festen Boden fassen konnten. Das Publikum tobte vor Begeisterung.
Wenn das nicht mal Zuversicht für mehr macht.
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