Montag, 17. Oktober 2022

 

Fidelio, Oper in zwei Akten von Ludwig van Beethoven, endgültige Fassung von 1814, Premiere im Wiesbadener Staatstheater, 16.10.2022

Barbara Haveman (Leonore/Fidelio), Marco Jentsch (Florestan)
Foto: Lena Obst

Eine schwere Geburt

Fidelio hatte es bekanntlich schwer, zu der weltbekannten und erfolgreichen Oper zu werden, die sie bis heute geblieben ist. Sie brauchte allein zwölf Jahre Arbeit mit drei Fassungen, vier Vorspielen (Leonorenouvertüren), tausende von Skizzen und 16 Gesangsnummern. Erst die vierte Version erlebte im Wiener Kärntnertortheater am 23. Mai 1814 ihre triumphale Uraufführung und geht seitdem über alle namhaften Bühnen der Welt.

 

Anklage gegen staatliche Willkür, Ungerechtigkeit und Lüge

Was aber ist das Besondere an diesem Opernsujet? Fidelio zählt zunächst einmal zur Gattung der Rettungsoper, eine Folgeerscheinung der Französischen Revolution mit ihren Forderungen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Handlung geht auf eine Geschichte des französischen Dramatikers Jean Nicolas Bouilly (1763-1842) zurück, dessen Theaterstück Leonore oder die eheliche Liebe (1798) wahrscheinlich auf eine wahre Begebenheit zurückgeht. Danach befreit eine, als Mann verkleidete Frau ihren Ehegatten aus der ungerechtfertigten Haft in einem spanischen Staatsgefängnis zur Zeit Carlos III (1759-1788), indem sie sich dem Mörder mutig entgegenstellt.

Tatsächlich aber ist diese Geschichte eine Anklage gegen staatliche Willkür, Ungerechtigkeit und Lüge und zielt über die Figur der heldenhaften Leonore, in der Verkleidung des Fidelio (übersetzt: der Treue) auf die Grundidee der Befreiung von jeglicher Unterdrückung ab, oder in den Worten von Karl Marx zu sprechen: Auf die Umwerfung aller Verhältnisse, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“

Anastasiva Taratorkina (Marzelline), Barbara Haveman (Leonore/Fidelio), Foto: Lena Obst 

Perfider Ernst neben Opera buffa

Das Panopticon, eine perfide Architektur, die alle Gefängnisinsassen mit einem Blick erfasst und keine Privatheit zulässt, dominiert das Bühnenbild des ersten Aktes. Davor schlichte Stühle, ein kleiner Baum und eine Liege. Eine geniale Idee, die das doch eher singspielhafte Geschehen immer vor der ernsten Kulisse stattfinden lässt. Denn zunächst geht es lediglich um Herzschmerz, lockere Stimmungen und wunderbare Rezitativarien mit eingebauten gesprochenen Szenen, ganz wie die Opera buffa in dieser Zeit gestrickt war.

Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Anastasiva Taratorkina (Marzelline)
Foto: Lena Obst

Vom Singspiel zum Musikdrama

Erste Höhepunkte und dramatische Wechsel bilden das Quartett der inneren Befindlichkeiten, ein variativer Kanon, in dem Rocco, der Gefängniswärter (Dimitry Ivashchenko, Bassbariton), Marzelline, seine Tochter (Anastasiva Taratorkina, Sopran), Jaquino, Gefängnisgehilfe und verliebt in Marzelline (Ralf Rachbauer, Tenor) und Fidelio (Barbara Haveman, Sopran) ihren Gedanken anhängen. Großartig gesungen von allen Vieren. Beethoven zeigt hier, dass er die melodische Vielfalt Mozarts sich zu eigen macht und zur romantischen Innerlichkeit weiterentwickelt. Szene für Szene wechselt das Singspiel zum Musikdrama. Hervorzuheben hier die äußerst anspruchsvolle Arie Fidelios „Abscheulicher, wo eilst du hin“, nachdem „er“ das Zwiegespräch zwischen Rocco und Pizarro (Claudio Otelli, sehr heller Bariton) mitgehört und vom Mord an Florestan, ihrem inhaftierten Ehemann (Marco Jentsch, Tenor), erfahren hat. Eine brillant gesungene „Leonorenarie“ von höchster Dramatik, lyrischer Feinheit und heroischer Entschlusskraft. Bemerkenswert die differenzierte musikalische Begleitung, überwiegend von den Blechbläsern, Hörnern sowie dem Kontrafagott gestaltet. Spätestens jetzt wird die Oper ein Beethovensches Unikat und verleiht der Handlung ein fast schon Wagnersches Flair. Obwohl dieser gerade erst geboren wurde, 1813, hat er später diese Oper zum Vorbild seiner eigenen Opernproduktionen genommen und Beethoven zum Vater des Musikdramas erklärt.

 

Beethovens psychologische Einfühlungskraft

Den Abschluss des 1. Aktes gestaltet der Gefangenchor (Albert Horne), gepaart mit dem Sänger-Quintett. Fast schüchtern und ängstlich treten die Gefangenen ins Licht (Andreas Frank hat hier die Wechsel von Licht und Dunkel fein austariert), singen zunächst leise und zaghaft, um dann ihre Stimmen mit wachsender Freude hymnisch anschwellen zu lassen. Ein ergreifender Augenblick, den Beethoven mit psychologischer Einfühlungskraft musikalisch umzusetzen versteht und vom Chor wie den Sängern bis zum Einschreiten Pizarros (er schickt wütend alle wieder in ihre Kerkerzellen; das Licht wechselt wieder zum Dunkel) hervorragend interpretiert wird.

Barbara Haveman (Fidelio/Leonore) Foto: Lena Obst

„Oh grauenvolle Stille“

Das Bühnenbild des zweiten Aktes besteht aus düsteren Katakomben, ein Höhlengrab mit einem Käfig, in dem Florestan angekettet ist. Die einleitende Musik besteht hauptsächlich aus Sept- und Dominant-Septnon-Akkorden und untermalt die ausweglose Lage des Gefangenen. „Oh grauenvolle Stille; Nichts lebt außer mir“, singt er gebrochen. Er träumt von Eleonore, die ihn, einem Engel gleich ins Reich der Freiheit führen möge. Dann bricht er zusammen. Eine ergreifende Arie zwischen Verzweiflung, Hoffnung und Zuversicht. Marco Jentsch, in seinem Kostüm kaum zu erkennen (sein Äußeres erinnert frappierend an die Figur des Florestan bei der ersten Nachkriegsaufführung 1945 in der Deutschen Oper mit Günther Treptow und Karina Kutz, die ebenfalls viel äußere Gemeinsamkeit mit Barbara Haveman aufweist), präsentierte sich in allen Belangen als Meister seines Fachs, gesanglich mit großem Impetus und situationsangepasster Stimmlage, sowie schauspielerisch zwischen Erschöpfung und Lebenswillen. Ein gesanglicher wie musikalischer Leckerbissen und das Beste an diesem Abend ohne Frage.

 

Viel Schema und Klischee

Etwas schematisch und ein wenig klischeehaft dann die Mordszene und das bedingungslose Dazwischengehen Fidelios alias Eleonores beim Versuch Pizarros, Florestan zu erstechen. Dramatisch mit bester Musik untermalt (dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden und Will Humburg sei Dank) konnten weder der übermotovierte Pizarro alias Claudio Otelli (seine Stimme war viel zu hell und durchsichtig, dabei fehlte es auch an Stimmumfang und klarer Artikulation), noch Fidelio, alias Barbara Haveman, überzeugend darstellen. Barbara Havemans dramatischer Gesang erdrückte im wahrsten Sinne den körperlich starken Otelli (man hörte ihn kaum) und ihre unbedingte Liebe zu ihrem Gatten hielt sich darüber hinaus in Grenzen. Gewollt oder ungewollt? Immerhin wahrte sie überwiegend gehörigen Abstand zu Florestan und von inniger Anteilnahme konnte kaum gesprochen werden. Sicher demonstrieren beide im Eingangsvideo zur Ouvertüre romantische Liebe in freier Natur, aber das kommt in dieser Schlussszene kaum rüber.

Claudio Otelli (Pizarro), Marco Jentsch (Florestan), Foto: Lena Obst


Ein diskussionswürdiges Zitat

Der Vorhang fällt und ein Zitat von Papst Franziskus ist zu lesen: „Wir dürfen nicht vergessen, dass die Idealisierung eines Menschen stets auch eine unterschwellige Art von Aggression ist. Wenn ich idealisiert werde, fühle ich mich angegriffen.“

Die Frage stellt sich, warum gerade dieses Zitat? Wer soll hier idealisiert werden? Fidelio? Florestan? Don Fernando, der erst im Finale seinen Auftritt hat? Die Frage, ob in einer Figur wie Fidelio überhaupt ein wirklicher Mensch stecke, wie im Programm zu lesen ist, entspricht wohl kaum dem Ansinnen Beethovens. Spricht er doch selbst als Anhänger Immanuel Kants und als mündiger Bürger Wiens: „Wohlthun, wo man kann, Freiheit über alles lieben, Wahrheit, nie, auch sogar am Throne nicht verleugnen.“ Ganz im Sinne der Aufklärung, die gerade heute wieder auf der Tagesordnung steht. Wäre es da nicht angebrachter gewesen, Hannah Arendt zu zitieren („Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.“), oder Immanuel Kants Definition der Aufklärung als das Verlassen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit? Sei´s drum. Florestan ist politischer Gefangener und sitzt im Kerker, weil er schonungslos auf der Wahrheit bestanden hat und dafür sterben soll. Warum nicht die politischen Gefangenen des freien Westens wie Julien Assange oder Edward Snowden nennen, oder die Zensur freier Meinungen im demokratischen Westen, die fröhliche Urständ selbst im besten Deutschland, das es jemals gab (Steinmeier), feiert?  


Die vorweggenommene Ode an die Freiheit

Das Finale gehörte wirklich zum Höhepunkt dieses Abends. Der gemischte Chor unter Albert Horne lief zur Höchstform auf, sang sich förmlich triumphal in den Rausch der Freiheit. Don Fernando (Christopher Bolduc, Tenor), ein Minister des vermeintlichen Unrechtsstaats, erscheint als Deus ex Machina, befreit alle Gefangenen, geißelt die Knechtschaft und übergibt demonstrativ Fidelio, jetzt Eleonore, die Kettenschlüssel, um ihren geliebten Gatten davon zu befreien. Pizarro erhält seine gerechte Strafe und alle wiederholen mit Nachdruck die Botschaft der Freiheit. Das Publikum jubelt, obwohl kaum ein Wort zu verstehen war, aber die Mission durch die Musik und den Gesangsduktus in eindeutiger Form überbracht wurde. Ein Vorweggriff auf die erst zehn Jahre später fertiggestellte Neunte, deren Schillersche Ode an die Freiheit sogar zur Hymne der EU geworden ist, wenn sie auch alles andere als ein freiheitliches System verkörpert.

v. l.: Anastasiva Taratorkina, Barbara Haveman, Christopher Bolduc (Don Fernando),
Marco Jentsch, Chor und Extrachor des Hess. Staatstheaters Wiesbaden (Foto: Lena Obst)

Viele Fragen, viele Anregungen 

Eine wirkliche sehens- und hörenswerte Oper haben die Verantwortlichen des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden wieder einmal hingezaubert. Vielleicht wäre es angebracht, die Textvielfalt durch Anzeigen doch sicht- und lesbar zu machen, da abgesehen von Marco Jentsch (Florestan), Dimitry Ivashchenko (Rocco) und Anastasiva Taratorkina (Marzelline), die zudem mit den besten Stimmen aufwarteten, keiner der Sänger genügend akzentuiert singen konnte. Auch der Chor war kaum zu verstehen. Leider.

Wieder einmal gehörte das Wiesbadener Staatsorchester unter der Leitung von Will Humburg zum Highlight der Vorstellung und konnte viele kleine Mängel überdecken.

Warum allerdings beim letzten Vorhang das Konterfei von Barbara Haveman zu sehen war, bleibt insofern fragwürdig, als das Libretto zwar Fidelio in dem Mittelpunkt der Handlung stellt, aber Beethoven immer darauf bestand, diese Person in den Zusammenhang von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu stellen. Insofern sind alle auftretenden Akteure Teil eines politischen Systems in ganz verschiedenen Positionen. Fidelio alias Leonore ist insofern nicht allein Ausdruck der unbedingten Gattenliebe, sondern vor allem auch Botschafter der Aufklärung.


Nächste Vorstellungen: 20.10, 22.10., 27.10. und 30.10.2022

 

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