Shinnosuke Inugai, Klavierrezital mit Moderation von Constanze Angermann im Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt, 23.10.2022
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| Shinnosuke Inugai (Foto: highresaudio.com) |
Drei
Koryphäen des 19. Jahrhunderts
Ein Klavierrezital
einmal ganz anders. Zunächst gab es kein schriftliches Programm, stattdessen
eine Einführung in die einzelnen gespielten Werke durch eine Moderatorin,
Constanze Angermann, ehemals Fernsehmoderatorin des Hessischen Rundfunks. Dann
wurden die angesagten Werke wild durcheinandergewürfelt, was den musikalischen
Sinn, nämlich drei Zeitgenossen, Carl Czerny (1791-1857), Ludwig van Beethoven
(1770-1827) und Franz Liszt (1811-1883) gegenüberzustellen und kompositorische Gemeinsamkeiten
wie Unterschiede herauszuarbeiten, nicht unbedingt förderlich war. Sei´s drum
Einer von
Vielen
Shinnosuke
Inugai (*1982)
gehört mit seinen 40 Jahren nicht mehr zur Gruppe der „jungen Wilden“ wie beispielsweise
Bruce Liu, Jan Lisiecki, Katja Buniatishvili oder Beatrice Rana. Dennoch repräsentiert
er mit Fug und Recht die riesige Schar der Klavierinterpreten, die weiß Gott an
Qualität und Musikalität weltweit auf höchstem Niveau agieren. Der im
japanischen Hamamatsu geborene und seit vielen Jahren in Frankfurt lebende
Pianist hat bei keiner geringeren wie Catherine Vickers sein Konzertexamen an
der HfMDK Frankfurt mit Auszeichnung bestanden, ist Preisträger zahlreicher
internationaler Wettbewerbe. Unter anderem gewann er 2014 den dritten Preis des
Telecom Beethoven Wettbewerbs in Bonn mit der Interpretation des 1.
Klavierkonzert und durfte damit das Eröffnungskonzert des anschließenden
Beethoven-Festivals bestreiten.
Wo ist
der Witz, wo die Leidenschaft?
An dieser Stelle
wären wir mitten in der Thematik des Abends. In der kurzen Vorstellung der
Moderatorin zum Beethovenschen Rondo G-Dur op.129 (1795), bekannt als Die
Wut über den verlorenen Groschen (der Titel stammt nicht vom Komponisten,
sondern wurde posthum vom Verleger Anton Diabelli aus Verkaufsgründen
hinzugefügt) hob sie den Witz und den Schalk, der in diesem siebenminütigen
Virtuosenstück enthalten ist, hervor.
Und genau das ließ die Interpretation vollkommen vermissen. Hölzern und mechanisch kam das Capriccio herüber, dazu noch fehlerhaft. Leider enttäuschend. Es folgte das Andante favori oder genauer: Andante für Klavier in F-Dur (1803/1804). Der bekanntere Titel soll von Beethoven selbst ergänzt worden sein, der es heimlich seiner Geliebten, der verwitweten Gräfin Josephine Deym von Stritetz, widmete. Ein Postillon d’Amour der besonderen Art, ein leidenschaftlich, süß zu spielendes Liebesbekenntnis, welches Beethoven gern in den Wiener Salons spielte. Auch hier war von dolce und musikalischer Liebesbotschaft nichts zu spüren. Inugai fehlte vollkommen der Bezug zu diesem Poem. Sanftheit und Behutsamkeit scheinen nicht zu seinem Metier zu gehören.
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| Shinnosuke Inugai (Foto: inugai-piano.com) |
Eine
ernstzunehmende Komposition
Vermutlich
stammt Carl Czernys Sonate Nr.1 op.7 nicht von 1810, sondern von 1819,
was auch die vielen Bezüge zu Franz Schubert und Felix Mendelssohn-Bartholdi
erklären würde. Bekanntlich war Czerny drei Jahre lang Schüler Beethovens
(1800-1803), lernte schnell das gesamte Repertoire seines Lehrers auswendig und
galt bereits als 17-Jähriger als d e r Beethoven Interpret überhaupt. Dass Czerny
selbst mehr als tausend Werke in seinem Leben produziert hat, erklärt nur die
eine Seite seines Schaffens. Dass er dabei großartige, ernstzunehmende Kompositionen
schuf (Czerny ist ja bis heute weitgehend verpönt wegen seiner Klavierschulen
und diversen Etüden wie seiner Schule der Geläufigkeit oder der Kunst
der Fingerfertigkeit, der Horror aller Pianisten oder die es werden wollen)
lässt sich vor allem auch an seiner ersten Sonate feststellen, die er
erst mit 28 Jahren schrieb. Opus 7 besteht aus fünf Sätzen mit einer
Fuge am Schluss, vom Feinsten. Franz Liszt soll diese Sonate sehr geschätzt
haben. Sie gehörte zu seinen Konzertprogrammen.
Wenig
Lyrik, kein Espressivo oder Affettuoso
Ein
lyrischer Beginn, Andante, in der Sonatenhauptsatzform wird in der Durchführung
kraftvoll und geht in ein Allegro moderato über. Dennoch besteht die Aufforderung
zum Espressivo und affettuoso. Auch die dynamischen Wechsel vom
dreifachen Piano bis zum dreifachen Forte fallen in der Partitur ins Auge.
Alles das
fehlte weitgehend bei Inugais Vortrag. Das Prestissimo Agitato des
zweiten Satzes macht seiner Bezeichnung alle Ehre. Inugai spielte diesen Part
technisch nicht einwandfrei, wenn auch in rasendem Tempo. Auch fehlten hier die
dynamischen Wechsel zwischen dolce und furioso. Der dritte Satz
ist bei Beethovens Sonate op.31/2 Adagio abgekupfert. Charakteristisch
das Klopfmotiv und die Sechszehntel Tremoli. Dann das freundliche melodiöse
Allegretto des vierten Satzes. Viele Elemente aus Mendelssohns Capriccios
oder auch aus Schuberts Impromptus sind hier erkennbar, wenngleich auch
hier der Pianist wenig Leichtigkeit und romantische Innerlichkeit zeigte,
sondern sehr mechanistisch vorging und dynamisch wenig Abwechslung entwickelte. Wo
ist das Lento, wo das Leggiero?
In der barocken
Kontrapunktik ist Inugai zuhause
Erst in der abschließenden Fuge ist Inugai offensichtlich angekommen. Ein Capriccio Fugato ist in moderatem Tempo zu spielen. Eine vierstimme Fuge ganz in der Bachschen Strenge lässt Inugais Pianospiel mit bester kontrapunktischer Technik und klarer motivischer Konturierung zum Besten des Abends werden. Hier fühlt sich der Pianist offensichtlich wohl, was sich auch in der großen Fuge der Hammerklaviersonate bestätigen wird.
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| Shinnosuke Inugai im Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt (Foto: Rita Langel, Veranstalterin) |
Per
aspera ad astra
Nach der Pause
folgt die „Hammerklavier Sonate“ B-Dur op.106 (1818). Ein Werk, das nach
Meinung Beethovens erst in 50 Jahren spielbar sein soll und tatsächlich von
Franz Liszt erstmals im Jahre 1847, also fast 30 Jahre später, uraufgeführt
wurde. Die Moderatorin spricht vom „geballtem Leben“, das in dieser Sonate
stecke, von den Tiefen, die in die Höhen gehen, per aspera ad astra. Joachim
Kaiser (1928-2017), Musikkritiker und bester Kenner der Werke Beethovens
spricht von „Verzweiflung, Fluchtplänen, Todesängsten, aber auch von klarem
Bewusstsein der eigenen Meisterschaft“, die in die Hammerklaviersonate
eingebaut seien. Die „schwerste Fuge
überhaupt“ beendet dieses Monumentalwerk, in dem allein der dritte Satz 20
Minuten dauert (Insgesamt ca. 45-49 Minuten). Da hat sich Inugai etwas
vorgenommen.
Ein
Hammer in jeder Beziehung
Überspringen
wir die beiden ersten Sätze, das Allegro und das Scherzo, und
gehen gleich zum dritten Satz, dem Adagio sostenuto, Appassionato molto
sentimento in fis-Moll geschrieben. Hier gelingt es dem Interpreten, den gewaltigen
Bogen zu halten, trotz einiger bedenklicher Notenauslegungen (Synkopen) und
kleiner Flüchtigkeitsfehler. Der Vierte Satz beginnt mit einem Largo,
ein improvisatorisches Spiel mit Takt, Tempo und Rhythmus, wechselt dann ins Allegro
risoluto, um dann in die dreistimmige Fuge zu münden.
Ein Hammer in jeder Beziehung, ein Thema auf absteigenden
Sechszehntel-Noten mit unzähligen Varianten auf gut 400 Takte verteilt. Das
zweite Thema im Mittelteil dient der Beruhigung und hat den Charakter eines
zweistimmigen Chorals, um dann wieder in den Dux und Comes der Anfangsmotivik
zurückzukommen. Das Ganze steigert sich in einen furiosen Schlussteil mit hüpfenden,
aberwitzigen Trillern und endet in grenzgängigen Fortissimo-Akkorden. Auch wenn
sich Inugai doch einige Male verhaspelte, insgesamt fehlt die Atmung in seiner
Interpretationstechnik, bot er doch eine starke Vorstellung im Rahmen der
Hammerklaviersonate. Seine kontrapunktische Technik ist überzeugend und gerade
die schwierigste aller Fugen meisterte er mit Bravour.
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| Shinnosuke Inugai (Foto: genuin.de) |
Weniger
ist manchmal mehr
Warum das Capriccio
alla Turca mit Motiven von Beethovens Ruinen aus Athen für Piano von
Franz Liszt? Diese angebliche Hommage an Beethoven schrieb Liszt 1846, nachdem
er bereits 1837 eine Version für Klavier und Orchester verfasst hatte. Nach der
Hammerklaviersonate ein akrobatisches Populärstück anzusetzen ist einzig aus
der geschätzten Bekanntschaft Liszts zu Beethoven zu erklären, der ihm als
11-Jähriger in Wien vorspielte und große Anerkennung erwarb, obwohl Beethoven
zu diesem Zeitpunkt bereits vollständig taub gewesen ist. Sicher war Beethoven
für Liszts Entwicklung prägend. Er studierte bei Czerny Beethovens Kompositionen
und setzte sich zeitlebens für das Werk und die Bekanntheit des Komponisten
ein. Auch komponierte er zwei Beethoven-Kantaten (1845 und 1870), unterstützte
finanziell das Beethoven Denkmal in Bonn und, last but not least, sorgte er sich
um das Verständnis von Beethovens Spätwerk, das lange Zeit für viele
Rezipienten dieser Musik unverständlich blieb. Warum aber dieses Capriccio
alla Turca? Tatsächlich hätte es
gereicht, mit der Hammerklaviersonate den Abend zu beenden. Sie war der
eigentliche Höhepunkt des Rezitals. Auch hier spielte Inugai, wie alle anderen Werke
auch, zwar rasend schnell, auch die mit akrobatischen Trillern gespickten Passagen,
aber nie romantisch und musikalisch ausdifferenziert, sondern eher mechanisch und von
roboterhafter Strenge. Schade. Dem Publikum gefiel es, obwohl einige den Saal frühzeitig
verließen.
Mehr
Heiterkeit und Witz
Seine Zugabe,
ein selbst arrangiertes „Hänschen klein ging allein …“, welches er mit einem
japanischen Liedchen, das angeblich übersetzt Schmetterlinge heißen
sollte, einführte, verabschiedete sich Inugai von den Gästen und ließ seine
Gabe zur Improvisation und seine komödiantische und heitere Seele aufblitzen.
Das allerdings hätte man sich mehr an diesem Abend gewünscht.




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