Montag, 24. Oktober 2022

Shinnosuke Inugai, Klavierrezital mit Moderation von Constanze Angermann im Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt, 23.10.2022

Shinnosuke Inugai (Foto: highresaudio.com)

Drei Koryphäen des 19. Jahrhunderts

Ein Klavierrezital einmal ganz anders. Zunächst gab es kein schriftliches Programm, stattdessen eine Einführung in die einzelnen gespielten Werke durch eine Moderatorin, Constanze Angermann, ehemals Fernsehmoderatorin des Hessischen Rundfunks. Dann wurden die angesagten Werke wild durcheinandergewürfelt, was den musikalischen Sinn, nämlich drei Zeitgenossen, Carl Czerny (1791-1857), Ludwig van Beethoven (1770-1827) und Franz Liszt (1811-1883) gegenüberzustellen und kompositorische Gemeinsamkeiten wie Unterschiede herauszuarbeiten, nicht unbedingt förderlich war. Sei´s drum

 

Einer von Vielen

Shinnosuke Inugai (*1982) gehört mit seinen 40 Jahren nicht mehr zur Gruppe der „jungen Wilden“ wie beispielsweise Bruce Liu, Jan Lisiecki, Katja Buniatishvili oder Beatrice Rana. Dennoch repräsentiert er mit Fug und Recht die riesige Schar der Klavierinterpreten, die weiß Gott an Qualität und Musikalität weltweit auf höchstem Niveau agieren. Der im japanischen Hamamatsu geborene und seit vielen Jahren in Frankfurt lebende Pianist hat bei keiner geringeren wie Catherine Vickers sein Konzertexamen an der HfMDK Frankfurt mit Auszeichnung bestanden, ist Preisträger zahlreicher internationaler Wettbewerbe. Unter anderem gewann er 2014 den dritten Preis des Telecom Beethoven Wettbewerbs in Bonn mit der Interpretation des 1. Klavierkonzert und durfte damit das Eröffnungskonzert des anschließenden Beethoven-Festivals bestreiten.

 

Wo ist der Witz, wo die Leidenschaft?

An dieser Stelle wären wir mitten in der Thematik des Abends. In der kurzen Vorstellung der Moderatorin zum Beethovenschen Rondo G-Dur op.129 (1795), bekannt als Die Wut über den verlorenen Groschen (der Titel stammt nicht vom Komponisten, sondern wurde posthum vom Verleger Anton Diabelli aus Verkaufsgründen hinzugefügt) hob sie den Witz und den Schalk, der in diesem siebenminütigen Virtuosenstück enthalten ist, hervor.

Und genau das ließ die Interpretation vollkommen vermissen. Hölzern und mechanisch kam das Capriccio herüber, dazu noch fehlerhaft. Leider enttäuschend. Es folgte das Andante favori oder genauer: Andante für Klavier in F-Dur (1803/1804). Der bekanntere Titel soll von Beethoven selbst ergänzt worden sein, der es heimlich seiner Geliebten, der verwitweten Gräfin Josephine Deym von Stritetz, widmete. Ein Postillon d’Amour der besonderen Art, ein leidenschaftlich, süß zu spielendes Liebesbekenntnis, welches Beethoven gern in den Wiener Salons spielte. Auch hier war von dolce und musikalischer Liebesbotschaft nichts zu spüren. Inugai fehlte vollkommen der Bezug zu diesem Poem. Sanftheit und Behutsamkeit scheinen nicht zu seinem Metier zu gehören.

Shinnosuke Inugai (Foto: inugai-piano.com)

Eine ernstzunehmende Komposition

Vermutlich stammt Carl Czernys Sonate Nr.1 op.7 nicht von 1810, sondern von 1819, was auch die vielen Bezüge zu Franz Schubert und Felix Mendelssohn-Bartholdi erklären würde. Bekanntlich war Czerny drei Jahre lang Schüler Beethovens (1800-1803), lernte schnell das gesamte Repertoire seines Lehrers auswendig und galt bereits als 17-Jähriger als d e r Beethoven Interpret überhaupt. Dass Czerny selbst mehr als tausend Werke in seinem Leben produziert hat, erklärt nur die eine Seite seines Schaffens. Dass er dabei großartige, ernstzunehmende Kompositionen schuf (Czerny ist ja bis heute weitgehend verpönt wegen seiner Klavierschulen und diversen Etüden wie seiner Schule der Geläufigkeit oder der Kunst der Fingerfertigkeit, der Horror aller Pianisten oder die es werden wollen) lässt sich vor allem auch an seiner ersten Sonate feststellen, die er erst mit 28 Jahren schrieb. Opus 7 besteht aus fünf Sätzen mit einer Fuge am Schluss, vom Feinsten. Franz Liszt soll diese Sonate sehr geschätzt haben. Sie gehörte zu seinen Konzertprogrammen.

 

Wenig Lyrik, kein Espressivo oder Affettuoso

Ein lyrischer Beginn, Andante, in der Sonatenhauptsatzform wird in der Durchführung kraftvoll und geht in ein Allegro moderato über. Dennoch besteht die Aufforderung zum Espressivo und affettuoso. Auch die dynamischen Wechsel vom dreifachen Piano bis zum dreifachen Forte fallen in der Partitur ins Auge.

Alles das fehlte weitgehend bei Inugais Vortrag. Das Prestissimo Agitato des zweiten Satzes macht seiner Bezeichnung alle Ehre. Inugai spielte diesen Part technisch nicht einwandfrei, wenn auch in rasendem Tempo. Auch fehlten hier die dynamischen Wechsel zwischen dolce und furioso. Der dritte Satz ist bei Beethovens Sonate op.31/2 Adagio abgekupfert. Charakteristisch das Klopfmotiv und die Sechszehntel Tremoli. Dann das freundliche melodiöse Allegretto des vierten Satzes. Viele Elemente aus Mendelssohns Capriccios oder auch aus Schuberts Impromptus sind hier erkennbar, wenngleich auch hier der Pianist wenig Leichtigkeit und romantische Innerlichkeit zeigte, sondern sehr mechanistisch vorging und dynamisch wenig Abwechslung entwickelte. Wo ist das Lento, wo das Leggiero?

 

In der barocken Kontrapunktik ist Inugai zuhause

Erst in der abschließenden Fuge ist Inugai offensichtlich angekommen. Ein Capriccio Fugato ist in moderatem Tempo zu spielen. Eine vierstimme Fuge ganz in der Bachschen Strenge lässt Inugais Pianospiel mit bester kontrapunktischer Technik und klarer motivischer Konturierung zum Besten des Abends werden. Hier fühlt sich der Pianist offensichtlich wohl, was sich auch in der großen Fuge der Hammerklaviersonate bestätigen wird.

Shinnosuke Inugai im Mozart  Saal der Alten Oper Frankfurt (Foto: Rita Langel, Veranstalterin)


Per aspera ad astra

Nach der Pause folgt die „Hammerklavier Sonate“ B-Dur op.106 (1818). Ein Werk, das nach Meinung Beethovens erst in 50 Jahren spielbar sein soll und tatsächlich von Franz Liszt erstmals im Jahre 1847, also fast 30 Jahre später, uraufgeführt wurde. Die Moderatorin spricht vom „geballtem Leben“, das in dieser Sonate stecke, von den Tiefen, die in die Höhen gehen, per aspera ad astra. Joachim Kaiser (1928-2017), Musikkritiker und bester Kenner der Werke Beethovens spricht von „Verzweiflung, Fluchtplänen, Todesängsten, aber auch von klarem Bewusstsein der eigenen Meisterschaft“, die in die Hammerklaviersonate eingebaut seien.  Die „schwerste Fuge überhaupt“ beendet dieses Monumentalwerk, in dem allein der dritte Satz 20 Minuten dauert (Insgesamt ca. 45-49 Minuten). Da hat sich Inugai etwas vorgenommen.


Ein Hammer in jeder Beziehung

Überspringen wir die beiden ersten Sätze, das Allegro und das Scherzo, und gehen gleich zum dritten Satz, dem Adagio sostenuto, Appassionato molto sentimento in fis-Moll geschrieben. Hier gelingt es dem Interpreten, den gewaltigen Bogen zu halten, trotz einiger bedenklicher Notenauslegungen (Synkopen) und kleiner Flüchtigkeitsfehler. Der Vierte Satz beginnt mit einem Largo, ein improvisatorisches Spiel mit Takt, Tempo und Rhythmus, wechselt dann ins Allegro risoluto, um dann in die dreistimmige Fuge zu münden.

Ein Hammer in jeder Beziehung, ein Thema auf absteigenden Sechszehntel-Noten mit unzähligen Varianten auf gut 400 Takte verteilt. Das zweite Thema im Mittelteil dient der Beruhigung und hat den Charakter eines zweistimmigen Chorals, um dann wieder in den Dux und Comes der Anfangsmotivik zurückzukommen. Das Ganze steigert sich in einen furiosen Schlussteil mit hüpfenden, aberwitzigen Trillern und endet in grenzgängigen Fortissimo-Akkorden. Auch wenn sich Inugai doch einige Male verhaspelte, insgesamt fehlt die Atmung in seiner Interpretationstechnik, bot er doch eine starke Vorstellung im Rahmen der Hammerklaviersonate. Seine kontrapunktische Technik ist überzeugend und gerade die schwierigste aller Fugen meisterte er mit Bravour.

 

Shinnosuke Inugai (Foto: genuin.de)

Weniger ist manchmal mehr

Warum das Capriccio alla Turca mit Motiven von Beethovens Ruinen aus Athen für Piano von Franz Liszt? Diese angebliche Hommage an Beethoven schrieb Liszt 1846, nachdem er bereits 1837 eine Version für Klavier und Orchester verfasst hatte. Nach der Hammerklaviersonate ein akrobatisches Populärstück anzusetzen ist einzig aus der geschätzten Bekanntschaft Liszts zu Beethoven zu erklären, der ihm als 11-Jähriger in Wien vorspielte und große Anerkennung erwarb, obwohl Beethoven zu diesem Zeitpunkt bereits vollständig taub gewesen ist. Sicher war Beethoven für Liszts Entwicklung prägend. Er studierte bei Czerny Beethovens Kompositionen und setzte sich zeitlebens für das Werk und die Bekanntheit des Komponisten ein. Auch komponierte er zwei Beethoven-Kantaten (1845 und 1870), unterstützte finanziell das Beethoven Denkmal in Bonn und, last but not least, sorgte er sich um das Verständnis von Beethovens Spätwerk, das lange Zeit für viele Rezipienten dieser Musik unverständlich blieb. Warum aber dieses Capriccio alla Turca? Tatsächlich hätte es gereicht, mit der Hammerklaviersonate den Abend zu beenden. Sie war der eigentliche Höhepunkt des Rezitals. Auch hier spielte Inugai, wie alle anderen Werke auch, zwar rasend schnell, auch die mit akrobatischen Trillern gespickten Passagen, aber nie romantisch und musikalisch ausdifferenziert, sondern eher mechanisch und von roboterhafter Strenge. Schade. Dem Publikum gefiel es, obwohl einige den Saal frühzeitig verließen.

 

Mehr Heiterkeit und Witz

Seine Zugabe, ein selbst arrangiertes „Hänschen klein ging allein …“, welches er mit einem japanischen Liedchen, das angeblich übersetzt Schmetterlinge heißen sollte, einführte, verabschiedete sich Inugai von den Gästen und ließ seine Gabe zur Improvisation und seine komödiantische und heitere Seele aufblitzen. Das allerdings hätte man sich mehr an diesem Abend gewünscht.     


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