Any Attempt Will End In A Crushed Bodies And Shattered Bones, Tanzperformance des belgischen Choreographen Jan Mertens, Staatstheater Darmstadt im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main 2022, 12.11.2022
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| Any Attempt ..., Tänzerinnen und Tänzer des Corps de Ballet in Aktion (Foto: Staatstheater Darmstadt) |
Xi
Jinping und Jan Martens
Allein der
Titel ist bereits politisch befrachtet, denn diese Aussage: „Jeder Versuch wird
mit zerquetschten Körpern und geborstenen Knochen enden“, soll vom Chinesischen
Staatschef Xi Jinping stammen, der so die antichinesischen Protestdemonstrationen
der Hongkonger Bevölkerung 2019/20 kommentierte. Menschverachtend ohne Frage. Aber
weshalb wird dieser Satz zum Thema einer gut 100-Minuten dauernden
Choreographie? Warum die Textlastigkeit in einer Performance, die doch nach Jan
Martens (*1985) dem ganz individuellen Tanz zum besonderen Ausdruck verhelfen
will?
Ein
Cembalokonzert beherrscht die Performance
Aber gehen
wir ins Detail. Die Bühne im großen Haus des Staatstheaters Darmstadt ist
riesig und schafft Platz für insgesamt 18 Tänzerinnen und Tänzer mit sehr
unterschiedlichem technischem, körperlichem und tänzerischem Vermögen. Auch das
Alter der Protagonisten ist unterschiedlich, wenngleich das Gros der Akteure
zwischen 20 und 30 Jahre alt ist. Den Background der Bühne umfasst eine gigantische
Leinwand, auf die die Textausschnitte und Schlagworte in großen Lettern
präsentiert werden.
Es beginnt musikalisch
mit Henryk Góreckis (1933-2010) Cembalokonzert op.40, das 1980 in
Kattowitz uraufgeführt wurde. Mit treibenden motorischen Rhythmen, energischem
Spiel des Solisten, mit aufreibenden Repetitionen und akkordischen Texturen der
Streicher. Ein ungewöhnliches Werk des Komponisten von knapp 10 Minuten Dauer,
das einmalig in seinem Oeuvre zu finden ist. Er selbst sagte zu seinen
irritierten Kritikern, das Konzert sei „ein Scherz“. Zumindest passte es
nicht zu seinen seriellen und folkloristischen Kompositionen. Tatsächlich changiert es zwischen dämonischer,
ahnungsvoller, heiterer bis zu ausgelassener Stimmung. Minimalistisch angelegt,
dissonant, vielseitig in Takt und Rhythmus.
Der
Marsch der Gedemütigten
Zunächst
steht ein Solotänzer auf der Bühne und kreiert Kampf- beziehungsweise
Boxbewegungen. Kung Fu und Thai Chi, alles ist dabei. Die Bühne füllt sich
langsam mit zwei, drei, fünf und mehr Personen. Alle scheinen mit sich zu
kämpfen. Mal besser, mal schlechter, je nach körperlicher und tänzerischer
Qualität. Die Kostüme (Cédric Charlier) sind einfach in grau gehalten.
Dann folgt Stille. Man geht, man marschiert. Zuerst einer, dann alle 18. Eine Demonstration? Protest gegen alles Ungerechte? Körperliche Rebellion? Eine zarte Tänzerin spricht über ein Mikrophon zum Publikum. Fast schüchtern deklamiert sie das „Manifest“ der Jugendbewegung des 21. Jahrhunderts. Schlagworte wie „Zero Toleranz“, „Enemies of the People“, „It´s on time now“, prangen von der Leinwand, während die Mannschaft, das Corps de Ballet (Martens), seine Formationen auf der Bühne vollzieht. Vieles dabei erinnert an den klassischen Standard Formationstanz. Hier aber ist es ein stummes Marschieren, und das eine gefühlte Ewigkeit lang.
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| Any Attempt ..., Tänzerinnen und Tänzer des Corps de Ballet in Aktion (Foto: Staatstheater Darmstadt) |
Die Queen
of Jazz singt
Dann setzt
wieder Musik ein. Sie ist vom Schlagzeuger und Komponisten, Maxwell Roach (1924-2007). Ein Song genannt Triptychon:
Prayer, Protest, Peace, gesungen von Abbey Lincoln (1930-2010), der Queen of
Jazz. Eigentlich ein Bürgerrechtssong aus den frühen 1960er Jahren, das sich
gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den USA richtet. Immer noch
geht die Mannschaft tapfer über die Bühne, mal quer, mal diagonal, mal
vertikal, mal irgendwie.
Wieder wird
Góreckis Konzert bemüht. Die Bewegungen wiederholen sich. Jede/r nach seinen/ihren
Fähigkeiten. Bei der nächsten Wiederholung wird es langsam komisch, zumal die
individuell beschränkten Bewegungsrepertoires immer deutlicher zutage treten
und Langeweile eintritt. Man erinnert sich leider an die tänzerischen
Massenauftritte in totalitären Staaten, die eigentlich so gar nicht in ein
demokratisches Selbstverständnis passen.
Fragen
und Anklage
Okay. In der nächsten Still-Phase werden von einer Stimme aus dem Off drei Fragen an die Tänzer und Tänzerinnen gestellt: Wie sie sich sexuell orientieren, ob sie Geldprobleme haben, ob sie in dem Land leben, wo sie geboren wurden? Aus dem genannten Triptychon folgt jetzt Protest von Abbey Lincoln, ein Schrei mit heftigem Trommelwirbel. Dann ein Textauszug aus Kae Tempests (*1985) People’s Faces (2020). Dazu muss man wissen, dass Kae Tempest im Jahre 2019 bekanntgegeben hat, sie habe ab jetzt eine „nichtbinäre Geschlechtsidentität“. Das bedeutet, dass sie fortan mit They, statt mit she oder her anzusprechen sei. Dieser queere Unsinn, der ihm/ihr/es/sie bereits viele Preise und Geld verschaffte, führt im Text zu bitterer Anklage gegen "ihr" Heimatland United Kingdom, gegen Brexit, Boris Johnson und alle, die nicht LGBTQ + sind und überhaupt. Der Text trieft vor Aggression, die Bühne färbt sich rot im D(i)mmerlicht (Lichtdesign: Jan Fedinger). Man zieht sich um. Jeder nach seinem Bedürfnis. Mal als Frau, mal als Mann, mal als Divers? Eine lange, viel zu lange Szene. Ein bisschen Nacktheit muss halteben sein.
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| Any Attempt ..., Tänzerinnen und Tänzer des Corps de Ballet in Aktion (Foto: Staatstheater Darmstadt) |
Endlosspirale
Dann, Spot
on. Ein starkes Farbenspiel. Alle rot gekleidet in fantasievollem Outfit. Henryk
Górecki wird ein weiteres Mal herausgefordert. Die Tänze bleiben gleich, ohne
Einfall, ohne Kreativität, ohne Geist. Dafür aber mit übertriebener Selbstverliebtheit.
Jeder sein eigener Guru, so kommt die Szenerie zumindest rüber. Eine Reprise der
Reprise der Reprise. Man findet kein Ende, keine Coda, kein Finale. Das
Publikum will schon befreit klatschen, dann geht es wieder von vorne los. Ein
großes Manko dieser Performance, der durchaus die Hälfte der Zeit gutgetan
hätte. Was auch für die Musik gilt.
Der Weg
zum Neuen Menschen
Was bleibt?
Martens möchte die Machtverhältnisse ändern. Die politischen Krisen in seine
Performances einbauen. So heißt es: „Der Starchoreograph aus Belgien inszeniert
nicht Straßenschlachten, sondern Kontexte.“ Er will sich dem Spiel der
Mächtigen verweigern und alternative Strukturen entgegensetzen. Dabei spricht
er von der inneren Agitation, von intimer Revolte, vom emotionalen Antrieb der
Protestierenden.
Was aber bedeutet
das in der Praxis der Tänzerinnen und Tänzer? Sollen sie über den Tanz zu Neuen
Menschen werden? Immer war es das Anliegen von Anti-Bewegungen, den neuen
Menschen zu fordern. Sei es im Sinne der Emanzipation, Transformation oder der
Ganzheitlichkeit. Und immer hat der Neue Mensch den Ruch des Säkulär-religiösen
und Missionarischen, was in der Geschichte selten im Sinne der Freiheit des
Individuums gelöst wurde. Im Gegenteil. Heute ist es die grenzenlose sexuelle
Eigenorientierung, zusammengefasst in der LPDGQ+ Bewegung, und der
missionarische Kampf gegen Alle und Alles, was dem Narrativ des Klimawandels,
der Pandemie und des gerechten Krieges gegen die bösen Mächte widerspricht.
Ein mimetisches
Spiel des Scheins
Die Choreographie des Jan Martens scheint den neuen Menschen zumindest auf der Bühne anzustreben. Er nennt es „Corps de Ballet mit einzigartigen Persönlichkeiten“. Es ist ein mimetisches Spiel des Scheins. Die Bühne als Ersatz für das Unbehagen an den gesellschaftlichen Dingen. Die Gefahr dabei: Die Blase des Scheins ist bereits ziemlich dick. Wenn sie platzt, und das haben die New Age-Bewegung, die Jugendbewegung der Jahrhundertwende, die Studentenbewegung, aber auch die diversen Revolutionen gezeigt, dann ist alle Freiheit hin. Zumindest waren die lachenden Dritten immer die Mächtigen. Xi Jinping anzuklagen ist insofern einfach und findet immer Zustimmung. Selbstverständlich auch für eine Choreographie.
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| Any Attempt ..., Tänzerinnen und Tänzer des Corps de Ballet in Aktion (Foto: Staatstheater Darmstadt) |
Die Umarmung
der Mächtigen führt zum Erstickungstod
Aber klagt
man die Lügner, Machthaber, falschen Politiker und Wissenschaftler in den
eigenen Reihen an, dann bekommt die Geschichte ein anderes Label. Wer erinnert
sich noch an die Ausgrenzung der Ungeimpften, an den Hate Speech gegen sie. Wer
an die Mutigen, die für das Grundgesetz und Verfassungsrechte auf die Straße gingen,
an die Wissenschaftler und Ärzte, die gewissenhaft ihre Arbeit machten, und
dabei vor Gericht gezerrt wurden. Wer erinnert sich an Julian Assange oder an
Edgar Snowden, an die große Riege der Whistleblower, die heute in den
Gefängnissen der sogenannten freien Welt schmachten? Fragen über Fragen, die Jan
Martens beantworten sollte und müsste, wenn er glaubwürdig bleiben will. Seine
Idee in Ehren, aber bitte nicht in der Umarmung der Mächtigen dieser Welt, die
die Blase des Genderns, der Wokeness und der sexuellen Diversität schamlos für
sich und ihr geplantes Great Reset missbrauchen und diese Bewegung zu ersticken
drohen.




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