Sonntag, 13. November 2022

Any Attempt Will End In A Crushed Bodies And Shattered Bones, Tanzperformance des belgischen Choreographen Jan Mertens, Staatstheater Darmstadt im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main 2022, 12.11.2022

Any Attempt ..., Tänzerinnen und Tänzer des Corps de Ballet in Aktion (Foto: Staatstheater Darmstadt)

Xi Jinping und Jan Martens

Allein der Titel ist bereits politisch befrachtet, denn diese Aussage: „Jeder Versuch wird mit zerquetschten Körpern und geborstenen Knochen enden“, soll vom Chinesischen Staatschef Xi Jinping stammen, der so die antichinesischen Protestdemonstrationen der Hongkonger Bevölkerung 2019/20 kommentierte. Menschverachtend ohne Frage. Aber weshalb wird dieser Satz zum Thema einer gut 100-Minuten dauernden Choreographie? Warum die Textlastigkeit in einer Performance, die doch nach Jan Martens (*1985) dem ganz individuellen Tanz zum besonderen Ausdruck verhelfen will?

 

Ein Cembalokonzert beherrscht die Performance

Aber gehen wir ins Detail. Die Bühne im großen Haus des Staatstheaters Darmstadt ist riesig und schafft Platz für insgesamt 18 Tänzerinnen und Tänzer mit sehr unterschiedlichem technischem, körperlichem und tänzerischem Vermögen. Auch das Alter der Protagonisten ist unterschiedlich, wenngleich das Gros der Akteure zwischen 20 und 30 Jahre alt ist. Den Background der Bühne umfasst eine gigantische Leinwand, auf die die Textausschnitte und Schlagworte in großen Lettern präsentiert werden.

Es beginnt musikalisch mit Henryk Góreckis (1933-2010) Cembalokonzert op.40, das 1980 in Kattowitz uraufgeführt wurde. Mit treibenden motorischen Rhythmen, energischem Spiel des Solisten, mit aufreibenden Repetitionen und akkordischen Texturen der Streicher. Ein ungewöhnliches Werk des Komponisten von knapp 10 Minuten Dauer, das einmalig in seinem Oeuvre zu finden ist. Er selbst sagte zu seinen irritierten Kritikern, das Konzert sei „ein Scherz“. Zumindest passte es nicht zu seinen seriellen und folkloristischen Kompositionen.  Tatsächlich changiert es zwischen dämonischer, ahnungsvoller, heiterer bis zu ausgelassener Stimmung. Minimalistisch angelegt, dissonant, vielseitig in Takt und Rhythmus.

 

Der Marsch der Gedemütigten

Zunächst steht ein Solotänzer auf der Bühne und kreiert Kampf- beziehungsweise Boxbewegungen. Kung Fu und Thai Chi, alles ist dabei. Die Bühne füllt sich langsam mit zwei, drei, fünf und mehr Personen. Alle scheinen mit sich zu kämpfen. Mal besser, mal schlechter, je nach körperlicher und tänzerischer Qualität. Die Kostüme (Cédric Charlier) sind einfach in grau gehalten.

Dann folgt Stille. Man geht, man marschiert. Zuerst einer, dann alle 18. Eine Demonstration? Protest gegen alles Ungerechte? Körperliche Rebellion? Eine zarte Tänzerin spricht über ein Mikrophon zum Publikum. Fast schüchtern deklamiert sie das „Manifest“ der Jugendbewegung des 21. Jahrhunderts. Schlagworte wie „Zero Toleranz“, „Enemies of the People“, „It´s on time now“, prangen von der Leinwand, während die Mannschaft, das Corps de Ballet (Martens), seine Formationen auf der Bühne vollzieht. Vieles dabei erinnert an den klassischen Standard Formationstanz. Hier aber ist es ein stummes Marschieren, und das eine gefühlte Ewigkeit lang.

Any Attempt ..., Tänzerinnen und Tänzer des Corps de Ballet in Aktion (Foto: Staatstheater Darmstadt)

Die Queen of Jazz singt

Dann setzt wieder Musik ein. Sie ist vom Schlagzeuger und Komponisten, Maxwell Roach (1924-2007). Ein Song genannt Triptychon: Prayer, Protest, Peace, gesungen von Abbey Lincoln (1930-2010), der Queen of Jazz. Eigentlich ein Bürgerrechtssong aus den frühen 1960er Jahren, das sich gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den USA richtet. Immer noch geht die Mannschaft tapfer über die Bühne, mal quer, mal diagonal, mal vertikal, mal irgendwie.

Wieder wird Góreckis Konzert bemüht. Die Bewegungen wiederholen sich. Jede/r nach seinen/ihren Fähigkeiten. Bei der nächsten Wiederholung wird es langsam komisch, zumal die individuell beschränkten Bewegungsrepertoires immer deutlicher zutage treten und Langeweile eintritt. Man erinnert sich leider an die tänzerischen Massenauftritte in totalitären Staaten, die eigentlich so gar nicht in ein demokratisches Selbstverständnis passen.

 

Fragen und Anklage

Okay. In der nächsten Still-Phase werden von einer Stimme aus dem Off drei Fragen an die Tänzer und Tänzerinnen gestellt: Wie sie sich sexuell orientieren, ob sie Geldprobleme haben, ob sie in dem Land leben, wo sie geboren wurden? Aus dem genannten Triptychon folgt jetzt Protest von Abbey Lincoln, ein Schrei mit heftigem Trommelwirbel. Dann ein Textauszug aus Kae Tempests (*1985) People’s Faces (2020). Dazu muss man wissen, dass Kae Tempest im Jahre 2019 bekanntgegeben hat, sie habe ab jetzt eine „nichtbinäre Geschlechtsidentität“. Das bedeutet, dass sie fortan mit They, statt mit she oder her anzusprechen sei. Dieser queere Unsinn, der ihm/ihr/es/sie bereits viele Preise und Geld verschaffte, führt im Text zu bitterer Anklage gegen "ihr" Heimatland United Kingdom, gegen Brexit, Boris Johnson und alle, die nicht LGBTQ + sind und überhaupt. Der Text trieft vor Aggression, die Bühne färbt sich rot im D(i)mmerlicht (Lichtdesign: Jan Fedinger). Man zieht sich um. Jeder nach seinem Bedürfnis. Mal als Frau, mal als Mann, mal als Divers? Eine lange, viel zu lange Szene. Ein bisschen Nacktheit muss halteben sein.

Any Attempt ..., Tänzerinnen und Tänzer des Corps de Ballet in Aktion (Foto: Staatstheater Darmstadt)

Endlosspirale

Dann, Spot on. Ein starkes Farbenspiel. Alle rot gekleidet in fantasievollem Outfit. Henryk Górecki wird ein weiteres Mal herausgefordert. Die Tänze bleiben gleich, ohne Einfall, ohne Kreativität, ohne Geist. Dafür aber mit übertriebener Selbstverliebtheit. Jeder sein eigener Guru, so kommt die Szenerie zumindest rüber. Eine Reprise der Reprise der Reprise. Man findet kein Ende, keine Coda, kein Finale. Das Publikum will schon befreit klatschen, dann geht es wieder von vorne los. Ein großes Manko dieser Performance, der durchaus die Hälfte der Zeit gutgetan hätte. Was auch für die Musik gilt.  

 

Der Weg zum Neuen Menschen

Was bleibt? Martens möchte die Machtverhältnisse ändern. Die politischen Krisen in seine Performances einbauen. So heißt es: „Der Starchoreograph aus Belgien inszeniert nicht Straßenschlachten, sondern Kontexte.“ Er will sich dem Spiel der Mächtigen verweigern und alternative Strukturen entgegensetzen. Dabei spricht er von der inneren Agitation, von intimer Revolte, vom emotionalen Antrieb der Protestierenden.

Was aber bedeutet das in der Praxis der Tänzerinnen und Tänzer? Sollen sie über den Tanz zu Neuen Menschen werden? Immer war es das Anliegen von Anti-Bewegungen, den neuen Menschen zu fordern. Sei es im Sinne der Emanzipation, Transformation oder der Ganzheitlichkeit. Und immer hat der Neue Mensch den Ruch des Säkulär-religiösen und Missionarischen, was in der Geschichte selten im Sinne der Freiheit des Individuums gelöst wurde. Im Gegenteil. Heute ist es die grenzenlose sexuelle Eigenorientierung, zusammengefasst in der LPDGQ+ Bewegung, und der missionarische Kampf gegen Alle und Alles, was dem Narrativ des Klimawandels, der Pandemie und des gerechten Krieges gegen die bösen Mächte widerspricht.

 

Ein mimetisches Spiel des Scheins

Die Choreographie des Jan Martens scheint den neuen Menschen zumindest auf der Bühne anzustreben. Er nennt es „Corps de Ballet mit einzigartigen Persönlichkeiten“. Es ist ein mimetisches Spiel des Scheins. Die Bühne als Ersatz für das Unbehagen an den gesellschaftlichen Dingen. Die Gefahr dabei: Die Blase des Scheins ist bereits ziemlich dick. Wenn sie platzt, und das haben die New Age-Bewegung, die Jugendbewegung der Jahrhundertwende, die Studentenbewegung, aber auch die diversen Revolutionen gezeigt, dann ist alle Freiheit hin. Zumindest waren die lachenden Dritten immer die Mächtigen. Xi Jinping anzuklagen ist insofern einfach und findet immer Zustimmung. Selbstverständlich auch für eine Choreographie.

Any Attempt ..., Tänzerinnen und Tänzer des Corps de Ballet in Aktion (Foto: Staatstheater Darmstadt)

Die Umarmung der Mächtigen führt zum Erstickungstod

Aber klagt man die Lügner, Machthaber, falschen Politiker und Wissenschaftler in den eigenen Reihen an, dann bekommt die Geschichte ein anderes Label. Wer erinnert sich noch an die Ausgrenzung der Ungeimpften, an den Hate Speech gegen sie. Wer an die Mutigen, die für das Grundgesetz und Verfassungsrechte auf die Straße gingen, an die Wissenschaftler und Ärzte, die gewissenhaft ihre Arbeit machten, und dabei vor Gericht gezerrt wurden. Wer erinnert sich an Julian Assange oder an Edgar Snowden, an die große Riege der Whistleblower, die heute in den Gefängnissen der sogenannten freien Welt schmachten? Fragen über Fragen, die Jan Martens beantworten sollte und müsste, wenn er glaubwürdig bleiben will. Seine Idee in Ehren, aber bitte nicht in der Umarmung der Mächtigen dieser Welt, die die Blase des Genderns, der Wokeness und der sexuellen Diversität schamlos für sich und ihr geplantes Great Reset missbrauchen und diese Bewegung zu ersticken drohen.  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen