Freitag, 11. November 2022

Die Geschichte vom Soldaten, Musiktheater für kleines Ensemble von Igor Strawinsky mit Texten von Charles Ferdinand Ramuz, Wiederaufnahme in der Volksbühne Frankfurt mit dem Ensemble Modern und Michael Quast, 11.11.2022

Die Geschichte vom Soldaten, Ensemble Modern Septett und Michael Quast (Foto: Wolfgang Runkel)


Bühne frei für „gelesen, gespielt, getanzt und in zwei Teilen“

Eigentlich erwartet man, dass sich der Vorhang hebt und die Bühne freigibt. Weit gefehlt. Michael Quast, schauspielerisches Frankfurter Urgestein, ordnet seinen Tisch, stellt sich allerlei Materialien zurecht, eine Videoleinwand lässt das Publikum im Saal sichtbar werden und sieben Musiker des Ensemble Modern nehmen ihre Plätze ein: mit Klarinette Jan Bossier, mit Fagott Johannes Schwarz, mit Trompete Sava Stoianov, mit Posaune Uwe Dierksen, mit Kontrabass Paul Cannon, mit Violine Giorgos Panagiotidis und am Schlagzeug David Haller.

Los geht´s. „Le Historie du soldat, Lue, jouée, dansée et en deux parties ruft Michael Quast zum Publikum und stellt seine Protagonisten vor. Der Soldat ist ein Apfelweinglas, der Teufel ein gruselig aussehender Korkenzieher, die Prinzessin ein Flakon. Ansonsten viel Postkarten mit Kriegsfotos, Stadtpanoramen sowie Federn, Fellstücken, Masken, Patronen und sonstigem Krimskrams auf dem Tisch verteilt. Das alles mit einem „antiken“ Diaprojektor auf die Leinwand gebeamt. Einfach, aber absolut wirkungsvoll.

 

Jahrmarkt und Gauklerbühne

Worum geht´s? Es sei kurz vorausgeschickt, dass Igor Strawinsky (1882-1971) dieses gut einstündige Werk am Genfer See während des 1. Weltkriegs konzipierte. Die Auswirkungen des Krieges waren virulent: Er bekommt kein Geld aus der russischen Heimat (die russ. Oktoberrevolution ist in vollem Gange), die Theater in der Schweiz sind geschlossen, die Kunst pausiert. Seine Idee aus der Not heraus war, ein schlichtes musikalisches Märchen für eine Wanderbühne zu erzählen mit einer einfachen aber musikalisch eingängigen Musikbegleitung. Dazu entwirft er, gemeinsam mit dem Schweizer Dichterfreund Charles Ferdinand Ramuz (1878-1947) eine Moritat, ganz im Stil der russischen Jahrmarktserzählung und Gauklerbühnen.

Michael Quast, im Hintergrund: v. l. Giorgos Panagiotidis, Paul Cannon, David Haller, Uwe Dierksen 
(
Foto: Wolfgang Runkel)

Ohne Liebe ist aller Reichtum nichts

Grundlage sind zwei miteinander verwobene russische Volksmärchen von Alexander N. Afanassiew (1826-1871). Das Märchen vom fahnenflüchtigen Soldaten und dem Teufel sowie das vom Soldaten, der die Zarentochter erlöst. Knapp erzählt handeln die beiden Geschichten vom Teufelspakt (der Soldat tauscht seine Geige gegen das Zauberbuch des Teufels, das ihm Reichtum, aber keine Liebe verspricht), von der lebensspendenden Kraft der Musik (der Soldat heilt die kranke Prinzessin mit seinem Geigenspiel) und der Erkenntnis, dass Geld kein Glück bringt, wenn die Liebe fehlt (der Soldat sucht die vollständige Liebe in seiner Heimat und bei seiner Mutter, was ihm der T-Pakt verwehrt, und fällt letztlich doch in die Hände des Teufels.

Die Moral von der Geschicht´, so die Schlusszeilen: „Man soll zu dem, was man besitzt, begehren nicht, was früher war. Man kann zugleich nicht der sein, der man ist und der man war. Man kann nicht alles haben. Was war, kehrt nicht zurück.“

 

Episches Theater

Die Moritat erinnert in vielen Bereichen an das damals beliebte Brecht’sche Epische Theater. Ein Theater, das Konflikte durchschaubar machen und die Zuschauer dazu bewegen wollte, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Hier, beim „Soldaten“, ein deklamatorisch agierender Meister der Stimme mit geringsten bühnentechnischen Mitteln, Michael Quast, in einem ständigen Dialog mit dem „Orchester“, das mit Klangeffekten einer Jahrmarktsszenerie, den Geschichten die nötige Würze gab. Ein Kurt Weill (Komponist der Dreigroschenoper) hätte seinen Spaß daran gehabt. Überhaupt boten die sieben Kammermusiker ein glänzendes Potpourri von Tanzeinlagen. Alles wurde geboten zwischen rumänisch-ungarischen Volkstänzen, Polka und Mazurka, russischen Kasatschok, Marsch und Walzer, selbst Tango und Tarantella waren herauszuhören. Nicht zuletzt, neben einem schrägen Königsmarsch, ein finaler Choral zwischen hymnischem Jubel und tiefer Traurigkeit. Ein ständiger Wechsel zwischen Lebensfreude und Verzweiflung: „Warum fehlt mir, was die anderen haben?“, lamentiert der Soldat am Ende des ersten Teils, und – vergessen wir nicht die Schlussmoritat: „Was war, kehrt nicht mehr zurück.“

v. l.: Sava Stoianov, Johannes Schwarz, Jaan Bossier, Michael Quast (Foto: Wolfgang Runkel)

Virtuosität, Spontaneität und Einfallsreichtum

Trotz musikalischer und technischer „Einfachheit“, brillierten alle acht Bühnenakteure durch Virtuosität, Spontanität und, vor allem auf Michael Quast bezogen, durch grenzenlosen Einfallsreichtum. Wie er mit den wenigen Requisiten agierte, Apfelweinglas und Flakon tanzen lässt, seine Stimme variierte, das war schon à la bonne heure. Das Septett des Ensemble Modern stand dem aber in Nichts nach. Ihre kurzen solistischen Einlagen grenzten am musikalisch Machbaren, wurden aber mit gewohnter Perfektion präsentiert.  

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