Montag, 14. November 2022

Dragons, Tanzperformance von Eun-Me Ahn im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main 2022, Staatstheater Darmstadt, 13.11.2022

Dragons: Eun-Me Ahn (Foto: Sukmu Yun)


Ein fantastisch-verrücktes Bild von Raum und Zeit

Ein fulminantes Spektakel bildete den Abschluss des diesjährigen Tanzfestivals Rhein-Main und hinterließ ein fantastisch-verrücktes Bild von Raum und Zeit, von Diesseits und Jenseits, von Realität und Fiktion, von Science-Fiction und Tradition. Eun-Me Ahn (*1963) sprudelt nur so vor Einfällen und realisiert sie mit einer Companie von insgesamt vierzehn bestens ausgebildeten Tänzern und Tänzerinnen, alle im Jahr des Drachen geboren (also um 2000 und gleichzeitig Titel gebend), einer ausgeklügelten Technik des Hologramms, einer kongenialen elektronischen Musik des Filmkomponisten Young-Giu Jung (*1968), einer schier überbordenden Farbenpracht und einem Kostümreichtum zwischen asiatischer Tradition (Schamanismus, Samurai und Buton) und zeitgenössischer bis futuristischer Dynamik (Eun-Me Ahn höchstpersönlich).

Mit Worten ist das Tanz-Avatar-Theater kaum zu beschreiben. Aber: Es bleibt ein Gefühl der Phantasmagorie, des Eskapismus, der prächtigen Stimmung, ohne wirklich sagen zu können, warum. Oder ist es die Zukunft der Drachengeneration?

Dragons: Zwei Tänzerinnen der Performance (Foto: Staatstheater Darmstadt)

Die Drachen bevölkern den Globus

Der Drache jedenfalls kommt rülpsend und ein wenig tipsi von der Seite auf die Bühne geschwankt. Er ist nichts weiter als ein Schlauch vor dem Gesicht einer bunt-bekleideten Tänzerin. Man ist gleich überwältigt von der farbenprächtigen Darstellung, der musikalischen Untermalung und der Bühnengestaltung, bestehend aus unzähligen Röhren, die stechend silbern bis grellweiß belichtet sind. Alles Drachen?

Tatsächlich spielen die Röhren, Schläuche, Würmer, wie auch immer, eine zentrale Rolle in diesem Theater. Der Drache, im Westen eher ein gefährliches Untier, symbolisiert in Asien Kraft und Güte. Er ist eine Respektsgestalt. Gleichzeitig gebieterisch, unwirsch, wie zärtlich und mitfühlend. All das soll, so Eun-Me Ahn, diese Generation beschreiben, was sich natürlich auch wie ein roter Faden durch die gesamte Performance fortsetzt. Mal in solistischen-, mal in Gruppen-Nummern, immer aber sehr individuell, vor allem ausgedrückt durch die Kostüme, durch spezielles Lichtdesign (Jinyoung Jang) sowie Videoeinblendungen (Taeseok Lee) und technische Finessen (Thomas Boudic und Team).

Jeder Tänzer zeichnet sich durch Einzigartigkeit aus, alle sind durchtrainiert, beherrschen die Akrobatik wie das Kunstturnen, sind aber auch im klassischen wie zeitgenössischen Tanz beeindruckend zuhause. Man spürt förmlich die geistige Verbundenheit der Choreographin mit der „sinfonischen Ausdruckstänzerin“, Isidora Duncan (1877-1927) und der Queen des Tanztheaters, Pina Bausch (1940-2009), mit der sie befreundet war.

Dragons-Szene (Foto: Sukmu Yun)

Die Welt der Avatare

Die Hologramm-Passagen versetzen in die Welt der Avatare. Als riesige Gestalten tanzen sie im freien Raum. Man spürt sie förmlich auf den Publikumssesseln. Sie schweben durch Urwälder, begleitet vom Brüllen und Pfeifen der wilden Tiere, und schwimmen in den Tiefen der Ozeane. Ein Undinen-Schauspiel von berückender Schönheit. Wundersame Wassernymphen durchziehen den Meeresgrund. Es blubbert, zischt und brummt. Strudel unterbrechen das Spiel der jungfräulichen Wassergeister, sie lächeln ins Publikum, sie verführen mit verfänglichem Augenzwinkern. Unter ihnen die Choreographin Eun-Me. Verschmitzt mischt sie sich mit den Schönheiten. Verkörpert sie einen Tintenfisch? Möglich, denn der ist hochintelligent und weiß sich in allen Lebenslagen zu helfen. Ein virtueller Wasserfall lässt die Bühne wieder erscheinen mit ihren realen Tänzerinnen und Tänzern. Ein Intermezzo mit Seifenblasen folgt, dann die persönliche Vorstellung der Bühnenakteure.

Dragons-Szene (Foto: Sukmu Yun)

Die Drachengeneration hat gesprochen

Wieder mit Schrifthologrammen sichtbar gemacht. Die „Sieben Samurai“ kommen aus Malaysia, Japan, Korea und Taiwan. Alle sind mit Herz bei ihrem Metier, sprühen vor Energie und wünschen sich eine glückliche Zukunft. Die Drachengeneration hat gesprochen, und das macht Mut und Zuversicht.

Es folgt ein orientalisch anmutendes Ambiente, belebt zunächst durch zwei schwarze Ladies, Tänzerinnen mit Handwindrädchen und Fabelwesen auf Hoverboard ergänzen das Duo und lassen sich durch Choral ähnlich Klänge inspirieren. Hologramm-Fotos der einzelnen Mitglieder der Companie werden schwebend aufgereiht, während am Theaterboden eine akrobatische Haltenummer der besonderen Art abgezogen wird. Jeweils einer versteckt sich unter den schwarzen Kuttenträgern, zwei zu eins ist der Sinn. Der Rumpf und die Beine sind getrennt, aber wirken optisch wie eins zu eins. Witzig skurrile Figuren entstehen. Großartige Zwischeneinlage. Auch die Tradition darf nicht fehlen. Farbenprächtige Trachten und schamanisches Outfit beleben die Bühne, mittendrin die Chefin des Ganzen mit einem entwaffnenden Lächeln auf den Lippen.

Dragons-Szene (Foto: Staatstheater Darmstadt)

Die Zähmung der Drachen zur lohnenden Welt

Zum Schluss werden sogar die Wandschläuche zu lebendigen Drachen. Quietschend und fauchend fallen sie auf die Bühne, werden von den Tänzern aufgefangen, gleichsam gezähmt und kontrolliert. Die Beats der Backgroundmusik bekommen Techno-Charakter. Das Lichtspiel wird zum Feuerwerk. Disko Flair ist angesagt. Hologramm und Bühne überschneiden sich in wilden Tanzeinlagen. Ein Herz schwebt durch den Äther, es pulsiert heftig aus dem Off und der Tanz aller bekommt ekstatische Züge. Dazwischen die Stimme von Eun-Me Ahn. Sie spricht langsam, majestätisch und lässt Begriffe wie: Gefühle, Wasser, Bühne, Unabhängig, Liebe, Kraftvoll, Wärme (Warmheit sic.), Freiheit, Dankbarkeit, Enthusiasmus sowie lehrreich über der Bühne erscheinen. Möglicherweise hat man sie mal gefragt, was sie alles mit Tanz und Choreographie verbindet. Jedes Wort, jeder Begriff eine Welt, aber eine, die es lohnt.

Dragons-Szene (Foto: Staatstheater Darmstadt)

Feurig, furchtlos, positiv, enthusiastisch

Ein Finale der absoluten Versöhnlichkeit und aus der Sicht des Schreibers d e r Höhepunkt des Tanzfestivals 2022. Eun-Me Ahn ist die legitime Nachfolgerin von Isidora Duncan und Pina Bausch. Übrigens stand ihre spontane Tanzeinlage am Ende der Performance der Generation-Dragon in Nichts nach: Feurig, furchtlos, positiv und enthusiastisch. Der donnernde Beifall des vollbesetzten Hauses wollte zurecht kein Ende nehmen. Dieses Epoche prägende Tanztheaterspektakel hätte durchaus eine Abschlussparty verdient, die leider schon am Tag zuvor Jan Martens mit seiner Truppe zuteil wurde.

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