Mittwoch, 9. November 2022

Burnt – The Eternal Long Now, Ballett und Choreographie von Zoltán Vakulya und Chen-Wei Lee, Deutschland-Premiere im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main 2022, Staatstheater Wiesbaden, 08.11.2022

Burnt - The Eternal Long Now, unten: Esse Vanderbruggen, darüber: Chen-Wei Lee, hinten: Charlotte Petersen (Foto: Stanislav Dobak)


Brennen oder verbrannt werden

Brennen oder verbrannt werden – das ist die Frage. Ein bemerkenswertes Ballett haben hier der Ungar Zoltán Vakulya und die Taiwanesin Chen-Wei Lee, beide leben allerdings im belgischen Brüssel, choreographiert, indem sie sich der Thematik des Burn out stellen, einem „kollektiven, sozialen Phänomen“ der Gegenwart, wie sie selbst sagen. Zoltán selbst war von dieser Zivilisationskrankheit befallen und seine Lebensgefährtin Chen-Wei begleitete ihn in dieser schweren Zeit. Beide haben also persönliche Erfahrung damit und ihre Choreographie brachte nicht nur den Motor zur Überhitzung, nein, sie zeigten durch Bewegung und Musik (Gryllus Abris) sehr anschaulich die tragische wie die hoffnungsvolle Seite der totalen Erschöpfung sowie des seelischen Verhungerns.

 

Der Puls der Zeit

Die Bühne ist von einer faltenreichen Folie im Background bereichert. Sie wird farbenreich beleuchtet und durch Blitzlicht immer wieder in die Aufmerksamkeit gerückt (Licht: Bert van Dijck und Xavi Moreno). Ein greller Kontrast zum Tanz der drei Frauen Chen-Wei Lee, Esse Vanderbruggen und Charlotte Petersen. Zunächst liegen sie im Dunkeln, nur durch das gedimmte Licht der Folie zu erahnen. Die Musik, ein pulsierendes Geräusch aus dem Off, wirkt wie aus der bodenlosen Tiefe des Ozeans kommend. Gryllus Abris, ein aufstrebender Soundkünstler aus Budapest, hat extra für diese Performance eine Musik komponiert, die die energetischen Momente des Tanzes nicht nur begleitet, sondern vor allem auratisch vertieft.

Die drei Tänzerinnen scheinen aus ihrem Schlaf zu erwachen und in die Gegenwart katapultiert zu werden. Das mit Blitzen und dröhnenden Schlägen der Musik sekundiert. Sie bauen Energie auf, bewegen sich am Boden, stehen langsam auf und brillieren durch extrem dynamische wie auch statische gymnastische Übungen wie Armkreisen, Rollen, Springen, Dehnen und Halten. Das Ganze aber immer in hektischen, fast selbstzerstörerischen Wiederholungen, endlos und von heftiger Metal- und Hard-Rock Rhythmik getragen. Musik und Tanz gehen eine unheimliche Symbiose von Aggressivität, roboterhafter Antidynamik und hektischer Unruhe ein. Jede für sich, jede isoliert, aber jede im Sog der anderen Tänzerin. Schauerlich schön.

Burnt - The Eternal Long Now, v. l.   Chen-Wei LeeCharlotte Petersen, Esse Vanderbruggen
(Foto: Stanislav Dobak)


Zwischen Verzweiflung und Hoffnung

Dann erste Berührungen, mal zwei, mal drei, aber dennoch verzweifelt, hoffnungslos. Die Szene spitzt sich zu bis zur absoluten Stille. Die Musik pausiert. Die Tänzerinnen kommen sich näher, Berührungen erst zaghaft, dann intensiv. Es entstehen Bilder wie von antiken Skulpturen. Nur der heftige Atem ist hörbar.  

Plötzlicher Einsatz der Geräuschkulisse mit kanonenähnlichen, aus gewalttätigen Computerspielen gesampelten Szenen. Die Situation verhärtet sich. Die Tänzerinnen trennen sich wieder und wiederholen ihre Hamsterradübungen mit teils akrobatischen, immer aber sehr sportlichen Einlagen. Noch einmal finden sie zusammen (ein Hustenanfall von Charlotte Petersen scheint Ausdruck der extremen Anspannung und körperliche Belastung dieser Nummer zu sein). Man hält sich fest, kniet und sitzt in herrlichen Posings.

Dann das Finale. Die Musik glänzt durch Zeitmaß. Wie ein Metronom schlägt ein Hammer gegen einen metallenen Klangstab, gleichmäßig, bestimmt und ausweglos. Ein Hinweis auf die Vergänglichkeit? Die Wiederholung des Immer Gleichen? Die Reinkarnation des Lebens? Die Tänzerinnen jedenfalls kommen zu alter Hektik und extremer Körperarbeit zurück. Kinderspielen entnommene Szenen, wie Schieben, Ziehen und Vertrauensspielchen mit Fallenlassen und Auffangen werden bis zur Unendlichkeit wiederholt. Die Erschöpfung wird regelrecht herausgefordert.

Burnt - The Eternal Long Now, v. l.  Charlotte Petersen, Chen-Wei Lee, Esse Vanderbruggen  
(Foto: Stanislav Dobak)


Erschöpfung bewusst erleben

Ein Abgesang von fast einer Viertelstunde ohne Pause. Zwischen Selbstzerstörung und kollektivem Untergang. Die Musik ist ebenso gnadenlos: Ein Changieren zwischen Eintönigkeit und Schmerz, pochender Zeitlichkeit und unendlicher Tiefe von orchestraler Fülle. Die Bühne verdunkelt sich, die erschöpften Tänzerinnen sind kaum noch sichtbar, die Folie wird zum undurchdringlichen Dickicht. Ende. Aus. Alles verbrannt. Nichts mehr übrig.

Oder? Im Nachgespräch betonen alle drei Tänzerinnen den Wettkampfcharakter ihrer Performance. Zuerst die Verbissenheit und der Krampf der Erfolgssucht. Aber dann der Wille, die Erschöpfung bewusst zu erleben, aus freiem Willen. Nach dem Motto: Wer brennt, kann auch verbrennen. Muss es aber nicht. Fazit. Wir gehen durch das Nadelöhr, komme was komme. Oder wie Zoltán Vakulya abschließend bemerkt: „We go through!“ Was soll man dazu noch sagen?

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