Burnt – The Eternal Long Now, Ballett und Choreographie von Zoltán Vakulya und Chen-Wei Lee, Deutschland-Premiere im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main 2022, Staatstheater Wiesbaden, 08.11.2022

Burnt - The Eternal Long Now, unten: Esse Vanderbruggen, darüber: Chen-Wei Lee, hinten: Charlotte Petersen (Foto: Stanislav Dobak)
Brennen
oder verbrannt werden
Brennen oder
verbrannt werden – das ist die Frage. Ein bemerkenswertes Ballett haben hier
der Ungar Zoltán Vakulya und die Taiwanesin Chen-Wei Lee, beide leben
allerdings im belgischen Brüssel, choreographiert, indem sie sich der Thematik
des Burn out stellen, einem „kollektiven, sozialen Phänomen“ der Gegenwart, wie
sie selbst sagen. Zoltán selbst war von dieser Zivilisationskrankheit befallen
und seine Lebensgefährtin Chen-Wei begleitete ihn in dieser schweren Zeit.
Beide haben also persönliche Erfahrung damit und ihre Choreographie brachte
nicht nur den Motor zur Überhitzung, nein, sie zeigten durch Bewegung und Musik
(Gryllus Abris) sehr anschaulich die tragische wie die hoffnungsvolle Seite der
totalen Erschöpfung sowie des seelischen Verhungerns.
Der Puls
der Zeit
Die Bühne
ist von einer faltenreichen Folie im Background bereichert. Sie wird
farbenreich beleuchtet und durch Blitzlicht immer wieder in die Aufmerksamkeit
gerückt (Licht: Bert van Dijck und Xavi Moreno). Ein greller Kontrast
zum Tanz der drei Frauen Chen-Wei Lee, Esse Vanderbruggen und Charlotte
Petersen. Zunächst liegen sie im Dunkeln, nur durch das gedimmte Licht der
Folie zu erahnen. Die Musik, ein pulsierendes Geräusch aus dem Off, wirkt wie
aus der bodenlosen Tiefe des Ozeans kommend. Gryllus Abris, ein aufstrebender
Soundkünstler aus Budapest, hat extra für diese Performance eine Musik
komponiert, die die energetischen Momente des Tanzes nicht nur begleitet,
sondern vor allem auratisch vertieft.
Die drei Tänzerinnen scheinen aus ihrem Schlaf zu erwachen und in die Gegenwart katapultiert zu werden. Das mit Blitzen und dröhnenden Schlägen der Musik sekundiert. Sie bauen Energie auf, bewegen sich am Boden, stehen langsam auf und brillieren durch extrem dynamische wie auch statische gymnastische Übungen wie Armkreisen, Rollen, Springen, Dehnen und Halten. Das Ganze aber immer in hektischen, fast selbstzerstörerischen Wiederholungen, endlos und von heftiger Metal- und Hard-Rock Rhythmik getragen. Musik und Tanz gehen eine unheimliche Symbiose von Aggressivität, roboterhafter Antidynamik und hektischer Unruhe ein. Jede für sich, jede isoliert, aber jede im Sog der anderen Tänzerin. Schauerlich schön.
.jpeg)
Burnt - The Eternal Long Now, v. l. Chen-Wei Lee, Charlotte Petersen, Esse Vanderbruggen
(Foto: Stanislav Dobak)
Dann erste Berührungen,
mal zwei, mal drei, aber dennoch verzweifelt, hoffnungslos. Die Szene spitzt
sich zu bis zur absoluten Stille. Die Musik pausiert. Die Tänzerinnen kommen
sich näher, Berührungen erst zaghaft, dann intensiv. Es entstehen Bilder wie
von antiken Skulpturen. Nur der heftige Atem ist hörbar.
Plötzlicher
Einsatz der Geräuschkulisse mit kanonenähnlichen, aus gewalttätigen Computerspielen
gesampelten Szenen. Die Situation verhärtet sich. Die Tänzerinnen trennen sich
wieder und wiederholen ihre Hamsterradübungen mit teils akrobatischen, immer
aber sehr sportlichen Einlagen. Noch einmal finden sie zusammen (ein
Hustenanfall von Charlotte Petersen scheint Ausdruck der extremen Anspannung
und körperliche Belastung dieser Nummer zu sein). Man hält sich fest, kniet und
sitzt in herrlichen Posings.
Dann das Finale. Die Musik glänzt durch Zeitmaß. Wie ein Metronom schlägt ein Hammer gegen einen metallenen Klangstab, gleichmäßig, bestimmt und ausweglos. Ein Hinweis auf die Vergänglichkeit? Die Wiederholung des Immer Gleichen? Die Reinkarnation des Lebens? Die Tänzerinnen jedenfalls kommen zu alter Hektik und extremer Körperarbeit zurück. Kinderspielen entnommene Szenen, wie Schieben, Ziehen und Vertrauensspielchen mit Fallenlassen und Auffangen werden bis zur Unendlichkeit wiederholt. Die Erschöpfung wird regelrecht herausgefordert.

Burnt - The Eternal Long Now, v. l. Charlotte Petersen, Chen-Wei Lee, Esse Vanderbruggen
(Foto: Stanislav Dobak)
Ein Abgesang
von fast einer Viertelstunde ohne Pause. Zwischen Selbstzerstörung und
kollektivem Untergang. Die Musik ist ebenso gnadenlos: Ein Changieren zwischen
Eintönigkeit und Schmerz, pochender Zeitlichkeit und unendlicher Tiefe von
orchestraler Fülle. Die Bühne verdunkelt sich, die erschöpften Tänzerinnen sind
kaum noch sichtbar, die Folie wird zum undurchdringlichen Dickicht. Ende. Aus.
Alles verbrannt. Nichts mehr übrig.
Oder? Im Nachgespräch
betonen alle drei Tänzerinnen den Wettkampfcharakter ihrer Performance. Zuerst
die Verbissenheit und der Krampf der Erfolgssucht. Aber dann der Wille, die Erschöpfung
bewusst zu erleben, aus freiem Willen. Nach dem Motto: Wer brennt, kann auch
verbrennen. Muss es aber nicht. Fazit. Wir gehen durch das Nadelöhr, komme was
komme. Oder wie Zoltán Vakulya abschließend bemerkt: „We go through!“ Was
soll man dazu noch sagen?
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen