Sonntag, 27. November 2022

Chicago, ein Musical-Vaudeville nach dem gleichnamigen Theaterstück von Maurine Dallas Watkins, Musik von John Kander und Buch von Fred Ebb & Bob Fosse, Premiere, Staatstheater Wiesbaden Kleines Haus, 26.11.2022

v. l. Anna Okunowski (Velma Kelly), Katharina Hoffmann (Roxie Hart)
Foto: Christine Tritschler

Mord vom Feinsten

Wie schön kann Mord sein. „Die Höllenfahrt kann beginnen!“. Das sind die einleitenden Worte des Conférenciers (Tamino Herzog) und schon ist das Publikum mittendrin in einer Ménage-à-trois. Zwei eiskalte, verführerische, egomanische Engel (Anna Okunowski als Velma Kelly und Katharina Hoffmann als Roxie Hart), für die Mord nur eine Facette ihres Erfolgs ist, und ein zwielichtiger Rechtsanwalt (Tim Speckhardt als Billy Flynn), dessen Lebensprinzip und einzige Triebkraft aus Geld, Geld und nochmal Geld besteht, kommen im Frauengefängnis zusammen und spielen ein teuflisches Trio infernale zwischen Liebe, Verrat, Rivalität, Eifersucht, Gier und Missgunst. Ein Spiegelbild der Gangsterstadt Chicago der 1920er Jahre. Oder vielleicht auch eines von heute?

v. l.: Tim Speckhardt (Billy Flynn), Leonard Linzer (Amos Hart) Foto: Christine Tritschler

Was geht mich mein Geschwätz von gestern an

Das preisgekrönte Musical Chicago (uraufgeführt 1975 in New York) hat bis heute mehr als 30 Millionen Zuschauer erreicht und kann zumindest in den USA auf eine Rekord-Spielzeit von 22 Jahren ohne Pause und in London von mehr als 15 Jahren zurückblicken. Nur in Westeuropa und vor allem in Deutschland führt es eher ein Randdasein. 20 Aufführungen zwischen 1977 und 2021 sind nicht gerade ein Erfolgsprädikat. Das aber sollte sich ändern, denn dieses Musical sprüht nur so vor Lebensfreude – ja, vor Lebensfreude, denn als Vaudeville wendet es alles, was die Menschen der Moderne bewegt ins Burleske und lässt es mit einem ironischen Lächeln, mit Sexappeal und prallgefüllter Emotion ins Ungefähre abgleiten. Nach dem Motto: Was geht mich mein Geschwätz von gestern an, heute spielt die Musik und morgen weiß nur der liebe Gott, was kommen wird.

Chicago-Ensemble (Foto: Christine Tritschler)


Ein Meltingpot der Intrigen und Abgründe

Apropos Musik: Ein wunderbares 10-köpfiges Ensemble (Leitung Frank Bankert) begleitete die höchst engagierten Tänzerinnen und Tänzer wie auch ihre insgesamt 24 Songs mit bester Professionalität und trugen so zum absoluten Gelingen dieser gut zweistündigen Premiere Entscheidendes bei.

Kurz zur Handlung. Wie gesagt spielt das Musical in den 1920er Jahren in der berüchtigten Mafia-Stadt Chicago, ein Meltingpot der Intrigen und abgründigen Geschichten. Roxie Hart, eine Nachtclubsängerin, erschießt kurzerhand ihren Liebhaber Fred Casely (Dwayne Gilbert Besier), weil dieser ihr die versprochene Karriere verbaut. Ihr Mann, Amos (Leonard Linzer) versucht zwar, die Tat auf sich zu nehmen, scheitert aber an seiner Dummheit. Nebenbei: Sein Song Mr. Cellophane gegen Ende des Musicals machte ihn dennoch zum Liebling des Publikums an diesem Abend.

Roxie kommt hinter Gitter und lernt dort die Doppelmörderin Velma Kelly kennen. Beide versuchen über den äußerst gewieften Anwalt Billy Flynn ihrer Verurteilung zu entgehen, der dies mit Fakes und Raffinement auch zu realisieren versteht. Beide kommen durch Lüge und Intrige frei und finden in einem Schlussduett: Löschen all die Höllenjahre zusammen. Der Deus ex Machina hat wieder einmal zugeschlagen.

Mitte: Tim Speckhardt, Ensemble (Foto: Christine Tritschler)


Vom Anfang bis zum Finale bleibt kein Auge trocken

Zwischengeschaltet sind noch Mama Morton (Ann-Kristin Lauber), die Mutter der Mörderinnen, die aus jeder Gelegenheit Kapital schlägt. Ausgerüstet mit Fuchsschwanz und Schlüsselbund singt sie in tiefem Mezzo auf einem Holzpferd thronend When you are good to Mama, und macht damit unverhohlen klar, dass ohne sie innerhalb dieser Mauern Nichts geht. Mary Sunshine (Mary Roth), die Protagonistin der Chicagoer Pressewelt, die mit gespielter Noblesse den Etwas Gutes ist an jedem dran-Song in perfektem Sopran trillert und den sensationsgeilen Rausch der Pressevertreter auf die Schippe nimmt, gehörte ebenfalls zu den Highlights des Abends. Dazu die vielen kleinen Nummern des Ensembles, die einen ausgezeichneten Mix der Handlung boten.

Natürlich ist das Trio in besonderer Weise hervorzuheben. Alle drei Hauptdarsteller bestachen durch gute Stimmen sowie tänzerisches und schauspielerisches Talent. Man konnte sich immer schwer zwischen der blondlockigen süßlichen Roxie und der brünetten herberen Velma entscheiden. Aber auch das selbstbewusste arrogante Auftreten von Billy Flynn, der übrigens von allen Mörderinnen geliebt wurde („Wir wollen Billy“ trugen sie buchstabenweise an ihren Körpern), war nicht zu verachten. Die volle Anerkennung verdienen aber alle Akteure, die meisten Mitglieder des Jungen Staatsmusical Wiesbaden, gleichermaßen. Ihr Engagement und ihre Empathie ließen vom Anfang bis zum Finale kein Auge trocken. Das Publikum belegte jede der 24 Nummern mit enthusiastischem Lärm und das weitgehend zu Recht.

Chicago-Ensemble (Foto: Christine Tritschler)


Chapeau für Inszenierung und Choreographie

Vergessen wir nicht die Inszenierung und Choreographie von Iris Lamberth, die mit ihrem Team um  Britta Lammers (Bühne), Heike Korn (Kostüme) sowie Steffen Hilbricht und Marcel Hahn (Licht) aus den beschränkten Möglichkeiten der doch relativ kleinen Bühne das Beste herausholte (immerhin mussten gut 30 Tänzerinnen und Tänzer untergebracht werden und das mit eingebautem Orchestergraben), und mit wenigen Mitteln und genialen Einfällen (Gitterrollen des Gefängnisses, amerikanische orange Knasthosenanzüge mit einem Schuss Sexappeal oder kleine Accessoires, die die Charaktere der Akteure pointierten), eine echte Meisterleistung hinlegte. Chapeau.

Tamino Herzog (Conférencier) Foto: Christine Tritschler

Eine Schlacht zwischen Fake und Realität – Das kann Musical

Tatsächlich beruht die Geschichte auf einer wahren Begebenheit aus den 1920er Jahren im Sündenpfuhl Chicago. Zwei attraktive junge Frauen sollen demnach ihre Liebhaber unter Alkoholeinfluss und Jazzmusik, heißt es, ermordet haben und in einem spektakulären Prozess verurteilt worden sein. Maurine Dallas Watkins (1896-1969) hat dieses Ereignis 1926 zu einem erfolgreichen Theater Stoff verwandelt und das Erfolgs-Trio Kandler, Ebb und Fosse (siehe hierzu auch Cabaret-Aufführung vom 16.06.2022 in diesem Blog) haben daraus ein Musiktheater gezaubert, das heute noch an Aktualität kaum etwas eingebüßt hat. Das abgründige Chicago wird in diesem Musical zwar vordergründig zu einem mitreißenden Event mit viel Charleston, Tango, Foxtrott, Ragtime und voller anzüglicher mit zum Teil Grammy Award ausgezeichneten Songs (alle Songs werden auf Deutsch gesungen, ein unbedeutender Wermutstropfen; Übersetzung von Erika Gesell und Helmut Baumann), aber, und das macht diese Musik Produktion zeitlos und aktuell: Das Chicago der 1920er Jahre  bietet sich noch heute als ideales Pflaster für Fake News und Verschwörungstheorien an. Hier wird gelogen, fabuliert, fantasiert und schwadroniert, dass sich die Balken biegen. In diesem Vaudeville ironisch witzig und satirisch verfremdet, in der aktuellen Realität dann aber peinlich und moralisch verwerflich, aber durchaus vergleichbar. Ein Spiegel für all diejenigen, die jedem Unsinn hinterherlaufen und willig sich in den Schein fügen. Auch das kann Musical.   

 

 

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