Chicago, ein Musical-Vaudeville nach dem gleichnamigen Theaterstück von Maurine Dallas Watkins, Musik von John Kander und Buch von Fred Ebb & Bob Fosse, Premiere, Staatstheater Wiesbaden Kleines Haus, 26.11.2022
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| v. l. Anna Okunowski (Velma Kelly), Katharina Hoffmann (Roxie Hart) Foto: Christine Tritschler |
Mord vom
Feinsten
Wie schön kann Mord sein. „Die Höllenfahrt kann beginnen!“. Das sind die einleitenden Worte des Conférenciers (Tamino Herzog) und schon ist das Publikum mittendrin in einer Ménage-à-trois. Zwei eiskalte, verführerische, egomanische Engel (Anna Okunowski als Velma Kelly und Katharina Hoffmann als Roxie Hart), für die Mord nur eine Facette ihres Erfolgs ist, und ein zwielichtiger Rechtsanwalt (Tim Speckhardt als Billy Flynn), dessen Lebensprinzip und einzige Triebkraft aus Geld, Geld und nochmal Geld besteht, kommen im Frauengefängnis zusammen und spielen ein teuflisches Trio infernale zwischen Liebe, Verrat, Rivalität, Eifersucht, Gier und Missgunst. Ein Spiegelbild der Gangsterstadt Chicago der 1920er Jahre. Oder vielleicht auch eines von heute?
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| v. l.: Tim Speckhardt (Billy Flynn), Leonard Linzer (Amos Hart) Foto: Christine Tritschler |
Was geht
mich mein Geschwätz von gestern an
Das preisgekrönte
Musical Chicago (uraufgeführt 1975 in New York) hat bis heute mehr als
30 Millionen Zuschauer erreicht und kann zumindest in den USA auf eine Rekord-Spielzeit
von 22 Jahren ohne Pause und in London von mehr als 15 Jahren zurückblicken. Nur
in Westeuropa und vor allem in Deutschland führt es eher ein Randdasein. 20
Aufführungen zwischen 1977 und 2021 sind nicht gerade ein Erfolgsprädikat. Das
aber sollte sich ändern, denn dieses Musical sprüht nur so vor Lebensfreude – ja,
vor Lebensfreude, denn als Vaudeville wendet es alles, was die Menschen der
Moderne bewegt ins Burleske und lässt es mit einem ironischen Lächeln, mit Sexappeal
und prallgefüllter Emotion ins Ungefähre abgleiten. Nach dem Motto: Was geht
mich mein Geschwätz von gestern an, heute spielt die Musik und morgen weiß nur
der liebe Gott, was kommen wird.
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| Chicago-Ensemble (Foto: Christine Tritschler) |
Ein Meltingpot
der Intrigen und Abgründe
Apropos
Musik: Ein wunderbares 10-köpfiges Ensemble (Leitung Frank Bankert)
begleitete die höchst engagierten Tänzerinnen und Tänzer wie auch ihre insgesamt
24 Songs mit bester Professionalität und trugen so zum absoluten Gelingen
dieser gut zweistündigen Premiere Entscheidendes bei.
Kurz zur
Handlung. Wie gesagt spielt das Musical in den 1920er Jahren in der berüchtigten
Mafia-Stadt Chicago, ein Meltingpot der Intrigen und abgründigen Geschichten.
Roxie Hart, eine Nachtclubsängerin, erschießt kurzerhand ihren Liebhaber Fred
Casely (Dwayne Gilbert Besier), weil dieser ihr die versprochene
Karriere verbaut. Ihr Mann, Amos (Leonard Linzer) versucht zwar, die Tat
auf sich zu nehmen, scheitert aber an seiner Dummheit. Nebenbei: Sein Song Mr.
Cellophane gegen Ende des Musicals machte ihn dennoch zum Liebling des Publikums
an diesem Abend.
Roxie kommt hinter Gitter und lernt dort die Doppelmörderin Velma Kelly kennen. Beide versuchen über den äußerst gewieften Anwalt Billy Flynn ihrer Verurteilung zu entgehen, der dies mit Fakes und Raffinement auch zu realisieren versteht. Beide kommen durch Lüge und Intrige frei und finden in einem Schlussduett: Löschen all die Höllenjahre zusammen. Der Deus ex Machina hat wieder einmal zugeschlagen.
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| Mitte: Tim Speckhardt, Ensemble (Foto: Christine Tritschler) |
Vom
Anfang bis zum Finale bleibt kein Auge trocken
Zwischengeschaltet
sind noch Mama Morton (Ann-Kristin Lauber), die Mutter der Mörderinnen,
die aus jeder Gelegenheit Kapital schlägt. Ausgerüstet mit Fuchsschwanz und
Schlüsselbund singt sie in tiefem Mezzo auf einem Holzpferd thronend When
you are good to Mama, und macht damit unverhohlen klar, dass ohne sie innerhalb
dieser Mauern Nichts geht. Mary Sunshine (Mary Roth), die Protagonistin
der Chicagoer Pressewelt, die mit gespielter Noblesse den Etwas Gutes ist an
jedem dran-Song in perfektem Sopran trillert und den sensationsgeilen
Rausch der Pressevertreter auf die Schippe nimmt, gehörte ebenfalls zu den Highlights
des Abends. Dazu die vielen kleinen Nummern des Ensembles, die einen ausgezeichneten
Mix der Handlung boten.
Natürlich
ist das Trio in besonderer Weise hervorzuheben. Alle drei Hauptdarsteller
bestachen durch gute Stimmen sowie tänzerisches und schauspielerisches Talent.
Man konnte sich immer schwer zwischen der blondlockigen süßlichen Roxie und der
brünetten herberen Velma entscheiden. Aber auch das selbstbewusste arrogante Auftreten
von Billy Flynn, der übrigens von allen Mörderinnen geliebt wurde („Wir wollen
Billy“ trugen sie buchstabenweise an ihren Körpern), war nicht zu verachten.
Die volle Anerkennung verdienen aber alle Akteure, die meisten Mitglieder des Jungen
Staatsmusical Wiesbaden, gleichermaßen. Ihr Engagement und ihre Empathie
ließen vom Anfang bis zum Finale kein Auge trocken. Das Publikum belegte jede
der 24 Nummern mit enthusiastischem Lärm und das weitgehend zu Recht.
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| Chicago-Ensemble (Foto: Christine Tritschler) |
Chapeau
für Inszenierung und Choreographie
Vergessen wir nicht die Inszenierung und Choreographie von Iris Lamberth, die mit ihrem Team um Britta Lammers (Bühne), Heike Korn (Kostüme) sowie Steffen Hilbricht und Marcel Hahn (Licht) aus den beschränkten Möglichkeiten der doch relativ kleinen Bühne das Beste herausholte (immerhin mussten gut 30 Tänzerinnen und Tänzer untergebracht werden und das mit eingebautem Orchestergraben), und mit wenigen Mitteln und genialen Einfällen (Gitterrollen des Gefängnisses, amerikanische orange Knasthosenanzüge mit einem Schuss Sexappeal oder kleine Accessoires, die die Charaktere der Akteure pointierten), eine echte Meisterleistung hinlegte. Chapeau.
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| Tamino Herzog (Conférencier) Foto: Christine Tritschler |
Eine
Schlacht zwischen Fake und Realität – Das kann Musical
Tatsächlich beruht
die Geschichte auf einer wahren Begebenheit aus den 1920er Jahren im Sündenpfuhl
Chicago. Zwei attraktive junge Frauen sollen demnach ihre Liebhaber unter
Alkoholeinfluss und Jazzmusik, heißt es, ermordet haben und in einem spektakulären
Prozess verurteilt worden sein. Maurine Dallas Watkins (1896-1969) hat
dieses Ereignis 1926 zu einem erfolgreichen Theater Stoff verwandelt und das Erfolgs-Trio
Kandler, Ebb und Fosse (siehe hierzu auch Cabaret-Aufführung
vom 16.06.2022 in diesem Blog) haben daraus ein Musiktheater gezaubert, das heute noch
an Aktualität kaum etwas eingebüßt hat. Das abgründige Chicago wird in diesem Musical
zwar vordergründig zu einem mitreißenden Event mit viel Charleston, Tango,
Foxtrott, Ragtime und voller anzüglicher mit zum Teil Grammy Award ausgezeichneten
Songs (alle Songs werden auf Deutsch gesungen, ein unbedeutender Wermutstropfen;
Übersetzung von Erika Gesell und Helmut Baumann), aber, und das
macht diese Musik Produktion zeitlos und aktuell: Das Chicago der 1920er Jahre bietet sich noch heute als ideales Pflaster
für Fake News und Verschwörungstheorien an. Hier wird gelogen, fabuliert, fantasiert
und schwadroniert, dass sich die Balken biegen. In diesem Vaudeville ironisch
witzig und satirisch verfremdet, in der aktuellen Realität dann aber peinlich
und moralisch verwerflich, aber durchaus vergleichbar. Ein Spiegel für all
diejenigen, die jedem Unsinn hinterherlaufen und willig sich in den Schein
fügen. Auch das kann Musical.






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