Montag, 5. Dezember 2022

Die Zauberin, Oper in 4 Akten von Peter Tschaikowski (1850-1893) nach dem gleichnamigen Text von Ippolit W. Schpaschinski (1848-1917), Premiere und Frankfurter Erstaufführung, 04.12.2022

Asmik Grigorian (Nastasja; rechts in grüner Hose) und Ensemble (alle Fotos: Barbara Aumüller)

Wer verzaubert wen?

Wer verzaubert hier wen? – möchte man gleich zu Anfang fragen. Sind es die Frauen, die die Köpfe oder was auch immer der Männer verdrehen, oder ist es schlicht das Bezaubernde einer verwitweten jungen Frau, hier heißt sie Nastasja, auch Kuma genannt, die den Entschluss gefasst hat, in der Wahrheit und Aufrichtigkeit zu leben, und die damit die Welt um sie herum im wahrsten Sinne zu verzaubern vermag? Tatsächlich erwartet das Publikum ein Liebes- und Eifersuchtsdrama der besonderen Art. Eine Höllenfahrt zwischen Thriller und Klamauk, zwischen Albtraum und Märchen, aber auch ein Lehrstück der sozialen und psychologischen Konflikte und ihrer tragischen Folgen.

 

Die Beste, aber ohne Erfolg

Peter Tschaikowsky (1850-1893) hielt diese Oper für seine Beste. Es war seine siebente von insgesamt 10, zwischen der Pique Dame (1885) und Jolanta (1891), die er nach zweijähriger Bearbeitung und tiefer innerer Konflikte am 20. Oktober 1887 im Mariinski Theater in Sankt Peterburg uraufführen ließ. Allerdings mit geringem Erfolg, da das aristokratische, zaristisch regierte Russland mit diesem Sujet – eine emanzipierte selbstbewusste Frau, eine Plebejerin, erringt die Liebe zweier Männer aus der Adelsklasse und verursacht das Ende dieser Familie – haderte. Für die Aristokratie war das Sujet zu krass und beleidigend. Man mied dies Oper, sie wurde nach fünf Aufführungen abgesetzt und fiel jahrzehntelang in Vergessenheit. Erst in den letzten beiden Jahrzehnten bekommt sie wieder Resonanz und auch eine gewisse Aktualität.

Asmik Grigorian (Nastasja; rechts am Wolfskopf) und Ensemble

Eine gespaltene Gesellschaft explodiert

Worum geht es? Die verwitwete Nastasja (Asmik Grigorian, Sopran) betreibt eine Kneipe, die sie auch als Galerie nutzt, und versammelt dort alle Mühseligen und Beladenen, die an dieser Gesellschaft leiden und einen Hort der Freiheit gefunden zu haben glauben. Der berüchtigte Ort wird auch von den Vertretern der Aristokratie besucht. Der Fürst (Iain McNeil, Bariton) und sein Sohn Juri (Alexander Mikhailov, Tenor) sind Gäste dieses Etablissements und verlieben sich in dieses bezaubernde Wesen, die allerdings auch von allen anderen ob ihrer Gastfreundlichkeit und Weltoffenheit geliebt wird.

Hier treffen sich bereits unterschiedlichste Charaktere, die noch bereichert werden vom Popen und Bischof der Stadt Nischni Nowgorod, Mamyrow alias Kudma (Frederic Jost, Bass), ein Hasser aller Ungläubigen, zu denen er die Gesellschaft um die Wirtin zählt, sowie die Fürstin (Claudia Mahnke, Mezzosopran). Diese fünf Personen bestimmen Krieg und Frieden dieser Gesellschaft, lassen orthodoxe Kirche, autoritären Staat und Soldateska in reinster Form zutage treten und diese gespaltene Gesellschaft schlussendlich explodieren. Alle Protagonisten sterben, nur der Fürst überlebt. Tod und Wahn sind Zeichen einer untergegangenen Gesellschaft, deren Sinnspruch Homo homini Lupus est (ein überdimensionierter Wolf ziert die Bühne) ein scheinbar irritiertes Publikum zurücklässt, das dennoch ein Lachen nicht verkneifen kann.

vorne v.l.n.r. Magnús Baldvinsson (Kitschiga), Asmik Grigorian (Nastasja), Frederic Jost (Mamyrow) und Michael McCown (Paisi) sowie Ensemble

Neuinterpretation mit Ecken und Kanten

Warum das? Die Inszenierung von Vasily Barkhatov (*1983), der sich das Ziel einer Neuinterpretation dieser Oper gesetzt hat, versetzt die Handlung in die Jetztzeit. Aus der Kneipe wird ein stilisierter Versammlungsort mit eingebauter Galerie, Dosenbierbar und allerlei Queerer-Leute im Angebot (Christian Schmidt, Bühnenbild), die Kleidung ist schrill und könnte einer CSD-Demo abgeschaut sein (Kirsten Dephoff, Kostüme). Dagegen besteht das Domizil des Fürsten aus Plüsch, Ikonographie und zur Schau gestellter Sportlichkeit (Pokale und Medaillen), denn Juri ist Boxer und lebt dieses Metier vor allem durch Nahrungsergänzung aus riesigen Eimern. Auch der Vater als Boxsack darf da nicht fehlen (zwischendurch bekommt er einen Faustschlag oder Tritt ab).

Interessant auch der Bühnenwechsel. Bis zum dritten Akt fällt immer mal wieder der Vorhang mitten im Geschehen, um den Blick in die Gegenwelt zu öffnen. Im vierten Akt dann dreht sich die Bühne im schlafwandlerischem Hin und Her. Die Lichteffekte zwischen Neon und hell (freie Gesellschaft) und gediegen gedimmt, ganz traditionell, im aristokratischen Palast, ist durchaus angemessen, bekommt dann aber im Schlussakt einen märchenhaften, fast psychodelisch, verträumt-farbigen Charakter, trotz Mord und Todschlag (Olaf Winter, Licht). Sehr angenehm ist die Ausstattung der Hauptdarsteller. Sie kommen in durchaus normaler, ihrem Charakter entsprechender Kleidung und Ausstattung daher.

Asmik Grigorian (Nastasja) und Alexander Mikhailov (Prinz Juri)

Politische Akzente statt Generationenkonflikt

Allerdings dringt diese Inszenierung auf gesellschaftliche Bezüge und versucht dieser Aufführung einen politischen Akzent zu verleihen, was ihr, das sei vorweggenommen, nicht gelingt und auch nicht gelingen kann. Das wird vor allem am Ende des zweiten Aktes versucht, wo die Polizei Widerständler abgreift und auf Video ein brutaler Polizeieinsatz, irgendwo in einem osteuropäischen Land, abgespielt wird (Christian Borchers, Video). Das allerdings wirkt aufgesetzt, denn im eigentlichen Sinne geht es in dieser Szene vor allem darum, Juri als Retter des geschundenen Volkes herauszuheben. Er widersetzt sich offen der Willkür seines Vaters, indem er Partei für die Kneipen- oder Galeriegesellschaft ergreift, und zeigt sich halteben doch als ein Menschenfreund, der es Wert ist, von Nastasja geliebt zu werden. Juri ist durch und durch Romantiker und insofern meilenweit von den autokratischen Gepflogenheiten seiner Klasse entfernt, aber er handelt nie politisch, sondern ausschließlich nach seiner Gefühlslage, und die ist Mutter orientiert und gegen die Autorität des Vaters gerichtet. Er ist befangen im Generationenkonflikt vieler junger Männer und entkommt diesem Konflikt auch nicht über die Liebe zu Kuma.

Liebe ohne Zukunft

Dieses Opernsujet ist konzentriert auf die Person Nastasja alias Kuma. Um sie dreht sich alles. Und lässt man zu, dass sie eine Zauberin ist, die durch ihr wahrhaftiges Leben alle, Männer und Frauen, anzieht, dann werden auch die Liebesszenen und der Schlussalbtraum verständlich. Der Fürst liebt sie nicht wirklich. Er begehrt sie. „Ich kann mich nicht mehr beherrschen“, singt er in der ersten Liebesszene des 3. Aktes. Und Kuma antwortet: „Lieber sterbe ich, als mich zu ergeben“. In der zweiten Liebesszene des 3. Aktes will Juri sie zunächst töten, weil er als Mamasöhnchen die Ehre seiner Mutter retten will, die sich von ihrem Mann betrogen fühlt. Dann aber wendet sich das Geschehen abrupt. Nastasja bittet um Vergebung. Sie fordert Mitleid: „Habe Mitleid mit mir!“ singt sie voller Verzweiflung. Weswegen eigentlich? Nur weil sie freundlich zum Fürsten ist? Dann gesteht sie ihre Liebe zu ihrem Helden. Der aber antwortet nicht mit Gegenliebe, sondern tröstet sie lediglich: „Weine nicht mein Täubchen“. Ist das Liebe? Schließlich singen beide im Duett: „Ich vergesse alles bei dir, du bist mein Paradies.“  Liebe in der Oper ist anders, denke ich. Hier ist bereits das dramatische Ende angedeutet. Wer fliehen will, denn das beschließen beide im Taumel, lebt nicht mehr in dieser Welt.

Asmik Grigorian (Nastasja) und Iain MacNeil (Der Fürst)

Traumwelten mit schauerlich schönen Morden

Das Ganze wechselt jetzt, logischerweise in eine Art Traumwelt. Die Dinge vertauschen sich wie nur in Märchen möglich. Man ist fatalerweise an den Disney-Film Into the Woods von 2014 erinnert, wo drei Märchen miteinander verwoben werden. Hier vermischen sich unten und oben, Aristokratie- und Plebejer Welt, Volk und Herrscher. Nastasja hat gänzlich ihre Souveränität verloren. Sie wartet auf ihren Helden und Retter Juri, verabschiedet sich von ihren Freunden (Warum eigentlich?), gerät zunächst in die Fänge der Fürstin (die übrigens großartig und absolut glaubwürdig von Claudia Mahnke gesungen und gespielt wird), trinkt den Todestrunk (vom Popen und Giftmischer in einer Person und der bigotten Fürstin kongenial szenisch angerührt) und verstirbt. Lediglich begleitet von den Todestänzern mit Wolfsfratze (Gal Fefferman, Choreographie). Die Fürstin hat ihr Ziel erreicht (Rettung der Ehre der Familie). Die beiden Liebhaber, Fürst und Juri, fühlen sich auf ganzer Linie verraten. Juri von seiner Mutter und von Nastasja (er ersticht die Tote in einem verzweifelten Akt ein zweites Mal), der Fürst von seinem Sohn (der wirkliche Liebhaber von Kuma) und seiner Frau, die ihm sein geliebtes Prunkstück zerstört hat. Ende schlecht, alles schlecht. In einem gruseligen Akt tötet der Fürst Frau und Sohn, um dann dem Wahnsinn zu verfallen.

Tatsächlich sitzt der Fürst mit den drei Leichen in seinem Salon und beschimpft lamentierend sein Schicksal und seine Ohnmacht. Der Selbstmord durch einen Pistolenschuss misslingt, weil die Waffe nicht geladen ist. Unter abwegig-filmreifen Klängen des wirklichen bestens vorbereiteten Orchesters (Valentin Uryupin, musikalische Leitung), fällt der Vorhang und man weiß nicht, ob man weinen oder lachen soll. Doch. Man lacht. Denn das Schlussmärchen war so schauerlich schön, dass selbst Kinder ihren Spaß gehabt hätten.

v.l.n.r. Claudia Mahnke (Die Fürstin) und Zanda Švēde (Nenila)

Zu viel Experiment

Musikalisch ein Leckerbissen, steckten dennoch zu viele Szenen noch in einem Experimentierstadium. So der unbedingte Wille, auf politische und gesellschaftliche Aktualität und das möglichst auf Russland bezogen, zu insinuieren, was man dem Regisseur zwar nicht verdenken kann, aber der Oper absolut nicht gerecht wurde. Sie ist und bleibt eine Psycho-Drama zwischen einer Frau aus der Unterschicht und einer Familie der Oberschicht, zwei gespaltene Gesellschaften, die nicht zusammenkommen wollen und können. Tschaikowsky hat dieses Sujet nicht umsonst ausgewählt, war er doch als homosexuell orientierter Mensch immer ein Außenseiter und insofern für diese Thematik prädestiniert. Heute ist diese Oper unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen durchaus noch spannend, wenn man die Thematik vom bäuerlichen Mädchen, naturnah und rein, auf eine emanzipierte, selbstbewusste Frau der bürgerlichen Gesellschaft transformiert. Dann aber bitte konzentriert und nicht verzettelt auf Kunst-, Polizei- und Popen Problematik.

Alexander Mikhailov (Prinz Juri) und Asmik Grigorian (Nastasja)

Großartige Besetzung,

Die Akteure waren wieder einmal eine Sonderklasse für sich, vor allem auch wegen der vielen Rollendebüts bei dieser doch sehr selten aufgeführten Oper. Herauszuheben ist natürlich die unvergleichbare Asmik Grigorian, die alles aber auch alles verkörperte, was diese Rolle verlangt. Ihre Stimme ist ein Zauber aus einer anderen Welt. Mit ihr lebte die Oper von Anfang bis Ende. Iain MacNeil als Fürst spielte und sang in perfekter Manier. Er verstand es prächtig zwischen Interesse, Empathie und autoritärer Macht zu changieren. Dazu muss man auch Claudia Mahnke zählen. Sie überzeugte, wie oben bereits erwähnt, als Fürstin und bigotte Gläubige auf ganzer Linie. Ihre Ariosi und Wutausbrüche mit einer zischenden Mezzo Stimme gaben dem Geschehen ein gnadenloses Feuer. Wenn sie auftrat, musste selbst der verschlagene Pope Mamyrow zurückstecken. Der wiederum, gesungen von Frederic Jost, glänzte mit seinem gutturalen Bassbariton sowohl als Geistlicher wie auch als obskurer Giftmischer aus dem tiefen Walde. Auch er eine lebendige Figur dieser Oper. Dann Alexander Mikhailov als Juri, der Prinz der Fürstenfamilie und typischer Sohn einer heutigen bürgerlichen Kleinfamilie (man denke an The last Generation). Er konnte leider nicht wirklich überzeugen. Seine Stimme war dünn fast piepsig, kaum zu hören. Immerhin verwunderte es deshalb, weil er schon mit wesentlich kräftigerer und klarer Stimme zu hören war. Vielleicht hatte sich ja Zsolt Horpácsy (Dramaturg) geirrt, als er den Fürsten entschuldigte, der unter einer Erkältung zu leiden habe, aber eigentlich Mikhailov in der Rolle als Juri meinte?

 

Asmik Grigorian (Nastasja)

Konzentration auf große Emotion und extreme Gefühlsausbrüche

Alle anderen Sängerinnen und Sänger waren wie immer solide in Auftritt und Rollenspiel. Auch hier hat der Chor wieder ganze Arbeit geleistet (Tilman Michael, Chorleitung) und vor allem zu Anfang mit herrlichen folkloristischen Liedern und am Schluss mit einem abgrundtiefen Horrorchoral aus dem Off seine Qualität unter Beweis gestellt.

Ob diese Oper, angeblich gibt es dazu mehrere Ausgaben und eine endgültige kritische Ausgabe ist erst gegen Ende des kommenden Jahres von Breitkopf&Härtel geplant, ob diese Oper sich an den großen Häuser etablieren kann, ist nach dieser Premiere nicht wirklich mit Ja zu beantworten. Die Oper ist und bleibt eine Kulisse für große Emotion und extreme Gefühlausbrüche. Darauf sollte man sich einigen. Dann ist sie musikalisch, gesanglich und theatralisch ein echter Hinhörer und Hingucker.           

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