Donnerstag, 8. Dezember 2022

Fieberphantasie (1999) von Jörg Widmann, im Rahmen 2 x Hören: Widmann, Alte Oper Frankfurt, 07.12.2022

v.l.n.r.: Federico Ceppetelli, Miria Sailer, Jaroslav Novosyolov, Drew Gilchrist, Xizi Wang,
Clara Franz, Miho Kawai
(Foto: AO, Wonge Bergmann)

„Doppelt hört besser“

„Doppelt hört besser“, lautet das Motto dieser Reihe, ein Steckenpferd des Intendanten der Alten Oper Frankfurt, Dr. Markus Fein, eine Veranstaltungsreihe der Körber Stiftung, die er bereits seit 2005 begleitet und moderiert. Eine Idee, die viel Ähnlichkeit mit der seit 1993 existierenden Reihe der Happy New Ears Veranstaltungen aufweist, und die sich mittlerweile größter Beliebtheit erfreut.

2 x hören der Widmannschen Fieberphantasie mit einem zwischengeschalteten Werkstattgespräch, versprach einen spannenden, erkenntnisreichen Musikabend. Zunächst betraten sechs Musikerinnen und Musiker der IEMA (Internationales Ensemble Modern Akademie) die Bühne des gut besetzten Mozartsaals, ein Streichquartett mit Federico Ceppetelli (1. Violine), Miria Sailer (2. Violine), Miho Kawai (Viola) und Clara Franz (Violoncello), dazu noch Jaroslav Novosyolov (Piano) sowie Drew Gilchrist (Klarinette). Auch eine Dirigentin, Xizi Wang, durfte sich an dem Werk probieren, obwohl bei dieser Besetzung eigentlich überflüssig.


Ein Hammer an musikalischen Petitessen

Wie erwartet ist das etwa 17-minütige Werk ein Hammer an musikalischen Petitessen. Es beschreibt eine Fieberkurve der Extreme, Unruhe ohne Ende sowie ein Oszillograph der Hyperausschläge. Jörg Widmann selbst bezieht sich in dieser Musik auf Robert Schumann, einem seiner Lieblingskomponisten, dessen musikalischer Gestus er als Ausschlag einer Fieberkurve beschreibt: „nervös, flackernd, fiebrig, unendlich viele kleinere und größere Wellenberge und Wellentäler innerhalb des großen Linienzugs.“

v.l.n.r.: Xizi Wang, Federico Ceppetelli, Miria Sailer, Jaroslav Novosyolov, Drew Gilchrist, 
Jörg Widmann, Dr. Markus Fein, Clara Franz, Miho Kawai
(Foto: AO, Wonge Bergmann)

Ein Entertainer findet seinen Komponisten

Bereits als 26-jähriger junger Mann schrieb er die Partitur und meinte während des Gesprächs mit Intendant Markus Fein, dass es das erste Werk seines Oeuvres gewesen sei, in dem er seine eigene Stimme gefunden habe. Alles was später angelegt wurde, sei auf diese Komposition zurückzuführen. Es folgte nach der ersten Präsentation des Sextetts ein langes, fast einstündiges Gespräch zwischen Widmann und Fein, in dem nicht immer klar war, wer jetzt der Komponist und wer der Interviewer war. Fein erwies sich als begnadeter Entertainer, der dominant durch sein Programm führte, dabei die Instrumentalisten mit einbezog: „Wie empfindet ihr das Stück persönlich? „Welche Schwierigkeiten sind aufgetreten? Und es verstand, das Spiel der einzelnen Instrumente, hier Cello und Klavier, quasi hautnah auf eine riesige Leinwand zu projizieren. Dazu zitierte er noch Schubert, Tolstoi und Baudelaire und präsentierte eigene musikalische Beispiele.


„Der Weg entsteht im Gehen“

Jörg Widmann selbst war mitunter begeistert von der Allgewalt des Alte Oper Intendanten, konzentrierte sich aber alsbald auf seine Sicht der Dinge. Über der Aussage von Luigi Nono: „Der Weg entsteht im Gehen“, beschrieb er zunächst die Exposition der Fieberkurven-Fantasie: Es musste ein plötzlicher Stoß mitten ins Geschehen sein, ein Ikarus-Aufstieg in ungeahnte Höhen, ein Insektengeheule der Streicher, um dann in permanenter Unruhe des Pianos fortzufahren. Ein Feuerzeug als Medium der Klangerzeugung spielte beim Einstieg des Klavierparts eine Hauptrolle. Ein treibendes Anreißen der C-, F-, E- und Dis-Saite wirkte wie ein hämmernder Puls. Es stellte sich heraus, dass diese Passage hauptsächlich durch genaue sprachliche Angaben des Komponisten zu bewältigen war. Wie überhaupt das herkömmliche Notensystem für dieses Werk kaum noch ausreichend scheint. Widmann meinte denn auch, dass die detaillierten Spielanweisungen für dieses Werk wichtiger seien als die Tonhöhen.

v.l.n.r.: Drew Gilchrist, Jaroslav Novosyolov, Jörg Widmann, Dr. Markus Fein (Foto: AO, Wonge Bergmann)


Die Klarinette führt zum Höhepunkt der Halluzination

Die Bassklarinette setzt erst ein, wenn die Hälfte der Spielzeit vorüber ist. Überhaupt ist die Klarinette (später B-Klarinette) der Motor zum Höhepunkt der „Halluzination“ (Widmann). Immer deutlicher werden die Eingangstöne zur Ersten Violinsonate a-Moll op.105 von Robert Schumann, eine Folge der Töne C-F-E-Dis. Die Fieberkurve endet in einer „akustischen Täuschung“, in a-Moll, um dann – Widmann vergleicht es mit dem Zustand am Ende eine Fieberphantasie: „Man fühlt sich wie gegen eine Wand gelaufen und steht steif im Bett“ – über einer Coda zur Exposition zurückzukehren, zu den dramatischen Tremoli bis zu den Ikarus-Höhen mit finalem Absturz.


Ein tieferes Hör-Erlebnis

Die zweite Wiederholung von Fieberphantasie geriet tatsächlich zu einem tieferen Hör-Erlebnis, denn das Sextett hatte jetzt alle Hemmung abgelegt und spielte das spannungsgeladene, berührende (Miria Sailer), aus dem Nichts alles zu Gebende (Clara Franz), irgendwie vertraute (Federico Ceppetelli) Stück noch einmal für ein besser eingestelltes Publikum, und das mit unglaublicher Intensität, höchster Begeisterung und größter Empathie. Großes Lob an die Akteure.   

  

 

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