Fieberphantasie (1999) von Jörg Widmann, im Rahmen 2 x Hören: Widmann, Alte Oper Frankfurt, 07.12.2022
![]() |
| v.l.n.r.: Federico Ceppetelli, Miria Sailer, Jaroslav Novosyolov, Drew Gilchrist, Xizi Wang, Clara Franz, Miho Kawai (Foto: AO, Wonge Bergmann) |
„Doppelt hört besser“
„Doppelt hört besser“, lautet das Motto dieser Reihe, ein
Steckenpferd des Intendanten der Alten Oper Frankfurt, Dr. Markus Fein, eine Veranstaltungsreihe
der Körber Stiftung, die er bereits seit 2005 begleitet und moderiert. Eine Idee,
die viel Ähnlichkeit mit der seit 1993 existierenden Reihe der Happy New
Ears Veranstaltungen aufweist, und die sich mittlerweile größter Beliebtheit
erfreut.
2 x hören der Widmannschen Fieberphantasie mit einem zwischengeschalteten Werkstattgespräch, versprach einen spannenden, erkenntnisreichen Musikabend. Zunächst betraten sechs Musikerinnen und Musiker der IEMA (Internationales Ensemble Modern Akademie) die Bühne des gut besetzten Mozartsaals, ein Streichquartett mit Federico Ceppetelli (1. Violine), Miria Sailer (2. Violine), Miho Kawai (Viola) und Clara Franz (Violoncello), dazu noch Jaroslav Novosyolov (Piano) sowie Drew Gilchrist (Klarinette). Auch eine Dirigentin, Xizi Wang, durfte sich an dem Werk probieren, obwohl bei dieser Besetzung eigentlich überflüssig.
Ein Hammer an musikalischen Petitessen
Wie erwartet ist das etwa 17-minütige Werk ein Hammer an
musikalischen Petitessen. Es beschreibt eine Fieberkurve der Extreme, Unruhe
ohne Ende sowie ein Oszillograph der Hyperausschläge. Jörg Widmann selbst bezieht
sich in dieser Musik auf Robert Schumann, einem seiner Lieblingskomponisten,
dessen musikalischer Gestus er als Ausschlag einer Fieberkurve beschreibt: „nervös,
flackernd, fiebrig, unendlich viele kleinere und größere Wellenberge und Wellentäler
innerhalb des großen Linienzugs.“
![]() |
| v.l.n.r.: Xizi Wang, Federico Ceppetelli, Miria Sailer, Jaroslav Novosyolov, Drew Gilchrist, Jörg Widmann, Dr. Markus Fein, Clara Franz, Miho Kawai (Foto: AO, Wonge Bergmann) |
Ein Entertainer findet seinen Komponisten
Bereits als 26-jähriger junger Mann schrieb er die Partitur
und meinte während des Gesprächs mit Intendant Markus Fein, dass es das erste
Werk seines Oeuvres gewesen sei, in dem er seine eigene Stimme gefunden habe. Alles
was später angelegt wurde, sei auf diese Komposition zurückzuführen. Es folgte
nach der ersten Präsentation des Sextetts ein langes, fast einstündiges
Gespräch zwischen Widmann und Fein, in dem nicht immer klar war, wer jetzt der
Komponist und wer der Interviewer war. Fein erwies sich als begnadeter
Entertainer, der dominant durch sein Programm führte, dabei die
Instrumentalisten mit einbezog: „Wie empfindet ihr das Stück persönlich? „Welche
Schwierigkeiten sind aufgetreten? Und es verstand, das Spiel der einzelnen
Instrumente, hier Cello und Klavier, quasi hautnah auf eine riesige Leinwand zu
projizieren. Dazu zitierte er noch Schubert, Tolstoi und Baudelaire und
präsentierte eigene musikalische Beispiele.
„Der Weg entsteht im Gehen“
Jörg Widmann selbst war mitunter begeistert von der
Allgewalt des Alte Oper Intendanten, konzentrierte sich aber alsbald auf seine
Sicht der Dinge. Über der Aussage von Luigi Nono: „Der Weg entsteht im Gehen“,
beschrieb er zunächst die Exposition der Fieberkurven-Fantasie: Es musste ein
plötzlicher Stoß mitten ins Geschehen sein, ein Ikarus-Aufstieg in ungeahnte
Höhen, ein Insektengeheule der Streicher, um dann in permanenter Unruhe des
Pianos fortzufahren. Ein Feuerzeug als Medium der Klangerzeugung spielte beim
Einstieg des Klavierparts eine Hauptrolle. Ein treibendes Anreißen der C-, F-,
E- und Dis-Saite wirkte wie ein hämmernder Puls. Es stellte sich heraus, dass
diese Passage hauptsächlich durch genaue sprachliche Angaben des Komponisten zu
bewältigen war. Wie überhaupt das herkömmliche Notensystem für dieses Werk kaum
noch ausreichend scheint. Widmann meinte denn auch, dass die detaillierten
Spielanweisungen für dieses Werk wichtiger seien als die Tonhöhen.
![]() |
| v.l.n.r.: Drew Gilchrist, Jaroslav Novosyolov, Jörg Widmann, Dr. Markus Fein (Foto: AO, Wonge Bergmann) |
Die Klarinette führt zum Höhepunkt der Halluzination
Die Bassklarinette setzt erst ein, wenn die Hälfte der
Spielzeit vorüber ist. Überhaupt ist die Klarinette (später B-Klarinette) der
Motor zum Höhepunkt der „Halluzination“ (Widmann). Immer deutlicher werden die
Eingangstöne zur Ersten Violinsonate a-Moll op.105 von Robert Schumann, eine
Folge der Töne C-F-E-Dis. Die Fieberkurve endet in einer „akustischen Täuschung“,
in a-Moll, um dann – Widmann vergleicht es mit dem Zustand am Ende eine
Fieberphantasie: „Man fühlt sich wie gegen eine Wand gelaufen und steht steif
im Bett“ – über einer Coda zur Exposition zurückzukehren, zu den dramatischen
Tremoli bis zu den Ikarus-Höhen mit finalem Absturz.
Ein tieferes Hör-Erlebnis
Die zweite Wiederholung von Fieberphantasie geriet
tatsächlich zu einem tieferen Hör-Erlebnis, denn das Sextett hatte jetzt alle
Hemmung abgelegt und spielte das spannungsgeladene, berührende (Miria Sailer),
aus dem Nichts alles zu Gebende (Clara Franz), irgendwie vertraute (Federico
Ceppetelli) Stück noch einmal für ein besser eingestelltes Publikum, und
das mit unglaublicher Intensität, höchster Begeisterung und größter Empathie.
Großes Lob an die Akteure.

.jpg)
.jpg)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen