Weihnachtsoratorium I – III, Johann Sebastian Bach mit der Frankfurter Singakademie und dem Philharmonischen Orchester Gießen (Leitung: Jan Hoffmann), Alte Oper Frankfurt, 11.12.2022 (Veranstalter: Frankfurter Museumsgesellschaft e.V.)
![]() |
| Foto: Frankfurter Singakademie |
Ein
würdiger Abschluss des Jubiläumsjahrs
Nein, kein
kleines überschaubares Ensemble und ein Kammerchor nebst Gesangssolisten traten
da auf die Bühne des Großen Saals der Alten Oper Frankfurt. Nein, es waren ein
ausgewachsenes Orchester und ein mehr als einhundert Sängerinnen und Sänger
umfassender Chor, die die Bühne bevölkerten. Ein ungewöhnlicher Rahmen, aber
ein angemessener für die wohl wichtigste Erzählung des Christentums, die
Weihnachtsgeschichte, die evangelistisch dokumentierte Freude über die Geburt
Christi. Gleichzeitig feierte die Frankfurter Singakademie ihr hundertjähriges Bestehen und schloss mit diesem konzertanten Höhepunkt das
Jubiläumsjahr in vorweggenommener würdigster Form ab.
Die vier Gesangssolisten stellten Stefanie Schäfer (Sopran, als Ersatz für die erkrankte Annika Gerhards), Jana Marković (Alt), Johannes Strauß (Tenor) sowie Simon Bailey (Bass, als Ersatz für den erkrankten Clarke Ruth).
![]() |
| Foto: Frankfurter Singakademie |
Von der
Vergessenheit zur größten Beliebtheit
Bekanntlich besteht das Bachsche (1685-1750) Weihnachtsoratorium BWV 248 (1734/35) aus sechs Teilen und war vom Komponisten ursprünglich als Wanderoratorium in verschiedenen Kirchen zwischen dem ersten Weihnachtstag und Epiphanias, dem Erscheinungstag Christi am 06.01. des folgenden Jahres, gedacht. Möglicherweise ist dies einer der Gründe, warum das monumentale Werk über hundert Jahre nach der Uraufführung in Vergessenheit geriet, und erstmal am 17.12. 1857 von der gleichnamigen Singakademie Berlin wiederentdeckt und in der Neuen-Wache-Berlin aufgeführt wurde. Erst aber nach dem 2. Weltkrieg gewann das Oratorium größte Beliebtheit und gehört seitdem quasi zum Pflichtprogramm eines jeden Chores und Orchesters.
Die Form der Aufführung allerdings ist äußerst vielgestaltig. Mal in kleinster (Solisten singen auch den Chor-Part mit kleinster kammermusikalischer Besetzung), mal in größter Besetzung (wie aktuell in der Alten Oper Frankfurt), mal die ersten drei Kantaten (wie hier), mal ergänzt durch die sechste, mal alle sechs hintereinander. Die Gründe dafür sind vielfältig. Allerdings ist die Entscheidung für die Kantaten I – III dadurch begründet, dass die Geburt Christi vollzogen ist, was dem letzten Weihnachtsfeiertag entspricht, dazu ein geschlossenes Finale bietet und mit etwa 90 Minuten Dauer das Publikum in keiner Weise überfordert. Die folgenden drei Kantaten loben den Herrn und enden mit Epiphanias, der Erscheinung Gottes vor den Menschen. Gesamtdauer des Weihnachtsoratoriums: zwei-dreiviertel Stunden.
Ein Dramma
per musica
Kommen wir zur Aufführung. Gleich die Eingangssinfonie, das Exordium, ließ den riesigen Chor jubeln: „Jauchzet frohlocket, auf preiset die Tage …“ und das gesamte Orchester unterstützte mit Pauken und Trompeten das Dramma per musica der ursprünglichen Glückwunsch-Kantate an das sächsische Königshaus (BWV 214). Bach hatte bekanntlich kein Problem damit, andere seiner oder auch fremder Kompositionen zu parodieren, was auch für einige Arien und mehrere Chorpartien zutrifft. Auch textlich hält er sich nicht ausschließlich an die Evangelien, sondern verwendet Texte von Paul Gerhardt (1607-1676, allein vier der Chöre stammen von ihm), Dichtungen von Johann Rist (1607-1667, „Brich an, oh schönes Morgenlicht“, Choral Nr. 12) sowie diverse Schriften von Martin Luther (1483-1546). Alles in allem ein Wechsel von Chören (sie repräsentieren das Volk), Solopartien (der Tenor ist gleichzeitig der Evangelien Erzähler, der Sopran mimt die Engelscharen, Bass und Alt repräsentieren Hirten wie Entscheidungsträger) und Orchestereinlagen (Höhepunkt die Pastorale zu Beginn des zweiten Teils).
Im Ganzen ein absolut geschlossenes Werk, das, überwiegend in fröhlichem D-Dur gehalten, in der Conclusio des dritten Teils den Eingangschor: „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen …“ (24) wiederholt und somit dem Kantatenzyklus ein geschlossenes Ende verleiht. Interessant auch hier das parodistische Verfahren, denn dieser Jubelgesang mit Pauken-und-Trompeten-Rhetorik stammt aus der bereits genannten Glückwunsch-Kantate. Sein ursprünglicher Text lautet sinnigerweise: „Blühet, ihr Linden in Sachsen, wie Zedern …“.
![]() |
| Foto: Frankfurter Singakademie (Archivfoto) |
Himmlischer Trost in der Adventszeit
Eine beeindruckende Vorstellung. Der gewaltige Chor nahm sukzessive immer mehr Fahrt auf und erreichte mit der Conclusio nahezu himmlische Höhen. Großes Lob an dieser Stelle an den musikalischen Leiter Jan Hoffmann, der die Frankfurter Singakademie seit 2015 leitet und sich weit über diesen Chor hinaus bereits etliche Meriten verdient hat. So ist er unter anderem auch seit 2015 stellvertretender Generalmusikdirektor in Gießen und leitet das Gießener Philharmonische Orchester, das unter seinem Dirigat absolut überzeugen konnte.
Den vier
Solisten gehört uneingeschränkt großer Respekt. Alle passten stimmlich bestens
zu ihren Gesangsrollen: Die Erzählungen der Evangelien von Johannes Strauß
(Tenor) mit heller, klarer Stimme vorgetragen und bester Artikulation; Jana
Marković (Alt) und Simon Bailey (Bass) als Vertreter
der Hirten, sie mit guter Artikulation und angenehmen Vibrato und er, ein opernerfahrener
Sänger mit ungeheurer Kraft und Ausstrahlung, dazu ein echter Bass Bariton; und,
last but not least, Stefanie Schäfer, die Vertreterin der Engel, mit sphärischem Sopran und fragiler Ausstrahlung.
Ein herrliches
Quartett, das es verstand, dem Jubiläumsfest der Singakademie eine goldene
Krone aufzusetzen. Das Publikum goutierte es mit langanhaltendem Beifall. Ein himmlischer
Trost in der Adventszeit und ein Kraftzentrum für hoffnungsvolle Tage und Wochen.

.jpg)
.jpg)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen