Fokus Jörg Widmann und das Ensemble Modern (EM) in der Alten Oper Frankfurt, 17.12.2022

Jörg Widmann (Foto: Marco Borggreve/EM)
Ein
Seiltanz zwischen Tradition und Moderne
Bereits am
07. Dezember stellte Jörg Widmann (*1973) im Rahmen 2 x Hören sein im
Jahre 1999 entstandenes Werk Fieberphantasie vor und bestätigte in einem
Werkstattgespräch seine tiefe musikalische und kompositorische Verbundenheit
mit Robert Schumann (siehe den Artikel im Blog vom 08.12.22). Natürlich ist der
weltbekannte Klarinettist, Komponist und Dirigent nicht auf Robert Schumann
geeicht. Aber eines zeichnet ihn doch aus, nämlich seine tiefe Verwurzelung in
der Musik der Romantik wie auch sein kreativer Seiltanz zwischen Tradition und Moderne:
„Keine Avantgarde befindet sich im geschichtslosen Raum“, lautet sein Credo. Er,
fährt er fort, fühle sich manchmal während des Komponierens wie in einem
Dickicht schwarz beschriebener Notenseiten. Auf der Suche nach der Lichtung
gelinge es ihm mitunter aber, zu einem Moment zu gelangen, wo er sagen kann: „Hier
war noch niemand.“
Teufel
Amor in Aktion
Gemeinsam mit
dem Ensemble Modern beendete Jörg Widmann zumindest in Frankfurt seine
diesjährigen Fokus Auftritte mit Liebeslied (2010), eine „programmatische
Entscheidung für das treue Publikum“, wie Manager und Geschäftsführer des EM, Christian
Fausch, in einer kurzen Eingangsrede hervorhob, Quintett (2006), Tartaros
(2022 Uraufführung) sowie Freie Stücke (2002). Dazwischen eingeschoben
sind noch Volta (2022) von Guillem Palomar (*1997) und Sleeping
Patterns (2022) von Juste Janulyte (*1982), beides
Auftragskompositionen des EM sowie beide Kompositionsschüler Widmanns, der an
diesem Abend das Dirigentenpult besetzte.
Liebeslied wird Widmann zufolge wesentlich von Friedrich
Schillers Hymnus Teufel Amor getragen. „Süßer Amor, verweile/ im
melodischen Flug.“ Ein Paradoxon, das Raum und Zeit auf den Kopf stellt.
Widmann dazu: „Eine Bewegung als Zustand, auch ein Zustand als Bewegung.“ Oder
im Klartext: Liebe ist sowohl Himmel als auch Hölle, Lust wie Leid, oder auch
Paradies wie Schlangengrube.
Dem Hörer
präsentierte sich das 10-minütige Instrumentalstück für Ensemble (acht Instrumentalisten)
als starker Aufruhr mit langen dissonanten Tonfolgen der Holzbläser, heftigen
Pauken- und Tamtam-Schlägen und atonalen äußerst expressiven Passagen. Man war oft
Arnold Schoenbergs Frühwerk erinnert, z. B. an seine Kammersinfonie für 15
Soloinstrumente op. 9 von 1906, wie auch an seine frühen Klavierstücke op.11
und op.19 sowie an seine diversen Liedkompositionen, die er zwischen 1900 und
1910 verfasste. Alles Vorläufer seiner viel später entwickelten Dodekaphonie.
Widmann hat
hier dem Teufel Amor erst am Schluss ein Schnippchen geschlagen. Es endet fast
im Stil der Lieder ohne Worte von Mendelssohn Bartholdy, in harmonischer
Eintracht und positiver Sicht auf den Höhenflug Amors.
Volta vom katalanischen Grenzgänger, Guillem Palomar, als Abweichung vom Üblichen verstanden, orientiert sich an der Rhetorik und den Formen des Barock. Sein geistiger Leitfaden bildet „die Suche nach dem Fremden im Eigenen und nach dem Eigenen im Fremden“. Das Auftragswerk des EM ist fünfteilig und für Bassklarinette, Kontrabass, Klavier und Perkussion gedacht. Das Quartett sitzt weit auseinander, um die Echos und Dialoge besser heraushören zu können. Punktuell, gleichsam seriell folgen die Töne aufeinander, zirkulieren kreisförmig, scheinen sich im Ricercar fugenartig zu verschränken und finden im Abgesang des Schlusssatzes zurück zur friedlichen Harmonie. Viel Ähnlichkeit mit Widmann Kompositionsstil ist erkennbar, aber auch der Mut, sich beim Verlassen der Komfortzone verirren zu können.

Guillem Palomar (Foto: Guillem Palomar)
Mozart
versus Widmann
Quintett für Oboe, Klarinette, Horn, Fagott
und Klavier (2006) betrachtet Widmann, eigenen Aussagen zufolge, als
Hommage an Wolfgang Amadeus Mozart. Dessen Bläserquintett KV 452, bei dem er
selbst oft mitspielen durfte, ist für ihn „das Stück der Stücke“, das er wegen
seiner Qualität zur Grundlage seiner eigenen Komposition genommen hat.
Allerdings sprengt er alle Ketten, denn in Form und Gestaltung haben beide
Werke wenig Gemeinsamkeit. Oder vielleicht doch? Immerhin stehen dem viersätzigen
Mozart Quintett ein 18-teiliges Eigenmodell entgegen. Dazu poetische und prosaische
Bezeichnungen der Miniaturen entgegen der klassischen Satzbezeichnung
Largo-Allegro, Larghetto und Allegretto bei Mozart. Im Detail erinnert dieses
Stück eher an die Atonalität der zweiten Wiener Schule. Dennoch lässt sich in
der Aufgeregtheit von: falsche Fährte (4), starken fünfstimmigen Choralpartien
(5, 14), im verwunschenen Garten (1, 17), aber vor allem auch im: Verlorener
Walzer (13), mit Humor (14), Liedchen (16) und dem
abschließenden Flugtraum (18) Widmanns Liebe zur Romantik und ihren
Vertretern deutlich heraushören. Ein bisschen Mozart schon, aber auch viel
Schumann und Schubert und vor allem im Flugtraum der berühmt berüchtigte
Tristan Akkord. Richard Wagner lässt grüßen.
Ein
spannendes unglaublich intensives Werk mit kleinen kreativen Petitessen,
humorvollen Sprengeln, starken Farben und nicht zuletzt der Tradition verpflichtet,
das Alte mit dem Neuen zu amalgamieren. Widmann selbst legt den Schwerpunkt auf
die kontrapunktischen Studien (3, 9, 12) und meint, seine Phobie vor dieser
Technik damit abgelegt zu haben. Mag sein, aber es war sehr schwer, dies
herauszuhören.
Aus dem
Labyrinth in die Hölle
Die Reihe Labyrinth
gehört zum „Lebensthema“ des Komponisten. Labyrinth VII für 13 Instrumente
erfuhr an diesem Abend seine Uraufführung. Widmann titelt es Tartaros
und spricht in einem kurzen Gespräch mit Jaan Bossier (Klarinettist) von
seiner Absicht, nachdem er das Paradies erfahren hat, mal herauszufinden, wie
es in den tiefsten Tiefen der Hölle so klingt. In den schweren Coronazeiten sei
ihm die Idee dazu gekommen. „Stellen sie sich einfach den Sisyphos als
glücklichen Menschen vor“, meint er mit einem hintergründigen Lächeln auf den
Lippen. Er jedenfalls habe „höllischen Spaß bei der Einstudierung dieses
labyrinthischen Spiels“ gehabt.
Das Stück selbst war ein Ausbund an Explosion, prasselndem Feuer, unbändigem Krach und dem ewigen aggressiven Rufen der Trompete und Posaune. Ein Fanfarengeheul in der Nähe von Katzenmusik und Beethovenscher Schicksalsmotivik: Drei Achtels mit Terzsprung in den Abgrund. Es stürzte in die absolute Haltlosigkeit, eine Apokalypse die alles, aber auch alles heftig durchrüttelte. Soll das die musikalische Antwort auf die unseligen drei vergangenen Jahre des menschlichen und sozialen Verlustes sein?
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Jörg Widmann (Foto: Marco Borggreve)
Hirnwellenmusik
Der Sound
des Schlafes, oder Sleeping Patterns für 16 Instrumente (2022) von Juste
Janulyte sollte die Gemüter wieder beruhigen. Die gebürtige Litauerin liebt
das Komponieren, weil es ihr erlaubt, „die utopischsten Ideen umzusetzen“. Auch
sie komponierte, wie gesagt, ihr Werk im Auftrag des EM wie auch sie in enger
Verbundenheit mit Jörg Widmann steht. Dennoch bildete diese Erstaufführung einen
starken Kontrast zu den anderen Kompositionen. Monochrome-Klangwelten,
Minimalismus, Spektralismus und Elektronik sind ihre Werkzeuge, wobei sie sich
sowohl an dem minimalistischen-Trio Morton Feldman, Philip Glass und Steve
Reich anlehnt, als auch an die Spektralisten Gerard Grisey, Michaël Levinas und Tristan Murail.
Sleeping Patterns besteht aus sieben leicht unterschiedlichen Tempi pulsierender Klänge und werden durch das Zusammenspiel von Mikrogruppen wie Streicher- Holzbläser- oder Blechbläsertrios gestaltet. Die Komponistin bezieht sich dabei auf oszillierenden Hirnwellenaufzeichnungen während verschiedener Schlafphasen. Ein höchst meditatives Werk, in dem allein der Dirigent durch sehr engagierte Bewegungen und elegantes Fingerspiel die tiefe Ruhe zu durchbrechen vermochte. Gute Auswahl im Programm, aber nicht unbedingt Neues in der aktuellen Musikwelt.

Juste Janulyte (Foto: Gedmantas Kropis)
Der
befreite Geist erkennt das Notwendige
Der befreite
Geist wurde im abschließenden Frühwerk Freie Stücke ein weiteres Mal herausgefordert.
Widmann sucht hier, gemeinsam mit allen 18 Ensemblemitgliedern nach dem Gesetz
der Freiheit. Auch hier wieder in 10 Piecen mit extrem unterschiedlichen
Charakteren und Klangbildern. Zu Anfang nebulös, diffus, im weiteren Verlauf
mit wandernden Glissandi und heftigen Geräuschfeldern bestückt. Immer
unterbrochen durch pointierte Fermaten.
Widmann
liebt das Expressive, liebt Gefühlswallungen von Himmelhochjauchzend zu Tode
betrübt. Gewaltige Wellen und weitgefächerte Flächen, heftige Dissonanzen und extreme
Dynamiken sind Teil seines Metiers. Ähnlich dem Tartaros führt er auch
hier wieder in die Hölle, lässt die Musiker an ihre physischen Grenzen stoßen,
schießt Pfeile überall hin, lässt Reißen und Zerren an allen Instrumenten,
wobei ihm die Synkopen des Jazz zusätzlich zu Hilfe kommen. Widmann wäre nicht
Widmann, wenn nicht die Romantik und die Harmonie wieder einkehre. Oboe, Flöte
und Piccolo versetzen den Hörer in den letzten Minuten in ätherische Gefilde
und lassen mit Glockenklängen der Celesta die chaotische Freiheit wieder zur
Notwendigkeit werden.
Der Focus
im Focus
Das ganze
Spektrum seines kompositorischen und dirigistischen Könnens hat Jörg Widmann an
diesem Konzertabend vorgestellt und gezeigt, dass er zurzeit zu den auffälligsten
Künstlern, vermutlich weltweit, gehört. Zumindest in Frankfurt hat er absolut
überzeugt und seinem Ruf alle Ehre bereitet. Das spärlich erschienene Publikum
(Corona bedingt sollte der Mozart Saal nur halb gefüllt werden. Wer hat sich
diesen Unsinn wieder einmal ausgedacht?) goutierte alle Akteure mit herzlichem Applaus.
Wieder einmal hat das EM seine ungeheure Vielgestaltigkeit unter Beweis
gestellt. Ohne seine musikalische Qualität wäre so manches Werk ein Ladenhüter,
was für dieses Abendprogramm allerdings in keiner Weise zutrifft.

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