„Frankforder Weihnachde“ mit Michael Quast, Ricarda Klingelhöfer und Johannes Schubert (Zither), Volksbühne Frankfurt, 22.12.2022
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| Michael Quast (Foto: Sarah Groß) |
Weihnachten einmal anders
„Weihnachten wie es wirklich war“, versprechen Michael Quast und seine Mitstreiterin Ricarda Klingelhöfer für diesen Abend. 'Die Hirten wackeln mit den Ohren, Maria liegt in der Krippe, die Sterne jubeln, die Drei Könige kommen auf Eseln geritten, Josef betet zu den Sternen' – Oder so? Endlich bekommen die Beiden doch noch die Kurve: „Ja, so war´s!“, seufzen sie sichtbar zufrieden. Ein Zitherspiel mit einem Weihnachtslied aus dem Erzgebirge, gemütvoll interpretiert von Johannes Schubert – nicht verwandt und verschwägert mit dem bekannten Franz –, leitet in das abwechslungsreiche, manchmal nachdenkliche, immer aber humorgeschwängerte Frankforder Weihnachde in der gut besuchten Volksbühne ein.
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| Ricarda Klingelhöfer (Foto: Birgit Hupfeld) |
Nie wieder Weihnachtsengel sein
Gleich beginnt´s mit einem Text von Lothar Zanetti
(1926-2019), ein echter Frankfurter und Theologe noch dazu, der, basierend auf
die Matthäus- und Lucas-Erzählungen, in urhessisch die wirkliche Geschichte von
der Geburt Jesu in Bethlehem erzählt. „Da habe die Leut die Nasehöhle
uffgesperrt und die Hirten waren meschugge vor Freud.“ `Ach Jesu Kind, ich hab´
dich gern`, schnalzt Michael Quast in seinen imaginären Bart, während der
Schubert auf der Zither eine Romanze in A-Dur von Otto Erbe (1890-1970)
ins Publikum haucht.
Edith Schreiber-Wicke (*1943), die umtriebige österreichische Jugendbuchautorin, ist unter anderem auch durch ihren Engel Aurelius
in der Öffentlichkeit bekannt geworden. In Fröhliche Weihnacht überall
erzählt sie die Geschichte vom unglückliche Engel Aurelius, der den Menschen Wünsche
erfüllen soll, was ihm aber nicht gelingt, weil ihm niemand glaubt, dass er ein
Engel ist. Zurück im Himmel bleibt ihm auf die Frage des Oberengels, welchen Wunsch
er selbst zu Weihnachten habe, nur die lapidare Antwort: „Nie wieder Weihnachtsengel
sein!“ Großartig vorgetragen von Ricarda Klingelhöfer, mit Schirm, Charme und
Melone, natürlich im metaphorischen Sinn, versteht sich.
Rache muss nicht immer süß sein
Nach dem Bhagavan vom Chansonnier und Gitarristen,
Peter Horten (*1941), arrangiert für die Zither, erzählt Michael Quast die
Geschichte des Königs der Herrlichkeit von Rafik Schami (*1946), ein
syrisch-deutscher Schriftsteller, Chemiker und katholisch erzogener Zeitgenosse,
wie nachzulesen ist. Der König ist ein geiziger Pfarrer aus Ulana, einem arabischen
Ort, der seinen Kirchendiener ungerecht bestraft, weil dieser den Rest des
Messweins ausgetrunken hat. Der aber, nicht auf den Kopf gefallen, rächt sich
bei dem alljährlichen Christmette-Ritual, wo der Pfarrer an das Kirchentor
klopft mit dem Ruf: „Hier ist der Herr der Herrlichkeit!“ und sich dann, nach
einem pompösen Einlass, mit Chorgesang und allerlei Brimborium als König der
Gemeinde feiern lässt. Weihnachten in besagtem Jahr aber war kalt, so kalt,
dass die Orangenbäume erfroren. Die Rache des Kirchendieners aber sollte bitter
sein. Er öffnete das Kirchentor nicht, war, wie auch der Pfarrer für sich
beanspruchte, scheinbar auf dem Ohr der Gerechtigkeit taub, und erreichte, dass
dieser bibbernd Abbitte leisten musste und mit Gelächter und fast erfroren im
Gotteshaus empfangen wurde.
Moral von der Geschicht: Leg dich mit dem Volk (hier der
Kirchendiener) nicht an, es könnte bitter ausgehen. Der Pfarrer quittierte
seinen Dienst und das Leben in Ulana ging wieder seinen gerechten, na ja,
gewohnten Gang.
Liebesdrama und Satire
Herzzerreißend dann das Liebesdrama von den Quetschemännche,
(eine Erzählung von Erich Fried, 1921-1988) die auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt
des Nachts, ganz im Geheimen, zusammenfinden und, welch ein Glück, anderntags
als Pärchen vom findigen Standbesitzer angeboten und verkauft werden. Die
Zither begleitet diese wahre Geschichte mit Gute Nacht Mutter vom Film-
und Schlagerkomponisten Werner Bochmann (1900-1993).
Ein kleiner Hopser zur Gabentisch-Eröffnung mit einer Ochs-und-Esel-Lyrik von Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635), einem der bedeutendsten katholischen Dichter des Barocks und ein konsequenter Kritiker der Hexenprozesse. Ochs und Esel ist ein starkes, satirisches Christgedicht mit absolutem Aha-Effekt. Wer sind wohl Ochs und Esel?
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| Foto: Volksbühne Frankfurt |
Das dadaistische Geräuschkonzert
Höhepunkt des Abends sollte das Geräuschkonzert von
Hugo Ball (1886-1927) werden. Bekannt als Gründer des Dadaismus, komponierte er
eine siebenteilige Weihnachtsgeschichte, bei dem die Akteure motorisch,
akustisch, seelisch und emotional voll gefordert werden. Der Gabentisch mit
allerlei perkussiven Gegenständen wie Ketten, Holz, Glocken, Zimbeln, Hammer
und weiß Gott noch was, wurde ergänzt durch Gestik wie menschliche Stimmen
zwischen Materie und Lebewesen, kurz: alles von Stall, 1.
Teil, bis Verkündung, 7. Teil, geschieht ohne Worte. Das bedeutet, höchste
Präsenz von Ricarda Klingelhöfer und Michael Quast. Hier sind
jede Faser und jede Synapse aufs gespannteste gefordert. Das kann nur im
dadaistischen Chaos enden. Einziger vollständiger Schlusssatz: „Und da er wurde
gekrupft (gekreuzigt), da floss viel warmes Blut.“ Scheußlich schön, aber
gekonnt performed.
Dark Flow vom Tiroler Volksmusikanten Harald Oberlechner
(*1963), von Schubert ein wenig jazzig arrangiert, ließ denn auch das Metier
der Zither ins fast Unmögliche, ja dadaistische abgleiten.
Nicht zu viel Technik am Christbaum
Kommen wir zum Ende des Ganzen. Ferdinand Happ (1868-1952),
ein echter Frankfurter Bub und eigentlich Eisenbahningenieur, schrieb 1934 den Christbaumständer
(korrekt: Der Christbäämständer), eine ironisch witzige Auseinandersetzung mit
der Mechanik und dem Versuch, selbst den Weihnachtsbaum zum Objekt der Technik
zu transformieren. Das geht natürlich gründlich in die Hose. Der Baum schießt
ins Kraut, die 'Kinner' müssen gerettet werden, alles andere
ist unwiederbringlich verloren. Außer: Das „Baschet-Hosl“ (ein für die damalige
Zeit gängiges Kleidungsstück).
Auch der Kabarettist und Musikant Hanns Dieter Hüsch (1925-2005) durfte natürlich nicht fehlen. Ein bitter böser Kritiker der Konsumgesellschaft der 1980er Jahre, dessen Die Bescherung emotional das wichtigste christliche Ereignis des Jahres auf den Punkt bringt: „Endlich hat der Baum gebrannt … alle sind gekränkt, alle sind beleidigt … Friede auf Erden und den Menschen ein Unbehagen … Alle haben´s am Magen nach all diesen Tagen … Aber an Ostern wollen wir alle wieder zusammenkommen.“ Und die Zither intoniert dazu Stille Nacht Heilige Nacht.
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| Johannes Schubert (Foto: Website) |
„Sei heiter – es ist gescheiter“
Mit Theodor Fontanes (1819-1898) Weisheit: „Sei heiter – es ist gescheiter!“, wird das begeisterte Publikum vom Oberengel (Ricarda Klingelhöfer) und Santa Claus (Michael Quast) in die regnerische Nacht entlassen. Nein! Johannes Schubert, ein wirklich exzellenter Meister seines Instruments, spielt als Zugabe noch den Wiener Heurigen-Ohrwurm von Anton Karas (1906-1985), bekannt durch den Film Der Dritte Mann von Orson Welles´, ein britischer Agententhriller von 1949. Das sollte das Frankforder Weihnachde 2022 aber nicht sein. Oder?
Frohes Fest, allemal!




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