Happy New Ears, Lucerne Festival Academy zu Gast mit fünf Kompositionen von vier Komponistinnen und einem Komponisten sowie dem Ensemble Modern, Oper Frankfurt, 13.12.2022
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| Foto: Vincent Stefan |
Fünf Nachwuchstalente stellen ihre Werke vor
Das Ensemble Modern sucht neue Wege. Seit 2021 arbeitet es
mit der Luzerne Festival Academy zusammen, wo jährlich auf einem Sommer Seminar
aus einer Vielzahl von Kompositionseinsendungen acht Werke ausgesucht werden,
die innerhalb von zwei Wochen gemeinsam mit ihren Schöpfern diskutiert,
gefeilt, bearbeitet, geprobt und aufgeführt werden. Hier sind ebenfalls die
Masterschüler des IEMA gefordert, die die Werke einstudieren und aufführen.
Keine Geringeren als die Komponisten und Lehrer ihres Fachs, Wolfgang Rihm und
Dieter Amman, leiten dieses seit 2016 bestehende Seminar und eröffnen damit,
nach eingehender Auswahl, den jungen Nachwuchstalenten damit eine Plattform für
die Weltbühne. Erstmals in Frankfurt auf der Happy New Ears Werkstatt konnten
fünf der acht Talente des Sommerseminars ihre Produktionen vorstellen.
Vorhang auf!
Curtain_call, Vorhang auf! Eine Premiere, so ist es geplant,
die in Zukunft mindestens eines der vier jährlichen Zyklen von Happy New
Ears thematisieren soll. Leider fehlten krankheitsbedingt Wolfgang Rihm (für
ihn sprang Mark Sattler, der Betreuer des Composer Seminars, ein) und Aregnaz
Martirosyan (eine der Komponistinnen). Dreizehn Mitglieder des Ensemble Modern
spielten wie immer mit großer Verve und Empathie unter der umsichtigen Leitung
von Marc Hajjar, fünf sehr unterschiedliche, nicht länger als 10 Minuten
dauernde deutsche Erstaufführungen: von der Chinesin Minzuo Lu (*1991) mit
Vuco für Ensemble (2022), dem Franzosen Hugo van Rechem (*1996)
mit 5:54 (morning coffee, empty stomach & spiritual elevation) für
Ensemble (2022), der Litauerin Raimonda Žiȗkaité
(*1991) mit W-W-W für Ensemble (2022), Zhenyan Li (*1998) mit Hashigakari
für Ensemble (2022) sowie Aregnaz Martirosyan (*1993) mit 501-2
für Ensemble (2022).
Vuco, so die Komponistin im Gespräch mit
Sattler, bedeute „Volatilität, Ambiguität, Komplexität und Expressivität“.
Tatsächlich fühlte man sich als Hörer in die Friedhofszene eines Krimis
versetzt. Glockenklänge in Quintsprüngen, Schwärme von Nachtfaltern, geisterbesetzte
Nebel. Jeden Moment könnte das Unheil nahen. Aber es kommt ganz anders. Alles endet
versöhnlich. Noch einmal Glück gehabt. Eine wirklich spannungsgeladene
Filmmusik bot da Minzuo Lu, die in Ausbildung bei Wolfgang Rihm in Karlsruhe
ist und mit ihren 50 Werken schon einige Preise abholen konnte.
5:54 (morning coffee, empty stomach & spiritual elevation) bezieht sich auf eine Verszeile (woraus ist unklar, Sattler fragt nicht nach) und beschreibt den Zustand eines Menschen, der einen „spirituellen Stroke“ (O-Ton), einen „geistigen Schlaganfall“ (Sattler) erfährt. Die Musik scheint denn auch aus reinem Chaos zu bestehen, mit vielen jazzigen Synkopen, heftigen Drummer-Soli sowie eingeworfenen Blue-Notes. Manchmal scheint man Fetzen aus dem bluesigen New Orleans zu vernehmen.
Der Free Jazz der 70er Jahre
ist hauptsächlich angesagt, mit ruhigeren fast meditativen Passagen dazwischen,
zum Beruhigen quasi, was dann aber wieder in wildes Getöse und Gedröhne
ausartet. Stark der Schluss mit einer Zimbel und einer angehängten Klaviercoda,
so als ob den Komponisten die Realität wieder eingeholt hätte. Fazit: Wenig
Struktur erkennbar, dafür aber einfallsreiche Patterns und motivische Impulse,
was dem Stück einen großen Reiz verleiht.
W-W-W entstammt der Idee, für die inhomogene
Besetzung des Ensembles etwas Gemeinsames zu finden. Das ist die Stimme. W-W-W
hat also nichts mit world-wide-web zu tun, sondern mit Wow, einem Ausruf des Erstaunens.
Herrlich wie es blubbert, haucht und zischt und die Stimmen der Instrumentalisten
zwischen Wow, Ha und Hei changieren. Dazwischen viel nebelhaftes Getön und ein
Finale mit Schwungstangen. Ein sehr witziges Stück, was vor allem den Akteuren
offensichtlichen Spaß bereitete. Sattler konnte nicht umhin, ein riesiges
Kompliment auszusprechen: „Frech, robust“, sein Kommentar.
Gesprächsintermezzo
Es folgt eine kurze Gesprächseinlage zwischen Christian Fausch,
dem Manager und Geschäftsführer des EM, und Mark Sattler, die die
Arbeitsweise der Composer Seminars beleuchten sollte. Lange Proben, erste Woche
Theorie, zweite Woche Praxis mit vier Dirigenten, dazu viel „Dampftopf Atmosphäre“,
mehr war leider nicht. Bemerkenswert, dass die fünf Kompositionen in zwei Tagen
vom EM eingespielt wurden. Warum die Titel? Titel seien wie Schall und Rauch,
meint dazu Sattler. Man ist in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts
versetzt, wo Titel oft aus mathematischen Formeln, Zeit oder Tempovorgaben bestanden. Ähnliches scheint auch heute wieder Tendenz zu sein. Wohin
allerdings die Reise der neuen Musik geht, ist unklar. Sattler, dessen
Moderation doch einige Mängel aufwies (so vergaß er die Übersetzungen, sprach
ein entsetzliches Genderdeutsch – welchen Sinn hat der Begriff „weibliche
Komponistinnen“ oder das ständige Verschlucken von „Komponist- en Komponisten“?
– und konnte weder im Gespräch mit den Nachwuchstalenten noch mit Christian Fausch
wirklich Erhellendes anbieten. Wolfgang Rihm wäre da wohl die bessere Lösung
gewesen.
Hashigakari ist aus dem Japanischen und beschreibt
eine Brücke zwischen Bühne und Realität des No Theaters, zwischen Sein und Schein,
zwischen Erkenntnis und Spiel. Zhenyan Li, unter anderem ausgebildet in
chinesischer Flöte, konzentriert ihre rhapsodische Musik auf die Bassflöte (von
Dietmar Wiesner souverän gespielt). Viel Perkussion, auch vom Klavier,
aber auch weichere Streichertöne umgarnen ein Instrument, dass die Komponistin
in besonderer Ausstrahlung vorstellt. Ein konzises Stück zwischen Klarheit
(Flöte) und Undurchsichtigkeit mit einem langanhaltenden Triangel Ton: fast
schon erleuchtend.
Kommen wir abschließend zum 502-2. Auch hier ein trivialer Titel. Die Nummern zweier Zimmer, die die Komponistin während ihres Aufenthalts in Luzern belegte. Sie studiert zurzeit bei Dieter Amman und steht vor ihrem Hochschulabschluss. Das Stück wechselt zwischen armenischer Folklore (ein liedhafter Bratschen-Part mit Bordun) und fast schon Anklängen an die musique concrète instrumentale eines Helmut Lachenmann. Das heißt viel col legno, Reiben, Klopfen, Geräusche erzeugen, wo auch immer. Herausragend die Glissandi der Streicher mit marschmäßig-perkussiver Untermalung. Das kürzeste Stück von allen, dafür aber das beeindruckendste zumindest aus der Sicht des Kommentators.
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| Probe im Sommer Composer Seminar Luzern: ganz rechts: Dieter Amman, links daneben: Wolfgang Rihm, junge Komponisten Nachwuchstalente (Foto: Priska Ketterer) |
Eine gute Idee für Happy New Ears!?
Eine gute Idee soll zum gängigen Repertoire von Happy New
Ears werden. Sicher ist die Lucerne Festival Academy mit ihrem
alljährlichen Sommer Composer Seminar (ICCS = International Composer & Conductor
Seminars) einzigartig, aber nicht der Mittelpunkt der neuen Musikwelt. Wolfgang
Rihm und Dieter Amman nicht d i e Komponisten unserer Zeit. Ihre Auswahl der Kompositionen
muss notgedrungen subjektiv sein und kann somit nicht irgendwelche Tendenzen
der neuen Musik Entwicklung abbilden.
Rihm will zwar "keine Dogmen" vorgeben und die "Artikulation des Eigenen" fördern. Aber er sagt auch: „Ich suche Menschen zusammen, von denen ich glaube, dass eine Art Gespräch entstehen kann – ein Diskurs aufgrund verschiedener, ästhetischer, kultureller Voraussetzungen.“ Nun denn. Alles hehre Worte, aber sicher keine qualitativen Kriterien. Im Klartext bedeutet das: Man muss seinen musikalischen Vorstellungen entgegenkommen.
Nicht
umsonst studieren nahezu alle der vorgestellten Komponisten bei Amman, Rihm, oder absolvieren ihre akademischen Abschlüsse in deren Umfeld. Dennoch: Fünf
sehr unterschiedliche Kompositionen, vier sehr interessante junge
Nachwuchstalente im Gespräch und ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft der
Neuen Musik. Ob allerdings Happy New Ears, die Werkstatt-Plattform für
vorurteilsfreies Hören, für die Nachwuchstalente der rechte Ort ist, muss sich
erst noch zeigen. Neue Wege, neue Erfahrungen.


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