Montag, 9. Januar 2023

Neujahrskonzert der Jungen Deutschen Philharmonie, musikalische Leitung: Sir Mark Elder, Gesang: Fleur Barron (Mezzosopran), Alte Oper Frankfurt, 08.01.2023

Neujahrskonzert der Jungen Deutschen Philharmonie 2023 (Foto: Alte Oper. Tibor Florestan Pluto)

Fetzige Folklore von Avantgardisten der Musik. 

Da hatte sich die Junge Deutsche Philharmonie doch Einiges vorgenommen. Werke von Komponisten, die eher als Avantgardisten in die Musikgeschichte eingegangen sind, wie Luciano Berio, György Ligeti, Bela Bartók oder auch Zoltán Kodály, standen auf dem Abendprogramm. Aber es sollte ganz anders kommen. Das Publikum wurde überrascht mit fetziger Folklore, wechselvollen Rhythmen, aufregendem Gesang und nicht zuletzt durch Tanz, Tanz und nochmals Tanz.

 

Verbunkos - ein Werbetanz für Soldaten

Zunächst waren es die Tänze aus Galanta (1933) von Zoltán Kodály (1882-1967). Fünf ineinander übergehende ungarische Verbunkos, auch als Csárdás bekannt, eigentlich dazu gedacht, Soldaten anzuwerben, die aber gerade deswegen extrem ausdrucksstark und kontrastreich völlig unterschiedliche Stimmungen widerspiegelten. Immer stand die Klarinette als motivischer Überbau im Vordergrund. Wie ein Ruf lud sie permanent zur Aufmerksamkeit auf – Kommt alle auf den Platz und lasst euch mitreißen und anwerben! So steigert sich auch das Tempo bis zum fulminanten Finale, kontrastreich, synkopisch und mit den bekannten Taktverschiebungen, die typisch für die ungarisch-rumänische Folklore ist. Ein überzeugender Einstieg. Das riesenhafte Orchester war unter der Leitung von Sir Mark Elder, ein elder Statesman erster Klasse, gleich auf Hochtouren und bot auf Anhieb beste Neujahrsstimmung.

Junge Deutsche Philharmonie, musikalische Leitung: Sir Marc Elder (Foto: Alte Oper. Tibor Florestan Pluto)


Ein Hingucker wie Hinhörer erster Klasse

Mit Fleur Barron, irische Mezzosopranistin und femme fatal im besten Sinne, folgte gleich ein zweiter Höhepunkt. Sie sang Folk Songs (1964, 1973 für großes Orchester arrangiert) von Luciano Berio (1925-2006). Vorausgeschickt sei hier, dass Berio diesen elfteiligen Zyklus für seine damalige Frau Cathy Berberian (1925-1983) geschrieben hat, eine Ausnahmesängerin, deren Stimmumfang über drei Oktaven reichte und deren Koloraturen als einzigartig galten. Keine leichte Aufgabe also für Fleur Barron. Die elf Volkslieder – Berio entnahm sie aus alten Schallplatten und gedruckten Anthologien und bearbeitete sie lediglich rhythmisch und harmonisch – stammten aus den USA, Frankreich, Italien, Armenien und Aserbeidschan und konnten kaum unterschiedlicher ausfallen.

Mal balladeske Erzählungen, mal im irisch-englischen Stil, wie ein Shanty daherkommend, dann wieder einem Wiegenlied entlehnt, wie im armenischen Der Mond ist aufgegangen. Großartig die italienischen Songs, tänzerisch, Bänkelsängen entlehnt, aber auch die französischen, in okzitanischer Sprache gesungenen Liebeslieder, scherzhaft satirische Couplets, waren nicht zu verachten. Das abschließende aserbeidschanische Liebeslied soll angeblich von Berberian auf einer russischen Schallplatte gefunden worden sein. Da sie den Text nicht übersetzen konnte, orientierte sie sich an der Phonetik, die sie auswendig lernte. So auch Fleur Barron. Sie tat es mit gesanglicher Bravour, frappierender stimmlicher Varianz, verführerischem Lächeln, charismatischer Ausstrahlung und, nicht zuletzt durch ihren prickelnden Charme. Cathy Berberian hätte ihre Freude daran gehabt. Dazu die vielstimmigen Accompagnati des Orchesters, fein ziseliert, nie aufdringlich und immer dem Charakter der Lieder angepasst. Ein Hingucker wie ein Hinhörer erster Klasse.  

Fleur Barron (Archivfoto, Fotograf unbekannt)

Teuflische Ziegengestalten und schamanische Zauberei

Bekanntlich verstand sich György Ligeti (1923-2006) zunächst als Musikethnologe. Ihn reizte, ähnlich wie Kodály und Bartók, die Volksmusik wie auch die Kultur seiner rumänischen Heimat. Sein Concert Romanesc für Orchester (1951) ist eines der Ergebnisse aus dieser Zeit, sollte aber erst 1996 wegen der politischen Verhältnisse in seiner Heimat zur Erst-Aufführung gelangen. Ein originelles viersätziges Werk mit einer Vielzahl rumänischer Volksmelodien und traditioneller Bezüge, zwischen schamanistischer Zauberei und teuflischen Ziegengestalten mit Hörnern und Schnäbeln. Ganz so, wie er als Kind die Feste seiner Heimat kennengelernt und erlebt hat. Für unsere modernen Ohren absolut tonal gesetzt, aufbereitet für Orchester, und durch Perkussion, diverse Bleche und großen Streicherpartien im Stil von Brahms und Liszt (Ligeti nutzte für sein Arrangement Wachsrollen und Schallplatten) zu einem eindrucksvollen Concerto Grosso zusammengefügt. Ja sogar das tänzerische Treiben der Waldgeister, Feen und Gnome konnte man im dritten Teil, einer klassischen Pastorale, heraushören. Ein schwungvolles Molto Vivace des letzten Satzes erinnerte sich noch einmal an die Waldgeister des vorhergehenden Adagios, bevor ein schräger Hornruf den witzigen Schluss einleitet.

Junge Deutsche Philharmonie, musikalische Leitung: Sir Marc Elder (Foto: Alte Oper. Tibor Florestan Pluto)

Virtuose Ansprüche für den amerikanischen Geschmack

Nach der Pause bot das Programm eine der letzten Kompositionen von Béla Bartók (1882-1945). Konzert für Orchester SZ 116 (1943/1944) lautet der kurze Titel, wenngleich die fünf serenadenhaft angelegten Sätze wohl als eine Art „Fresco seines Lebens“ (Bartók Forscher György Kroó) betrachtet werden können. Immerhin entstand es in seiner ungeliebten neuen Heimat, den USA, wo sein Erfolg ausblieb (seine Kompositionen wurden nicht verstanden), er an Leukämie erkrankte und finanzielle und persönliche Nöte das Übrige ausrichteten. Der Kompositionsauftrag vom berühmten musikalischen Leiter der Bostoner Symphoniker, Serge Kussewitzky, kam da gerade recht und in weniger als drei Monaten (Ende 1943) war das Werk fertig gestellt. Eine großartige Komposition, deren Namensbezeichnung Konzert nach Aussagen Bartóks auf die virtuosen Ansprüche der Musiker zurückzuführen ist. Tatsächlich wagen sich nur die besten Orchester an diese Partitur. Von daher alle Achtung an die Junge Deutsche Philharmonie, die, unter Marc Elder die Interpretation des anspruchsvollen Werkes souverän und technisch ausgereift meisterte.

Sofort nach der Uraufführung in der New Yorker Carnegie Hall, am 01. Dezember 1944, wurde dieses Werk zum Bestseller der Musikliteratur – im übertragenen Sinne. Warum das? Bartók wich von seiner gewohnten Stilistik zwischen Dodekaphonie und expressionistischer freier Tonalität gänzlich ab und bot weitgehend eine an den amerikanischen Geschmack angepasste Version, zwischen Aaron Copland (1900-1990) und Roy Harris (1898-1979) angesiedelt. Auffallend die Horn- und Posaunensequenzen sowie die zunehmende Bedeutung der perkussiven Elemente in seiner Musik, ein typisch amerikanisch-musikalischer Topos. Natürlich enthält das Werk auch Reminiszenzen an seine Heimat, vor allem in der Elegie des dritten Satzes, aber der spätromantische, der klassischen Tonalität verpflichtete Duktus, der sogar vor Franz Lehárs Lustiger Witwe nicht Halt macht, zieht sich hörbar durch das gesamte Werk. Wunderbar, aber nicht mehr der Bartók, wie er bis dahin bekannt war.

Durch diesen durchschlagenden Erfolg war der Komponist in Amerika angekommen. Er komponierte noch einige Werke, wie das Viola Konzert SZ 120 oder auch die Violinsonate SZ117, verstarb aber am 26.09. 1945 in New York an seiner unheilbaren Krankheit.

Junge Deutsche Philharmonie, musikalische Leitung: Sir Marc Elder (Foto: Alte Oper. Tibor Florestan Pluto)

Mit Humor ins Neue Jahr

Ohne Zugabe kein Ende des Neujahrskonzert. Sir Mark Elder wünschte mit freundlich witzigem Gestus allen Anwesenden ein Frohes Neue Jahr und versprach als persönliches Geschenk drei typisch englische Humoresken. Darunter The Wild Bears von Edward Elger, The Wind von Malcom Arndt sowie ein Nachtlied von besagtem Edward Elger. Dazwischen entrollte sich eine riesige Leinwand von der Decke mit Glückwünschen für das Neue Jahr und es regnete Konfetti satt. Ein herrlicher Schlusspunkt eines wirklich gelungenen musikalischen Einstiegs ins Neue Jahr 2023, der hoffentlich so gut wird wie die Musik und ihre Interpretation an diesem Abend.

 

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