2 x Hören: Janáček, Streichquartett Nr.1. „Kreutzersonate“ von Leoš Janáček mit dem Signum Quartett und Dr. Markus Fein (Moderation), Alte Oper Frankfurt, 18.01.2023
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| Signum Quartett, v. l. Florian Donderer, Annette Walther, Thomas Schmitz, Xandi van Dijk (Foto: Wonge Bergmann) |
Hochemotionale
Musik und intensives Gespräch
„Doppelt
hört besser“ zweiter Teil. Die Reihe 2 x Hören, vom Intendanten der
Alten Oper, Dr. Markus Fein, für die Frankfurter Alte Oper ins Leben gerufen, erfreut
sich wachsender Beliebtheit. Selten gespielte Werke oder auch selten gehörte
Komponisten werden hier mit einem Werk vorgestellt, in einem Werkstattgespräch analysiert
und kenntnisreich nähergebracht, um dann ein zweites Mal mit neuen Ohren gehört
zu werden.
Leoš Janáčeks (1854-1928) Streichquartett Nr. 1, genannt
auch die „Kreutzersonate“ (1923) stand auf dem Programm. Das hochrenommierte Signum-Quartett
hatte sich bereit erklärt, das relativ selten gespielte, aber hochemotionale
Werk zu interpretieren und sich einem komplexen Gespräch mit Dr. Markus Fein zu
stellen. Es sollte ein langer, aber höchst interessanter Abend werden.
Programmmusik
ohne Programm
Tatsächlich zeigt sich das viersätzige, etwa 19 Minuten dauernde Stück, von einer programmatischen Seite ganz besonderer Art. Denn es steht unter dem Eindruck von Leo Tolstois (1828-1910) Novelle Die Kreutzersonate (1887-1890), in der er auf Beethovens gleichnamiges Werk von 1803 zurückgreift und sie zur Katastrophe zweier Eheleute beitragen lässt. Das erklärt zumindest den Beinamen des Quartetts, aber nicht, ob Janáček, diese Dramaturgie in Musik setzt, oder dieses Drama in ganz eigener Weise umdeutet. Er selbst äußert sich nur indirekt, indem er sich bewusst, entgegen der Absicht Tolstois, auf die Seite der Frau stellt, die von ihrem Ehemann des Ehebruchs verdächtigt wird. Sie ist eher die Leidtragende als die Täterin. Möglicherweise hat er ja, wie vielfach behauptet, seine eigene Ehe zum Thema dieses Quartetts gemacht, denn die war alles andere als harmonisch. Bekanntlich pflegte er seit 1917 eine „erotisch platonisch“ Liebe zur fast vierzig Jahre jüngeren Kamila Stösslová, was seine Ehe nicht unwesentlich belastete. Aber all das bleibt musikalisch reine Spekulation.
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| Signum Quartett, dritter v. l. Dr. Martin Fein (Moderator), Foto: Wonge Bergmann |
Das Leben
zwischen Wahnsinn, Liebe und Drama
Hört man das
Quartett erstmals, dann fällt die hohe Emotionalität, die Wildheit, kurz: der „absolute
Wahnsinn“ sofort ins Ohr. Man ist gefangen von einer Erzählung, die dermaßen vielgestaltig
und eng verflochten ist, dass man direkt von einer Gefühlslage in die andere
geworfen wird, wie ein Stein zum entgegengesetzten Ufer. Man findet weder Ausgleichs-
noch Ruhepole. Alles läuft konzentrisch auf die Apokalypse zu, meint man, und
ist dann bass erstaunt, dass es melodische, ja folkloristische und tanzähnliche
Abschnitte enthält, als ob der Schöpfer dieses Streichquartetts sagen will: Nimm
nicht alles so ernst. Das Leben ist ein Spiel zwischen Wahnsinn, Liebe und
Drama.
Individuelles
Idiom – ein Unikat in der Komponistenwelt
Im Gespräch
fragt Dr. Markus Fein jeden der Akteure nach
seiner Haltung zu diesem Stück. Annette Walther (2. Geige) atmet durch
und betont die energetische Gewalt, die dieses Stück auf sie ausübt. Sie sei
extrem gefordert. Die abrupten Wendungen, die scheinbar unzusammenhängenden
Fetzen und krassen Gegensätze, meint sie, ließen keine Atempause zu. Florian
Donderer (1. Violine) bestätigt dies. Er bezieht sich auf die einmalige
Sprache und die gestische Vielfalt. Janacek brilliere durch einfache Motivik,
die aber direkte Motivation auszulösen imstande seien. Thomas Schmitz
(Bratsche) sieht eine gewisse Bedrohung darin, sich in diesem Werk zu
verlieren. Janacek habe die kompositorische Fähigkeit, musikalisch die
Protagonisten in einen fremdbestimmten Strudel zu ziehen. Ein gewisser Abstand
sei schon angebracht. Xandi van Dijk (Cello) schließlich nimmt´s eher
gelassen. Ihn reize der ganz eigenwillige Klang, das individuelle Idiom, die
Janaceks Unikat in der Komponistenwelt ausmache.
Dr. Markus Fein, ein ausgezeichneter Moderator an diesem Abend, denn er lässt reden und geht auf seine Diskurspartner ein, zitiert aus Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins: (sinngemäß) Kunst ähnele einer Ellipse, deren Fliehkräfte immer dem Zentrum zusteuerten. Der Wille zur Knappheit und immer das Zentrum im Blick – genau das seien die Wesensmerkmale von Janáčeks musikalischem Schaffen.
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| v. l. Florian Donderer, Annette Walther, Dr. Markus Fein (Moderator), Thomas Schmitz, Xandi van Dijk (Foto: Wonge Bergmann) |
Versuch
eines Musiktheaters
Der Wechsel zu
Leo Tolstois (1828-1910) Kreutzersonate (1890). Dr. Markus Fein
verspricht eine „Weltpremiere“, denn er hat Bastian Korff, hr1 Moderator am Hessischen Rundfunk, geladen. Er soll gemeinsam mit dem Signum Quartett
das Wagnis eingehen, den Schluss der Novelle mit der Musikbegleitung des
zweiten Satzes, con moto, zu lesen. Es ist die Mordszene, ein tiefgreifendes
Psychogramm einer zerrütteten Ehe, eingebettet in das Spiel der Beethovenschen
Kreutzersonate des angebeteten Pianisten. Voller Raserei und Selbstzweifel
greift der vermeintlich gehörnte Ehemann zum Dolch. Er begeht eine Tat, die er eigentlich
nicht will, der er sich aber aus sozialpsychologischer Sicht nicht entziehen
kann. Erst das fließende Blut aus der linken Brust seiner Frau versetzt ihn
wieder zurück in die Realität.
Ein wirklich
gelungener Versuch, sehr gut rezitiert und an den richtigen Stellen musikalisch
ergänzt und verstärkt, ein Musiktheater. Dennoch. Ein fiktiver Versuch. Denn
die Musik ist so voller emotionaler Elemente, dass auch der dritte Satz, voller
Dramatik, kontrastreich mit wilden Ausbrüchen und einem abschließenden Lamento,
durchaus gepasst hätte.
Musik-Sprache-Melodien
Nächster
Schwerpunkt, die Sprachmusik Janáčeks. Dr. Markus Fein zeigte zunächst Fotos
aus dessen Heimatstadt Ostrava sowie aus Brünn, der Stadt seines gesamten
Lebensmittelpunkts. Janáček sammelte, ähnlich wie Béla Bartók und Zoltán Kodály,
Volkslieder und vor allem Sprachmelodien aus dem böhmischen und mährischen Volksmund.
Viertausend soll er davon gesammelt haben und nicht einfach Worte mit Notenbildern
versehen, sondern dazu Geschichten, kleine Psychogramme oder Ereignisse, mit genauen
Orts- und Zeitangaben, geschrieben und sehr detailliert und mit einem Hippchen-Chronoskop
auf Genaueste austariert haben. Janáček verarbeitete seine Ergebnisse in seiner
Musik. Selten aber sind genaue Zitate auszumachen. Es ist vor allem seine allgemeine
Musiksprache, die diese Elemente enthält.
Tschechisch
und Janáček – eine Einheit
Dazu hatte Dr. Markus Fein einen zweiten Gast geladen. Radim Valek, ein Freund aus Tschechien, der eine kurze Einführung in die tschechische Sprache gab. Sie sei eine sehr komprimierte Sprache, ohne Pronomen und Artikel, oft fehlten auch Adjektive, aber, so sein Fazit, seine Sprache habe die Fähigkeit, die Dinge auf den Punkt zu bringen, ohne große Abweichungen und gedankliche Ausflüge. Die Idiomatik seiner Sprache entspreche in weiten Teilen auch der von Janáčeks Musik. Hoch spannend die visualisierten Beispiele der gesammelten Sprechmelodien. Eine Fundgrube, die vor allem der exzellenten Archivarbeit von Dr. Markus Fein zu verdanken ist. Überhaupt zeichnet er sich durch profundes Wissen und bester Vorbereitung auf seine Auftritte aus. Seine Ideen sind schier grenzenlos und sein Engagement mitreißend. Dennoch eine Empfehlung: In der Kürze liegt oft die Würze.
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| Signum Quartett, v. l. Florian Donderer, Annette Walther, Thomas Schmitz, Xandi van Dijk (Foto: Wonge Bergmann) |
Ermattung
oder Versöhnung oder Endlosschleife?
Die
Schlussfrage aus dem riesigen nur teilweise bearbeiteten Kosmos war auf den
Schlusssatz, con moto – Adagio – Piú mosso, bezogen. Endet das Stück
überhaupt? Florian Donderer, der Erste Geiger, bekannte, dass er
vorwiegend von Bildern angeregt sei. Seine Bilder ließen insofern lediglich ein
offenes Ende zu. Der Cellist Thomas Schmitz lehnte ein Ende des Stücks rundweg
ab. Dieses Werk könne man endlos weiterschreiben, so sein Fazit.
Die Wiederholung des Streichquartetts Nr. 1 „Kreutzersonate, geriet, auch aufgrund der heiteren Stimmung und der interessanten Intermezzi und kenntnisreichen Erläuterungen des Moderators, gelöst, und in der Dramaturgie weniger exzentrisch, aber nicht weniger expressiv. Abschließende Bemerkung zum Finale: Es enthält eine Reminiszenz an das Eingangsmotiv des 1. Satzes, Adagio. Insofern gibt es ein Ende - nicht der Ermattung, sondern vielmehr der Versöhnung. Ein wunderbarer Abend. 2 x Hören wird eine Zukunft im Programm der Alten Oper Frankfurt haben.




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