Samstag, 14. Januar 2023

Joshua Bell und die Academy of St Martin in the Fields in der Alten Oper Frankfurt, 13.01.2023 (eine Veranstaltung von PRO ARTE)

Joshua Bell (Foto: PRO ARTE, proarte.de)

Ein absoluter Wahnsinn …

Vor fast genau vier Jahren feierte die Academy of St Martin in the Fields ihr 60-jähriges Jubiläum eben an diesem Ort, und das ausgerechnet mit Joshua Bell (*1967), dem US-amerikanischen Ausnahmegeiger und schon damals musikalischer Leiter dieses extraordinären Klangkörpers. Lediglich das Programm unterschied sich, wobei das musikalische Niveau schon damals von mir mit „ein absoluter Wahnsinn, physisch bis an die Grenze des Möglichen gehend und spannend wie ein Krimi“ bewertet wurde. Es waren unter anderem das äußerst schwierige Violinkonzert von Peter Tschaikowsky op.35 und die spritzige C-Dur Sinfonie Nr.1 von Georges Bizet.

In diesem Jahr sind es von Johann Sebastian Bach die Chaconne aus seiner Partita Nr.2 d-Moll für Violine solo BWV 1004, im Arrangement für Violine und Orchester von James M. Stevenson, das Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur op. 6 von Niccolo Paganini sowie Robert Schumanns Sinfonie Nr.2 C-Dur op.61. Wieder höchstes musikalisches Niveau unter der Leitung des aktuellen Chefdirigenten. Wieder der „absolute Wahnsinn“. Ein Déjà-vu der besonderen Art.

 

Von tiefsten Gedanken

Aber gehen wir in Detail. Zählt doch die Ciaccona, so lautet die italienische Bezeichnung des Schreittanzes, zum monumentalsten Solosatz aus dem Genre der Partiten. Johann Sebastian Bach (1685-1750) schrieb sie vermutlich im Gedenken an seine verstorben Frau Barbara im Jahre 1720 in Köthen. Ein sechzehn minütiges dreiteiliges Wunderwerk mit komplizierter Mehrstimmigkeit, variierend zwischen Dur und Moll, zwischen Chaconne und Passacaglia, von atemberaubender Dramatik und erschütternder Tragik. Johannes Brahms nannte es ein „wunderbares, unbegreifliches Werk“ und Robert Schumann, der dieser Solovioline 1853 einen Klavierpart hinzugesellte, sprach von einer „Welt tiefster Gedanken“.

Das Orchesterarrangement von James M. Stephenson (*1969) orientiert sich an der Schumannschen Version und Joshua Bell verstand es hinreißend, den romantischen Duktus dieses gewaltigen Klageliedes mit seinen choralähnlichen Partien herauszustreichen. Wenig Bachscher Barock, dafür aber tiefstes Seelenspiel.

 

Academy of St Martin in the Fields (Foto: m:con - mannheim:congress GmbH)

Sportlich, unverwechselbar, prickelnd

Joshua Bell, wie eigentlich immer in schlichtem schwarzem Outfit, kragenlosem langem Hemd, sportlich, jugendlich, locker, mit spitzbübischer Attitüde, kurz: äußerst bühnenaffin und unverwechselbar, demonstrierte zu Beginn des Paganini (1782-1840) Violinkonzerts (Uraufführung 1819 in Neapel) seine dirigistischen Qualitäten. Sein Geigenbogen als verlängerter Taktstock bot sozusagen die Verbindungslinie zwischen seiner prickelnden, raumgreifenden Physis und dem mittlerweile auf über 50 Instrumentalisten angewachsenen Klangkörper, darunter Fagott, Hörner, Posaunen, Trompeten, Bassklarinette und Schlagwerk mit großer Trommel und Crash Becken.

 

"Wendepunkt der Virtuosität" 2.0

Tusch und Schlagwerkgerassel und forscher Vierviertel Takt erinnern an die á la Marcia Partien von Gioachino Rossini, vieles auch an den frühen volkstümlichen Guiseppe Verdi und an den Belcanto von Vinzenzo Bellini oder Gaetano Donizetti. Nein, dem gebürtigen Genuesen Paganini geht es hier nicht um thematische Ausgestaltung oder gar tiefsinniges Komponieren. Dieses Werk ist einzig und allein der Virtuosität des Solisten gewidmet. Und die muss mindestens so phänomenal wie seine sein.

Joshua Bell machte seinem legendären, teuflischen Vorgänger dabei alle Ehre. Herauszuheben seine wohl selbst komponierte Kadenz am Schluss des Kopfsatzes. Leider unterbrochen durch ein nicht enden wollendes Klingelgeräusch eines Smartphones (Bell befand sich glücklicherweise in Trance), gehört dieses persönliche Zeugnis zum genialsten jemals Gehörten. Es war schlicht komplexeste göttliche Kunst auf den vier Saiten, die der sympathische Mann auf seiner Stradivari (1713) erzeugte. Die Schöpfung eines neuen Klangniveaus 2.0? Oder, wie vor fast 200 Jahren Robert Schumann beim Erleben Paganinis in Frankfurt festgestellt hat: „… Der Wendepunkt der Virtuosität!“ - 2.0?

Kommen wir zurück zur Realität. Kompositorisch ist dieses Violinkonzert alles andere als ein Meisterwerk. Seine Interpretation allerdings gehörte zum the-best-ever. Trotz der Reduktion des Orchesters aufs Minimale verschmolz es mit dem Solisten zu einer schöpferischen Symbiose, was vor allem im abschließenden Rondo zum sprichwörtlichen Salz in der Suppe amalgierte.

Joshua Bell (proarte.de)


Zwischen tiefer Depression und rheinischem Frohsinn

Robert Schumanns (1810-1856) zweite Sinfonie in C-Dur, eigentlich seine dritte, denn die zweite lag schon fertig in der Schublade, erlebte ihre Uraufführung am 05. November 1846 im Leipziger Gewandhaus, mit eher zurückhaltender Resonanz, wie es heißt. Kein geringerer als Felix Mendelssohn Bartholdy dirigierte das dem schwedisch-norwegischen König Oscar I (1799-1859) gewidmete Werk. Eigentlich Ausdruck tiefer Depression und krankheitsbedingter Schmerzen, wirkt diese viersätzige sinfonische Dichtung eher wie ein Ausbund rheinischen Frohsinns, temperamentvoll und voller Lebensfreude als von tiefer Depression und kränkelndem Pessimismus durchdrungen. Tatsächlich hat er sie später überarbeitet, worauf die Kritiken vom „Höhepunkt seines neuen Schaffens“ schrieben und das Werk in höchsten Tönen lobten.

 

Pointierte Gestik und ausnehmende Eleganz

Tatsächlich paukt und trompetet es im Kopfsatz, wo zwischen Streichern und Bläsern ein durchaus kraftvoller und lebendiger divergierender Dialog stattfindet. Überhaupt scheinen die Bläser, vor allem die Posaunen und Hörner dem gesamten Werk eine Klammer zu bieten. Bell zeigt gerade hier besondere dirigistische Qualitäten. Spielend gelingt es ihm, auf das Orchester seine Impulse und gedanklichen Eingebungen zu übertragen. Seine Gestik ist pointiert und seine Bewegungen sind von ausnehmender Eleganz.

So bereitet er allein durch geistigen Spannungsaufbau das enigmatische Scherzo vor. Größte Bereitschaft aller Akteure bis in die Haarspitzen. Präzise Tempowechsel und synkopische Tonversetzungen bis zum rasenden Schluss, alles durch seine Violine-spielende-Hand auf das Orchester übertragen. Sicher gehört das abschließende Allegro molto vivace zum bekanntesten dieser Sinfonie. Ist es eine Liebeserklärung an seine Clara? Ist es eine Hommage an Beethovens Liederzyklus „An die ferne Geliebte“?

Es ist - kurz gesagt - eine Dichtung pur, ein romantischer Gefühlsausbruch voller Fantasie und Träume. Ein Hymnus an die Liebe. Joshua Bell als Konzertmeister und Dirigent verstand es, dieser Sinfonie neuen Geist einzuhauchen und Schumanns geistigen Zustand in die heutige Welt zu übertragen.

Joshua Bell (Foto: Website JB)

Kein Vergleich von Äpfeln und Birnen

Vorsicht vor Vergleichen. Zwei unterschiedliche Programme sind wie Äpfel und Birnen. Aber Vieles hat sich doch wiederholt. Joshua Bell brillierte wieder einmal als wohl zurzeit bester Violinist auf diesem Globus, die Academy ist und bleibt das bedeutendste Kammerorchester auf dieser Weltkugel. Man sollte nicht vor Ehrfurcht im Boden versinken vor diesem Klangrausch, sondern sich an dieser menschlichen Perfektion erfreuen, einer Perfektion, die niemals eine Maschine zu erreichen in der Lage sein wird. Das Publikum jubelte und wollte niemanden von der Bühne entlassen. Ein Erlebnis, das in jeder Beziehung Mut macht und Kraft gibt für eigene Ideen und Entscheidungen. Vielen Dank an Joshua Bell und die Academy of St. Martin in the Fields.    

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