Joshua Bell und die Academy of St Martin in the Fields in der Alten Oper Frankfurt, 13.01.2023 (eine Veranstaltung von PRO ARTE)
![]() |
| Joshua Bell (Foto: PRO ARTE, proarte.de) |
Ein
absoluter Wahnsinn …
Vor fast
genau vier Jahren feierte die Academy of St Martin in the Fields ihr
60-jähriges Jubiläum eben an diesem Ort, und das ausgerechnet mit Joshua Bell
(*1967), dem US-amerikanischen Ausnahmegeiger und schon damals musikalischer
Leiter dieses extraordinären Klangkörpers. Lediglich das Programm unterschied
sich, wobei das musikalische Niveau schon damals von mir mit „ein absoluter
Wahnsinn, physisch bis an die Grenze des Möglichen gehend und spannend wie ein
Krimi“ bewertet wurde. Es waren unter anderem das äußerst schwierige
Violinkonzert von Peter Tschaikowsky op.35 und die spritzige C-Dur Sinfonie
Nr.1 von Georges Bizet.
In diesem
Jahr sind es von Johann Sebastian Bach die Chaconne aus seiner Partita
Nr.2 d-Moll für Violine solo BWV 1004, im Arrangement für Violine und
Orchester von James M. Stevenson, das Konzert für Violine und Orchester Nr.
1 D-Dur op. 6 von Niccolo Paganini sowie Robert Schumanns Sinfonie Nr.2
C-Dur op.61. Wieder höchstes musikalisches Niveau unter der Leitung des aktuellen
Chefdirigenten. Wieder der „absolute Wahnsinn“. Ein Déjà-vu der besonderen Art.
Von
tiefsten Gedanken
Aber gehen
wir in Detail. Zählt doch die Ciaccona, so lautet die italienische Bezeichnung
des Schreittanzes, zum monumentalsten Solosatz aus dem Genre der Partiten. Johann
Sebastian Bach (1685-1750) schrieb sie vermutlich im Gedenken an seine
verstorben Frau Barbara im Jahre 1720 in Köthen. Ein sechzehn minütiges dreiteiliges
Wunderwerk mit komplizierter Mehrstimmigkeit, variierend zwischen Dur und Moll,
zwischen Chaconne und Passacaglia, von atemberaubender Dramatik und
erschütternder Tragik. Johannes Brahms nannte es ein „wunderbares, unbegreifliches
Werk“ und Robert Schumann, der dieser Solovioline 1853 einen Klavierpart
hinzugesellte, sprach von einer „Welt tiefster Gedanken“.
Das Orchesterarrangement
von James M. Stephenson (*1969) orientiert sich an der Schumannschen Version und
Joshua Bell verstand es hinreißend, den romantischen Duktus dieses gewaltigen
Klageliedes mit seinen choralähnlichen Partien herauszustreichen. Wenig Bachscher
Barock, dafür aber tiefstes Seelenspiel.
![]() |
| Academy of St Martin in the Fields (Foto: m:con - mannheim:congress GmbH) |
Sportlich,
unverwechselbar, prickelnd
Joshua
Bell, wie eigentlich
immer in schlichtem schwarzem Outfit, kragenlosem langem Hemd, sportlich,
jugendlich, locker, mit spitzbübischer Attitüde, kurz: äußerst bühnenaffin und
unverwechselbar, demonstrierte zu Beginn des Paganini (1782-1840) Violinkonzerts
(Uraufführung 1819 in Neapel) seine dirigistischen Qualitäten. Sein Geigenbogen
als verlängerter Taktstock bot sozusagen die Verbindungslinie zwischen seiner
prickelnden, raumgreifenden Physis und dem mittlerweile auf über 50 Instrumentalisten
angewachsenen Klangkörper, darunter Fagott, Hörner, Posaunen, Trompeten,
Bassklarinette und Schlagwerk mit großer Trommel und Crash Becken.
"Wendepunkt
der Virtuosität" 2.0
Tusch und
Schlagwerkgerassel und forscher Vierviertel Takt erinnern an die á la Marcia
Partien von Gioachino Rossini, vieles auch an den frühen volkstümlichen Guiseppe
Verdi und an den Belcanto von Vinzenzo Bellini oder Gaetano Donizetti. Nein, dem
gebürtigen Genuesen Paganini geht es hier nicht um thematische Ausgestaltung
oder gar tiefsinniges Komponieren. Dieses Werk ist einzig und allein der
Virtuosität des Solisten gewidmet. Und die muss mindestens so phänomenal wie
seine sein.
Joshua Bell
machte seinem legendären, teuflischen Vorgänger dabei alle Ehre. Herauszuheben seine
wohl selbst komponierte Kadenz am Schluss des Kopfsatzes. Leider unterbrochen
durch ein nicht enden wollendes Klingelgeräusch eines Smartphones (Bell befand
sich glücklicherweise in Trance), gehört dieses persönliche Zeugnis zum
genialsten jemals Gehörten. Es war schlicht komplexeste göttliche Kunst auf den
vier Saiten, die der sympathische Mann auf seiner Stradivari (1713) erzeugte. Die
Schöpfung eines neuen Klangniveaus 2.0? Oder, wie vor fast 200 Jahren Robert
Schumann beim Erleben Paganinis in Frankfurt festgestellt hat: „… Der Wendepunkt
der Virtuosität!“ - 2.0?
Kommen wir zurück zur Realität. Kompositorisch ist dieses Violinkonzert alles andere als ein Meisterwerk. Seine Interpretation allerdings gehörte zum the-best-ever. Trotz der Reduktion des Orchesters aufs Minimale verschmolz es mit dem Solisten zu einer schöpferischen Symbiose, was vor allem im abschließenden Rondo zum sprichwörtlichen Salz in der Suppe amalgierte.
![]() |
| Joshua Bell (proarte.de) |
Zwischen
tiefer Depression und rheinischem Frohsinn
Robert
Schumanns (1810-1856) zweite Sinfonie in C-Dur, eigentlich seine dritte, denn
die zweite lag schon fertig in der Schublade, erlebte ihre Uraufführung am 05.
November 1846 im Leipziger Gewandhaus, mit eher zurückhaltender Resonanz, wie
es heißt. Kein geringerer als Felix Mendelssohn Bartholdy dirigierte das dem
schwedisch-norwegischen König Oscar I (1799-1859) gewidmete Werk. Eigentlich Ausdruck
tiefer Depression und krankheitsbedingter Schmerzen, wirkt diese viersätzige
sinfonische Dichtung eher wie ein Ausbund rheinischen Frohsinns,
temperamentvoll und voller Lebensfreude als von tiefer Depression und kränkelndem Pessimismus durchdrungen. Tatsächlich hat er sie später
überarbeitet, worauf die Kritiken vom „Höhepunkt seines neuen Schaffens“ schrieben
und das Werk in höchsten Tönen lobten.
Pointierte
Gestik und ausnehmende Eleganz
Tatsächlich
paukt und trompetet es im Kopfsatz, wo zwischen Streichern und Bläsern ein
durchaus kraftvoller und lebendiger divergierender Dialog stattfindet.
Überhaupt scheinen die Bläser, vor allem die Posaunen und Hörner dem gesamten Werk
eine Klammer zu bieten. Bell zeigt gerade hier besondere dirigistische Qualitäten.
Spielend gelingt es ihm, auf das Orchester seine Impulse und gedanklichen
Eingebungen zu übertragen. Seine Gestik ist pointiert und seine Bewegungen sind
von ausnehmender Eleganz.
So bereitet
er allein durch geistigen Spannungsaufbau das enigmatische Scherzo vor.
Größte Bereitschaft aller Akteure bis in die Haarspitzen. Präzise Tempowechsel
und synkopische Tonversetzungen bis zum rasenden Schluss, alles durch seine Violine-spielende-Hand auf das Orchester übertragen. Sicher gehört das abschließende Allegro
molto vivace zum bekanntesten dieser Sinfonie. Ist es eine Liebeserklärung
an seine Clara? Ist es eine Hommage an Beethovens Liederzyklus „An die ferne
Geliebte“?
Es ist - kurz
gesagt - eine Dichtung pur, ein romantischer Gefühlsausbruch voller Fantasie und
Träume. Ein Hymnus an die Liebe. Joshua Bell als Konzertmeister und
Dirigent verstand es, dieser Sinfonie neuen Geist einzuhauchen und Schumanns
geistigen Zustand in die heutige Welt zu übertragen.
![]() |
| Joshua Bell (Foto: Website JB) |
Kein
Vergleich von Äpfeln und Birnen
Vorsicht vor
Vergleichen. Zwei unterschiedliche Programme sind wie Äpfel und Birnen. Aber Vieles
hat sich doch wiederholt. Joshua Bell brillierte wieder einmal als wohl zurzeit
bester Violinist auf diesem Globus, die Academy ist und bleibt das bedeutendste
Kammerorchester auf dieser Weltkugel. Man sollte nicht vor Ehrfurcht im Boden
versinken vor diesem Klangrausch, sondern sich an dieser menschlichen
Perfektion erfreuen, einer Perfektion, die niemals eine Maschine zu erreichen
in der Lage sein wird. Das Publikum jubelte und wollte niemanden von der Bühne entlassen.
Ein Erlebnis, das in jeder Beziehung Mut macht und Kraft gibt für eigene Ideen
und Entscheidungen. Vielen Dank an Joshua Bell und die Academy of St.
Martin in the Fields.




Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen