Michael Wollny und Joachim Kühn, Jazz-Piano-Duo, Alte Oper Frankfurt, 23.01.2023
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| Michael Wollny und Joachim Kühn (Foto: Eva Baales) |
Wie Vater
und Sohn
Ein
denkwürdiger Abend im Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt. Zwei Generationen,
wie Vater und Sohn, saßen sich an ihren Pianos gegenüber und kommunizierten
Harmonien und Disharmonien, Gegensätzlichkeiten und Gemeinsamkeiten, Lebenserfahrung, Weisheit und Möglichkeiten auf der
Tastatur der Klaviere: das Jazz Piano-Duo Joachim Kühn (*1944) und Michael
Wollny (*1978).
Warum wie Vater und Sohn? Einfach weil beide eine große musikalische DNA verbindet. Seit ihrer ersten Begegnung (offensichtlich in einer Garderobe Mitte der 1990er Jahre) kommen sie nicht mehr voneinander los. Wollny schreibt seine Diplomarbeit an der Musikhochschule Würzburg über Joachim Kühn, Kühn wiederum glaubt in Vielem der Improvisationen von Wollny (Beispiel Heinz Sauer Duo) sich selbst wiederzuerkennen. Auch gibt es die Anekdote von Heinz Sauer (übrigens einer der weltweit besten Jazz-Saxophonisten aus Kronberg im Taunus), der seinem Freund Joachim Kühn gesagt haben soll, er kenne einen Pianisten, der könne genauso spielen wie er. „Das Gute aber sei, er tue es nicht.“ Tatsächlich arbeiten Wollny und Kühn seit dem Festival auf Schloss Elmau im Jahre 2008 zusammen und treten, wenn auch unregelmäßig, seit dieser Zeit gemeinsam auf.
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| Michael Wollny und Joachim Kühn in der Alten Oper Frankfurt (Foto: Salar Baygan) |
Stilistische
Offenheit
Beide sind vielseitig, haben eine klassische
Ausbildung als Konzertpianist, beide sind stilistisch offen, kennen keine
Grenzen zwischen Tanzmusik, Rock Pop, Klassik und Jazz, beide lieben das Grenzwertige,
das Klangliche, das Präzise, das Ausdrucksstarke, das Kommunikative. Lediglich
das Alter und die gemachten Erfahrungen unterscheiden sie. Kühn, ein DDR-Kind,
wechselt nach einer Einladung von Friedrich Gulda (1930-2000) 1966 nach Wien in
den Westen und lebt dann viele Jahre in den USA, wo er Karriere macht und bei
so berühmten Jazzern wie Don Cherry, Albert Mangelsdorff, Jean Luc Ponty zum
Exponenten des Free Jazz oder besser des zeitgenössischen Jazz wird. Höhepunkt
seiner Karriere ist die Gründung seines Klaviertrios New Trio mit dem
Schweizer Daniel Humair (Schlagwerk) und dem Franzosen Jean François Jenny-Clark
(Kontrabass) Mitte der 1980er Jahre, das, so Wollny „das wegweisendste
Klaviertrio aller Zeiten“ sei.
Wollny dagegen beginnt seinen Aufstieg
als Pianist mit dem Saxophonisten Heinz Sauer (*1932) zwischen 2005 und 2010.
Er gründet dann sein bis heute bestehendes Klaviertrio mit Christian Weber
(Kontrabass) und Eric Schaefer (Schlagzeug), das ab 2015 den Namen Michael
Wollny Trio trägt. Auf den Bühnen des Rheingau Musikfestivals (RMF) und in
der Alten Oper Frankfurt (AO) ist er seit Jahren ein gern gesehener Gast, seine
Auftritte sind vielseitig und vielgestaltig. Erwähnt seien seine Konzerte im
Kurhaus Wiesbaden, im Rahmen des RMF 2017, mit seinen Freunden Andreas
Schaerer (Gesang), Emile Parisien (Saxophon) und Vincent Peirani (Akkordeon), oder seine kongeniale Nosferatu Begleitung mit dem Norwegian Wind
Ensemble im vergangenen September im Rahmen von Fratopia. Zurzeit ist er
Jazz-Resident der Alten Oper Frankfurt mit insgesamt acht Konzerten.
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| Michael Wollny und Joachim Kühn in der Alten Oper Frankfurt (Foto: Salar Baygan) |
Neun Mal
Jazz vom Feinsten
Das Programm
des Abends bestand aus acht Stücken und einer Zugabe, die das Duo ohne Ansage präsentierten.
Schade eigentlich, weil man gerne einem Werk auch einen Namen gibt. Aber für
beide sind Titel oder Namen Schall und Rauch. Sie spielen und suchen das
gemeinsame Feeling.
Gleich zu
Beginn eine undefinierte Tonwolke von Wollny, die sich, unterbrochen von
ostinaten Akkordfolgen, in ein frei stilistisches Improvisieren beider
Pianisten ausweitet. Die 1970er Jahre kommen in Erinnerung. Free Jazz, freies
Denken und freies Spiel waren en vogue. Plötzlich ein Wechsel zum Rockigen. Die
Patterns wechseln zum Vierviertel Rhythmus, klar und eindringlich. Ende. Ein
Einstieg nach Maß. Alles offen, alles möglich.
Es folgt
eine Poesie der Klänge, voller Glockengeläut, stimmungsvoll mit impressionistischen
Sext- und Quintfolgen. Chorische Homophonie herrscht in der dritten Piece vor.
Ein Blues mit extrem figurativen Passagen. Jeder ist mal dran. Wollny mit
leichter, manchmal nebulöser Hand, Kühn dagegen stark konturiert, bestimmt.
Beide aber finden wieder zusammen und memorieren den chorischen Anfang.
Ein eingängiges
Motiv im Unisono erwartet den Hörer im vierten Stück. Es bildet die Klammer von
extrem schnellen Passagen, hallenden Tönen und Wassertropfen-Improvisationen.
Chromatische Skalen und Saitenspiel von Wollny führen wieder zurück zum
Eingangsmotiv. Ein Kreis mit vielen Überraschungen.
Eine
melodische Rhapsodie mit barocken Elementen folgt, einer Suite ähnlich und von
Kühn dominiert. Großartiger Bebop mit Anklängen an Barmusiken eines Georg Gershwins
oder Cole Porter. Wild und voller Cluster dann das nächste Stück. Mit
triolischem Ostinato als Grundlage, ein Feuerwerk der Ideen. Kontrapunktisch
mit Bachschen Bezügen und extrem repetitiver Fortspinnung dann das siebente
Stück. Hier wirkte der kommunikative Bezug fast am besten. Beide Künstler
beherrschten den kanonischen Fortgang in ganz eigenwilliger Manier, in Dezimen
Skalen bei Wollny und in Oktaven bei Kühn. Ihre gemeinsame Musiksprache aber war
davon unbeeinflusst.
Rhythmisch vertrackt dann der Schluss. Schnelle Flächenstrukturierungen und rasende Repetitionen beherrschte dieses von Kühn folkloristische garnierte Free-Style-Werk. Leichtgängig der eine und mit sattem Ton der andere. Beide finden sich exakt am Schluss. Exakt, weil die äußerst komplex Rhythmik eigentlich keine Genauigkeit zulässt. Beide aber erspüren sie wie eineiige Zwillinge. Das Publikum jubelt, und das zu Recht.
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| Michael Wollny und Joachim Kühn in der Alten Oper Frankfurt (Foto: Salar Baygan) |
Das Innen
nach Außen gedreht
Die Zugabe,
ein viertöniges Dezimen-Ostinato, ist ein Blues pur. Voller Lyrik und
ausgesuchter Raffinesse. Hier brilliert noch einmal Joachim Kühn, der trotz
seines Alters am Klavier weiterhin vor Kraft strotzt, das Klangliche immer
hervorhebt und wie sein Gegenüber, Michael Wollny, das genaue Zuhören und die
Freude an den Ausdrucksqualitäten seines Mitspielers sichtbar erkennen lässt.
Beide umarmen sich am Ende mit großer Empathie. Man freut sich mit und für dem anderen, ganz wie man es zwischen Vater und Sohn erwartet. Tatsächlich haben
Beide auch persönlich viel gemeinsam. Jede Faser ihres Muskelspiels scheint mit
der das anderen verbunden zu sein. Ein denkwürdiger Abend, der so, in dieser Weise
einmalig ist, denn in den 70 Minuten ihres Auftritts haben beide spontan ihr
Inneres nach Außen gedreht und Harmonie und Disharmonie, Gegensätzlichkeiten
und Gemeinsamkeiten, Lebenserfahrung, Weisheit, Wille und Möglichkeiten zu
einer beeindruckenden Synthese werden lassen.




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