Mittwoch, 25. Januar 2023

Happy New Ears 2023, Portrait Vito Žuraj (*1979), Werkstattkonzert mit dem Ensemble Modern im Bockenheimer Depot Frankfurt, 24.01.2023 

 Vito Žuraj (Foto: Ensemble Modern)

Spannungsgeladen – Spannungsentladung

Alles scheint noch unter den Eindrücken der Uraufführung der Oper Blühen zwei Tage zuvor zu stehen. Mareike Wink, die Moderatorin des Abends und zugleich dramaturgische Begleiterin der Oper, traf Vito Žuraj auf der blauen dickwulstigen Couch, eines der wichtigen Requisiten der Oper, und befragte ihn nach seinem persönlichen Befinden nach der Premiere: „Ich habe sie genossen,“ lautete die knappe Antwort. Die Spannung in der Vorbereitung war dennoch gewaltig, Proben, Veränderungen, Nachjustierungen, das alles habe ihn vom Gesamtkomplex der Oper regelrecht abgelenkt. Insofern habe er sie am Premierenabend ebenfalls erstmals gesehen und gehört.

 

Tension – gespannte Erwartung

Tension (2018), Spannung bis zum Reißen der Saiten oder auch der Nerven, das war denn auch der Titel des ersten an diesem Abend vorgestellten Stücks für 17 Instrumentalisten. Žuraj, bekannt wegen seiner sportlichen Bezüge in seinen Kompositionen, man denke an Top Spin (2011), Warm-up (2012), oder Runaround (2014), alles Titel aus der Welt des Sports (nebenbei bemerkt ist er selbst begeisterter Tennisspieler), hat sich in diesem 12-minütigen Werk auf die Spannung in allen Lebensbereichen konzentriert. Für ihn ist Spannung nicht allein „gespannte Erwartung“, sondern auch „Mittel größter Herausforderungen“.

Tension ist reine Hektik und Nervosität, aber auch raue Realität und vorwärtsstrebender Wille. Vieles könnte der musique concrète instrumentale eines Helmut Lachenmann nachempfunden sein. So lässt er die Streicher ihre Saiten mit genoppten Bleistiften traktieren, oder die Harfe wie ein Insektenschwarm klingen, das Horn spucken und die Perkussionisten zu Nerventötern werden. Hochspannend. Was aber soll die Oper Blühen hier? Wink fragt das Publikum, ob es musikalische Ähnlichkeiten mit der Oper gehört habe? Ein netter Versuch, aber wenig ertragreich. Selbst Žuraj versucht die Situation zu retten, indem er Tension, aber auch alle seiner instrumentalen Werke, irgendwie als Vorarbeit, quasi als Studie für seine beiden Opern (die erste Orlando.Das Schloss von 2013) verwendet habe. Na ja.

Vito Žuraj (Foto: karstenwittmanagement)

Perkussion mit Geschmack

Hors d´oeuvre für Orchester und Schlagzeug (2022), wurde eigentlich bereits 2019 im Kölner Funkhaus uraufgeführt, aber, so Žuraj, für das Ensemble Modern umgeschrieben. Insofern erlebte das Publikum eine Premiere. Das Hors d´oeuvre gehört bekanntlich an den Anfang einer ausgesuchten Menükarte, und so sollte es auch hier sein. Denn kein geringerer als der Zwei Sterne Koch Daniel Gottschlich, der in Köln seit zwölf Jahren das Restaurant Ox & Klee sein Eigen nennt und mit zehn Gänge Menüs alle existierenden sechs Geschmackqualitäten befriedigt, hatte sich, als Rockmusiker, eine ganz nach seinem Geschmack ausgerichtete Perkussionsanlage auf der Bühne gestaltet. Bewaffnet mit Töpfen, Pfannen, Wassertöpfen, Plastikschüsseln, Messern, Reiben und diversen Gemüsen auf Holzplatten ausgelegt, unterstützt allerdings vom professionellen Perkussionstrio des Ensemble Modern, überraschte er gleich zu Anfang mit einem kurzen, aber knackigen Salzstreuer Solo, um dann im Stil eines Rockdrummers die einzelnen Küchengeräte zu bedienen. Das Ensemble unterstützte lediglich geräuschvoll die Rhythmen des zwei Sterne Kochs. Man fühlte sich in eine Küche versetzt. Viel Geklapper, Gespüle, Schneiden und Klopfen. Irgendwie auch hungrig. Wann ist das Essen zubereitet, wann können wir unseren Hunger stillen? Ein lockeres kurzweiliges Stück mit einem aufgeräumten, sportlichen Daniel Gottschlich, der am Schluss dem Dirigenten, Michael Wendeberg, das Ergebnis seiner perkussiven Speise-Produktion, eine Eistüte mit Gemüsefüllung, übergab.

 

Küchenmusik im zwei Sterne Restaurant

Im Sofagespräch räumte Gottschlich ein, dass ihn die Neue Musik nie wirklich interessiert habe. Er aber durch die von seinem Freund Patrick Hahn vermittelte Bekanntschaft mit dem Komponisten nicht nur dessen Musik liebgewonnen, sondern auch die zeitgenössische Musik besser verstanden habe. Seine musikalischen Vorlieben lägen eher in den Roots der 1970/80er Jahre.

Žuraj wiederum gab zu, nicht gewusst zu haben, „dass man in einem zwei Sterne Restaurant keine Suppe bestellen kann“. Küchenmusik habe ihn schon immer interessiert und mit Daniel Gottschlich sei ihm dieser Wunsch erfüllt worden.

 

Wahnsinns Gebrabbel

The voice of Battaros für Horn und Ensemble (2022) ist eine Fortsetzung von Hawk-Eye von 2020, das Žuraj dem Ensemble Modern zu seinem 40. Geburtstag 2020 schenkte. Insofern auch hier eine Uraufführung. Battaros beschreibt eine krankhafte Sprachstörung, die sich vom legendären lybischen Herrscher Battaros herleitet. Der Titel ist Programm.

Saar Berger, der kongeniale Hornist des Ensemble Modern musste zuerst auf die wulstige Couch und seinen Bezug zu dieser Komposition erläutern. In seiner witzigen Art beklagte er die enormen Schwierigkeiten, die sein Freund Vito in dieses dreiminütige Schwergewicht eingebaut habe. Immer wenn nichts mehr ging, so Berger, habe Vito gesagt, genauso so möchte ich das. Der Horn Part hat nichts mit Gustav Mahler, Mozart oder Carl Maria von Weber zu tun. Nein. Das Geheimnis liegt im Stopfdämpfer. Ein Gerät, das einem römischen Weinbecher gleicht, und bei Einführung in den Trichter des Instruments einen Ton erzeugt, der an Donald Duck erinnert. Rasend schnell und heftig von Beginn an. Alles überschlägt sich und wird nur von kurzen Soli unterbrochen. Berger sieht man seine Lust an dieser Musik förmlich an. Er hat Spaß an diesen Klängen und schafft ein Klima Freude und des Humors. Drei Minuten Walt Disney, eine Erholung pur und viel Gelächter im Publikum.

Ein kurzer Abend, kaum 75-Minuten lang, allerdings eher ein locker-legeres Gesprächskonzert mit bemühten Bezügen zur Opernpremiere als eine analytische Werkstatt, wie sonst bei den HNE-Portraits üblich. Ein bisschen schade, aber vermutlich der Anspannung der Opernpremiere geschuldet. Dennoch großartig gespielte Musik vom EM und ausgesprochen elegant geleitet von Michael Wendeberg.

 

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