Happy New Ears 2023, Portrait Vito Žuraj (*1979), Werkstattkonzert mit dem Ensemble Modern im Bockenheimer Depot Frankfurt, 24.01.2023
![]() |
| Vito Žuraj (Foto: Ensemble Modern) |
Spannungsgeladen –
Spannungsentladung
Alles
scheint noch unter den Eindrücken der Uraufführung der Oper Blühen zwei Tage
zuvor zu stehen. Mareike Wink, die Moderatorin des Abends und zugleich dramaturgische
Begleiterin der Oper, traf Vito Žuraj auf der blauen dickwulstigen Couch, eines
der wichtigen Requisiten der Oper, und befragte ihn nach seinem persönlichen Befinden
nach der Premiere: „Ich habe sie genossen,“ lautete die knappe Antwort. Die
Spannung in der Vorbereitung war dennoch gewaltig, Proben, Veränderungen,
Nachjustierungen, das alles habe ihn vom Gesamtkomplex der Oper regelrecht
abgelenkt. Insofern habe er sie am Premierenabend ebenfalls erstmals gesehen
und gehört.
Tension –
gespannte Erwartung
Tension (2018), Spannung bis zum Reißen der
Saiten oder auch der Nerven, das war denn auch der Titel des ersten an diesem
Abend vorgestellten Stücks für 17 Instrumentalisten. Žuraj, bekannt wegen
seiner sportlichen Bezüge in seinen Kompositionen, man denke an Top Spin
(2011), Warm-up (2012), oder Runaround (2014), alles Titel aus
der Welt des Sports (nebenbei bemerkt ist er selbst begeisterter Tennisspieler),
hat sich in diesem 12-minütigen Werk auf die Spannung in allen Lebensbereichen
konzentriert. Für ihn ist Spannung nicht allein „gespannte Erwartung“, sondern
auch „Mittel größter Herausforderungen“.
Tension ist reine Hektik und Nervosität, aber auch raue Realität und vorwärtsstrebender Wille. Vieles könnte der musique concrète instrumentale eines Helmut Lachenmann nachempfunden sein. So lässt er die Streicher ihre Saiten mit genoppten Bleistiften traktieren, oder die Harfe wie ein Insektenschwarm klingen, das Horn spucken und die Perkussionisten zu Nerventötern werden. Hochspannend. Was aber soll die Oper Blühen hier? Wink fragt das Publikum, ob es musikalische Ähnlichkeiten mit der Oper gehört habe? Ein netter Versuch, aber wenig ertragreich. Selbst Žuraj versucht die Situation zu retten, indem er Tension, aber auch alle seiner instrumentalen Werke, irgendwie als Vorarbeit, quasi als Studie für seine beiden Opern (die erste Orlando.Das Schloss von 2013) verwendet habe. Na ja.
![]() |
| Vito Žuraj (Foto: karstenwittmanagement) |
Perkussion
mit Geschmack
Hors d´oeuvre für Orchester und Schlagzeug (2022),
wurde eigentlich bereits 2019 im Kölner Funkhaus uraufgeführt, aber, so Žuraj,
für das Ensemble Modern umgeschrieben. Insofern erlebte das Publikum eine
Premiere. Das Hors d´oeuvre gehört bekanntlich an den Anfang einer ausgesuchten
Menükarte, und so sollte es auch hier sein. Denn kein geringerer als der Zwei Sterne
Koch Daniel Gottschlich, der in Köln seit zwölf Jahren das Restaurant Ox
& Klee sein Eigen nennt und mit zehn Gänge Menüs alle existierenden
sechs Geschmackqualitäten befriedigt, hatte sich, als Rockmusiker, eine ganz
nach seinem Geschmack ausgerichtete Perkussionsanlage auf der Bühne gestaltet.
Bewaffnet mit Töpfen, Pfannen, Wassertöpfen, Plastikschüsseln, Messern, Reiben
und diversen Gemüsen auf Holzplatten ausgelegt, unterstützt allerdings vom professionellen
Perkussionstrio des Ensemble Modern, überraschte er gleich zu Anfang mit einem
kurzen, aber knackigen Salzstreuer Solo, um dann im Stil eines Rockdrummers die
einzelnen Küchengeräte zu bedienen. Das Ensemble unterstützte lediglich geräuschvoll
die Rhythmen des zwei Sterne Kochs. Man fühlte sich in eine Küche versetzt.
Viel Geklapper, Gespüle, Schneiden und Klopfen. Irgendwie auch hungrig. Wann
ist das Essen zubereitet, wann können wir unseren Hunger stillen? Ein lockeres
kurzweiliges Stück mit einem aufgeräumten, sportlichen Daniel Gottschlich, der
am Schluss dem Dirigenten, Michael Wendeberg, das Ergebnis seiner perkussiven Speise-Produktion,
eine Eistüte mit Gemüsefüllung, übergab.
Küchenmusik
im zwei Sterne Restaurant
Im Sofagespräch
räumte Gottschlich ein, dass ihn die Neue Musik nie wirklich interessiert habe.
Er aber durch die von seinem Freund Patrick Hahn vermittelte Bekanntschaft mit
dem Komponisten nicht nur dessen Musik liebgewonnen, sondern auch die
zeitgenössische Musik besser verstanden habe. Seine musikalischen Vorlieben
lägen eher in den Roots der 1970/80er Jahre.
Žuraj
wiederum gab zu, nicht gewusst zu haben, „dass man in einem zwei Sterne Restaurant
keine Suppe bestellen kann“. Küchenmusik habe ihn schon immer interessiert und
mit Daniel Gottschlich sei ihm dieser Wunsch erfüllt worden.
Wahnsinns Gebrabbel
The voice
of Battaros für Horn
und Ensemble (2022) ist eine Fortsetzung von Hawk-Eye von 2020, das Žuraj
dem Ensemble Modern zu seinem 40. Geburtstag 2020 schenkte. Insofern auch hier
eine Uraufführung. Battaros beschreibt eine krankhafte Sprachstörung, die sich
vom legendären lybischen Herrscher Battaros herleitet. Der Titel ist Programm.
Saar Berger, der kongeniale Hornist des
Ensemble Modern musste zuerst auf die wulstige Couch und seinen Bezug zu dieser
Komposition erläutern. In seiner witzigen Art beklagte er die enormen
Schwierigkeiten, die sein Freund Vito in dieses dreiminütige Schwergewicht
eingebaut habe. Immer wenn nichts mehr ging, so Berger, habe Vito gesagt,
genauso so möchte ich das. Der Horn Part hat nichts mit Gustav Mahler, Mozart
oder Carl Maria von Weber zu tun. Nein. Das Geheimnis liegt im Stopfdämpfer. Ein Gerät, das
einem römischen Weinbecher gleicht, und bei Einführung in den Trichter des
Instruments einen Ton erzeugt, der an Donald Duck erinnert. Rasend schnell und
heftig von Beginn an. Alles überschlägt sich und wird nur von kurzen Soli
unterbrochen. Berger sieht man seine Lust an dieser Musik förmlich an. Er hat
Spaß an diesen Klängen und schafft ein Klima Freude und des Humors. Drei Minuten
Walt Disney, eine Erholung pur und viel Gelächter im Publikum.
Ein kurzer
Abend, kaum 75-Minuten lang, allerdings eher ein locker-legeres Gesprächskonzert
mit bemühten Bezügen zur Opernpremiere als eine analytische Werkstatt, wie
sonst bei den HNE-Portraits üblich. Ein bisschen schade, aber vermutlich der
Anspannung der Opernpremiere geschuldet.


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen