2 x Hören: Webern, Vier Stücke für Violine und Klavier op.7 von Anton Webern (1883-1945) mit Patricia Kopatchinskaja (Violine) und Joonas Ahonen (Klavier), Moderation Dr. Markus Fein, Alte Oper Frankfurt, 22.02.2023
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| v. l.: Patricia Kopatchinskaja, Joonas Ahonen und Dr. Markus Fein im Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt (Foto: Salar Baygan) |
Voller
Rätsel und viel Diskussionsstoff
2 x Hören dritter Teil. Doppelt hört besser
könnte man getrost auch mal drei nehmen. Denn auf dem Programm stand, in
Abwandlung der ursprünglichen Werkstattthematik zu George Antheil, Anton Weberns
(1883-1945) op. 7, Vier Stücke für Violine und Klavier (1910) mit
jeweils 9, 24, 14 und 15 Takten. Gesamtdauer knapp 5 Minuten. Wenig Stoff für
gut 120 Minuten Veranstaltungsdauer.
Zunächst,
wie üblich, die Interpretation der vier Stücke mit der Satzbezeichnung, Sehr
langsam, Rasch, Sehr langsam und Bewegt, von Patricia Kopatchinskaja
(*1977) auf der Geige und Joonas Ahonen (*1984) auf dem Klavier (er
feierte übrigens sein Debüt in der Alten Oper Frankfurt). Miniaturen zwischen „kaum
hörbar“ und krassen Fortissimo Eruptionen, bizarrer Melodik „col legno“ und
engster chromatischer Verdichtung. Ein musikalischer Einstieg voller Rätsel und
viel Stoff für Diskussionen und Gespräche.
Ein
abstraktes Bild der Moderne
Dr. Markus
Fein, ein ausgewiesener Kenner der Materie forderte auch gleich die beiden
Künstler. Seine Bemerkung, es sei wohl weltweit das erste Konzert, auf dem
ausschließlich das op.7 vorgetragen werde, hob denn auch bewusst die
Besonderheit dieser Werkstatt Veranstaltung hervor. So fragte er nach den Erfahrungen,
die beide mit den Aufführungen dieses Opus bereits gemacht hätten.
Kopatchinskaja bekannte, dass sie es seit ihrer Studienzeit spiele und bis
heute vor allem die Modernität schätze, sich aber nach wie vor kein rechtes
Bild machen könne. Ahonen dagegen malte ein abstraktes Bild, dessen Striche und
Gegenstände nicht konkret zu benennen seien.
Viel klüger
machten die beiden Musiker das Publikum zwar nicht, aber Fein wechselte zur
Person Weberns in seiner Lebenswelt. Er habe das Tor zur Moderne geöffnet, in
Zeiten, wo die riesigen Orchesterwerke Mahlers und Straussens, die
spätromantischen Opern eines Giacomo Puccini und Richard Wagner, wie auch die Operetten
von Franz Lehár, Richard Strauß oder Robert Stolz die Massen begeisterten.
Webern fühlte sich wie ein Gefangener dieses Umbruchs von der gegenständlichen
Jugendstil Epoche, der manierierten Spätromantik hin zum Expressionismus,
Bauhaus und zur neuen Sachlichkeit.
„Wieder
weiterdenken können“
Bekanntlich musste er sein Geld als Kapellmeister im Kurbad Teplitz verdienen, dirigierte dort Operetten von Lehár (Der Graf von Luxemburg) und Leo Fall (Die Geschiedene) und scheint sich bei der Aufführung der Fall´schen Dollarprinzessin mit einem Sänger überworfen zu haben, worauf er wütend den Taktstock hinwarf und sich auf sein elterliches Domizil, den Preglhof bei Bleiberg in Kärnten, zurückzog. Dort komponierte er in der Sommerfrische unter anderem das op.7 und schrieb an Schönberg: „Oft betrübt es mich, dass ich dort durch bin, aber ich bin doch froh, dass ich hier arbeiten und auf diesem Wege wieder weiterdenken kann.“ Für Webern war dies ein Befreiungsschlag nach der Fron seiner Tätigkeit als Operettendirigent und sein Weiterdenken galt jetzt der Verdichtung seines Stils und der Verknappung der musikalischen Gesten. Ein Experiment, dass zehn Jahre später die Zwölftonmusik einleiten sollte.
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| v. l.: Joonas Ahonen, Patricia Kopatchinskaja und Dr. Markus Fein im Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt (Foto: Salar Baygan) |
Chronologie
der musikalischen Entwicklung
Der dritte
Teil des Abends bestand aus der Notenanalyse, vor allem des ersten neuntaktigen
Stücks. Mehrere Folien machten deutlich, wie wenige Noten und präzise Anweisungen
das Notenbild charakterisieren: Höchste Expressivität, ausufernde Dynamik von
dreifachem piano zum dreifachen forte, ständige Tempowechsel, und eine offene
Schlusssequenz.
Fein
versucht dann im vierten Teil die Musiksprache des Komponisten zu entschlüsseln
und stellt eine Chronologie der musikalischen Entwicklung des Komponisten von
op. 1 bis op.7 her. Von der Passacaglia (1908) über die Lieder (mit
Texten von Stefan George) bis zu den sechs Stücken op.6, dazu noch die
vier Kompositionen von 1899 bis 1907, die Webern nicht in die Opus-Reihe
aufgenommen hat.
Herauszuhören ist nicht allein die Affinität zu Wagner, Strauss und Debussy, sondern die Entwicklung zu neoklassischen Elementen bis hin zu freitonaler, ja atonaler Attitüde. Seine Werke werden zunehmend kürzer, prägnanter, reduktionistischer. Die Verdichtung nimmt zu, aber, so das Fazit der beiden Interpreten, die Poesie, die Innerlichkeit, das romantisch Verträumte bleibe bestehen. Vor allem op.7 sei ein Destillat aus all den vorherigen Kompositionen, ein Extrakt des Erlebens, zwar ohne Pathos, dafür aber ein Gegenstück zur überbordenden Kultur der Wiener Moderne, eine Opposition gegen die Belle Époque, keine Rebellion, sondern eher ein inneres Bedürfnis.
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| Patricia Kopatchinskaja und Joonas Ahonen (Foto: Joonas Ahonen, Archiv) |
Ein
Schauspiel mit Musik
Fein spricht
ergänzend von Theatralik und verweist auf Ferruccio Busoni, der einmal zu
Schönberg gesagt haben soll: die Musik drücke die Unlogik der Sinne aus, sie enthalte
konzentriert alle ihre Emotionen und spiele mit tausend Farben. Fein fordert in
diesem Sinne Kopatchinskaja auf, das zweite Stück nicht auf der Geige, sondern
als Schauspielerin zu interpretieren. Mit Schal und Hut bewaffnet und nur vom
Pianisten begleitet, spielt sie mit großer Empathie die dynamisch explosive Nummer
des zweiten Stücks. Ja es geht. Sie ist ein schauspielerisches Talent und man
spürt ihre tiefe Verbundenheit mit der Webern´schen Stilistik. Der frenetische
Beifall ist ihr vergönnt.
Wien, ein Tollhaus der Gefühle
Kommen wir
zum fünften Teil des Abends. Fein hat dazu Helge Heynold (*1949),
bekannt als Hörfunkautor und Hörspielsprecher, eingeladen. Zunächst liest er
von Robert Musil einen Text über das Wien der Jahrhundertwende. Damals eine
Stadt der Widersprüche und der permanenten Verstimmung. Erzkonservativ bis
revolutionär. Musikalisch ein Tollhaus der Gefühle. Heynold rezitiert dann aus
dem Tagebuch Weberns.
Tagebuch der Depression und Neurosen
Eine sehr
lange Aneinanderreihung von Textsplittern zwischen marche funebre,
tiefer Depression und neurotischer Empfindlichkeit. Ja, der Preglhof ist
Weberns „Paradies“, dort sammelt er Kraft für seine Musik. Alles wird zum
Ausdruck, zum Erleben. Alles ist Stille, die „Enge des Himmels“ ist die
Landschaft um ihn herum. Er trauert um seine Mutter, deren Tod 1906 er offenbar
nicht verkraftet. Alle Kompositionen sind eng mit der Erinnerung an sie
verbunden. Ergänzt werden die Eintragungen durch R. M. Rilkes Sentenz an die
Musik: Atem der Statue, Stille der Bilder, hörbare Landschaft, rein und riesig,
nicht mehr bewohnbar.
Alles in allem ein fast schon neurotisches Bild einer individuellen Dekadenz, die sich in die Welt der Einsamkeit flüchtet. Ganz im Gegensatz zu Weberns späterer Vita als langjähriger Leiter des Wiener Schubert Bundes und Chorleiter des Wiener Arbeiter Singvereins. Nicht zu vergessen seine prägende Funktion in der internationalen Gesellschaft für Neue Musik. Sein tragischer Tod in Mittersill im September 1945 hat ihn der Welt der Neuen Musik viel zu früh entrissen. Dennoch prägte er die Darmstädter Schule der 1950er Jahre, und da vor allem Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen. Er war ebenfalls der Wegbereiter der seriellen Musik.
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| Patricia Kopatchinskaja und Joonas Ahonen (Foto: Joonas Ahonen, Archiv) |
Webern
zwischen Gefangenschaft und Befreiung
Fein hatte
noch einen weiteren Schwerpunkt zu bieten, um sich der Person Weberns zu
nähern. Dazu bemüht er die Aufzeichnungen des Malte Laurids Briggs
(1910) von Rainer Maria Rilke (1875-1926), in dem Tod, Krankheit, Verzweiflung,
Armut und Elend, Liebe und Einsamkeit, Mensch und Gott thematisiert werden.
Webern scheint dieses Werk aufgesaugt zu haben, zumal er darin viele Parallelen zu
seinem eigenen Leben zwischen Gefangenschaft und Befreiung (u. a. seine
verbotene Liebe zu seiner Cousine Wilhelmine) zu erkennen glaubte. Der Hinweis,
man habe die Vertreter der Musik ausgebuht und ihnen den Weg nach Steinhof (die
Irrenanstalt in der Nähe von Wien) empfohlen, setzte den Schlusspunkt. Nicht
ganz glücklich nach einem wieder einmal überfrachteten und dennoch sehr
informativen Werkstattabend in Sachen Anton Webern.
Webern
verstehen? Muss man das?
Den
Abschluss gestalteten die beiden Interpreten nach der gefühlt zehnten
Wiederholung einzelner Takte des Zyklus so, als ob sie ihn zum ersten Mal
aufführten. Mit voller Konzentration und unglaublicher Empathie. Verstehen wir
Webern jetzt besser? Möglich. Aber hat er sich eigentlich selbst verstanden?
Wir wissen es nicht – so genau.

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