Samstag, 25. Februar 2023

CRESC … Biennale für aktuelle Musik Frankfurt-Rhein-Main, 17.-18. sowie 24.-25.02.2023


Night Shift für Ensemble, Chor, zwei Sänger und Publikum von Cathy Milliken, mit dem Ensemble Modern (Leitung: Jonathan Stockhammer), dem Der Chor Frankfurt, Jessica Aszodi (Alt), Michael Schiefel (Tenor) und dem Offenbacher Publikum, Capitol Offenbach, 24.02.2023

vorne v.l.n.r.: Michael Schiefel, Jonathan Stockhammer, Jessica Aszodi, Ensemble Modern, Der Chor Frankfurt
(Foto: Wonge Bergmann)

„Kohärenz zwischen Klang, Musik und Aktion“

Night Shift oder auf deutsch „Nachtschicht“ ist weitestgehend der Szene der fünf Handwerker aus Shakespeares Sommernachtstraum entlehnt, wo sich Zettel, Flaut, Schnauz, Schlucker und Schnock mitten in der Nacht treffen, um die tragische Komödie von Pyramus und Thisbe zu proben. Proben ist das Stichwort für Cathy Milliken (*1956). Sie liebt das Experiment mit dem Publikum und hat im Rahmen der Konzertreihe CONNECT schon einige Kompositionen in dieser Richtung zum Besten gegeben. Seit der Gründung des Ensemble Modern im Jahre 1980 (sie spielte Anfangs die Oboe in diesem Klangkörper) pflegt sie eine enge Freundschaft und Zusammenarbeit und hat Night Shift bereits im September 2021 im Rahmen des Musikfestes Berlin in der Berliner Philharmonie vom Ensemble Modern uraufführen lassen. Weitere Aufführungen folgten in London, Amsterdam und Porto. Night Shift soll die imaginäre Wand zwischen Publikum und Bühnenakteuren aufbrechen. Absicht ist es, die musikalische Faszination ans Publikum zu übertragen und, so Milliken, „eine Kohärenz zwischen Klang, Musik und Aktion“ herzustellen.

v.l.n.r.: vorne Michael Schiefel, Jonathan Stockhammer, Jessica Aszodi, Ensemble Modern, Der Chor Frankfurt (Foto: Wonge Bergmann)



Proben wie im Sommernachtstraum

Also braucht es eine Probe, wie in Shakespeares Sommernachtstraum. Der sehr gut besetzte Saal des Offenbacher Capitols – eine ehemalige im neoklassischen Stil gebaute Synagoge, die sich ausgezeichnet für Theater und Musik eignet – machte auch begeistert mit. Bewaffnet mit Rasseln, Steinen, Papier, Alu, Lichtchen und Plastikrohren, orientierten sie sich willig an den Vorgaben des Dirigenten, Jonathan Stockhammer und des Tenors, der eigentlich ein Bariton ist, Michael Schiefel. Beide teilten das Publikum in vier Gruppen ein und brieften es, bei ganz bestimmten Gesten und Zeichen, ihre Geräuschutensilien zu bedienen. Das ganze Prozedere mit Musikbeispielen, etlichen Wiederholungen und der Aufforderung, auf Kärtchen einen imaginierten Traumort einzutragen, dauerte fast vierzig Minuten. Die Aufmerksamkeit war so groß wie die Erwartung, aber eine Pause von fast 30 Minuten ließ den Spannungspegel wieder absinken, sodass die Einsätze während der Vorstellung nur zum Teil realisiert werden konnten. Glücklicherweise übernahmen die 16 Musiker und Musikerinnen des Ensemble Modern wie der 21-köpfige Chor Frankfurt die Rolle weitgehend.

vorne: Jessica Aszodi, v. l. Michael Martinez, Michael Maria Kasper, Johannes Schwarz, Steffen Ahrens, Paul Cannon
(Foto: Wonge Bergmann)

Kurzweilig und abwechslungsreich

Das etwa 50-minütige Werk hat die Komponistin in fünf Kapitel unterteilt und diese wiederum in 13 Strophen und Liedtexten – teilweise aus Shakespeares Sommernachtstraum frei entnommen, aber auch eine Strophe aus dessen Sonett 43 (Helle Nächte, helle Tage, 4. Kapitel) sowie ein ergänzendes „Wand-Lied“ (3. Kapitel), dessen Text Der Chor Frankfurt geschrieben hat. Zwei Intermezzi, Zwischenspiele des Ensemble Modern, nach dem 2. und 4. Kapitel, der Wechsel zwischen Sprechgesang und arioser Interpretation der beiden Sänger (Jessica Aszodi brillierte hier mit einem klaren und akzentuierten Alt. Michael Schiefel brauchte einen großen Stimmumfang, was er mit Kopfstimme bewältigte. Mitnichten ein Tenor, eher ein Bariton, denn dort stimmte seine Tessitur, hatte er sehr viel mit der „Organisation“ der Geräuschproduktion aus dem Publikum zu tun und versuchte dies, mit Witz und Humor in der Stimme auszugleichen.), der Wechsel zwischen deutscher und englischer Rezitation wie auch die rezitativischen Einlagen des Chores (er hatte seinen Hauptauftritt im 3. Kapitel) schaffte eine gewisse Kurzweiligkeit. Nach dem Ende eines jeden Kapitels kam das Publikum zum Einsatz, verzögert, aber dann doch. Immerhin war sein Beitrag dazu angetan, die allgemeine Konzentration aufrecht zu erhalten. 

v .l.: Michael Schiebel, Giorgos Panagiotidis, Dietmar Wiesner (Foto: Wonge Bergmann)

Zwischen Apokalypse und Traumwelt

Worum aber geht es eigentlich? Die Texte changieren zwischen ökologischem Alarm, der trennender Mauer, Visionen und dem Glauben an die Liebe. „Zeitbezogen“, wie Milliken betont, in einer „Welt der Umweltkatastrophen, Pandemien und gesellschaftlicher Ungleichheit“. Etwas bemüht versucht Cathy Milliken, die apokalyptische Mode zu bedienen und den Traum des Publikums (in der 10. Strophe "Imagination“ werden improvisatorisch Texte von den Karten in einer Art Sprechgesang verlesen), ob "bodenlos" (Milliken) oder nicht, zu erahnen. Musikalisch ist Night Shift doch eher konventionell, nichts ist neu oder außergewöhnlich: mal melodisch im barocken Stil, dann wieder atonal mit Clustern und schrillen Tönen. Die Intermezzi und Interludien erinnern klanglich mitunter an Prokofjews Peter und der Wolf mit seiner neoklassischen Expressivität.  Insgesamt eine gefällige und durchaus text- und stimmungsaffine „Nachtschicht“, abwechslungsreich und durchaus vom Publikum mit großer Freude aufgenommen.

Cathy Milliken, Hermann Kretzschmar

Demokratische Musik? Was ist das?

Dass allerdings die Absicht Cathy Millikens, demokratische Zustände zu schaffen, indem sie das Publikum ins Zentrum das Werks stellt, ein bodenloser Traum bleiben muss, zeigt allein schon die räumliche und organisatorische Anordnung der Veranstaltung. Im Klartext: Getrennte Bühne, getrennter Chor, getrennter Zuschauerraum und vor allem punktgenauer Dirigismus von der Bühne. Das Publikum ist nicht Zentrum, sondern schlicht Geräuschkulisse, so wie im richtigen Leben. Nebenbei bemerkt ist die Teilhabe des Publikums in der Rock- und Popmusik seit Jahrzehnten gang und gäbe und das dort wesentlich ausgeprägter. Nämlich dann, wenn die Songs nicht von der Bühne, sondern vom Publikum kommen oder sich die Musiker unter das Volk mischen. Night Shift, das ist die persönliche Meinung des Autors, wäre ohne die Teilnahme des Publikums bestimmt nicht schlechter ausgefallen, zumindest hätte nichts gefehlt.   

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