Sonntag, 19. Februar 2023

CRESC … Biennale für aktuelle Musik Frankfurt-Rhein-Main, 17.-18. sowie 24.-25.02.2023


Fire & Ice mit dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von David Bjarnason und dem Multi Perkussionisten Martin Grubinger, hr-Sendesaal Frankfurt, 18.02.2034 

hr-Sinfonieorchester, von hinten: David Bjarnason (Dirigent), Foto: Tim Wegener


Me We – Pazifismus und Rechtsstaatlichkeit

CRESC feiert heuer die sechste Ausgabe nach einer einjährigen Zwangspause durch die unseligen Corona-Maßnahmen. Das Motto von 2022 ME-WE, ein angeblich kurzes Poem des legendären Muhammed Ali, welches er 1975 während eines Vortrags in Harvard vor Elitestudenten spontan geäußert haben soll, muss man heute, 2023, wie schon vor einem Jahr als relativ unpassend für diese Biennale bezeichnen. Das aus folgenden Gründen: Muhammed Ali hat wohl nicht Me-We, sondern eher Me- Puh oder wahrscheinlich auch Me-Whee, beides mit einer anderen Bedeutung, ausgesprochen. Auch war er bedingungsloser Pazifist (er lehnte seine Einberufung als Soldat für den Vietnamkrieg ab und landete im Knast), was sowohl seinen Weltmeistertitel kostete, als auch sein Anrecht auf nicht hintergehbare Individualität deutlich zum Ausdruck brachte.

Wenn die Initiatoren der diesjährigen CRESC -Biennale gerade Muhammed Ali als Vorbild genommen haben, dann stünde es ihnen besser an, für Friedensverhandlungen ohne Wenn und Aber einzutreten, und nicht die Ukrainische Fahne an jeder Ecke aufzuhängen und nach Waffen zu rufen, auch stünde es ihnen besser an, für die Individualrechte im Sinne des Grundgesetzes einzutreten, als die Einschränkungen der Grundrechte wortlos und teilweise auch zustimmend hinzunehmen. Die furchtbaren Jahre der Corona-Maßnahmen sind nicht vergessen, und gerade viele Vertreter der sogenannten Neuen Musik haben willig daran teilgenommen.

 

Ausnahme Perkussionist und wichtigste Stimme Islands

Dass der Ausgleich zwischen Individualität und Kollektivität ein unbestreitbar wichtiges Element des Zusammenlebens und -arbeitens ist muss doch nicht bedeuten, dass das „Modell des genialen Subjekts“ (Programm) passé sein soll. Welch ein Unsinn. Das zeigen doch allein ihre Lobeshymnen auf Martin Grubinger, den „Ausnahme-Perkussionisten“, oder Daniel Bjarnason, „die wichtigste musikalische Stimme Islands“. Nebenbei bemerkt hätte sich Muhammed Ali bestimmt nicht der woken und queeren Gendersprache bedient und erst recht nicht der BLM-Bewegung angeschlossen.

 

Einzigartige Menschen, einzigartige Landschaft

Das Programm des Abends stand unter dem Focus Island, einer Insel mit knapp 350.000 Einwohnern aber mit einer kulturellen Ausstrahlung von einzigartiger Bedeutung. Weltbeste Sportler, weltbeste Techniker und weltbeste Musiker (da haben wir es wieder mit der Individualität) kommen von dort. Und die dort lebenden Menschen sind von einer Landschaft umgeben, die es kein zweites Mal auf diesem Globus gibt.  

Vier Kompositionen von drei Isländern und einer in Island lebenden Kanadierin bot das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Daniel Bjarnason (*1979). Fire & Ice lautete das Motto (wer denkt da nicht an Willy Bogners Fire & Ice Film von 1986, ein Weltbestseller und bis heute Mode-Label seines Bekleidungskonzerns) und sollte die landschaftlichen Besonderheiten Islands zwischen Vulkan, Gletscher, Geysire und Wasser zusammenfassen.

David Bjarnason (Dirigent), hr-Sinfonieorchester (Foto: Tim Wegener)

Zwischen Eruption und meditativer Lyrik

Lendh (2018) von der in Island lebenden Kanadierin Veronique Vaka (*1986) machte den Anfang. Lendh ein Synonym für Landschaft schrieb die Komponistin für großes Orchester. Sie selbst hebt hervor, dass ihre Inspiration dafür vom Geothermalgebiet in Krýsuvik herrührt. Dort habe sie „die Landschaft in eine musikalische Notation verwandelt“. Tatsächlich fühlte man sich wie in der Nähe eines Geysirs, von plötzlichen Eruptionen aufgeschreckt und dann wieder in eine tiefe Ruhe versetzt. Ein sehr atmosphärisches Werk mit langen flächigen Bögen und einem immerwährenden Treiben ohne Hast und Erregung.

Oceans (2018) von der Isländerin Maria Huld Markan Sigfúsdóttier (*1980) hatte wenig mit Meeresrauschen aber dafür sehr viel mehr mit Licht und Farbenspiel zu tun. Helles Flageolett der Streicher, viel Harfen und Flötenklänge, eine meditative Morgenstimmung. Erst gegen Ende des etwa 10-minütigen Werks wechseln die Flächen in einen Sechsachtel Rhythmus mit gewaltigen Wogen, um dann im Windgesäusel langsam zu verwehen. Wunderbare Lyrik mit sanfter Poesie.

Als dritte Komposition, ein Auftragswerk des hr-Sinfonieorchesters, folgte Nadryw (2021/22) von Páll Ragnar Pálsson (*1977). Pálsson verdiente seine ersten Meriten in einer isländischen Rockband namens Maus, in der er die Liedgitarre führte, ehe er zum Komponieren wechselte. Man hört aus diesem Stück die emotionale Spannung bis in die kleinsten Fasern aber auch den harten Beat seiner Vergangenheit. Nadryw ist übrigens ein Begriff aus Fjodor Dostojewskis Buch Die Brüder Karamasow und bedeutet so viel wie hysterische, schmerzhafte Gefühle. So auch das gut 10-minütige Werk. Es rankte und schwankte zwischen einem Dreiton Motiv, das auf und ab, in heftigen Glissandi und wechselnden Tonlagen, die Basis der Komposition bildete. Dazu ein kontrastreiches eruptives Spiel von Blech- und Holzbläsern und perkussiven Einlagen mit Wind und Sturmgeräuschen und einem finalen Donnerschlag. Der Ruf der Trompete im Quintintervall erinnerte dann doch fatal an Richard Wagners Fliegenden Holländer, der, bekanntlich durch einen Fluch verdammt, auf dem Meer ausharren muss, aber alle sieben Jahre an Land darf, um Erlösung zu finden. Pálsson selbst betont, dass er über seine Musik Transformation und „Organizität“ (Organik?) suche. Immerhin versetzte er das Publikum förmlich in ein Schiff auf hoher See auf einer Reise ins Ungewisse, das durch Turbulenzen und Widrigkeiten arg gebeutelt und geschüttelt wird.

Martin Grubinger, im Hintergrund: hr-Sinfonieorchester (Foto: Tim Wegener)

Der Star aller Stars

Kommen wir zum Höhepunkt des Abends. Martin Grubinger (*1983), der Star aller Stars auf dem Schlagwerk, spielte das von Daniel Bjarnason komponierte Konzert für Solo-Percussion und Orchester (2020/2021).

Bjarnason und Grubinger scheinen sich gesucht und gefunden zu haben. Zumindest kennt das gegenseitige Lob keine Grenzen. Bjarnason habe die „undefinierte schöne neue Welt der klassischen Musik neu definiert“, heißt es angeblich im New Yorker Magazin Time out, was aber ein gewisses Geschmäckle hat, zumal der Titel des gleichnamigen Buches von Aldous Huxley eher eine Dystopie des Grauens beschreibt. Aber sei´s drum.

Martin Grubinger, eingerahmt von zwei Perkussionisten des hr-Sinfonieorchesters
(Foto: Tim Wegener)

Manie und Hölle

Inferno, ein dreiteiliges (The Bell, A Passant und Dark Shores) Auftragswerk der Göteborger Symphoniker, von gut 30-minütiger Dauer und von gnadenloser Dichte und höchsten technischen Anforderung (auch für das Orchester), gehört zum Besten, was Grubinger bisher gezeigt hat. Mit vergleichbar wenigem Schlagmaterial, wie Pauken, Marimbas à la Eigenbau und japanischen Taikos, ist das Arsenal seines Arbeitsmaterials bereits grob umrissen. Das riesige Orchester besteht ebenfalls aus drei Perkussionisten, doppelt- und dreifach besetzten Blech- und Holzbläsern, wie Harfe, Celesta und 8 bis 10-fach besetzten Streichergruppen. Bjarnason meint, mit Grubinger habe er einen der energiegeladensten und manischsten Musiker gefunden, den er je getroffen habe. Grubinger wiederum empfindet diese Komposition als Gang durch die Hölle. Ein Ritt durch Feuer und Eis, durch Flammen und arktische Kälte.

Unfassbar die tiefe Verbundenheit des Solisten mit den Klängen und Rhythmen des Orchesters. Ein dialektischer Prozess, der vor allem im zweiten Teil, A Passage, zu einer rituellen Zeremonie auswächst. Ein Trialog an den Pauken mit zwei der Perkussionisten des Orchesters entwickelt sich zur feierlichen Handlung eines virtuellen Gottesdienstes. Ein Adagio des Klangstille. Überhaupt hat man Grubinger noch nie so leise und lyrisch auf dem harten Holz oder Kunststofffell der Schlaginstrumente spielen hören. Hinreißend schön. Dann der Schlussteil mit Dark Shores, an den Ufern der Unterwelt im Dunstkreis des Zerberus. Jetzt wird es tänzerisch, ja jazzig mit komplexer Synkopik. Grubinger bearbeitet mit unglaublichen Tremoli seine Marimbas, ergänzt die Schläge durch Zimbeln und Taiko Passagen und bedient dazu noch eine Fußtrommel. Das Orchester mutiert zur Bigband und Bjarnason hat als Dirigent alle Hände voll zu tun, den Höllengang nicht zum Chaos werden zu lassen.

David Bjarnason, hr-Sinfonieorchester (Foto: Tim Wegener)

 

Erfindungsreich und raffiniert

Nein, im Ernst. Eine großartige Performance von Grubinger, der sein letztes Konzert mit dem hr-Sinfonieorchester gab, wie des hr-Sinfonieorchesters, das förmlich über sich hinauswuchs und tatsächlich die Synkopik lieben lernte, und des Dirigenten und Komponisten, David Bjarnason, der seine erfindungsreiche und raffiniert zusammengesetzte Schöpfung mit meisterlicher Kunst vor den Zähnen des Zerberus rettete.

Beifall ohne Ende und stehende Ovationen vor allem für den scheidenden Martin Grubinger, (warum in so jungen Jahren, was hat er vor?), der natürlich auf der kleinen Trommel noch einmal sein individuelles Können mit geringsten Mitteln demonstrierte. Eine Etüde für Double, zwei Schlägeln (oder vier, oder acht oder sechszehn?), mit ausgefeilter Akrobatik und nahezu unmenschlichem Prestissimo. Aber, und das sei betont, seine leisen, seine sehr leisen Schlagtöne waren ein Genuss und zeigten einmal mehr auch die romantische und lyrische Seite des Athleten.

Vollbesetzter Großer Sendesaal des Hessischen Rundfunks. Auf der Bühne das hr-Sinfonieorchester
unter der Leitung von David Bjarnason (Foto: Tim Wegener)


Individualität und Rechtsstaatlichkeit – das ist Freiheit

Ein isländisches Erlebnis mit großen individuellen Leistungen. Die ist nur in einer Gesellschaft möglich, die die individuellen Rechte und das friedliche Miteinander zum Lebensprinzip gemacht hat. Ein Me We im Sinne von bedingungsloser Individualität und Rechtsstaatlichkeit, die diese Individualität schützt. Dazu hätte auch Muhammed Ali ja sagen können. Puh!?    

      

 

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